Doch leider sollte mir die ganze Vorweihnachtsfreude und beinahe auch die ganze Weihnachtsfreude völlig verdorben werden. Mitte Dezember bekam ich Zahnschmerzen, ausgerechnet so am 13. ging es los. Nun kam zwar in gewissen Zeitabständen ein Zahnarzt mit einem feudalen rollenden Behandlungszimmer in einem Lkw. zu uns herauf. Doch ehe der Termin heran war, schwoll die Backe, und zwar der rechte Unterkiefer unverschämt an, kaum konnte ich noch beißen und litt fürchterliche Schmerzen. Als er endlich kam, war es bereits zu spät. Er bestellte mich für den nächsten Tag, glaube ich, den 17., nach Bozen ins sogenannte z.b.V.-Revier. Hier betäubte und schnitt er mich im Inneren des Mundes, erreichte aber nicht den Eiterherd, der die Schwellung und die Schmerzen verursacht hatte, so daß ich in den sauren Apfel beißen und mich gänzlichst hier zu einer Operation einliefern lassen mußte. Das geschah am 19. Meine Stimmung war bei weitem tiefer als die Außentemperatur, denn der Winter ließ sich nur sehr mild an. Der Schnee blieb nicht liegen, und es herrschte ziemlich feuchtes Matschwetter.
Ohne Verzug wurde ich auf die Schlachtbank gelegt, und als man mir die verwünschte Äthermaske übers Gesicht stülpte und ich in tödlich scheinendem Brausen und Rauschen versank, dachte ich noch wehmütig an die wohltätigen Epiphanspritzen selig-unseliger Lazarettzeit. Von meinen eigenen Worten „Was habt ihr denn mit mir gemacht“ erwachte ich wieder. Ich fühlte, wie der Eiter das vorgebundene Tuch herabträufte und mir ein unmäßiger Verband angelegt wurde. In einem öden Zimmer auf hartem Bett fand ich mich wieder. Eine furchtbare Fiebernacht folgte, wahrend der ich immer, wahrscheinlich Eiter von innen her, zu schlucken hatte.
Leider ließ das Fieber nicht nach, die Verpflegung paßte mir nicht, und es war überhaupt ein verwünschter verbannungsähnlicher Aufenthalt. Ich weiß heute nicht mehr, wie lange ich gelegen hatte. Mich dünkte es Wochen und waren doch kaum Tage.
Und dann kam jener Abend, wo der Sani mehr als unruhig wurde, weil der Zahnarzt wieder über Land war und mein Fieber immer mehr anstieg. Vielleicht war auch meine Unruhe und Ungeduld schuld, denn Ernst P. hatte angerufen, ich sollte machen, dass ich „heim“ käme, sie hätten soviel gute Sachen für das Weihnachtsfest beschafft, und da müsste ich doch unbedingt mithalten. Aber der Sani dachte anders und holte den gewöhnlichen, wenn ich so sagen darf, Revierarzt, also keinen Zahnarzt. Der nahm mich in später Nachtstunde kurz entschlossen mit in den Behandlungsraum, und da stellte er denn fest, daß eine zweite Fistel herausgekommen war, die mir so arge Beschwerden verursachte. Das Messer war die letzte Hoffnung.
„Haben Sie Mut,“ war des Arztes Frage, „die Operation ohne Narkose durchzuhalten?“ Den üblen Ätherrausch des ersten Eingriffs aber fürchtete ich benahe mehr als einen neuen Schnitt, und so bejahte ich. Mit beiden Händen klammerte ich mich fest an der Pritsche an, stemmte den Kopf gegen die brettene Stütze - das Skalpell blitzte. Es war, als zerspränge ein Glas. Wieder schoß der Eiter hervor - - -
Als der Zahnarzt zurückkam, meinte er, ich müsste besser ins Lazarett nach Meran. Inzwischen fühlte ich mich wieder wohl genug, um mein Befremden darüber auszudrücken. Da offenbarte mir der Pflasterkasten als einzigen Grund die Verpflegung, ich könnte ja keine festen Speisen zu mir nehmen, höchsten Brei usw. Aber da sträubte ich mich energisch. Ich durfte der bewährten Stabskameradschaft sicher sein, daß mir die Küche alle meine Wünsche in diesem Bezuge erfüllen würde. Aber es bedurfte schon ernsthafter Vorstellungen, daß der Arzt schließlich meinem Wunsche nachkam, mich ins Lager zu entlassen, und zwar noch vor dem Feste (und das war ja schließlich seine Absicht gewesen, mich während der Feiertage loszuwerden). Immerhin verhehlte er mir nicht den Ernst der überstandenen Lage: „Sie standen knapp vor einer Mundflächen-Phlegmone, und die hätte tödlich auslaufen können!“ Und da war es denn an mir, betroffen zu sein und innerlich zu erblassen. Tod? Tod?
Der Knochenmann hat angeklopft,
der Knochenmann, der mit der Fiedel
so hinter deiner Schulter geigt,
der Knochenmann, der dir sein Liedel
ins Ohr spielt und dein Ende zeigt.
Und hättest du dein Ohr verstopft,
du hörst es doch: Er hat geklopft.
Der Knochenmann hat angeklopft,
der Knochenmann, mit dünnem Finger
an deiner Seele schwankes Haus,
der Knochenmann - noch einmal ging er
vorüber dir und ließ dich aus,
ließ dich noch einmal ungeschopft,
und dennoch: er hat angeklopft.
Der Knochenmann hat angeklopft - - -
Du Knochenmann, ist’s schon am Abend,
daß Du mir meine Stunde singst,
du Knochenmann, daß du - begrabend
all Hoffen - in mein Leben dringst
und fühlen lässt, wie es vertropft?
Der Knochenmann hat angeklopft ….
Kaum aber hatte ich die Zusage des Zahnarztes in der Tasche, als ich mich auch schon an den Fernsprecher hängte und den Stab anrief: Holt mich heim! Holt mich heim! Bei den Kameraden war Heimat, Geborgenheit, Ruhe! Wenn sie nur bald kämen. Aber der 22. Dezember verstrich und der folgende 4. Advent ging in grauem Lichte immer mehr dem Abend entgegen. Zornig vor Unzufriedenheit gedachte ich des Weihnachtens im Vorjahre, das mir in Chemnitz verdorben worden war. Doch endlich, da der Abend schon neblig in den engen Tälern braute, fuhr ein Wagen vor und brachte mich hinauf in den Marklhof. Gott sei Dank! Endlich! Zu Hause! Heimkehr zu Weihnachten!
Nichts war besser geeignet, mich auf den Weg der Genesung zu bringen. Die Kameraden begrüßten mich herzlich, und als ich im warmen Scheine der Schreibstubenlampe in der strahlenden Hitze unseres Bunkerofens ausgezogen bis auf die Badehosen meinem fieberschweißverschmierten Leibe eine Art Ganzwaschung angedeihen zu lassen, so war das zwar nicht der rechte Rahmen für eine Begrüßung des Chefs, der gerade hereintrat, aber sie fand trotzdem statt und war deswegen nicht minder herzlich. Die schönste Freude aber war mir unsere Kriegsgefangenenzeitung „Die Heimat“, deren Weihnachtsnummer an diesem Tage eingetrudelt war; denn hier war ich dreimal vertreten, mit meinem Herzengedicht, mit meinem Weihnachtsspruch und mit der Kurzgeschichte „Einer von uns“. Gleichzeitig bekam ich mündlich den Zorn der Bozener italienischen Kommunisten serviert, die sich ungeheuer über diese „nazistische“ Zeitung und die „nazistischen“ Gepflogenheiten dieser militaristischen Arbeitsgruppe der Amis künstlich aufregten. Nun, wir selbst waren uns keiner Schuld bewusst und fanden auch nichts Nazistisches in unserer Zeitung.
Im Lager wurde ich wegen meines „Kopfschußverbandes“ überall mit großem Hallo begrüßt. In der Küche wurden meine Wünsche in Bezug auf Verpflegung mit Bereitwilligkeit anerkannt. Als erstes bekam ich einen tüchtigen Teller mit Bratensoße, während B. mir an allen folgenden Tagen Grießbrei servieren konnte. Da war ich gut aufgehoben. Wer weiß, ob es im Lazarett in Meran für mich ebenso gut geworden wäre.
So kam der Heilige Abend heran. Vor der Küche türmten sich Riesenstapel von Obststiegen: Die einheimische Bevölkerung hatte nicht gespart, uns Weihnachtsgeschenke in Form von allerlei Esswaren ins Lager zu schicken. Als wir dann abends in den Speisesaal zogen, waren die Tische zum Brechen vollgeladen mit Obst, Gebäck, und Zigarren. Einige Weihnachtsbäume brannten kerzenbesteckt und von der Bühne herunter sang der Lagerchor, der sich zu diesem Zwecke ohne mich wieder konstituiert hatte, eine Anzahl Weihnachtslieder. Einige kurze Worte des Chefs - eine lange Rede wäre unangebracht gewesen; denn Sehnsucht und Heimweh wühlten schwer in uns, kaum daß wir das gemeinsame „O du fröhliche“ herausbrachten. Mir aber stand noch die besondere Tantalusqual bevor, zuschauen zu müssen, als die Kameraden ihre Riesenbockwürste, auch ein Geschenk der Südtiroler, mit Kartoffelsalat verzehrten, denn ich brachte ja die Kiefern nicht auseinander.
Nach dieser gemeinschaftlichen Feier begaben sich alle in ihre Stuben. Wir vier, L., G., P. und ich versammelten uns im Wohnstübchen der Wachtmeister zu einem ganzen Kanister Rotwein. Später sollte noch eine Portion Sardellenleberwurst den lukullischen Feiertagsgenüssen die Krone aufsetzen. Inzwischen machten wir uns, sowie wir Raucher waren, an den blauen Dunst, und die Kameraden hatten bereits allem mir zustehenden Rauchwaren in Zigarillos umgetauscht, sodaß ich qualmen konnte, und auch das Trinken ging wie geschmiert, so daß die wehmütige Weihnachtsstimmung rasch weggeschwemmt werden konnte. Nach kurzer Zeit bat der Chef telephonisch, zu uns kommen zu dürfen (!), da er so allein sei. Nun, wir waren nicht dagegen und brauchten es auch nicht zu bereuen, denn Dr. K. war ein blendender und fesselnder Unterhalter, der sehr viel aus seinem Leben, von Reisen nach Amerika und nach Ungarn zu erzählen wußte. Wie im Fluge verging die Zeit, der Wein floß, die Zigarren qualmten - fast konnte ich meinen krankhaften Zustand vergessen. Erst als wir in später Nachtstunde wieder allein waren und das große Wurstessen beginnen sollte, wurde ich wieder meiner gehemmten Lebensfähigkeit bewusst. Aber wer sollte das ansehen, wie sich die Freunde das Brot dick mit Wurst bestrichen? Mich „ruppte“ es gehörig, und schließlich nahm ich das Messer und strich mir die „blanke“ Wurst so zwischen die Zähne -!
Als ich am Morgen des ersten Feiertages nach dem Reviere ging, meinen Verband erneuern zu lassen, fand sich, daß dort beinahe alles im Wodansjulrausch schlafen lag. Nur der Schnapshusar war auf den Beinen, ein ganz erkleckliches schwankend zwar. Aber er fand sich sogleich zu einer medizinmännlichen Zeremonie bereit. Er löste mir den Verband - - da schoß wie aus der Pistole der Gummischlauch (Drain), den ich zum besseren Eiterabfluß in der Wunde hatte, ein paar Meter weit davon, und der Eiter schoß nur so nach. Na, trotz des Rausches schob ihn mir der Schnapshusar mir sicherer Hand wieder ein und befestigte mir einen sachgemäßen Feiertagsverband gen. die Kinnschleuder.
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