Gefangenschaft in Südtirol - Lagerausflug auf Gantkofel und Penegal


Ein Glanz- und Höhepunkt dieser Wochen war ein großer Lagerausflug, also eine ganz seltene Angelegenheit für ein Gefangenenlager, die wahrscheinlich nur durch die Generosität der Engländer möglich wurde. Genug - am Sonntag, dem 7. Oktober wurde das ganze Lager auf Lkw.‘s verladen, etwa fünf bis sieben große Wagen, und dann ging es in der lauen südlichen Oktoberluft dem Mendelgebirge entgegen. Festlich brausten unsere Wagen dahin, durch Girlan, durch Eppan, St. Pauls zu und weiter. Der Wind pfiff und durch die Haare, und wir waren guter Dinge; denn soweit wir schauten und suchten, es war keine Bewachungsmannschaft zu sehen. In scharfen Kehren wand sich schließlich die Straße zum Mendelpaß hinan. Immer tiefer versank in der herbstlichen Klarheit das Land hinter uns. Mir wurde ganz reisefreudig zumute, und meinetwegen hätte die Fahrerei den Höhen entgegen stundenlang so weitergehen können.
Am Paß aber wurde uns Halt geboten. In der Ferne winkte der Schlagbaum, ich glaube der Grenze zu Österreich oder der Schweiz, in der Nähe aber ein gemütliches Gasthaus. Doch das war nicht unser Ziel, sondern wir stiegen aus, um nunmehr zu Fuß weiterzustreben. Der um die 1700 m hohe Gantkofel war unser Ziel, der Paß selbst zählte eine Höhe von 1375 m. Wir befanden uns also immerhin schon ein beträchtliches Stück höher als der heimische Fichtelberg. Ehe wir aber anstiegen, drängten sich alle in einem kleinen Lädchen, wo ein biederer Südtiroler allerhand Reiseandenken feilhielt. Da konnte man allerhand schöne und wertvolle Dinge an Südtiroler Schnitzerei sehen, die aber für mich nicht nur unerschwinglich im Preise sondern überhaupt unerreichbar waren, weil ich gar kein Geld besaß. Die meisten kauften sich eine “Berlocque”, ein Uhranhängsel mit irgendwelchen mehr oder weniger sinnigen Inschriften. Begehrlich hingen auch meine Augen an einem schönen kupferähnlichen roten Adler von Tirol - da stand plötzlich Otto-Otto neben mir, drückte mir ein paar schmierige Geldscheine in die Hand und sagte: ”Da, Du hast ja doch kein Geld! Kauf Dir was -!” Und so wurde der rote Adler von Tirol doch mein und ist es heute noch!
Als wir endlich zu kraxeln begannen, bemerkten wir endlich auch, daß wir doch nicht ganz ohne Bewachung losgefahren waren: Ein einziger Engländer, ein gewöhnlicher Soldat oder Gefreiter unserer Wache stieg mit dem Major los und hatte, sage und schreibe: keine einzige Waffe mit. Wie wollte der eine Flucht von an oder über die 200 Prisonners verhindern? Aber es dachte ja gar niemand an Flucht. Vielmehr begann wir uns immer mehr der uns umgebenden gewaltigen Natur zu erfreuen. Waren wir erst noch durch lichte Wälder von Laub und Nadelbäumen gelaufen, ward im Höherkommen der Wuchs zusehends niedriger. Immer weniger Laubbäume, dafür umsomehr und immer kleinere Kiefern kuschelten sich am Boden, und oft und oft überquerten wir frischgrüne Matten, an denen verlassenen Sennhäuschen standen. Ab und zu ging es so knapp am Steilabfall hin, daß wir in die schwindelnde Tiefe blicken konnten. Wie spielzeugklein winkten von da unten die Häuser und Kirchen der Dörfer herauf, als sei es mein klitzekleiner erzgebirgischer Heimat-Weihnachtsgarten. Von weither blinkte wie ein kleines Auge der Kalterer See mit Auer und seinen Weinbergen.
War das schon ein einzigartiger Anblick - Häuser bis fast senkrecht zu unseren Füßen - so ergab sich ein noch gewaltigerer, als wir die Augen erhoben. Je höher wir stiegen, stieg da jenseits der östlichen Uferhöhen der Etsch das rötlich kahle Felsmassiv vom “Zwergkönig Laurins Rosengarten” mit uns empor. Welch ein nicht nur imposanter sondern geradezu grausam ehrfurchtgebietender Anblick! Dieses unermeßlich weite, allen Lebens bare wild zerklüftete Gefels! Wahrhaft ein Irrgarten boshafter Zwerge und wahrhaftig rosenrot! Wir Kinder des flachen Landes und dagegen kaum hügelig zu nennenden Mittelgebirges waren einfach erschlagen von diesem im wahrsten Sinne des Wortes monumentalen heroischen Panoramas.
Noch größeres erwartete uns, als wir endlich den breiten Gipfel des Gantkofel erreicht hatten, dem der etwas niedrigere Penegal gegen die Etschebene noch vorgelagert war. Im pfeifenden Höhenwind erstiegen wir das Eisengerüst eines Aussichtsturmes. Da türmten sich denn in einem vom Auge nicht abzusehenden weiten Rund die nackten kahlen Felsmassive Italiens, Österreichs, Deutschlands und der Schweiz. In seltener herbstlicher Klarheit, schon vor dem ersten Schnee leicht überreift, hoben sich aus weiter Ferne das Ortler Massiv, die Oetztaler Alpen mit der Wildspitze, noch weiter die Hohen Tauern mit dem Großglockner, näher wieder die Südtiroler Dolomiten mit dem Rosengarten, ja, mit der Marmolata, vor denen der vom Tal aus so mächtige Schlern dicht bei Bozen klein und schmächtig wirkte.
Wie wurden wir klein und still und ruhig vor dieser Schau! Wie versanken alle Kümmernisse und Sehnsüchte, alle Sorgen und düsteren Schwermutsgedanken, da der Wind den Gedankensitz ordentlich auslüftete! Wie groß und mächtig die weite Gotteswelt und ameisenhaft und klein und nichtig der Menschen Treiben dagegen!
Wieder vom Turme abgestiegen, mußte sich die gedemütigte Brust freimachen, und unter allerlei Scherzen vertrieben wir und die verbleibende Zeit, bis und der Major mit seinem Engländer wieder das Zeichen zum Aufbruch gab. In weit auseinandergezogenen Trupps strebten wir wieder dem tiefen Einschnitt des Passes zu, und wenn es steil abwärts ging, waren wir froh, unsere Stöcke, die treuesten Begleiter unserer Gefangenschaft mitgenommen zu haben.
Am Paß warten unserer wieder die Kraftwagen mit einigen ziemlich trunkenen Kraftfahrern. Sie hatten sich in der Kneipe gütlich getan. Aber die Heimfahrt verlief ohne Zwischenfälle, so eng geschlungen die Serpentinen manchmal auch sein mochten, so steil, daß wir glaubten, den Kameraden im vorauffahrenden Wagen auf die Köpfe spucken zu können. Zum Bersten angefüllt mit dem großen Erlebnis kamen wir im Abenddämmer wieder im Lager an. Das schmeckte das Essen, und ungewiegt schliefen wir bald den Schlaf des Gerechten auf unseren Strohbuchten.

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