Gefangenschaft in Südtirol - Der 1. Advent und Weihnachtsvorbereitungen


Endlich bekamen wir Ruhe vor der Plage, das war, als der erste Frost die Schlammfurchen der Lagerstraße zu Miniatur-Dolomiten erstarrte, als in den entlaubten Bäumen der erste Rauhreif sein eisiges filigran zeichnete:
Der erste Frost! - die Mutter Erde
Ist nun in Winters Bann geschlagen.
Sie fiel in Schlummer, die uns nährte.
In langen Nächten, kurzen Tagen
Ward ihr das Antlitz still bereift,
erstarrt in Runzeln und in Falten -
von Todeshand ist sie gestreift.
Die Augen einer Ururalten,
die müden Augen drückt sie zu -
die Mutter Erde geht zur Ruh.

Sie geht zur Ruh, die Mutter Erde.
Die letzten dürren Blätter sinken
vom Baum, der klagender Gebärde
die Äste reckt. Und Perlen blinken
die Tränen, die die Nacht noch taute,
bevor der erste Wintermorgen
kalt unter klarem Himmel graute.
Nun birgt sie all ihr banges Sorgen,
das sie in Wachstums Nächten traf,
die Mutter Erde tief in Schlaf.

So tief der Schlaf der Mutter Erde,
den sie in Wald- und feldgebreiten
nach des Gebärens Not begehrte,
es träumt und atmet Heimlichkeiten
die Mutter Erde: Schneekristalle,
Eisblumen, dick beschneite Tannen
und Sternlicht bei der Glocken Schalle - - -
wie ewig sie gestalt gewannen,
die träume, naht nun wieder sacht
der Mutter Erde Heil’ge Nacht.


Ja, der erste Frost weckte in mir wieder die alten lieben erzgebirgischen Weihnachtsträume, und schon lange vor dem Totenfest hatte ich mit „Weihnachtsarbeiten“ begonnen. Wir hatten als Brennholz viel Kiefer mit dicker Borke bekommen. Da hatte sich meine alte Bastellust geregt, und nach dem ersten Rindenschiffchen legte ich mich auf die Massenherstellung von schönen dicken runden herzen, die ich mit roter Tinte färbte und mit Wachsresten polierte. Herzen - ! Fest der Liebe - ! 

Ich hab’ mir aus Borke vier Herzen geschnitzt,
vier Herzen aus duftender Rinde,
von oben gerundet und unten gespitzt.
Der Mann wird doch wieder zum Kinde,
wenn er seiner Lieben zu Hause gedenkt,
zumal wenn in Not und in Ferne
das Elend der zeit ihm Besinnlichkeit schenkt
und unter der Weihenacht Sterne.

Was hab’ ich mir nur bei den Herzen gedacht?
Wie bin ich noch hoffenden Mutes
Trotz bitterer Trennung! - so hab ich gemacht
Ein großes dem Vater, ein gutes
der Mutter - wer hat mir das Messer geführt? -
Der Schwester ein liebliches kleines.
Und schließlich, was eigen ans eigne Herz rührt:
Ein viertes besonderes feines.

Und wenn dann die heilige Nacht mich umfängt,
so stelle ich unter die Herzen,
die ich dann vielleicht an ein Zweiglein gehängt,
vier leuchtende strahlende Kerzen.
Das wird dann im heim’ligen traulichen Schein,
in bangendem Beten und Beben
mein armes und einsames Weihnachten sein:
Daß sie alle vier nur noch leben!

Dabei war die Sache mit dem vierten Herz durchaus unklar und blieb es, Gott sei Dank - oder vielmehr, ich hatte unbewußt vielleicht doch eine andere gemeint, als es der Name sagen mochte. Jedenfalls hingen denn die vier Herzen zu Weihnachten wirklich an einem Kiefernzweig als schönstes Symbol aller landserhaften Sehnsüchte, die doch gerade in der Gefangenschaft so lebendig waren. Dafür trat das Gedicht seine Reise durch sämtliche Lager Südtirols an; denn es erschien in der Weihnachtsnummer unserer Kriegsgefangenenzeitung. Mit einer Anzahl anderer hatte ich es deren Schriftleiter in Siebeneich vorlegen können. Der fand es alles sehr gut und richtige kleine Balladen. Er bedauerte, nicht mehr abdrucken zu können. Der Umfang des Blättchens war sehr beschränkt, und wenn es nach den italienischen Kommunisten gegangen wäre, hätte es überhaupt nicht erscheinen dürfen. Die zeterten nämlich furchtbar über diese neue, angeblich nazistische Erscheinung. Wir fühlten uns aber gar nicht so, und gerade zu Weihnachten nicht. Die meisten von uns  sammelten ihre Gedanken wieder um die Krippe; und vor allem ich gedachte das Fest in diesem Sinne zu begehen.
Aber woher das Hauptsymbol des deutschen Weihnachtsfestes, den Christbaum nehme? Hier wuchsen weit und breit weder fichten noch Tannen, höchstens Kiefern. Ja, wenn wir wenigstens einen Adventskranz hätten winden können. Aber auch da war guter Rat teuer. Schließlich besann ich mich der Schlosserkünste Heinz L.s und zeichnete ihm das Modell eines eisernen Leuchters auf, rund wie ein Kranz und mit in der Mitte zusammenlaufenden vier Armen, auf deren enden er mit Messinghülsen auch gleich Lichtertüllen anbrachte. Sollten wir doch noch zu grünem Reisig kommen, meinte ich, können wir den Reifen ja noch damit verkleiden, einen richtigen echten Weihnachtsleuchter.
Am 1. Advent machte ich mich nachmittags auf die Beine, um eine Fichte oder eine Tanne zu finden. Das Wetter war klar und nur mäßig kalt. Am Morgen hatte es ein wenig gereift, und der Reif saß noch auf der kargen Grasnarbe wie zierliche Nester, wie verlorene Spitzentüchlein der Nachtelfen. Aber in den Hainen an den Rändern der Weinberge hingen noch Blätter an den Bäumen und Büschen. Sie raschelten trocken, waren aber teilweise auch noch leicht grün und saftig. Ich hatte mich seitlich des Marklhofs nach den Steilhängen der Etsch zu aus dem Lager gestohlen, denn die Bewegung auf öffentlicher Straße war mir nicht ganz geheuer. Außerdem wollte ich ein bisschen geheimnisvoll vorgehen. So querte ich oft auf sehr schmalem , in die Steile des Hanges getretenem Pfade Weinberge, Wiese und steinige Felder, ließ auch Schreckbichl linker Hand liegen, bis ich endlich an einem verdorrten Rosenhag vorbei das hohe Kreuzgewölbe eines dichten Kiefernwaldes erreichte. Aber es waren halt nur Kiefern, die ich fand und keine Tanne. Aber dort, wiederum am Steilhange, in schwindelnder Höhe über der Etsch, leuchtete doch ein grünes kurznadeliges Bäumlein, ein Fichte. Für den ersten Augenblick gedachte ich es mitzunehmen, ließ es dann aber in einer Regung Mitleids und dem Wunsche weiteren Wachsens doch stehen. Weiterwandernd gelangte ich zu einer hohen Felsenklippe, die mir den Blick au einen weiten Wald, auf ein Meer von Gipfeln eröffnete. Und da standen denn auch Fichten und Tannen. Nun nahm ich das Messer und schnitt mir soviel Zweige, wie ich tragen konnte.
Dieses erste Adventserlebnis klang noch lange nach in mir.

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