Und endlich schlug der Tag der Freiheit, der 4. April 1946! Es gab noch
allerhand Lauferei. Die Kochgeschirre mußten abgegeben werden. Behalten durften
wir entweder 2 Decken oder 1 Decke und 1 Mantel. Ich hatte noch meinen
Schlafsack. Was machen? - Ich Esel gab den Schlafsack mit ab, nur damit bei
etwaigen Kontrollen nicht noch einmal Schwierigkeiten entständen. Und dann
standen wir mit drei Schritten Abstand nach allen Seiten vor dem Hangar und -
warteten. Sämtliche Entlassungspapiere hatten wir in der Tasche. Worauf mußten
wir noch warten? Sollte jetzt das berühmte „Filzen“ losgehen. Einige dandyhafte
Amisoldaten stiegen durch die Reihen und blinzelten unser Gepäck an. Hier und
da machten sie Stichproben.
Wir standen und warteten.
Wir warteten solange, daß ich Zeit hatte, in meinen feinen Spazierstock
aus Schluderbach das Wort „Marklhof“ einschnitzen konnte. Ja, das war also nun
nurmehr Erinnerung!
Anscheinend wurde nicht Nachteiliges mehr gefunden und in Gruppenkolonne
ging es fort: Tornister auf dem Rücken, links Wäschetasche, rechts Aktentasche
und Spazierstock, und die Last drückte schon Wenn ich nun noch meinen Koffer
schleppen müsste?
Lange genug dauerte es, ehe wir in die Viehwagen des „bayrischen
Rundzuges“ gepackt wurden. Solange wir noch drinsaßen, war die Vorschrift,
galten wir noch als Kriegsgefangene. Stiegen wir aus, an unserem
Bestimmungsort, waren wir frei!
Frei, seit sechs Jahren (bei vielen waren es mehr) wieder einmal richtig
frei! Das war nicht auszudenken.
Die Fahrt für uns, die wir Rosenheim als Ziel angegeben hatten, war kurz.
Und wir waren unser viele.
Rosenheim, ein wüster, zerstörter Bahnhof. Wir hielten. Wir stiegen aus.
Ganze Scharen. Und standen zwischen den Gleisen. Standen und blickten uns um.
Und noch, als sich die meisten verkrümelt hatten, stand ich immer noch und
schaute:
Freiheit!
Vollkommene Freiheit!
Die Zeit der Unteroffiziere und Befehle war vorbei. Nun konnte man gehen,
wohin man wollte. Nun konnte man tun und lassen, was man wollte. Man war ganz
einfach sein eigener Herr, sein eigener Befehlshaber und sein eigener
Befehlsempfänger.
Das Leben hatte wieder Sinn!
Hatte es Sinn?
Gleich kam mir in die Gedanken: Ja, was tust Du nun eigentlich? Wo gehst
du jetzt hin, wo bleibst du heute Nacht, wo wirst du essen, was kannst du
arbeiten?
Und da türmten sich bergehoch die Fragen, und es konnte einem tatsächlich
Angst und bange werden.
Ja, man war frei, so frei, daß man von allem und jedem, von jeder Bindung
und jeder Verpflichtung frei war, aber auch von jeder Versorgung, jedem
Rückenhalt, jeder Heimstatt.
Und das war schlimm.
Was tun?
Langsam setzte ich mich nach dem zerstörten Bahnhofsgebäude zu in
Bewegung. Dort fand ich denn einen Leidensgenossen, der gleich mir noch nicht
fertig geworden war war mit dem Fragenkomplex, während andere schon in der
Stadt nach einer Unterkunft herumsausten. Das war Heinz Lehmann, der ehemalige
Waffengott und nun schon seit längerer Zeit guter Kamerad und Saufkumpan.
Schließlich sagten wir uns, daß wir noch einige hundert Mark in der Tasche
hätten, und das würde uns für die ersten Tage vielleicht helfen die Freiheit zu
ertragen.
Zuerst gingen wir zu also zu meinem Lokomotivführer. Vielleicht hätte er
ein karges Nacht-Lager für uns; denn das war unsere erste Sorge, zumal hier
noch eine Art Ausnahmezustand herrschte. Abends mußten wir ja von der Straße
verschwinden, sonst würden wir uns nur wenige Stunden unserer Freiheit erfreut
haben können. Aber mein Lokführer war überbesetzt. Unsere Kraftfahrer hatten
sich dort eingelagert. Das war also nichts. Da standen wir mit unseren trüben
Kenntnissen. Die Freiheit war doch nicht so was Feines!
Der Nachmittag ging schon langsam in den Abend über.
Mißliche Lage!
„Gehen wir einmal zu meinem Eisenbahner, zum alten Schönhofer,,“ sagte
Heinz Lehmann.
Der alte Schönhofer hatte Nachtdienst bei der Güterabfertigung. Das war
eine alter Eisenbahnwagen. Für ein oder zwei Nächte könnten wir da auf dem
Fußboden schlafen. Na, das war der erste Lichtblick. Mochte der nächste Tag für
sich selbst sorgen.
Die Tage verbrachten wir damit, uns Lebensmittelkarten und sonstigen
Papierkrieg zu holen. Wir wollten Arbeit suchen; denn wie es um Heimat und
Angehörige stand, das wußten wir nicht und bevor wir nicht etwas wußten,
wollten wir uns auch nicht hinüberwagen über die ominöse Zonengrenze. In
Aibling noch hatten wir Kameraden kennengelernt, die warteten auf Entlassung in
die Ostzone. Die Amis stellten aber keine Transporte mehr zusammen, weil die
aus dem Osten kommenden eigentlich nur halb und ganz Tote gebracht haben
sollen. Das konnte ja heiter sein!
In Aibling auch hatten Anschläge gehangen, daß Journalisten gesucht
würden. Hm, da könnte ich vielleicht unterkommen. Heinz Lehmann suchte
Schlossermeister. Während aber ich riesige Fragebögen ausfüllen mußte, erhielt
Lehmann überall den Bescheid: „Arbeitskräfte brauchen wir und würden auch
sofort welche einstellen - aber Zuzugsgenehmigungen kriegt niemand!“ Aber auch
meine Aussichten waren gering. Ich fuhr sogar einmal nach München deswegen.
Dort sagte man mir beim Presseverband, das könnte noch Monate dauern, bis der
Ami seine Zustimmung gegeben habe. Aber solange hatte ich nicht Zeit. Bei der
Rosenheimer Zeitung ließ ich mich auch einmal melden. Dort waren allerhand
Sachsen als Schriftleiter, leider war die ganze Redaktion überbesetzt. Das war
also nichts.
Ein Offizier vom Divisionsstab verteilte auf dem Bahnhof
Hilfsarbeiterstellen für die Reichsbahn. Er geriet dabei zwar in schweren
Konflikt mit dem Arbeitsamt, wir sahen aber später doch Marklhof-Kameraden an
der Bahnlinie nach München schippen.
Inzwischen regelte sich unser Unterkommen erwünschtermaßen. Wir hatten
den alten weißhaarigen Schönhofer gebeten und getreten, bis er sich einmal bei
Bekannten befragt hatte. Zwar hatte er uns erst abwimmeln wollen, er wohne weit
draußen in einer Siedlung, aber hier mitten in Rosenheim war ja doch nichts zu
kriegen. Manche hatten schon vorher mit Beziehungen und Bekanntschaften
geprunkt. Jetzt schliefen sie irgendwo auf Tischen oder in Hausfluren und
mußten bald machen, daß sie fortkamen. Wir also hatten Glück!
„Meine Nachbarin, die Frau Riefler…..“ und wir dankten dem alten
Schönhofer, pumpten uns von wildfremden Leuten unter Hinweis auf Ernst Pursche,
der dort einen Fahrrad untergestellt hatte, einen Stoßkarren und karrten unser
Gepäck hinaus in die Kastenau. Das war die Kinderreichen-Siedlung von
Rosenheim, anheimelnd in typisch bayrisch-älplerischen Baustil errichtet. Die
Frau Kathi Riefler empfing uns wie heimgekehrte Söhne, und es war von Anfang an
eine große Herzlichkeit zwischen uns. Sie hatte noch Mann und ältesten Sohn in
der Fremde, ohne Nachrichten zu haben, und wollte nun ein gutes Werk tun. Es
waren noch eine Anzahl Kinder da, zwei Buben und zwei Mädchen, das kleinste so
drei, vier Jahre alt, mir denen wir uns auch gleich verstanden. Wir erhielten
eine Schlafkammer mit richtigen Federbetten. Der Söller war von hier aus auch
gleich zu betreten, sodaß wir erst einmal aufatmen konnten. Wir machten einen
Wochenpreis von wohl 10 Mark aus, machten uns aber anheischig auch sonst der allein
stehenden Frau zur Hand zu gehen. Mit Schönhofers wurde auch gleich Freundschaft
geschlossen. Hier waren nur noch zwei „Maadeln“ im Haus, die 12jährige Ziska
und die 16jährige Gretel, zwei nette Käfer.
Wir bleiben ganze drei Wochen hier zur „Nachkur“ von der Sommerfrische
Marklhof. Es war eine schöne Zeit, die uns allem durch die vorbehaltlose
Gastfreundschaft unvergeßlich bleiben wird. Nicht bloß bei Rieflers und
Schönhofers lernten wir das kennen, sondern auch in Geschäften. Wo immer wir
einkaufen gingen, Bäcker und Fleischer, wurde uns zugegeben oder im Preis
nachgelassen oder ohne Marken verkauft usw. Besonders hervor tat sich eine
„Gemischwarenhandling“, von zwei alten Schwestern bewirtschaftet, die nicht
genug tun konnten, uns auf ihre Weise zu „bemutteln“. Da war natürlich, trotz
unserer gefestigten Bewußtsein in der Brieftasche (300 Mark), gut haushalten.
Zunächst wurde also einmal lange geschlafen. Dann ging es oft in die
Stadt, all die genannten Besorgungen zu erledigen. Mittagessen nahmen wir
ebenfalls in der Stadt in einem Gasthof, dessen Name mir entfallen ist. Der erste
Gang nach der Quartiernahme war natürlich ein Telegramm nach Hause, worauf die
Antwort am 8. eintraf. Der angekündigte Brief kam leider nicht, und da das
Telegramm verstümmelt, nämlich mit falscher Unterschrift ankam, blieb ich
unsicher. Beim Flüchtlingskommissar mußten wir uns einige Male die
Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen, was nie ohne Schwierigkeiten abging.
Bereits am ersten Sonntag wurden wir von Frau Riefler zum Mittagessen,
grüne Klöße, eingeladen. Nachmittags unternahmen wir mit den vereinigten
Familien Riefler-Schönhofer einen Spaziergang nach einem schönen Ausflugslokal,
dem „Traberhof“. Dort gab es Eiskaffee, Kartoffelsalat mit „Bluatspreßsack“,
einer Art markenfreier Blutwurst (ohne Fleisch!). Wir fühlten uns ganz zivil.
Unserer Wirtin halfen wir fleißig. Heinz Lehmann setzte ihr das Wasserclosett
und den verstopften Abfluß im Waschhaus instand. Ich half natürlich. Dann
konnten wir selbst einmal unser Zeugs waschen. Mal hackten wir ihr eine
gehörige Fuhre Holz, mal karrten wir ihr Sand in den Garten, mal banden und
beschnitten wir ihr Spalierobst, halfen den Kindern bei den Schularbeiten und
was derlei Arbeiten mehr waren.
Das Wetter wurde schon so schön warm, daß wir bald wieder in kurzer Südtiroler
Wichs marschieren und uns im Garten sonnen konnten. Und abends war meist großes
Treffen der vereinigten Familien. Da wurden mal bei Rieflers, mal bei
Schönhofers Pfänderspiele gemacht, bei denen es nicht ohne sehr viele
landesübliche bayrische Busselei abging, die besonders dann als angenehm
empfunden wurde, wenn es sich bei dem zu küssenden Objekt oder dem küssen
müssenden Subjekt um die hübsche knusprige Gretel Schönhofer ging. Ja, es war
halt der erste Friedensgenuß!
Von ferne die Kämme verblauender Gipfel,
von nahem der Tannen ernst grünende Wipfel
und zwischen der Bäume weiß blühender Pracht
ein Teppich, von Gärten gewirkt und gekettet,
drein saubere Häuslein geschmiegt und gebettet -
dort hat uns ein Frühling so sonnig gelacht.
Wo Menschen nach mondelang währendem Beben
Erstanden zu froherem, freierem Leben,
wo Gastfreundschaft blüht wie die Rose im Hag,
wo Kinder im Spiel wieder jauchzen und singen
und Gärten und Hecken vom Vogelschlag klingen -
dort ward uns ein leuchtender Vorfrühlingstag.
Und senkte der Abend sich mählich hernieder,
sang einsam ein Glöckchen andächtige Lieder,
begann der sich rundende Mond voller ruh
am Himmel auf silbernen Wolken zu wandern,
verlöschte eine leuchtendes Licht nach dem anderen,
dann summten wir uns noch im Traum fröhlich zu:
Ja, drauß’ in der Kast’nau,
wo in Wäldern und Au
ist vom Winter die Erde genesen;
ja, drauß’ in der Kast’nau,
wo der Himmel so blau
und die Mädchen so lieb stets gewesen!
Da ist uns von neuem das Leben erwacht
Und hat uns die Herzen zur Freude entfacht.
Und werden die Tage einst wiederum grau,
was die Sorgen vertreibt, die Erinnerung bleibt
an den Lenz in der lieben Kast’nau!