In jener Zeit geschah sogar noch etwas ganz und gar Militärisches: Wir
erhielten Ersatz!! Unsere Kriegsstärke war ja in allen Einheiten nicht mehr
voll. Da wurden uns aus dem Riesenlager von Ghedi neue Mannschaften
zugeschickt, die natürlich über unseren kommißmäßigen Betrieb baß erstaunt
waren. Da kam auch ein Unteroffizier aus der berühmten und verbreiteten Familie
Einsiedel (Geithainer Linie) zu uns. Das wurde unser neuer
Bekleidungsunteroffizier. Eine ulkige Nudel, der man den alten Adel nicht mehr
ansah. „uralte Familie,“ pflegte er stets von sich zu sagen, „Stammbaum
vollkommen verpinkelt!“ Mit dem wurde ich bald kordial und luchste ihm bald
eine englische Uniformhose aus dem Kreuze.
Mit der Bekleidung machte ich sowieso manchen guten Fang. M. hatte
mir bei seinem Scheiden eine lange Tropenhose, förmlich rötlich-gelb
überlassen, die er selbst erst vom Kommandeur erhalten hatte. Ich mußte sie
bedeutend kürzen; denn Günter war noch weit größer als ich. Eine zweite
wandelnde Hose, eine Tropenhose von festem Drillich, übernahm ich von Heinz
B., der sie vom Arzt bekommen hatte. Die war nun wieder ein bisschen zu kurz.
Ich zog deshalb im unteren Bund Bänder ein und schnürte sie nach der Art der
Skihosen zusammen. So und noch mit weißen, nach außen geschlagenen
italienischen Socken trug man sich hier allgemein. Sonst war ich nicht so
glänzend gekleidet wie die gut verdienenden Kraftfahrer. Dafür hatte ich
wahrscheinlich mehr Wäsche und Nähzeug gehamstert, was wir bei einer ersten
Ausräumung der Kammerbestände hatten fassen können.
Mit dem Ersatz-Transport war auch ein Kraftfahrer aus Chemnitz, Kurt
Z., zu uns gekommen, von dem noch die Rede sein wird. Diese ganze
Ersatzgeschichte machte uns aufstutzig: Sollte es doch wieder losgehen? Sollten
wir nur einen anderen ähnlichen Einsatz erhalten? Das war jedenfalls höchst
geheimnisvoll. Noch immer geisterten die Dönitz’schen Ideen vom Kriegsende:
Gemeinsam mit den Westmächten gegen Russland!!
Arbeit
gab es nun nicht mehr viel im dienstlichen Bezirke. Dafür heckte
der Müßiggang allerhand lustige Blüten aus. Zum Beispiel: Ernst P.,
Heinz B. und ein neu angekommener technischer Kriegsrat propagierten die
Einführung
des Vollbartes! Leider blieben sie die einzigen Nachfolger ihrer eigenen
Idee.
Ich hatte genug von meinem Kesselbart Koweler Angedenkens. Aber die drei
ließen
sich prachtvolle Bärte wachsen. Eines Tages fuhren sie dann zum
Photographen
nach Eppan. Als sie das Bild, das Bild einer Nordpol-Expedition, hatten,
nahmen
sie sich die Bärte wieder ab. Wir haben viel darüber gelacht. - Ein
anderer
Sport ging von mir aus. Wie ich darauf gekommen bin, weiß ich nicht
mehr: Wir
sammelten Redensarten, d.h. also schriftlich und auf dem Papiere, zu
einem
ganzen „Museum der deutschen Sprache“. Das machte viel Freude und gab
dem
Geiste die erwünschte Beweglichkeit. Ich habe die Sammlung wohlweislich
gut
aufgehoben.
Gegen Ende Januar schien es noch einmal winterlich werden zu wollen. Aber
das Schneetreiben ging bald wieder in Regen über, und es blieb ein ungeheurer
Matsch, in dem ich aber trotzdem Holz hacken mußte.
Am 24. Januar verließ uns die Wache von King’s Own Royal Regiment, und es
kamen Artilleristen zu uns, Artilleristen, bei denen der Unteroffizier die
hochtrabende Dienstgradbezeichnung „Bombardier“ trug. Die waren gleich sehr
schnell mit uns kameradschaftlich. Bei Gelegenheit eines freundschaftlichen
Beisammenseins in Kurt Z.s Domizil hatte ich mit dem Bombardier eine spaßige
Auseinandersetzung: „You are communists!“ sagte der Bombardier gemütlich. „No“,
antwortete ich leicht erregt, „we are not communists!“ - „You are communists!“
versetzte der Bombardier um noch einen Schein gemütlicher. „No“, rief ich um
ebensoviel erregter: „We are not communists!“ Und so ging das eine Weile hin
und her, bis Kurt Z. mir zublinzelte: „Der meint, wir sind aus dem
kommunistisch besetzten Gebiet!“ Und da hatte er ja nun leider Recht.
Am 31. Januar wurde ich dann endlich meinen Zahn los, der mir Weihnachten
beinahe versaut hätte. Das Maulaufreißen ging wieder vorzüglich, aber ich hatte
in Erinnerung an eine ähnliche Prozedur in Grünberg und ihre schmerzlichen
Nachwehen schon vorher Schmerztabletten zu mir genommen und nachher noch mehr.
So ging die Sache glatt vorbei. Nun fühlte ich mich in jeder Beziehung wieder frei,
und bereits am folgenden Sonntag verließ ich nachmittags das Lager zu einem
besonderen Gange.
M. hatte mir nämlich vor Weihnachten versprochen, mich bei M.s
einzuführen, die sich über das Weihnachtsmärchen so sehr gefreut hatten. Nun
war der Freund fort, aber ich wollte die Verbindung allein schaffen. Ich machte
mich also auf gen Girlan bzw. Schreckbichl. Es war an diesem 3. Februar bereits
frühlingsmäßig lau, sodaß man ohne Mantel gehen konnte und ohne Mütze. Das war
wieder ein herrliches Spazierengehen, und auf den oberen Podesten der außerhalb
der Häuser angebrachten Treppenaufgänge ließen sich’s die Südtiroler bereits im
Freien in der warmen Sonne wohlsein. So auch M.s, die ich förmlich auf gut
Glück herauskannte. Ich stieg die Treppe hinauf und sagte nur: “Mein Name ist
Fischer!“ Da wurde ich empfangen wie der verlorene Sohn. Die alte gute Frau
M. tischte mir echte Eselswurst auf und der kleine Stefan mußte in den
Keller springen, mir eine Halbe Wein zu holen. Das kleine Mariele blickte mich
noch einigermaßen scheu an, während die große Bertha sich nicht viel aus mir zu
machen schien. Von da ab war ich ein lieber und gern gesehener Gast im
M.-Hof und hielt mich jeden Sonntagnachmittag und manchmal auch an Abenden
in der Woche dort auf. Immer kriegte ich wunderbar zu essen, entweder „a
G’söichts“ oder echte Salami (Eselswurst) und was derlei gute Sachen mehr
waren. Ich brauchte nur zu kommen, wurde „a Jausen“ ausgefahren.
Seltenheitswert in Südtirol hatte die Butter, die mir Mutter M. stets mit
auftischte. Genau wie der Bayer hielt der Tiroler sich lieber an schweinerne
Fettigkeiten. Aber Frau M. stammte aus einer anderen Alpengegend und zwar
aus dem ladinischen Zipfel, wo das Buttern Sitte ist. Sie hatte sich deshalb von
ihren Brüdern eine hölzerne Buttermaschine anfertigen lassen. Diesem Umstand
der Geburt verdankte sie auch, dass sie - die einfache Südtiroler Weinbäuerin -
drei Sprachen beherrschte, deutsch, italienisch und ladinisch.
Fett und Fleisch schien in den Bauernhäusern des österreichischen
Südtirols also reichlich vorhanden. Dafür fehlte das Brot in jenen Tagen. Das
war verständlich. Der knappe Boden der Alpentäler trug Weingärten und
Obstplantagen, hie und da ein Kartoffelfeld, sonst meist Wiesen. Getreide sah
man nur höchst selten. Als mich Frau M. einmal verlegen auf diese Not
aufmerksam machte, schämte ich mich fast, immer so arg eingehauen zu haben. Von
da ab wurde ich M.s ein ständiger Brotlieferant, denn von dem schönen
weißen Kommissbrot der PoW-Verpflegung hatten wir mehr als genug. Meist kamen
das Mariele und der Steffele selbst ins Lager und holten diese Kostbarkeiten
bei mir ab.
„Nun kann ich endlich einmal Knödel kochen,“ sagte Frau M. nach
meiner ersten Brotlieferung, und ich durfte davon kosten. Zunächst guckte ich
ziemlich dumm: ein paar Klöße auf den Teller und einen tüchtigen Schlag
Sauerkraut - wo blieb das Fleisch? Doch als ich die „Knödel“ auseinandertat und
das Kraut auf die Gabel wickelte, da fand ich’s: Große Speckstücken; denn es
waren Speckknödel und Speckkraut.
In der Fastenzeit, die ziemlich streng eingehalten wurde, lernte ich noch
andere Südtirolitäten kennen. Meist bekam ich in der Zeit nur Spiegeleier oder
Spritzkuchen. Dann aber wurden eines Sonntags nachmittags „Grüne Krapfen“
gekocht. Da wurden aus einer Art Nudel- oder Kloßteig Scheiben ausgestochen,
ein Löffelchen Spinat daraufgelegt, zu Halbmonden zusammengeklappt und gekocht.
Auf dem Teller wurden sie noch „geschmälzt“, d.h. mit brauner Butter
übergossen. Das war ein Genuß!
Natürlich schnappte ich durch meinen dauernden, meist sehr heiteren
Verkehr mit diesem aufgeschlossenen, so sehr gastfreundlichen deutschen
Volksstamm allerhand sprachliche Eigentümlichkeiten auf. Ich erinnere aber nur
noch der schönen Redensart, die bald auch unter uns gang und gäbe war und die
ein besonderes Lob darstellen sollte: „Da fahlt nix!“ Mit Vater M. mußte
ich mich nämlich meist ein wenig politisierend unterhalten. Der „Tata“ war
alter Tiroler Standschütze des ersten Weltkrieges und hatte sich bei der
Verteidigung - ich glaube gerade des Bozeners, des Schlerngebietes - schwere
Verwundungen, Kopfschuß geholt, die sich in immer weiterem Absinken der
Sehkraft des einen, gerade noch erhaltenen Auges auswirkten. Sein und seiner
Landsleute Hauptwunsch und -sorge war in diesen Tagen, daß sich das „Landl“,
das „Überetsch“, wieder dem Mutterland, dem alten Österreich anschließen oder
mindesten selbstständig machen könnte. Man hoffte, daß mit der Erledigung des
Faschismus Mussolinischer Prägung die Italiener, die „Walschen“, etwas weicher
geworden wären. Nichtsdestoweniger durften solche Bestrebungen nur geheim
bleiben und die Aufgabe einer verzweigten Geheimorganisation, mit der wir
Landser der Schreibstube schließlich auch einmal in Schiebergeschäfte traten,
indem wir ihr unseren Vervielfältigungsapparat und andere Büroutensilien
verkauften. Leider wurden diese Hoffnungen bald enttäuscht. Nur die Anerkennung
der deutschen als zweite Amtssprache wurde erreicht, in den Schulen durfte
wieder deutsch unterrichtet werden, und keiner brauchte sich mehr italienisch
anschnauzen zu lassen: „Maledetto tedesco!“
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