Mittwoch, 1. Mai 2013

Kriegstagebuch - Auf der Flucht im Pustertal, Bruneck und Schluderbach

Doch blieb zu müßigen Gedanken nicht viel Raum. Wir mußten trachten, weiterzukommen und womöglich Schluderbach noch heute zu erreichen. Das Brixener „Heldenklau-Erlebnis“ hatte uns hellhörig gemacht. „Wenn wir nur erst im Pustertal sind“, meinte Schnapshusar.
„Pustertal?“ - das klang romantisch, das klang irgendwie bekannt, irgendeine längst verstummte Saite wurde wach, und es roch ein wenig nach Druckerschwärze und Tintenfaß: Erinnerung aus meiner Schriftleiterzeit, Sonderbeilage „Reisen und Wandern“, mein bes. gern gepflegtes Ressort, es mußte etwas ausbündig Feines und Weltberühmtes sein, dieses Pustertal. Vorerst aber erfragten wir uns einen Wagen nach Bruneck.
„Bruneck?“ - wieder so ein Name, an dem allerhand Erinnerungen hafteten. Schule? Dr. Gottlob Streit? - Aha, da hatte ich’s: Bertha von Bruneck aus Schillers „Wilhelm Tell“! Aber ob das in irgendeinem ursächlichen Zusammenhang stand?
Und auch das mußte unter den gespannten Anforderungen des Tages zu den Akten gelegt werden. Ein Wagen, ein Wagen nach Bruneck! Und ein wenig geisterte die Schulerinnerung auch hier noch nach: Ein Königreich für einen Wagen - Shakespeare! Die meisten fuhren nämlich nordwärts, dem Brenner entgegen, während wir östlich seitab wollten.
Na, schließlich klappte es doch, ich weiß nicht mehr wie, aber es wurde auch nahe Mittag, als wir ankamen. Ein langgestreckter weiter Platz nahm uns auf, Häuser, vor allem Gasthäuser, mit schattigen Vorgärten, Bäume, in ersten Frühlingsgrün prangend, im Hintergrund die Berge, deren nächster und niedrigster von einer altertümlichen Burg gekrönt war. Aber wie immer um diese Zeit: Luftalarm. Luftschutzbunker, große Felshöhlen wie in Rovereto, sollten vorhanden sein. Die Sonne lachte jedoch so verführerisch schön und warm, daß wir beschlossen, uns aus den Häusern herauszuschlagen und einen der nächsten, im Weichbild des Marktfleckens gelegenen, parkähnlich gepflegten Hügel zu besteigen. Auf schattigen Wegen immer höherklimmend erreichten wir durch ein aus natürlichen Baumstämmchen errichtetes Tor den Friedhof, und zwar den Heldenfriedhof. In lange Reihen lagen sie hier, die Toten aus dem ersten Weltkrieg; denn hier in dieser Alpengegend hatten schwerste Kämpfe getobt, und die allzeit tapferen Südtiroler waren gefallen wie das Korn zur Mahd. Nun lagen sie hier und kündeten vom letzten Kampf zwischen den Deutschen und den Welschen, diesem jahrhundertelangen und sicher auch heute noch nicht beendetem Volkstumskampf.
Vom hügelnden Friedhof herab öffneten sich uns prächtige Ausblicke. Klein zusammengeschachtelt baut sich zu unseren Füßen die Häuslein von Bruneck eins hinter das andere. Gaben sie im Ganzen das Bild einer Ortschaft deutschen Gepräges, so war doch der südliche Einschlag, die alpine Bauweise nicht wohl zu verkennen: Die Dächer nicht ganz so steil wie bei uns, an vielen Häusern, Türmen und Türmchen, vor allem aber lange umlaufende hölzerne Galerien. Ich konnte mich nicht sattsehen und ließ auch meinen kleinen „Luginsland“ mit den zwei aufgesparten, wie die Augäpfel gehüteten Filmen einen Blick darauf tun.
Denn hinter den Häusern weitete sich ein imposantes Alpental, das hinwiederum eingeengt wurde durch Hügel, Berge, Gipfel, von deren fernsten, höchsten Spitzen noch der Schnee herüberglänzte. Und die fruchtbaren Matten leuchteten hellgrün, die Wälder schweigen dunkelgrün, die kahlen Berge darüber leuchteten hellrötlich und der Schnee weiß. Welch eine Farbenpracht! Gab es so etwas noch ein zweites Mal auf der Welt?
Als der Alarm abgeblasen war, stiegen wir herab. Hunger und Durst meldeten sich. Einladend stellte sich der „Gasthof und Ausspannung zur Post“ in den Weg. Ein weites sauberes, beinahe großstädtisch, anmutendes, hell holzgetafeltes Gastzimmer nahm uns auf. Sommerfrische! Die Bedienung - Saaltöchter - trugen sich in leicht modernisierter Landestracht, und was bei ihnen einfach dunkle Stoffe waren, das hatte sich bei der Frau Wirtin ins prächtig schwarzseidene gewandelt; und diese selbst - eine außerordentlich reizvolle Erscheinung, blitzsauber, mit schweren Knoten im Haar - wandelte wie eine Königin einher, aufs Wohl ihrer Gäste bedacht. Wieder drängte sich mir ein erinnernder Vergleich auf: Die Wirtin zum „Weißen Rössl am Wolfgangsee“ aus der Operette. Ich schwelgte in romantischer Betrachtungsweise, war doch alles so eigentümlich anheimelnd, die gedämpfte Geschäftigkeit der Bedienungen, der silberne Klang von Eßbestecks, das helle Klingeln der Weingläser. Ach ja, wenn doch Frieden wäre - !
Wir hätten Essen haben können, wenn wir Marken gehabt hätten. Marken hatten wir aber nicht. Was gab es? Nudelsuppe mit Fleisch. - Sollten sie halt das Fleisch weglassen, wäre die Suppe dann markenfrei?! Flüstern und Tuscheln zwischen Bedienung und Wirtin, ein Blick zu uns - und wir bekamen je eine Suppe ohne Marken aber - mit Fleisch! Und welch einen fürstlichen Wein verschenkte die „Postwirtin“. Ich schnalzte offen und heimlich mit der Zunge und wünschte, daß dieses Idyll, das Idyll Bruneck nie zu Ende gehen möchte.
Es mußte zu Ende gehen!
Gleich an den großen Platz, wo die „Post“ stand, schloß sich - nur durch einen dünnen Straßenschlauch getrennt - ein zweiter weiter Platz an. Dort hielten die Lkw.s, die das Pustertal hinauf und herab fuhren. Und dort stand ein Lastzug, der - soweit ich mich erinnern kann - vollkommen leer war. Das war die Gelegenheit, und er war beinahe ein Omnibus; denn von allen Seiten tröpfelten jetzt Landser heran und kletterten auf. Denn also los zu einer Freifahrt durch das weltberühmte Tal, zu einer Fahrt, für die in Friedenszeiten reiche Leute Hunderte oder gar Tausende von Mark bezahlten. Wir fuhren kostenlos - wie „Kraft durch Freunde“!
Ich war ganz Auge. Das hatte ich bisher nur aus Büchern und Zeitungen gelesen und zur Not im Film gesehen, aber nicht so bunt und unmittelbar. Leuchtend hell rollte das gelbe Band der Straße unter uns hinweg, schwang es sich in leichten Windungen leicht hügelauf und hügelab. Links und rechts ränderten sie schon jetzt saftig-grüne und blumenbunte Matten, ab und zu ein paar Felder, hineingestreut die freundlichen, klitzekleinen Dörfchen, denen nie die Kirche fehlte, eine kleine Kirche mit hohem, schlankem, spitzem Turm, alles weiß und bläulich oder weiß und rötlich.
Den Wiesen und Feldern benachbarte sich gleich der Wald, schöner ernster deutscher Nadelwald, hohe Tannen und Fichten von tiefem dunklem grün. In breiten Säumen links und rechts zackte er hoch hinauf in die bergigen Höhen, und wenn es auch der Motorenlärm verschlang, meinte man doch sein leises Rauschen zu vernehmen, mit dem er sich im leisen Talwinde wiegte. Über dem Wald aber, zum Greifen nahe stachen die kahlen Felsen, die rötlich, weißgesäumten und - gemusterten Spitzen und Nadeln, die scharfkantigen Kuppen und jähen Abbrüche in den leicht verschleierten blauen Frühlingshimmel hinein. Das waren sie, die uns Niederlandern schon fast sagenhaft anmutenden Dolomiten, diese riesigen Bergmassive, die zur Marmolatagruppe gehörten, die die Grenze von 3000 Metern überschritten, das gelobte Land der Bergsteiger und Schönheitsdurstigen der ganzen Welt - die D o l o m i t e n!
Auf unserem Wagen herrschte die fröhlichste Landserstimmung, und vorab ich war so reisefreudig durchweht, daß ich am liebsten ausgestiegen wäre. Und als denn der Wagen wirklich einmal anhielt, konnte ich dem Gelüstchen nicht widerstehen. „Das ist Welsberg,“ sagte einer. Ein größerer Ort breitet sich vor unseren Augen, und auch die Kirche hatte einen breiteren Turm, der spitzer und höher in den Himmel stach, als der der Kirchen vorher. „Hier kann man im Gasthof ohne Marken viel Fleisch kriegen!“ fügte ein anderer der Ortsbezeichnung zu. Na, da gab es kein großes Überlegen mehr. Die Fahrt hatte Appetit gemacht, und in mir regten sich ein rechter Hunger und die Vorstellung von feiner Wurst. Also ̀runter vom Wagen trotz des Schnapshusars gütlichen Einredens.
Gelassen sahen wir wenigen Abenteuerlustigen unseren Lastzug davonfahren. Der breite Gasthof lockte - aber vergeblich. Wir klinkten an der Tür - verschlossen! Wir liefen ringsherum - alles verschlossen! Schade! Da hätten wir doch lieber weiter mitfahren sollen. Vor dem Gasthaus breitet ein dicker Baum seine Äste. Eine Bank war rundherum gezimmert. Wir ließen uns nieder und verzehrten in wehmütigem Gedenken an die verschlossenen Fleischtöpfe unsere Marschverpflegung. Ich tröstete mich rasch im Schauen und knipste als dritte, wenn auch nicht bedeutendste Station unserer Flucht die schöne Welsberger Kirche.
Nach wiederum einigem vergeblichen Warten nahm uns ein Verpflegungswagen der Wehrmacht mit. Er war bis unter das Dach mit Kommißbroten beladen. Der Fahrer nahm aber keinen Anstand, uns auch noch hineinzuladen, so daß wir in nahrhaftem Backofenduft und beinahe auch Backofenhitze - die Sonne meinte es noch sehr gut - gegen Abend endlich in Toblach aussteigen konnten. Da aber überwältigte mich sofort die großartigste Alpenlandschaft in allernächster Nähe. Flach auf ebener Talsohle breiteten sich die landschaftlich typischen Häuser des Ortes, unmittelbar dahinter der dichte grüne Nadelwald bis zur Vegetationsgrenze, die man beinahe glaubte mit Händen greifen zu können, und gleich anschließend die kahle Felswildnis, die rötlichen Steine, überall besät und besetzt mit Tupfen, Bändern und Feldern von weißem Schnee. Und ringsum, wie man sich auch drehte und wendete, überall die Gipfel und Kämme der Dolomiten, der Marmolata. Das war also wieder so ein berühmter Ort, für dessen Besuch ansonsten riesige Kosten notwendig waren, das war dieser berühmte Talpaß, das Toblacher Feld, und wir befanden uns 1243 Meter über dem Meeresspiegel.
Aber wir sollten noch 200 Meter höher, und da war denn die Schwierigkeit. Da oben hinauf fuhren keine Wagen. Es war zum Rasendwerden. Alles fuhr nach Toblach hinein, indessen wir rechts hinauf sollten. Schon wuchsen in den Seitentälern die Abendschatten, schon floß Nachtkühle uns den Schatten herab, indessen die abendliche Sonne noch wärmend das Pustertal heraufstrahlte. Wir verzogen uns nun ein wenig nach der Auffahrtsstraße Richtung Schluderbach - Cortina d’Ampezzo (auch so einem weltberühmten bes. Film- und Skifahrtsort), um nicht jeden Wagen anhalten zu müssen. Und endlich - endlich keuchte auch ein großer Lkw. heran, der den Berg angehen wollte. Ich winkte, er hielt. Als ich mich hinaufschwang, du meine Güte, war er voll Nachrichtenhelferinnen geladen, unsere Veroneser Nachrichtenhelferinnen! Aber in welchem Zustand! Wie man sich in dem engen Wagen auch drehte und wendete, wie man sich auch vorsah, von allen Seiten tönten ängstlich-spitze Schreie: „So passen sie doch auf! Vorsicht! Aber können Sie denn nicht sehen! Au, mein Bein! - „usw.
Ich schaute mich verblüfft um: Was war hier los? Ach, du lieber Gott! Da eine mit verbundenem Bein, eine mit blutendem Knie, dort ein Arm in der Binde, hier ein Turbanverband über einem wehleidigen Gesicht - Eine ganze Ladung von Jammergestalten. Und wo keine Verbände zu sehen waren, erblickte man nichts als blasse, ängstliche, in Schrecken erstarrte Gesichter. Denen mußte ja was Ordentliches zugestoßen sein. Und es war, wie man so nach und nach und brockenweise erfuhr, auch ein ganz anständiges Kriegserlebnis: Man hatte mit dem NH-Transport ganz sicher gehen wollen und ihn nicht durch die Veroneser Klause geleitet, sondern um den Gardasee herum, weil dort große Straßen zu großem Teil in Tunneln unter dem Berge geführt war. Aber da war man unter Umgehung des Regens sogleich in die Traufe gekommen; denn der Feind, die verfluchten Jabos, hatten sich gerade an diesem Tage gerade diese Straße aufs Korn genommen in der rein sachlich durchaus klaren Einsicht, daß sich gerade hierher die flüchtenden Kolonnen in großer Masse drängen würden. So hatte es denn hier unverschämtes Kleinholz gegeben, und die NH. waren gerade so richtig hineingeraten, noch ehe sie den rettenden Tunnel erreichen konnten.
Im Großen und Ganzen dachten wir gewöhnlichen Landser: Den hochnäsigen Büchsen schadet mal eine kalte Abreibung gar nichts. Sie verachteten sonst den gewöhnlichen Landser, der weit mehr zu erdulden hatte als sie. Nun mochten sie selbst einmal sehen, wie der Krieg in Wirklichkeit aussah, und daß es keine willkommene Männer-Angelegenheit sei, sondern verdammt blutiger Ernst. Andererseits dachten wir uns auch: Was ist das für ein verrückter Krieg, in dem sogar Frauen bluten müssen?
Na, ich wandte mich von dem heulenden Elend ab, denn was in dem Wagen mitfuhr, waren doch nur belanglose Hautabschürfungen. Vielmehr lenkte ich meine Blicke hinaus ins Freie, wo wir in stetem Ansteigen immer mehr Höhe gewannen. Es war schon eine ziemliche Öde, die wir durchfuhren, und wir wunderten uns des Waldmangels. Noch mehr staunten wir allerdings, als wir plötzlich an Häusern vorbeikamen, die vollkommen zerstört waren, typisch zerschossen, und sich doch sonst keine Anzeichen des modernen Luftkrieges, Bombentrichter usw. sehen ließen. Bis uns endlich der Seifensieder aufging, daß wir hier mitten durch die Schlachtfelder, oder besser gesagt: Schlachtberge des ersten Weltkrieges fuhren. Hier hatten die berühmten Tiroler Standschützen gegen die italienischen Bersaglieri ausgehalten, hier war in jahrelangem Ringen um jeden Fußbreit Bodens unendliches Blut geflossen, hier waren die Männer nicht nur dem unerbittlichen Schlachtentod zum Opfer gefallen, sondern auch einer unerbittlichen Natur, die auf schmalen Graten kämpfend abstürzten oder von Stein- und Schneelawinen begraben wurden, hier waren ganze Berggipfel mitsamt den Stellungen der Gegner und ihren Besatzungen, von der Gegenseite unterminiert, in die Luft geflogen, hier hatte ein tapferes Volk die Heimat verteidigt - und war unterlegen. Und davon standen hier heute noch die Ruinen - - - -
Im Abenddämmer langten wir in Schluderbach oder - wie es die Italiener getauft hatten - in Carbonin an. Wir erkannten, daß diese sog. Ortschaft lediglich aus drei riesigen Hotels bestand, die in ein enges, von steilen Berghängen umrahmtes Tal eingeschmiegt waren. Unser erster Gedanke war: Wohin, wenn die „Sturen“ angreifen? Hier waren wir doch rettungslos eingeschachtelt. Die Bomben mußten hier verheerende Wirkung haben, da man nirgends hin ausreisen konnte. Ein Erdstollen am Eingang des Tales war schlammig versoffen - ich beschloß, bei nahender Gefahr jedenfalls in den Wald oder einen Berg hinauf zu flüchten. Wenn schon umgekommen sein sollte, dann schon lieber in Gottes freier Natur.
Damit war unsere zweitägige Flucht beendet, und ich dankte Gott, daß sie ohne ernstlichen Schaden überstanden und das Ziel erreicht hatte. Das war also am Mittwoch, dem 25. April gewesen. Freudig hatte ich noch R. H. begrüßen können. Über ein Jahr lang waren wir getrennt gewesen. Nun - jetzt war ich zu müde. In einigen Hotelzimmern wurden uns Matratzen auf den Boden gelegt. Wir konnten grunzen.
Das erste am anderen Morgen war, daß wir uns in der Landschaft umsahen, im engen Steiltal des Schluderbachs, der als ein ziemlich schmales Rinnsal aus der Richtung Cortina geflossen kam. Uns aber imponierten die Berge. R. H. erklärte mir alles. Er war ja hier inzwischen schon wie zu Hause. Die das Tal beherrschende imposante Spitze in Matterhornform war die Corda Rossa, die Rote Wand. Jetzt freilich nicht nur rot, sondern auch stark weiß. Vor allem fiel uns links unterhalb des Gipfels ein ausgedehntes Schneefeld auf. Davor erhob sich, in unserer unmittelbaren Nähe der grüne Wald, bis zu dem hin sich vor unserem Hotel eine weite Wiese breitete. „Es blühen schon die ersten Enzian und Krokus“, frohlockte R.. Näher als die Corda Rossa aber stand uns in der entgegengesetzten Himmelsrichtung der berühmte Monte Cristallo, eine runde Kuppe, die früher viel höher gewesen war. Das war so ein Berg, dessen Gipfel der Italiener abgequatscht hatte. Riesige Erdmassen müssen es gewesen sein, die damals in die Luft geflogen sind. Unterhalb des jetzigen Gipfels waren noch Höhlen zu erkennen, die seiner Zeit als Unterschlupf, Kompanie- oder Bataillonsgefechtsstand, gedient haben mochten. Sonst war der Berg kahl oder steinig. Die Kameraden beschlossen, am ersten dienstfreien Nachmittag mal hochzuklettern. Nun, auf dieses Vergnügen mußte ich meines Fußes halber verzichten. Manchmal hinkte ich noch fürchterlich und sehnte mich nach einem handfesten Spazierstock.
Ich fand bald einen. In den Bodenräumen, die mir als Waffenkammer zugewiesen wurden, lagerte allerhand Sanitätsmaterial, Tragen usw. da war ein Stock dabei, ein richtiger Bergstock. Den stellte ich mir in weiser Voraussicht, mindestens für kommende Fluchten, sicher. Zwar hatte er keine Zwinge und Spitze. Aber die fand ich auch. Ein Nachbarboden war voll von Skiausrüstungen. Na, die würden wir nicht mehr brauchen können. Der Frühling war da, und für einen kommenden Winter würden wir wohl nicht mehr zu sorgen haben. Von so einem Skistock würgte ich also die Spitze ab und befestigte sie im Laufe der nächsten Tage an meinem Spazierstock.
Auch ein feines Hotelzimmer zum Wohnen und Schlafen bekamen wir zugewiesen, Gerade wollten wir uns einrichten, zogen die Jalousien hoch und lüfteten vor allem die verstaubten Gardinen - da kam ein strikter Abteilungsbefehl durch: Jalousien dürfen nicht aufgezogen werden! Der Abt.- Kommandeur sei der Meinung, man müsste das Gebäude so tarnen, als wohne niemand hier. - Na, so was Verrücktes, sagten wir. Sollten wir denn dauernd im Finsteren hocken? Und außerdem, kommentierte ich, würde der Feind wahrscheinlich schon längst wissen, daß wir hier seien, wie ja schon immer im Kriege, ob in Rußland oder hier, die Zivilbevölkerung meist viel eher von unseren Umzügen und neuen Zielen wußte, als wir selbst, und damit der Feind auch. Wozu also diese blöde Maßnahme?
Und richtig, ich hatte es kaum ausgesprochen, läutete der Fernsprecher Alarm durch, ein großer Gong hallte durchs Haus, und wir eilten mit unseren Päckchen ins Freie. Wir sollten uns zwar in die Keller oder in den schon oben bezeichneten Erdstollen gehen. Doch das machte wohl niemand mehr. Wir verkrümelten uns hier Hänge hinauf in den Wald, auch Offiziere, so der Zahlmops Quellwurst, Kameraden vom Stabe, H. B. und andere, hatten meinen Weg gewählt. Dort standen die großen Wagen des Stabes, und wir zogen uns noch ein wenig höher hinauf. Da kamen sie auch schon, die in der Sonne blitzenden Geschwader der „Sturen“ und flogen schräg über das Tal. Beklommen erwarteten wir das Ausklinken und Sausen der Bomben, bereit uns in den Waldboden zu krallen und hinter herumgestreuten Felsbrocken notdürftige Deckung zu finden.
Aber es geschah nichts der gleichen. Die „Sturen“ verschwanden, wie sie gekommen waren, und wir begaben uns wieder zu unserem „Dienst“. Nie fiel er uns schwerer als in jenen Tagen. Wir ahnten schon, daß unsere Arbeit nutzlos sei, nur eine bloße Beschäftigung, um unsere Zeit hinzubringen. Richtige Befehle, obwohl die Abteilung gleich im Nachbarhaus wohnte und die Division auch über dem Einziehen in das Hotel an der Straße war, kamen überhaupt nicht mehr. Dafür drangen Gerüchte von einer großen Schlacht am Po in unsere Einsamkeit herauf. Kompaniekameraden trafen ein, die auf entfernten Fernsprechstellen als Störtrupps gesessen hatten. Sie erzählten haarsträubende Dinge. Die meisten waren noch kurz vor dem Überrollen durch die Front entflohen. Einige waren italienische Partisanen in die Hände gefallen und völlig ausgeraubt worden. Zum Teil waren sie geflohen, zum Teil dann wieder freigelassen. Ich erinnere mich eines Kraftfahrers, der barfuß hierher kam.
Es zeigte sich schon, daß wir einer ziemlichen Auflösung entgegengingen. Den Vorgesetzten wurde es schwummrig. Man merkte es ihrem nervösen Gebaren an. Uns einfachen Landsern aber war die Sache auch unsicher. Was würde werden? Sollten wir vielleicht noch einmal „Alarmeinheit“ werden? Fast war keine andere Möglichkeit denkbar. Die meisten aber der zuletzt angekommenen, die die Gerüchte und Nachrichten vom Zerbrechen der Südfront und den unhaltbaren Zuständen hinter der Front mitgebracht hatten, waren der sicheren Meinung, daß an ein nochmaliges Aufraffen und Zusammenfassen der Truppen kaum noch zu denken sei, zu ungestüm drängten die Amerikaner, von den Partisanen hinter der Front gestürzt, vor.
Wenn wir bei irgendeinem „Dienste“ waren, Lager aufräumen und dergleichen, wälzten wir unsere Sorgen in zagenden Worten an die Oberfläche. Politische Fragen wurden erwogen. Vor kurzem war der Amerikanische Präsident Roosevelt gestorben. Er galt in jenen Tagen und durch die nazistische Brille als Kriegstreiber und „Weltfeind Nr. X“. Sollte sein Tod nicht eine politische Wende zu unseren Gunsten gebracht haben? Das Gegenteil schien der Fall. Auch das alte Wahrsagermärchen wurde kolportiert: Drei Große mußten sterben, dann würde Frieden. Wer sollte der Zweite und der Dritte sein? Churchill, Stalin? Des letzteren Tod hätten wir ja kaum beweint. Aber einzelne wagten in diesem Zusammenhang auch von Mussolini und Hitler zu sprechen, leise und verstohlen nur, zwischen den Zeilen gewissermaßen. Aber das hätte doch für uns völligen Zusammenbruch bedeutet, den wir uns noch nicht vorstellen konnten.
Eines Tages - (es ging ja so Hals über Kopf, daß ich mir das genaue Datum nicht notierte) - wurden wir zur Wache befohlen. Das war der Augenblick, da die Meuterei leise aufzubrechen drohte. Man beruhigte uns aber in der Richtung, es sei allerhand herbeiströmendes „Gesindel“ zu erwarten, daß uns die Quartiere streitig zu machen drohte. Das sei nach Toblach hinabzuweisen. Hier dürften nur geschlossene Einheiten aufgenommen werden. Das sei Divisionsbefehl. Das mit dem „Gesindel“ war uns zwar nicht klar, da es sich da auf jeden Fall um flüchtende Kameraden handeln würde, die Sache mit den bedrohten Quartieren ging uns aber ein. Wir rüsteten uns also - zum letzten Male vielleicht - wachvorschriftsmäßig her und meldeten uns bei der Abteilung. Hier zeigte sich, daß alles blau, bläuer, am bläuesten war. Das große Restetrinken hatte schon begonnen. Wir hatten keine Reste mehr.
Ich bekam mit einem Kompaniekameraden, den ich bis dahin noch nicht gekannt hatte, die Straße als Wachbereich zugewiesen. Es war uns zwar nicht genau gesagt worden, was wir zu machen hätten, so daß wir nur hoffen konnten, daß nicht zuviel von dem „Gesindel“ zu unserer Wachzeit herbeiströmte. Mehr Sorge hatten wir um unsere eigene Sicherheit. Wir waren ja gewissermaßen an den Wachort gebunden. Wenn nun ein Luftangriff käme, Sture oder Jabos? - Wir liefen die Straße entlang und fanden schließlich eine Anzahl Ein-Mann-Löcher. Hier - und zwar in den von den Häusern am weitesten entfernten - gedachten wir uns im Gefahrenfalle zu verkriechen.
Das Mißlichste aber war, daß es am Nachmittage wieder zu schneien begonnen hatte. Am Tage, morgens, waren auf der Wiese vor unserem Hotel noch die ersten zagen Frühlingsblumen zu sehen gewesen, jetzt war alles weiß. Aber es war ein nasser, tropfender Schnee, dessen Feuchtigkeit sich schwer in unsere Mäntel zog, vom Stahlhelm, vom Gewehr tropfte und rieselte. Nichtsdestoweniger blieb er in dicken Polstern auf den die Straße flankierenden Waldbäumen liegen und setzte sich auch auf der Fahrbahn fest.
Noch am Abend, im Zwielicht der Dämmerung, näherten sich Wagen. „Wo liegt Carbonin?“ rief man heraus. Wir kannten damals den italienischen Namen unseres Ortes noch nicht und zuckten die Schultern. Der Fahrer brachte eine Karte heraus. Carbonin stand da, so zwischen Cortina und Dobiacco. Ja, aber zwischen Schluderbach und Toblach-Dobiacco befand sich kein Ort weiter. Vielleicht zwischen Cortina und Schluderbach? Daß er vorbeigefahren sei? - Ja, das könnte nicht sein, und überhaupt, hier sollten sie Quartier beziehen! - Das war natürlich Wasser auf unsere Mühle: Quartier? Nein, hier ist alles voll! - Aber er fuhr doch zu unserem Haupthotel und blieb auch da. Wir hatten uns nicht denken können, daß unsere drei Hotels auf der Karte als Ortschaft angegeben sein können. Und schließlich erfuhren wir auch, daß unsere neue Kriegsheimat tatsächlich Carbonin heiße.
Schlimm wurde es dann bei unserer Frühwache, als der Morgenwind schneidend kalt durch unsere Mäntel und Stahlhelme pfiff. Erst einzeln und tropfenweise und dann immer zahlreicher wallten auf der Straße von Cortina her die Landser, aber in welchem Zustand! Keine oder nur wenige noch mit Waffen, ohne Mäntel, teils ohne Mützen, ohne Gepäck und frierend wie die Schneider. Ja mein Gott, wo hatten sie das alles? Wo kamen sie her? - Direkt vom Po, erhielten wir zu Antwort und erfuhren, daß ihnen nichts mehr geblieben sei, als sich in den Po zu stürzen und unter Hintanlassung aller Waffen und allen Gepäcks und aller überflüssigen Bekleidung hinüberzuschwimmen. Wieviele dabei ertrunken seien, im Wasser von den Jabos noch abgeknallt, würde wohl keiner jemals zu sagen wissen. Und da sie nun in keiner Weise mehr kampfkräftig gewesen waren, seien sie nun gleich weiter gelaufen, einfach getippelt, soweit sie nicht Wagen mitgenommen hätten. Und so kamen sie nun von Cortina her, und der neue Winter hier in den Alpen war ihnen eine böse Überraschung.
Uns aber war die ganze Nachricht eine böse Überraschung. Das war doch der völlige Zusammenbruch! Wozu standen wir noch hier, die Knarre über dem Ast. Wir kamen uns selbst lächerlich vor. ”Mensch, haut die Knarren weg”! ulkten ein paar Fallschirmjäger, die lediglich in ihren grünen Tarnkombinationen und den typischen Stahlhelmen einherfläzten. Immerhin hatten wir keine Mühe weiter mit dem „Gesindel”. Sie dachten gar nicht daran, hier Quartier nehmen zu wollen. Sie strebten weiter. ”Wohin geht’s nach dem Brenner?” fragten sie. Nun da waren sie ja weitab - hier gings in die Ostmark. Kopfschüttelnd sahen wir ihnen nach. Das konnte kein gutes Ende nehmen, und richtig, nach Tagen erfuhren wir, daß die flüchtigen Landser am Brenner und andren Alpenpässen zu Hunderten vor Frost und Hunger elendiglich verreckt seien. Da die Pässe noch besetzt waren, meist von SS, hatten sie ”über die Berge” fliehen wollen, ja sogar zu nächtigen versucht und das war ihnen bei dem nachwinterlichen Wettereinbruch natürlich zum Verhängnis geworden. Das war uns eine Lehre.
Inzwischen war tatsächlich Wahrheit geworden, was sich auf unserer Wache angekündigt hatte: eine neue Einheit war hier eingewiesen, und wir, die Fernsprechkompanie, mußten umziehen. Bei uns qualmte es natürlich tüchtig. Aber da war nicht zu machen, und in dem an der Straße gelegenen Haupthotel, das der Divisionsstab belegt hat, war noch Platz - in der Sperlingslust, ”Unter’m Dach, juchhe - !”unter den Dachsschrägen hölzern ausgebauter Kammern fanden wir Platz, mit dem dummen Gefühl: Soll denn der Zirkus ewig kein Ende haben?

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