Langsam waren wir Schreiber nun auch zu ein wenig Geld gekommen und
hatten bei angesagten Kontrollen unsere Not, es zu verkranichen. Aber die
Engländer waren nicht stur und machten auch nicht den Versuch einer Suche nach
Geld. Allzu viel konnten und wollten wir uns davon zwar nicht leisten, aber zu
Fetttöpfen lange es. Immerhin freuten wir uns, daß es mitleidige Seelen gab,
die uns einmal für ihr Geld einluden. Das war Kurt Z., der Kraftfahrer. Er
habe eine Flasche Chartreux, und wir sollten heute Abend in den Marklhof
kommen. - Hm, Chartreux, meinte ich, da möchten wir eine fettige Grundlage
legen, damit wir nicht gar zu schnell dem Affen verfallen, und wir aßen
Ölsardinen, dicke Fettbemmen usw. aber als wir in den Marklhof kamen, war von
dem Chartreux vorläufig noch nichts zu sehen, dafür ließ Kurt pro Nase ein
Schnitzel anfahren, das wir natürlich kaum schafften. Zu allem Unglück hieß es
plötzlich: Alliierte Offizieren kommen! Im Nu war der Marklhof leer. Vor allem
Günter G. lief so schnell und so gründlich weg, daß er den ganzen Abend
nicht wieder kam. Wir anderen saßen bald wieder bei Chartreux und rotem Wein.
Im Einzelnen weiß ich nicht mehr, wie wir zu Geld kamen. In der
Hauptsache verkaufte Ernst P. Papier und Stifte aus unserem schier
unerschöpflichen Vorrat. Der Erlös wurde geteilt. Ein paar hundert Lire hatten
wir also immer in der Tasche und trachteten sie umzusetzen. Denn es
verdichteten sich immer mehr die Mutmaßungen, daß wir nun bald wegkämen. Da
galt es Abschied zu feiern, Abschied vom schönen Lande Südtirol, dem Überetsch,
und Abschied vom roten Wein.
Meist hockten wir uns jetzt mit in der Küche nieder. Da befand sich ein
ausgedehnter Stammtisch von Kraftfahrern der technischen Kompanie. Hier wurde
ich bald so heimisch, daß ich auch in den Marklhof gehen konnte, wenn ich kein
Geld hatte. Diese Kameraden pflegten nämlich ihren Wein in großen Humpen mit
Streichhölzern auszuknobeln, und da die Runde groß war, brauchten sie einen
Aufschreiber, und den machte ich. Dafür wurde mein Glasel so nebenbei mit
gefüllte. So ab Mitte Februar feierte ich auf diese Weise täglich Abschied und
war täglich mindesten leicht „ang’stochen“! Im Kalender steht bei jedem Tage:
Abends wieder voll gewest!
Für Fastnacht, das in diesem Jahre auf den 5. März fiel, hatten wir einen
besonderen Fez vor: Wir von der Schreibstube bestellen uns einige „Frauen“ in
unser bescheidenes Heim, d.h. Nachritenhelferinnen. Leider kamen nur zwei,
dafür die gestrenge Oberführerin Adelheid H. und die Chemnitzerin Edith
F.. Wir verlebten einen heiteren Nachmittag bei Bohnenkaffee, aus
Milchpulver hergestellter Schlagsahne,
einem fast endlosen Würstchenkranz und Wein. - abends ging es im Marklhof
weiter. Wir waren inzwischen auf Wein geeicht.
Am darauf folgenden Sonntag bei Mederles, merkte ich, daß die Fastenzeit
wirklich eingesetzt hatte. Geselchtes und Eselswurst waren verschwunden - aber
das habe ich ja schon näher beschrieben. Nur der Wein blieb zum Glück, und wir
fanden immer öfter „Grund zum Trinken“. So, als wir am 12. März erfuhren: Mit
dem Einsatz im Reich wird’s nichts, wir kommen ins Hungerlager Aibling! Und
gleich hängten sich wilde Gerüchte hinan, und selbst Offiziere und Beamte
scheuten sich nicht, in förmlichen Appellen uns davon in Kenntnis zu setzen,
daß uns dort alles weggenommen werden würde. Was sie nur mit dieser
Gerüchtemacherei bezweckten?
Das festliche Feiern schlug immerhin weite und höhere Wogen. Als Baurat
B., der Chef der technischen Kompanie Geburtstag hatte, wurde ich
hinzugeholt. Am 19. März unternahm ich mit Günter G. einen Spaziergang
über Land. Erst waren wir bei Paul E. im Verpflegslager, dann wandten wir uns
zu den freundlichen Kaufmannsleuten Vigl in Eppan. Das war Ernst P.s
Freundschaft, und diesmal hatte er wissen wollen, ob Nachricht aus der Heimat
da sei; denn Ernst hatte einen Weg ausfindig gemacht: die italienische Post
hatte mit der tschechischen Verbindung aufgenommen, und siehe es hatte
geklappt. Aber so gern wir Ernst, der irgendwie verhindert war, die Nachricht
recht bald gebracht hätten - bei Vigls waren drei sehr hübsche Haustöchter
vorhanden, und wir wurden sofort in die Ladenstube genötigt. Außerdem stellte
sich heraus, daß heute ein Feiertag sei, nämlich der St. Josephstag, an dem
aller die hier so zahlreichen Josephe Namenstag feierten, was man ja nun
allerdings landläufig als „Seppltag“ bezeichnete. Aber die Vigl-Töchter waren
wirklich hübsch und nett, und wir unterhielten uns lustig und spritzig, wie
nie; die die Anwesenheit hübscher Mädchen macht den Landser immer beweglich. -
Im Marklhof wurde der Seppltag natürlich abends auch gefeiert, wenn sich der
Besitzer, auch ein Seppl, auch knickerig zeigte.
Zum Frühlingsanfang kam Paul E. mit etlichen Kameraden herauf. Wir
tranken herrlich! Als sie aber auch mir ein Schnitzel bestellen wollten, kniff
ich, da ich mich einer wichtigen Aufgabe erinnerte: ich wollte mir Farbe
besorgen und meine Uniform, wie alle anderen schon, zivil einfärben. Betrunken wie
ich war, fuhr ich mit einem italienischen Fahrrad los. Das waren üble Dinger,
die nur Handbremsen aufwiesen. Das Patent des Rücktritts galt hier scheint’s
nicht. So brauste ich nach Girlan hinein und holte mir in einer
Gemischwarenhandlung „Kastanienbraun“ und einige schöne Ansichtspostkarten. Es
war zumindest eine halsbrecherische Fahrt, aber Kinder und Betrunkene haben ja
meist Glück - und so konnte auch ich ungefährdet zu meiner Kneiperei
zurückkehren, nicht ohne vorher eine Kinovorstellung über mich ergehen zu
lassen.
Ja, es waren schon tolle Tage, die letzten Wochen in Marklhof, vor allem,
da man nie sagen konnte, welches der letzte Tag sein würde. Auf jeden Fall aber
galt es sich auf eine Reise auch m i
t allen Sachen vorzubereiten. Die
„reichen“ Kameraden ließen sich feudale Koffer bauen oder kauften gar welche,
ich suchte in einem alten Schuppen und fand dort einen leidlich erhaltenen
Holzkoffer, dem ich mit einigen Nägeln und Brettchen den verloren gegangen Halt
zurückgeben konnte. Ein dicker breiter, fast neuer Riemen von einem
Feld-Nachrichten-Gerät gab den Verschluß. So ist er mir bis heute treu
geblieben.
Das Gepäck befand sich allerdings nicht in dem erwünschten Zustand,
nämlich die Fetttöpfe waren inzwischen schon einige Male wieder leer geworden.
Wir lebten ja wie Gott in Frankreich, und besonders wenn die Abendbrotzeit
nahte, hob in fast allen Stuben ein artiges „Brägeln“ an. Ich versuchte mir
immer, Zwiebeln braun zu rösten, im Kochgeschirrdeckel, was mir aber nie
gelang, weil ich einfach zuviel Fett nahm. So wurde es immer nur gedünstete
Zwiebel (aber Zwiebel war notwendig, wegen der seit Russland mich immer wieder
anfallenden Paradentose). Auch gedenkt es mich bei dieser Gelegenheit noch
anderer Kochkünste. Über Weihnachten hatte es im Zeichen englischer Kargheit
bei uns fast jeden Abend Büchsenleberwurst gegeben, Zementwurst, wie wir
sagten, nicht gerade fettreich, aber gesinnungstreu. In meinem damaligen
Zustand, hatte ich sie liegenlassen , im Kochgeschirr fein säuberlich
aufgehoben, denn niemand nahm sie, nicht einmal geschenkt. Zum Wegwerfen aber
war sie mir wiederum zu schade. Schließlich, als sie schon zu modern begann,
warf ich sie in einen Topf, übergoß sie mit Wasser, gab reichlich Zwiebel und
Fett dazu und kochte sie zu einem Brei, der wirklich schmackhaft geriet. - Ein
andermal wollten die Kameraden die Speckschwarten wegwerfen. Nun, ich kochte
sie weich (einen ganzen Vormittag brauchten sie dazu) und wir aßen sie mit Brot
und Salz - mit dem Erfolg, daß dann das Mittagessen nicht mehr rutschte. -
Glanzpunkte der Eigenverpflegung waren einige Kaninchenbraten. Heinz L.
hatte nämlich aus Italien über den ganzen Rückzug und die Gefangenschaft eine
ganze Karnickelzucht herübergerettet, die aber nun im Südtiroler Winter langsam
aber sicher draufging. Da wurde vorher noch schnell geschlachtet. In Anbetracht
all dieser Kochkünste kam es dann schließlich, daß ich keinen Kilotopf reines
Speckfett, sondern nur eine Fettbüchse von Bratenfett, Margarine, Butter und
Fett mit Zwiebelbestandteilen gemischt, „heim ins Reich“ retten konnte!
Zunächst aber mußte ich nun doch an meine Uniform denken, und ich war
wohl beinahe der letzte, der ans Färben ging. Der Herr Major selbst hatte sich
höchstpersönlich, was ihm ja als Chemiker dürfte nicht allzuschwer gefallen
sein, seinen Rock in ziviles Blau gefärbt. Nun baute ich, am 22. März war es,
im Freien eine riesige alte Keksdose über einigen Ziegelsteinen auf und
entfachte ein riesiges Feuer darunter. Bald kochte das Wasser. Genau nach
Vorschrift wurde die Farbe hineingegeben. Von der Küche hatte ich mir ein
Tränlein Weinessig geschnorrt. Bald brodelten Rock und Hose in der braunen
Brühe und bald hingen sie auch schön schokoladenbraun auf der Leine. Im zweiten
Aufguß brodelten dann noch die kurze Wichs und die Mütze. Am nächsten Tag mußte
ich bügeln!!
Und es war die höchste Zeit!
Am Sonntag, dem 24. März, machte ich bei Mederles meinen Abschiedsbesuch,
zum ersten Male in kleidsamen Braun. Die anderen Kameraden hatten meist blau
gefärbt. Aber ich machte ja schon immer gern gerade etwas anderes. Natürlich
wurde ich ob meiner unerwarteten Geschicklichkeit bewundert. Aber nun galt es
abschließender Geschäfte: Zunächst brachte ich bei Mederles all meine Werte
unter, Photoapparat, Filme und Manuskripte; denn es war uns gesagt worden, daß
in Aibling alles weggenommen würde. Meine Gedichte und Prosasachen ließ ich
durch Ernst P. in einem zweiten Durchschlag auch bei Vigls in Eppan
hinterlegen - man konnte nie wissen! Das Original nahm ich selbst mit. (Den Photoapparat
konnte ich mir nach Jahren wieder schicken lassen, die Manuskripte konnten
bleiben!)
Ja, und dann, als wir schon mitten in den schönsten
Aufbruchsvorbereitungen waren, passierte mir noch arger Schwupper, ein
Missgeschick, da mir noch heute die Schamröte ins Gesicht treibt. Ich hatte mir
während des Krieges angewöhnt, in den Schuhen kleine Fußschlüpfer zu tragen,
die ich selbst zusammennähte. Am liebsten nahm ich dazu Uniformstoff. Nun
konnte man ja nicht wissen, was uns erwartete, und ich trachtete, mir noch eine
Anzahl herzustellen. Nun hatte Heinz L. einen ganz neuen Mantel auf Kammer
bekommen und den alten nicht abgeben brauchen. „Kann ich den haben?“ - „Nimm
nur, erhängt in der Ecke wie immer!“ Und ich nahm - aber als ich mir die Sache bei
Lichte besah, hatte ich den neuen Mantel zerschnitten, während der alte auf dem
Boden in der Ecke gelegen hatte. - Was bin ich noch nach Ersatz in allen
Kammern herumgesaust und habe herumtelephoniert, aber es war nichts zu machen.
Heinz L. mußte ohne Mantel losziehen!
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