Mittwoch, 23. April 2014

Osterfest in Rosenheim



So kam das Osterfest heran. Frau Riefler war sehr fromm und ging oft, fast täglich zum Gottesdienst. In dieser Osterzeit natürlich besonders, da die Lebensmittelzuteilung nicht auf Fastenspeisen Rücksicht nahm, also weder gebüßt und gebeichtet werden mußte. Der für uns gewohnte Gründonnerstag ging aber ohne Aufhebens auch für die Kinder dahin. Ostern war erst am 1. Feiertag, und Groß und Klein schwärmte schon vom „Eierknicken“. Am Ostersonnabend Nachmittag ging Frau Riefler wiederum zur Kirche, ich war allein im Hause. „Also, “ sagte sie, als sie ging, „es kann sein, in der Zeit kommt meine Schwester, die Tante Bertha, aus München. Lassen Sie sie inzwischen herein.“
Vom Hereinlassen konnte natürlich insofern keine Rede sein, als die Tür tagsüber immer offen war. Ich saß also in der Küche und wartete. Die Ankömmlingin war natürlich nicht schlecht erstaunt über das fremde Gesicht. Aber ich machte mein bestes Kompliment und stellte mich vor. Die Freundschaft war rasch hergestellt. Die gute Tante Bertha Simonseder lud uns gleich für das feiertägliche Mittagessen ein, denn sie hatte allerhand mitgebracht. Sie hub auch gleich, als wäre sie zu Hause, zu backen an. Mit diesen Bayern war doch ein gutes Auskommen!
Am 1. Feiertag warfen wir uns gleich in Glanz und Wichs, und das muß noch gesagt werden: Bereits zum Palmsonntag hatte uns Frau Schönhofer von ihren großen, noch nicht zurückgekehrten Buben Zivilanzüge samt dazugehöriger Wäsche geborgt. Die Schuhe stellte Frau Riefler. Da waren wir natürlich erst einmal platt ob dieses Vertrauensbeweises, und es war kein dickes Ende, daß wir am Abend dieses Sonntags mit Frl. Gretchen hatten ins bayrische Bauerntheater gehen müssen. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Aber einen schönen Fez hat uns da noch insofern verschafft, als wir uns an diesem Sonntag Mittag hatten von Günther G. verabschieden wollen. Der erwartete uns am Ausgang der Stadt, sah aber gelangweilt wieder weg, als er von ferne nur zwei Zivilisten kommen sah.
Er wollte sich schon zum Gehen wenden, als wir ihm auf die Schulter klopften. Das Erstaunen in seinem Gesicht werde ich nie vergessen. Er hatte früher immer angegeben, jetzt waren wir ihm über! Auch Siegfried K., der mit einem großen Teil seiner Kompanie bei einem Bauunternehmen angekommen war, guckte nicht schlecht. Ansonsten waren wir wohl die letzten, die sich von unserem Haufen noch in Rosenheim herumdrückten.
Nun zum Osterfest!
Frühmorgens wurden wir zu Schönhofers gerufen und mußten im Garten suchen. Schließlich fanden wir jeder ein Nestchen mit zwei oder drei Eiern, einem Päckchen Tabak bzw. Zigaretten und den damals dort so seltenen Streichhölzern. Das war natürlich eine besondere Festfreude, weil sie mehr als unerwartet kam. Wie hatten wir’s nur den Leuten angetan?
Nach dem opulenten Mittagessen bei Rieflers mit abschließendem Bohnenkaffee wurde im Garten die Eierbahn angelegt und gekollert. Wenn man mit seinem andere Eier angeknickt hatte, durfte man diese behalten. Ich weiß aber nicht mehr, wie das Spiel ausging. Wir amüsierten uns nur gewaltig über unsere gegenseitigen Mundarten. War gemeint „ein Ei“, sagten wir Mitteldeutschen „ee Ei“, die Bayern aber „oa Oa“. Nachmittags gings wieder in den Traberhof, abends waren wir bei Schönhofers zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Auch ein bißchen getanzt wurde umschichtig. Aber mit den neuen Tänzen kamen wir nicht mit.
Aber leider ging die schöne Rosenheimer Zeit, die fast eine Rosenzeit war, doch unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Wir konnten ja auch nicht in Ewigkeit arbeitslos herumliegen. Von Nachbarn, die in der Ostzone gewesen waren, hörten wir überdies, es „sei gar nicht so schlimm“, wie es öfter gemacht würde, und wir sollten nur zu unseren Angehörigen fahren. Wir zogen noch allerhand Erkundigungen ein und führen auch nocheinmal nach München. D.h. wir mußten der Frau Simonseder ein paar hier luftschutzsicher niederlegte Federbetten nach Schwabing in ihre Wohnung bringen. In ein paar große Luftwaffenrucksäcke gestopft, ging das ja ganz gut. Bei blenden schönem Wetter fuhren wir los, freuten uns des schönen Landes und wurden bei „Tante Bertha“ ebenso blenden bewirtet. Ich glaube, sie hatte einige Büchsen Konservenfleisch in den Kochtopf geschüttet, dabei hatte sie uns kurz zuvor noch mit einem fetten Frühstück bewirtet. Aber auch Bohnenkaffee und Kuchen, Zigarren und Zigaretten fehlten nicht. Wie kamen wir bloß dazu?

Freiheit! Vollkommene Freiheit! 4. April 1946




Und endlich schlug der Tag der Freiheit, der 4. April 1946! Es gab noch allerhand Lauferei. Die Kochgeschirre mußten abgegeben werden. Behalten durften wir entweder 2 Decken oder 1 Decke und 1 Mantel. Ich hatte noch meinen Schlafsack. Was machen? - Ich Esel gab den Schlafsack mit ab, nur damit bei etwaigen Kontrollen nicht noch einmal Schwierigkeiten entständen. Und dann standen wir mit drei Schritten Abstand nach allen Seiten vor dem Hangar und - warteten. Sämtliche Entlassungspapiere hatten wir in der Tasche. Worauf mußten wir noch warten? Sollte jetzt das berühmte „Filzen“ losgehen. Einige dandyhafte Amisoldaten stiegen durch die Reihen und blinzelten unser Gepäck an. Hier und da machten sie Stichproben.
Wir standen und warteten.
Wir warteten solange, daß ich Zeit hatte, in meinen feinen Spazierstock aus Schluderbach das Wort „Marklhof“ einschnitzen konnte. Ja, das war also nun nurmehr Erinnerung!
Anscheinend wurde nicht Nachteiliges mehr gefunden und in Gruppenkolonne ging es fort: Tornister auf dem Rücken, links Wäschetasche, rechts Aktentasche und Spazierstock, und die Last drückte schon Wenn ich nun noch meinen Koffer schleppen müsste?
Lange genug dauerte es, ehe wir in die Viehwagen des „bayrischen Rundzuges“ gepackt wurden. Solange wir noch drinsaßen, war die Vorschrift, galten wir noch als Kriegsgefangene. Stiegen wir aus, an unserem Bestimmungsort, waren wir frei!
Frei, seit sechs Jahren (bei vielen waren es mehr) wieder einmal richtig frei! Das war nicht auszudenken.
Die Fahrt für uns, die wir Rosenheim als Ziel angegeben hatten, war kurz. Und wir waren unser viele.
Rosenheim, ein wüster, zerstörter Bahnhof. Wir hielten. Wir stiegen aus. Ganze Scharen. Und standen zwischen den Gleisen. Standen und blickten uns um. Und noch, als sich die meisten verkrümelt hatten, stand ich immer noch und schaute:
Freiheit!
Vollkommene Freiheit!
Die Zeit der Unteroffiziere und Befehle war vorbei. Nun konnte man gehen, wohin man wollte. Nun konnte man tun und lassen, was man wollte. Man war ganz einfach sein eigener Herr, sein eigener Befehlshaber und sein eigener Befehlsempfänger.
Das Leben hatte wieder Sinn!
Hatte es Sinn?
Gleich kam mir in die Gedanken: Ja, was tust Du nun eigentlich? Wo gehst du jetzt hin, wo bleibst du heute Nacht, wo wirst du essen, was kannst du arbeiten?
Und da türmten sich bergehoch die Fragen, und es konnte einem tatsächlich Angst und bange werden.
Ja, man war frei, so frei, daß man von allem und jedem, von jeder Bindung und jeder Verpflichtung frei war, aber auch von jeder Versorgung, jedem Rückenhalt, jeder Heimstatt.
Und das war schlimm.
Was tun?
Langsam setzte ich mich nach dem zerstörten Bahnhofsgebäude zu in Bewegung. Dort fand ich denn einen Leidensgenossen, der gleich mir noch nicht fertig geworden war war mit dem Fragenkomplex, während andere schon in der Stadt nach einer Unterkunft herumsausten. Das war Heinz Lehmann, der ehemalige Waffengott und nun schon seit längerer Zeit guter Kamerad und Saufkumpan. Schließlich sagten wir uns, daß wir noch einige hundert Mark in der Tasche hätten, und das würde uns für die ersten Tage vielleicht helfen die Freiheit zu ertragen.
Zuerst gingen wir zu also zu meinem Lokomotivführer. Vielleicht hätte er ein karges Nacht-Lager für uns; denn das war unsere erste Sorge, zumal hier noch eine Art Ausnahmezustand herrschte. Abends mußten wir ja von der Straße verschwinden, sonst würden wir uns nur wenige Stunden unserer Freiheit erfreut haben können. Aber mein Lokführer war überbesetzt. Unsere Kraftfahrer hatten sich dort eingelagert. Das war also nichts. Da standen wir mit unseren trüben Kenntnissen. Die Freiheit war doch nicht so was Feines!
Der Nachmittag ging schon langsam in den Abend über.
Mißliche Lage!
„Gehen wir einmal zu meinem Eisenbahner, zum alten Schönhofer,,“ sagte Heinz Lehmann.
Der alte Schönhofer hatte Nachtdienst bei der Güterabfertigung. Das war eine alter Eisenbahnwagen. Für ein oder zwei Nächte könnten wir da auf dem Fußboden schlafen. Na, das war der erste Lichtblick. Mochte der nächste Tag für sich selbst sorgen.
Die Tage verbrachten wir damit, uns Lebensmittelkarten und sonstigen Papierkrieg zu holen. Wir wollten Arbeit suchen; denn wie es um Heimat und Angehörige stand, das wußten wir nicht und bevor wir nicht etwas wußten, wollten wir uns auch nicht hinüberwagen über die ominöse Zonengrenze. In Aibling noch hatten wir Kameraden kennengelernt, die warteten auf Entlassung in die Ostzone. Die Amis stellten aber keine Transporte mehr zusammen, weil die aus dem Osten kommenden eigentlich nur halb und ganz Tote gebracht haben sollen. Das konnte ja heiter sein!
In Aibling auch hatten Anschläge gehangen, daß Journalisten gesucht würden. Hm, da könnte ich vielleicht unterkommen. Heinz Lehmann suchte Schlossermeister. Während aber ich riesige Fragebögen ausfüllen mußte, erhielt Lehmann überall den Bescheid: „Arbeitskräfte brauchen wir und würden auch sofort welche einstellen - aber Zuzugsgenehmigungen kriegt niemand!“ Aber auch meine Aussichten waren gering. Ich fuhr sogar einmal nach München deswegen. Dort sagte man mir beim Presseverband, das könnte noch Monate dauern, bis der Ami seine Zustimmung gegeben habe. Aber solange hatte ich nicht Zeit. Bei der Rosenheimer Zeitung ließ ich mich auch einmal melden. Dort waren allerhand Sachsen als Schriftleiter, leider war die ganze Redaktion überbesetzt. Das war also nichts.
Ein Offizier vom Divisionsstab verteilte auf dem Bahnhof Hilfsarbeiterstellen für die Reichsbahn. Er geriet dabei zwar in schweren Konflikt mit dem Arbeitsamt, wir sahen aber später doch Marklhof-Kameraden an der Bahnlinie nach München schippen.
Inzwischen regelte sich unser Unterkommen erwünschtermaßen. Wir hatten den alten weißhaarigen Schönhofer gebeten und getreten, bis er sich einmal bei Bekannten befragt hatte. Zwar hatte er uns erst abwimmeln wollen, er wohne weit draußen in einer Siedlung, aber hier mitten in Rosenheim war ja doch nichts zu kriegen. Manche hatten schon vorher mit Beziehungen und Bekanntschaften geprunkt. Jetzt schliefen sie irgendwo auf Tischen oder in Hausfluren und mußten bald machen, daß sie fortkamen. Wir also hatten Glück!
„Meine Nachbarin, die Frau Riefler…..“ und wir dankten dem alten Schönhofer, pumpten uns von wildfremden Leuten unter Hinweis auf Ernst Pursche, der dort einen Fahrrad untergestellt hatte, einen Stoßkarren und karrten unser Gepäck hinaus in die Kastenau. Das war die Kinderreichen-Siedlung von Rosenheim, anheimelnd in typisch bayrisch-älplerischen Baustil errichtet. Die Frau Kathi Riefler empfing uns wie heimgekehrte Söhne, und es war von Anfang an eine große Herzlichkeit zwischen uns. Sie hatte noch Mann und ältesten Sohn in der Fremde, ohne Nachrichten zu haben, und wollte nun ein gutes Werk tun. Es waren noch eine Anzahl Kinder da, zwei Buben und zwei Mädchen, das kleinste so drei, vier Jahre alt, mir denen wir uns auch gleich verstanden. Wir erhielten eine Schlafkammer mit richtigen Federbetten. Der Söller war von hier aus auch gleich zu betreten, sodaß wir erst einmal aufatmen konnten. Wir machten einen Wochenpreis von wohl 10 Mark aus, machten uns aber anheischig auch sonst der allein stehenden Frau zur Hand zu gehen. Mit Schönhofers wurde auch gleich Freundschaft geschlossen. Hier waren nur noch zwei „Maadeln“ im Haus, die 12jährige Ziska und die 16jährige Gretel, zwei nette Käfer.
Wir bleiben ganze drei Wochen hier zur „Nachkur“ von der Sommerfrische Marklhof. Es war eine schöne Zeit, die uns allem durch die vorbehaltlose Gastfreundschaft unvergeßlich bleiben wird. Nicht bloß bei Rieflers und Schönhofers lernten wir das kennen, sondern auch in Geschäften. Wo immer wir einkaufen gingen, Bäcker und Fleischer, wurde uns zugegeben oder im Preis nachgelassen oder ohne Marken verkauft usw. Besonders hervor tat sich eine „Gemischwarenhandling“, von zwei alten Schwestern bewirtschaftet, die nicht genug tun konnten, uns auf ihre Weise zu „bemutteln“. Da war natürlich, trotz unserer gefestigten Bewußtsein in der Brieftasche (300 Mark), gut haushalten.
Zunächst wurde also einmal lange geschlafen. Dann ging es oft in die Stadt, all die genannten Besorgungen zu erledigen. Mittagessen nahmen wir ebenfalls in der Stadt in einem Gasthof, dessen Name mir entfallen ist. Der erste Gang nach der Quartiernahme war natürlich ein Telegramm nach Hause, worauf die Antwort am 8. eintraf. Der angekündigte Brief kam leider nicht, und da das Telegramm verstümmelt, nämlich mit falscher Unterschrift ankam, blieb ich unsicher. Beim Flüchtlingskommissar mußten wir uns einige Male die Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen, was nie ohne Schwierigkeiten abging.
Bereits am ersten Sonntag wurden wir von Frau Riefler zum Mittagessen, grüne Klöße, eingeladen. Nachmittags unternahmen wir mit den vereinigten Familien Riefler-Schönhofer einen Spaziergang nach einem schönen Ausflugslokal, dem „Traberhof“. Dort gab es Eiskaffee, Kartoffelsalat mit „Bluatspreßsack“, einer Art markenfreier Blutwurst (ohne Fleisch!). Wir fühlten uns ganz zivil. Unserer Wirtin halfen wir fleißig. Heinz Lehmann setzte ihr das Wasserclosett und den verstopften Abfluß im Waschhaus instand. Ich half natürlich. Dann konnten wir selbst einmal unser Zeugs waschen. Mal hackten wir ihr eine gehörige Fuhre Holz, mal karrten wir ihr Sand in den Garten, mal banden und beschnitten wir ihr Spalierobst, halfen den Kindern bei den Schularbeiten und was derlei Arbeiten mehr waren.
Das Wetter wurde schon so schön warm, daß wir bald wieder in kurzer Südtiroler Wichs marschieren und uns im Garten sonnen konnten. Und abends war meist großes Treffen der vereinigten Familien. Da wurden mal bei Rieflers, mal bei Schönhofers Pfänderspiele gemacht, bei denen es nicht ohne sehr viele landesübliche bayrische Busselei abging, die besonders dann als angenehm empfunden wurde, wenn es sich bei dem zu küssenden Objekt oder dem küssen müssenden Subjekt um die hübsche knusprige Gretel Schönhofer ging. Ja, es war halt der erste Friedensgenuß!
Von ferne die Kämme verblauender Gipfel,
von nahem der Tannen ernst grünende Wipfel
und zwischen der Bäume weiß blühender Pracht
ein Teppich, von Gärten gewirkt und gekettet,
drein saubere Häuslein geschmiegt und gebettet -
dort hat uns ein Frühling so sonnig gelacht.

Wo Menschen nach mondelang währendem Beben
Erstanden zu froherem, freierem Leben,
wo Gastfreundschaft blüht wie die Rose im Hag,
wo Kinder im Spiel wieder jauchzen und singen
und Gärten und Hecken vom Vogelschlag klingen -
dort ward uns ein leuchtender Vorfrühlingstag.

Und senkte der Abend sich mählich hernieder,
sang einsam ein Glöckchen andächtige Lieder,
begann der sich rundende  Mond voller ruh
am Himmel auf silbernen Wolken zu wandern,
verlöschte eine leuchtendes Licht nach dem anderen,
dann summten wir uns noch im Traum fröhlich zu:

Ja, drauß’ in der Kast’nau,
wo in Wäldern und Au
ist vom Winter die Erde genesen;
ja, drauß’ in der Kast’nau,
wo der Himmel so blau
und die Mädchen so lieb stets gewesen!
Da ist uns von neuem das Leben erwacht
Und hat uns die Herzen zur Freude entfacht.
Und werden die Tage einst wiederum grau,
was die Sorgen vertreibt, die Erinnerung bleibt
an den Lenz in der lieben Kast’nau!