Beim nächsten Morgenappell kam wieder ein Stimmungsrückschlag. Der englische Rundfunk hat gemeldet, die gesamte deutsche Wehrmacht habe nun kapituliert. Der Spieß drückte als ziemlich sicher aus, wir kämen im Landmarsch weg, also „per pedes apostolorum”. O weh! Es gab mir gleich einen Stich durch die Narben meines Fußes, und ich bekam einfach ganz fürchterliche Angst vor der Zukunft.
Ein wenig hatten wir ja alle noch gehofft, daß der Dönitz’sche Vorschlag gemeinsamen Vorgehens gegen Rußland Annahme fände. Es wäre uns doch ein wenig Trost und Zukunftshoffnung gewesen. Der 8. Mai trat dieses Hoffnungsflämmchen aus. An diesem Tage war nach offizieller Mitteilung früh 2.41 Uhr die bedingungslose Kapitulation mit allen Feindmächten unterzeichnet worden, auch mit Rußland. Und gleich hängten sich auch bösartige Gerüchte an diese Meldung wie: Die Russen wollen alle deutschen Männer von 18 - 30 Jahren haben! Mich beträfe das zwar nicht mehr, aber es wäre doch furchtbar gewesen; und was würden sie mit unseren deutschen Frauen und Mädchen machen, die laut nazistischer Propaganda „vertierten Massen aus dem Osten”?
Noch einmal arbeitete auch die militärische Befehls- und (lachhaft, wie wir sagten) Beförderungsmaschine. Die letzten Divisions-, Abteilungs-, Kompaniebefehle kamen heraus. Sie enthielten nicht nur die auf die übliche militärische Formel, den „Tenor” gebrachte Kapitulation, sondern wären auch noch der Anlaß für zahlreiche Beförderungen. Eine ganze Menge Kameraden wurden noch zu Unteroffizieren, Unteroffiziere zu Wachtmeistern befördert, weil nur das nach der militärischen Berechtigungsvorschrift dem Abteilungskommandeur noch möglich war. Unser Verpflegungsunteroffizier L. wurde Wachtmeister, H. B. Unteroffizier. Was haben wir gelacht über diese „ersten Friedenswachtmeister” und „ersten Friedensunteroffiziere”, wenn es auch nur noch ein Possenspiel war.
Aber nun war der Frieden doch und endgültig ausgebrochen, wenn er auch anders aussah, als wir uns gedacht hatten. Und doch war es noch Frieden für uns. Die Kämpfe waren vorbei, Luftalarme und Luftangriffe fielen aus. Aber die Amis, die uns hätten gefangen nehmen oder bewachen sollen, waren auch noch nicht da. Wir erfreuten uns völliger Freiheit, die wir denn auch gehörig mit Spaziergängen usw. ausnützten.
Wir von der Eisenbahn-Bau-Division - wenn ich mir auch später sagen lassen mußte, daß diese Eisenbahn-Bau-Division ein ganz geschickte Tarnung des Divisioners war - erfreuten uns doch noch köstlicher Freiheit. Täglich wurden, in Ermangelung anderer Beschäftigungen, ausgedehnte Spaziergänge unternommen. Entweder drangen wir im Walde nach dem Monte Piano zu vor, wo hart an seinem Fuße eine Art Waldbahn von Toblach her kommend nach Cortina fuhr - eine Fahrgelegenheit, die von vielen wahrgenommen wurde, besonders von den immer noch erlebnishungrigen Nachrichtenhelferinnen, oder wir schlängelten uns den Schluderbach entlang durch den urwüchsigen Wald die Straße nach Cortina entlang. Auf die Straße selbst wagten wir uns nicht und hatten unsere gewichtigen Gründe dafür. Seit dem 9. Mai nämlich begann hier eine „rückwärtige” Bewegung des Verkehrs, indem lange Kraftwagenkolonnen ansehnliche Massen von deutschen Kameraden nach dem Süden transportierten. Da ging es also in die Gefangenschaft! Mir krampfte sich bei solchem Anblick das Herz im Leibe zusammen! Gefangenschaft! Das war doch das Schlimmste, was einem passieren konnte, und uns stand es auch noch bevor!
Die Lust an der gewaltigen Natur ließen wir uns aber deswegen nicht nehmen, und selbst als dann im Hause eine amerikanische Wache eingezogen war, blieb unsere verhältnismäßige Freiheit unbeschränkt. Ja, es schien uns, als sei die Wache nicht da um uns zu bewachen oder unser Ausreißen zu verhüten, sondern mehr dazu, uns vor den Übergriffen anderer amerikanischer Einheiten zu beschützen als der, in deren Schutz - wie wir nach und nach erfuhren, - uns der Divisioner, Oberst Schnez, gestellt hatte. Doch das hinderte nicht, daß auch wir noch eine Wache zu stellen hatten. Wir nannten sie die „Stockwache”, weil wir uns an Stelle von Waffen mit Spazier- und Skistöcken aller Art und Größen ausgerüstet hatten. Da lag uns das nächtliche Verschließen der Hoteltüren ob, um das Eindringen unbefugt flüchtender Kameraden anderer Einheiten zu verhindern, oder vielleicht auch die Flucht der eigenen?
Bei dieser Gelegenheit, entsinne ich mich, lasen wir allerhand Bekanntmachungen, die das Kommando der Heeresgruppe Süd an alle noch einigermaßen intakten Einheiten kommen ließ. Zunächst lachten wir tüchtig über die Anweisungen der Amerikaner, weil die von den deutschen Soldaten selbst in den amtlichsten Kundmachungen nicht anders als von ”Krauts” redeten. Wieweit wir etwas mit Kraut zu tun haben sollten, ist bis heute unerfindlich geblieben; denn gerade uns alten Rußlandkämpfern war bekannt, daß der Russe weit mehr dem Kraut verschworen war, als wir Deutschen. Aber der Landserwitz hielt sich nun einmal nicht an intellektuelle Spekulationen, genauso wie der deutsche stur die Italiener als Itaker bezeichnete, was doch eigentlich besser auf die Bewohner der Odysseus-Insel Ithaka zugetroffen hätte. Aber da war nichts zu machen. Der Katzelmacher des ersten Weltkrieges war halt ausgestorben.
Weit interessanter aber waren Mitteilungen, die hinter die Kulissen des Nazismus leuchteten, der nun sein Dasein anscheinend endgültig beschlossen hatte. Da ließ uns nämlich der Führer der Heeresgruppe, ich glaube Generalfeldmarschall Kesselring war das, wissen, daß in den letzten Tagen kurz vor dem Zusammenbruch die SS einen großen Häftlingstransport aus einem der ”vornehmsten” Konzentrationslager Süddeutschlands hatte nach Südtirol flüchten wollen. Im Pustertal, in Welsberg, habe man sie ausgeladen, als der Zusammenbruch kam, und da hätte sich denn das ganze Verbrechen der Nazis gezeigt, die hier Staatsmänner aus allen unterdrückten Ländern Europas unter den menschenunwürdigsten Verhältnissen festgehalten hatten. Ein französischer Ministerpräsident sei auch dabeigewesen. Nun habe sich die Heeresgruppe ihrer angenommen, die Entkräfteten verpflegt und versorgt, um dem deutschen Namen doch noch einige Ehre zu machen. Dabei wurde gewissermaßen ehrenwörtlich versichert, daß man nichts von der Greueln der KZ. habe wissen können!
Unter solcherlei Erlebnissen war wieder eine Woche vorübergegangen, eine Woche voll Hangens und Bangens wegen unseres künftigen Schicksals und ohne jede Entscheidung. Wieder wurde zum Gottesdienst gerufen. Diesmal waren im nahen Walde lange Reihen von Sitzbänken aufgestellt worden. Der Geistliche, ein Unteroffizier, faßte die Erlebnisse der letzten Tage in starken und stärkenden Worten zusammen. Er ermahnte uns, wach zu sein, stark und männlich, Gott zu vertrauen und sein Wort in uns zu tragen. Nun, Gott war und blieb ja auch unsere letzte Zuflucht in dieser Zeit, da alles wankte und stürzte, auf das man bisher getraut und gebaut hatte. Und gerade die kommende Woche sollte es zeigen, daß man nur noch auf Gott vertrauen konnte.
Der Sonntag verging wie alle anderen Tage. Man war nun schon ruhiger geworden, ein stärkendes Mittagsschläfchen nach einem guten Mittagessen tat sein übriges. Übrigens sei es hier gleich am Rande erwähnt: Was noch an Vorräten in der Küche vorhanden war, wurde jetzt so rasch wie möglich verzehrt. Wir hatten immer wunderbar fett- und fleischreiche Mahlzeiten. Es war ein bißchen ”Après-nous-déluge-Stimmung” dabei, aber, sagte man sich, was nützte es, bei einem etwaigen plötzlichen Aufbruch alles liegen lassen zu müssen, statt sich erst einmal ordentlich satt gegessen zu haben? Vor allem war man doch etwas ruhiger geworden, und ich setzte mich in meiner Dachkammer sogar hin und begann wieder zu schreiben, und wenn mir auch die Verse, der allgetreue Pegasus, noch nicht wieder zur Verfügung stand, so gelang mir doch eine Art Novelle, eine Anekdote aus dem Siebenjährigen Krieg, die ich früher schon einmal geschrieben hatte. Da man aber so gar nicht wußte, ob nicht in der Heimat, die einem bisher als sicherster unzerstörbarer Port geschienen hatte, alles zerstört sei, trieb schon der Drang, unverlierbar geschienenes geistiges Gut wieder ans Papier zu fesseln, ehe man es vergäße.
Bei einem nachmittäglichen Spaziergang am Ufer des Schluderbaches regte sich unter den Männern auch wieder die Daseinsfreude. Sie kamen, da die Sonne schon schön wärmte und bräunte, auf den Gedanken, den Schluderbach zu stauen, um eine Art Freibad zu errichten. Das war gewissermaßen die erste demokratische Lebensäußerung unseres Häufleins. Der Spieß schloß sich dem Mehrheitsbeschluß an, und beim montäglichen Dienstverteilen rückten wir mit Hacken, Spaten und Schaufeln aus, einen Staudamm zu errichten. Das war ein lustiges Arbeiten, und mit Felsbrocken, Lehm und übergelegten Baumstämmen hatten wir bald ein Dämmlein geschaffen. Während wir so arbeiteten, prasselten auf der Straße immer wieder Amerikaner in ihren berühmten „Flitzern”, den „Jeeps” vorbei. In einem aber saßen ganz besondere „Brietzeln”. Die hatten irgendwo eine deutsche Signalraketen-Pistole erbeutet, mit der sie nun aus Unsinn in der Gegend herumschossen. „Die Kriebeln”, schrie einer von uns, „jetzt haben sie doch richtig in den Wald hineingeschossen!” Unterhalb der Roten Wand sahen wir die Rakete niedergehen und zünden. Es war zwar ziemlich hoch oben, aber Wald war Wald, und es begann auch bald zu rauchen und zu lodern, so daß wir Deutschen, denen der Wald doch ganz anders ans Herz gewachsen ist als den nüchternen Amerikanern, ganz zornig zu Mute wurde. Als wir ins Quartier zurückkamen, erfuhren wir, daß dasselbe auch noch an anderen Stellen geschehen war und allenthalben die Waldbrände emporflackerten, was besonders nachts einen schaurig-schönen Anblick gab.
Noch am Abend zog eine Gruppe der Kompanie hinaus, um die Brände einzudämmen. Sie konnten aber nicht viel ausrichten. Nachts und am nächsten Tage ginge starke Gewitterregen nieder. Sie vermochten aber die Waldbrände nicht zu löschen. Es schwelte und glimmte unter der nassen Aschendecke weiter, und als es halbwegs wieder ein wenig sonnig und warm wurde, schlugen die Flammen wieder auf. Dafür aber hatten die Gewittergüsse unser Stauseelein ganz ansehnlich gefüllt. Leider konnte ich nicht mit hinein-”huppen”, da ich noch keine Badehose hatte und weil mir das Wasser doch ein wenig zu schmutzig war. Außerdem aber war ein anderer Dienst angesetzt, der uns nun doch ein wenig peinlich an unsere Lage erinnerte: Wir mußten unser Lager an Nachrichten-Geräten und Materialien aufräumen, sortieren und zusammenpacken. Das mußte alles an den Ami abgeliefert werden. Weil ich mich unter Hinweis auf meinen zerschossenen Fuß von den Löscharbeiten am Waldbrand gedrückt hatte, kam ich auch nicht in Frage, die Fahrt zur Ablieferung der Geräte mitzumachen, obwohl ich gern mitgemacht hätte.
Neben solchen kleinen Diensten gab es für uns noch einen, den wir ganz gern absolvierten: Küchendienst, d.h. Kartoffeln schälen. Im Zuge des großen Resteressens kam nun auch das Kartoffellager mit an die Reihe, was vorsorglich schon seit dem letzten Herbste in Schluderbach für uns aufbewahrt worden war. Auch Nachrichtenhelferinnen halfen mit, allerdings mehr beim Kochen. Unsere Küche, die sich im Keller des Hotels befand, war dadurch ganz schön bevölkert. Meine Glauchauer Landmännin P. arbeitete auch mit hier. Und bei Gelegenheit eines solchen Küchendienstes, bei dem manche Stunde unter der Arbeit verplaudert wurde, erfuhr man denn auch neueste Neuigkeiten. Vor einigen Tagen noch hatten wir uns bei dem Gedanken beruhigt, daß die Demarkationslinie zwischen Russen und Amis durch die Elbe gebildet werden sollte. Plötzlich durcheilte unsere Quartiere die Nachricht, und ich vernahm sie in der Küche, daß die Mulde die Demarkationslinie werden sollte!
Heiliger Gott! Russische Besatzung in unserer Heimat? Was soll aus unseren Angehörigen werden? Wir befürchteten das Schlimmste und konnten einige Nächte nicht schlafen. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem unsere Angehörigen noch nicht einmal etwas von diesem ihrem Schicksal wußten. Ihnen wurde es eigentlich erst mit dem tatsächlichen Einrücken der Russen Mitte Juni klar, uns schon einen Monat vorher!
Trotz jetzt öfter einsetzender Regenfälle und Gewitter lassen die Waldbrände nicht nach, und die Kameraden müssen noch einige Male hinaus. Ich schreibe meist in der Zeit oder ordne meine Waffenkammer, die ich doch so gerne los sein wollte. Aber niemand kam und nahm uns die Waffen ab. Der feierliche Akt der Waffenniederlegung wurde uns erspart. Immerhin war ich ein wenig ängstlich. Lt. Kapitulationsbestimmungen durften wir keine Waffen mehr haben, und wir hatten noch so viele. Wenn nun - und was denn dann - und ich war schließlich verantwortlich dafür - ?! Ich telephonierte mit der Abteilung. Der Waffenmeister H. L. wußte auch nichts und lebte in derselben schummrigen Gemütsstimmung, nur um einige Grade höher. Aber die Sache war darum nicht so gefährlich, als wir gar nicht als Kriegsgefangene galten, sondern als Internierte. Die volle Auswirkung dieses Begriffs erfuhren wir erst später.
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