Sonntag, 26. Mai 2013

Kriegstagebuch - 15. Kapitel - Gefangen

Wirf alles hinter dich
nach alter Landsknechtsweise!
Manch einem, der verblich
zur letzten großen Reise
half auch sein Bündel Sorgen
nicht auf ein bess’res Morgen.
Der Tod reißt alle Stränge,
und nichts ist mehr zu enge.
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!

Wirf alles hinter dich
nach alter Landsknechtsweise!
Verletzte dich ein Stich,
trugst du an saurem Schweiße,
was nützet alles Grämen,
willst du es mit dir nehmen?
Ein Hemmklotz ist’s, kein Segen,
und schützt dich nicht vor Schlägen.
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!

Wirf alles hinter dich
Nach alter Landsknechtsweise!
Zieh einen dicken Strich
und sieh, daß du mit Fleiße
dem Tage nur kannst leben.
Aufs Heute richt dein Streben;
das Morgen und das Gestern
sind graue Sorgenschwestern!
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!

Mittwoch, 22. Mai 2013

Kriegstagebuch - Abschied von Schluderbach - Wie geht es weiter?

Am nächsten Tag, Sonnabend, dem 26. Mai, gab es noch einmal pro Nase nicht weniger als 5 Stück Frontkämpferpäckchen aber auch die Nachricht, daß es nun am folgenden Sonntag wirklich und endgültig fortginge. Gegen Abend kam ein Kommando zurück zu uns, das Nachrichtengerät bei den Amis abgeliefert hatte. Ein dabei beteiligter  Kamerad bot mir eine ellenlange, fast hellblonde wohlgeformte Ami-Zigarre an, die man ihm dort geschenkt hatte. Das war denn nach der vielen Pfeifenraucherei wieder mal ein ganz besonderer Genuß, vor allem nach dem zahlreichen guten und fetten Essen, morgens, mittags und abends.

Montag, 13. Mai 2013

Kriegstagebuch - Weitere Erlebnisse in Schluderbach

Indessen lebten wir friedlich und lustig dahin, wenn auch unsere Gespräche oft recht zweifelhafter Natur waren. Aber es half ja alles nichts, und wir mußten uns in die Gegebenheiten schicken, wie sie waren. Wenn wir allerdings an die Heimat und unser künftiges Geschick dachten, half uns nur noch der Humor über das Mißliche unserer Situation hinweg. In diesem Humor lebten auch eine ganze Anzahl bunte Abende, die uns Angehörige der verschiedenen hier lebenden Einheiten boten. Meist waren es Berufskünstler, die nun ihren Witz sprühen ließen. Am festesten in der Erinnerung hafteten zwei Wiener Stimmungssänger mit Klampfe und Quetschkommode, die allerhand lustige Schnadahüpfeln und Bänkelsängereien zum Besten gaben.

Sonntag, 5. Mai 2013

Kriegstagebuch - Der Mai 1945 nach der Kapitulation

Beim nächsten Morgenappell kam wieder ein Stimmungsrückschlag. Der englische Rundfunk hat gemeldet, die gesamte deutsche Wehrmacht habe nun kapituliert. Der Spieß drückte als ziemlich sicher aus, wir kämen im Landmarsch weg, also „per pedes apostolorum”. O weh! Es gab mir gleich einen Stich durch die Narben meines Fußes, und ich bekam einfach ganz fürchterliche Angst vor der Zukunft.

Samstag, 4. Mai 2013

Kriegstagebuch - Der 4. und 5. Mai 1945

Am anderen Morgen, 4. Mai. Wie üblich versammeln wir uns auf unserem Korridor zum Appell, als wäre nichts gewesen. Die Kommandos klangen zwar friedlicher und weniger zackig, aber wir standen immerhin in Reih und Glied. Na, wenn schon! Der Chef, Oberleutnant Nobis, sprach uns in seiner kühlen, nichtsdestoweniger sympathischen Art an. Wir sollten die Ruhe nicht verlieren, sagte er. Unser Schicksal sei zwar noch völlig ungewiß, doch empfehle es sich keineswegs, etwa auf eigene Faust stiften zu gehen. Wir sollten an die uns ungewohnten Berge denken, an die immer noch möglichen Wetterunbilden - wir sollten uns vor Augen halten, daß der Einzelne im Haufen immer noch sicherer sei als auf sich selbst gestellt. Er gab uns keinen Trost und keine Hoffnung, aber Ruhe und Zuversicht. Immerhin rechneten wir damit, daß wir am nächsten oder übernächsten Tag in die Gefangenschaft, in irgendein riesiges Gefangenenlager abrutschen würden.

Freitag, 3. Mai 2013

Kriegstagebuch - Der 3. Mai 1945

Am anderen Morgen, dem 3. Mai, brummen wieder Flugzeuge am Himmel. Vorsichtshalber wird alarmiert, obwohl die meisten darüber lachen. Ich verflüchtige mich aber mit in den Wald. Und richtig …................oder fängt es wieder an zu schneien? Wir waren doch froh, daß die späte Winterherrlichkeit sich wieder verflüchtigt hatte Aber die flockigen Wolken kommen näher und entpuppen sich als Flugzettel. Sie geben uns endlich Gewißheit, wenigsten einigermaßen. Wir sollten abwarten, nicht fliehen. Die Übergabe erfolge in Bälde.
Nun ist es also doch Tatsache, wenigsten für unsere Südfront. Für uns war also der Traum eines Großdeutschen Reiches „von der Etsch bis an den Belt” und „von der Maas bis” womöglich an den Dnjepr oder die Wolga, bis an den Kaukasus und den Ural und noch wer weiß wie weit ausgeträumt. Vor allem aber war der verfluchte Militarismus zu Ende. Nun denn ade vor allem, du blöde Uniform-Vorschrift! Es war schönes Maiwetter, der zweite Frühling, den wir in diesem Jahre erlebten, also fort mit der Mütze. Barhäuptig erging es sich besser im Freien. Wozu noch den sinnlos zusammengeheftelten Kragen? Die berühmten Tropenhemden mit Handkragen hatten wir bereits, Schlipse waren auch vorhanden - also die ersten zivilen Ansätze ansetzen: Schlips, Kragen, offene Jacke! Und in die Hand den Spazierstock, kein Koppel mehr, die lange Hose im Bett „gebügelt” - wir wollten wieder einmal Menschen sein.
Die Vorgesetzten bekamen zunächst Fracksausen. Da waren die vielen gedruckten Vorschriften, der Schriftwechsel, militärischer „Geheimnisse” voll. Da waren die Waffen! Das Fracksausen steckte mich an. Beim Stabe brannten lustige Feuer. Das steckte auch uns an. Verbrennen, verbrennen, verbrennen!
„Herr Hauptwachtmeister, die Waffen - !?”
         Die Kompanie wurde zusammengetrommelt. Gewehre abgeben! Gasmasken abgeben! Pistolen abgeben!
Mit Wonne schmissen mir die Kameraden ihre Knarren vor die Füße, und ich hatte die Wirtschaft damit. Die Unteroffiziere zögerten, die Pistolen dazuzuwerfen. Es seien Eigentumswaffen, war ihre Ausrede.
Dann ging’s mit allem Papierkram ins Freie. Feuer in die Akten! Hei, gab das ein lustiges Geflamm. Ich rannte noch nach einigen Unterlagen herum - da rollte auf der Straße ein offener Omnibus. Verwegene Gestalten in Räuberzivil darin, Gewehre, Maschinenpistolen, Maschinengewehre vor sind und durchweg rote Halstücher mit toll geknoteten wehenden Schleifen.
       Partisanen, italienische Partisanen!!
       Heiliger Vater, - die kommen uns ausräubern, war mein erster Gedanke, und ich eilte, meinen Wehrmachtsschriftenkram völlig zu Asche zu machen. Zum Glück war meine Befürchtung unbegründet. Der Omnibus fuhr weiter.
Inzwischen machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, in die Gefangenschaft zu kommen. Das war kein leichter Gedanke. Wo würde man uns hinbringen? Was würde uns blühen? Die nazistische Propaganda hatte uns ja Gefangenschaft in den schwärzesten Farben gemalt. Immerhin packten wir unsere Sachen, als sollte es nach Hause gehen, zu Fuß womöglich, wobei ich ängstlich an meinen zerschossenen Fuß denken mußte und an die uns umgebenden unwegsamen Berge.
Zittern vor Aufregung brachte der Spieß zwei oder drei lange Hakenkreuzfahnen: ”Schmeißt sie ins Feuer!”
        ”Ins Feuer?” zögerte ich und befühlte den verhältnismäßig guten Stoff. - ”Was wollt ihr denn sonst damit machen?” ”Badehosen!” antwortete ich, und mit Freudengejohle machten sich einige Kameraden mit an die Arbeit, die Hakenkreuze herauszutrennen. Lachend und erleichtert ließ uns der Spieß gewähren. Und obwohl wir nicht wußten, ob wir jemals in die Verlegenheit kommen würden, mit Badehosen baden zu gehen, freuten wir uns bei der Arbeit schon des Tages, an dem wir, die ganze Kompanie in roten Dreieckshosen, würden ins Wasser springen können. (Er kam!!)
Unter äußerer Ruhe glimmte im Haufen doch eine leichte Panik unter der Oberfläche. Am Abend kam sie zum Durchbruch. ”Die Amis kommen!” schrie einer im Korridor. ”Na und?” fragte ein kleiner gemütlicher, schon älterer Thüringer. ”Mensch” antwortete ihm einer, „die nehmen uns alles weg, Uhren und Ringe und Geld und Wertsachen -” Alles begann herumzurennen und zu verstecken. Am meisten die Unteroffiziere und Wachtmeister. Die hatten ja ihre Pistolen noch. Nun ging’s aber an ein Verkramen, daß es schon bald zum Lachen war. Ich sehe noch, wie die „beliebtesten” Wachtmeister eine Bodenluke entdeckten, oben, zu unseren Köpfen. Da wurden die Pistolen verkranicht. Mir wurde um meine Uhr angst. Na, am Ende des Korridors standen Hotelmöbel aufgestapelt, Betten und Nachttische. Ob in einem dieser, in der Schublade vielleicht die Uhr sicher lag? Oder im Strohsack des Bettes? Oder im Ofen?  Oder auf dem Dachbalken?
Ach, dachte ich, es ist nun, wie es ist, und wenn sie nichts finden, dann suchen sie erst recht - lassen wir ihnen ihren Spaß. Und nahm meine Uhr wieder zu mir. - Draußen in der dunklen Nacht rollte der lange amerikanische Wagenzug an. Wir sahen ihn nur an den Scheinwerfern. Ein Wagen hinter dem anderen, eine unendliche Menge. Sie kamen von rechts, nicht von Cortina, und schienen sich uns zu nähern. Da, hinter dem Monte Cristallo lag ein Lazarettort am Misurina-See, von dem aus bei uns das Kommen der Amerikaner angekündigt war. Aber - was war das? - an der Straßenkreuzung, unweit unseres Hotels, bogen sie nach rechts ab, nach Toblach hinein, und in einer halben Stunde war wieder Ruhe und wir konnten uns - zwar längst noch nicht wieder beruhigt - schlafen legen.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Kriegstagebuch - Auf der Flucht im Pustertal, Bruneck und Schluderbach

Doch blieb zu müßigen Gedanken nicht viel Raum. Wir mußten trachten, weiterzukommen und womöglich Schluderbach noch heute zu erreichen. Das Brixener „Heldenklau-Erlebnis“ hatte uns hellhörig gemacht. „Wenn wir nur erst im Pustertal sind“, meinte Schnapshusar.
„Pustertal?“ - das klang romantisch, das klang irgendwie bekannt, irgendeine längst verstummte Saite wurde wach, und es roch ein wenig nach Druckerschwärze und Tintenfaß: Erinnerung aus meiner Schriftleiterzeit, Sonderbeilage „Reisen und Wandern“, mein bes. gern gepflegtes Ressort, es mußte etwas ausbündig Feines und Weltberühmtes sein, dieses Pustertal. Vorerst aber erfragten wir uns einen Wagen nach Bruneck.