Als der Schriftleiter der „Heimat“ mich auch um Prosabeiträge bat, faßte ich es in die Kurzerzählung „Einer von uns“, als das Erlebnis eines erzgebirgischen Menschen, und als es an einem der nächsten Tage zu schneien begann …..
Erst gestern hing - die Höh’n der Etsch entlang -
Noch duftend Herbstes letzter Abendhauch
Und warmer Sonnenstrahl in Hag und Hang.
Noch grün, doch meist schon gilben hingen auch
Noch Blättereinsam in des Hains Geäst,
indes bereits des Winters erster Reif
den dürren Rasen zierlich Nest an Nest
bedeckt hat wie mit duft’gem Spitzenstreif.
Noch - heute - hüllt sich der entlaubte Kranz
Des Sommers, Herbstes, hüllt der Welt Gesicht
Sich in der weißen flocken Wirbeltanz,
der wie ein Schleier dicht um dicht
die Berge und das Tal, das weite Land
verbirgt. Der erste Schnee! Er wirkt und webt
der alten Mutter Erde das Gewand,
darin sie Winters Nöte überlebt.
Und morgen? Was wird morgen in der Welt?
Der Himmel baut in weitem grauen rund
Von Berg zu Berg ein Wolkenzelt,
aus dem das weißen Träumen, das so bunt
des Menschen Herz erfüllt, herniedersinkt.
Und sei es noch so elend und so fern,
dies Menschenherz, im Winterzauber winkt
von neuem und auch ihm der Weihnacht Stern.
Ja, ja, es war Advent und es wurde Weihnachten, und mich trieb es in echt erzgebirgischer Art, das Fest zu gestalten, mochte unsere Armut dafür noch so groß sein, die Seele hatte ihre Spannkraft bewahrt. Aber allen war es nicht so ums herz, und mancher hätte ein paar tausend Lire darum gegeben, wenn das Fest der Heimatsehnsucht hätte ausfallen können. Damals wollte ich das nicht verstehen und rief den „miesepetrigen Philistern“ zu:
Wem nicht der Weihnacht tröstlich Licht
im Elend kann erscheinen,
dem schien es auch im Glücke nicht
zu Hause bei den Seinen.
Wer des Gemüts ermangeln lässt,
dem helfen keine Kerzen;
die Weihnacht braucht kein Freudenfest,
die Weihnacht braucht die Herzen.
Und alsbald setzte ich mich hin und bastelte aus noch ungebrauchten lila Aktendeckeln ein großes Weihnachtsleuchtbild, eine Art Triptychon. Links und rechts Weihnachtsengel und Lichterbergmann erzgebirgischer Prägung, in der Mitte eine einfache wiege mit dem Kinde, alles in einfacher Scherenschnittmanier. Der Stabselektriker legte mir dafür eine Lichtleitung, damit das ding auch erleuchtet werden könnte. Das gab eine feierliche Wirkung von sich in seinem einfachen Schwarz-Weiß-Glanz. Der Stabsarzt mußte es sogleich nachmachen, in Laubsägearbeit und ganz bunt.
So zog Weihnachten bei uns ein, und Günter M. war noch soviel Sachse, dass er den Festgedanken ebenfalls künstlerischen Ausdruck verlieh, da er den Mederlehof in Schreckbichl und seinen „Stadel“ als Christgeburtsstall“ malte, die Mederlekinder als staunende Hirten davor. „Du“, sagte ich zu ihm, „da mache ich eine Legende dazu!“
Inzwischen hatte ich auch meinen Adventskranz fertiggestellt, d.h. den eisernen Reifen mit Tannengrün umwunden und reich mit roten Borkenherzen geschmückt, die ich zu ganzen Traubenbünden vereinte. In die Mitte, wo die Leuchterarme sich trafen, hängte ich einen übergroßen Pinienzapfen, dem ringsherum kleine Kiefernzapfen Gesellschaft leisteten. Das Leuchtbild dazu und schöne sächsische Winterbilder an der Wand - das war eine feine Weihnachtsecke über meinem Schreibtisch mit der Schreibmaschine.
Aber auch andere waren nicht müßig gewesen. Vor allem bei der technischen Kompanie wurde unter Anleitung des Stabsarztes fabelhaft gebastelt. Dort entstand vor allem Spielzeug in großer Masse. Das sollte an die Bevölkerung verkauft oder verschenkt werden. Die feinsten Sachen schufen die Kameraden dort, und man konnte wirklich von einer Werkstatt des Weihnachtsmannes sprechen. Ich erinnere mich an ganze Baukästen von fertigen Häuslein mittelalterlichen Gepräges aus Holzabfällen, ein großes bewegliches Krokodil und andere Herrlichkeiten. Ein Kupferschmied arbeitete mehr für die Großen und trieb aus Artillerie-Geschoß-Hülsen wunderbare Schalen, die ein Graveur u.a. mit den Wappen Südtiroler Städte verzierte usw. Das waren die Bastler, die den Weihnachtsschein im Herzen hatten:
Wenn andre Tennisbälle schlagen,
steht er an seiner Hobelbank
und schafft versonnen - Kuh und Wagen,
Dorf, Wald und Eisenbahn. Den Dank
erfährt er nur im eig’nen Herzen,
drin seiner Kinder Leben lebt.
Er schafft im Geist für sie - vor Kerzen
weihnachtlich stillem Schein umschwebt.
Und da ich einmal beim Spruchsprechen war, stieg in mir so mancher der Weihnacht verwandter Gedanke herauf, so manche Verherrlichung des Geistes, des Gemütes und der Kunst gegenüber dem mir so öden Sportbetrieb. Ich dachte an Günter M.:
Wie ist das Land so farbensatt,
und immer neue quellen
vom Pinsel auf das weiße Blatt.
In hundert Aquarellen
bannt er, was uns im Weh so wohl
geworden, eine Sage:
„Gefangenschaft in Südtirol“
und viele Sonnentage.
Denn gerade zu Weihnachten merkte man, dass die deutsche Seele, die ich schon in meiner Chorfeier so erfolgreich besungen, trotz Krieg und Not nicht verloren war. Und das war auch so ein Weihnachtsgedanke, wenn auch die Tatsache an der harten Wirklichkeit gescheitert war:
Wenn Mut auch sank und Glaube schied
und alles Zukunftshoffen;
lebt noch und klingt das deutsche Lied,
steht alles wieder offen.
Wir schwingen’s aus dem Herz empor,
zu Herzen wird es dringen:
Drum lasst uns neu in vollem Chor
Von deutscher Seele singen.
Und wie dankbar war ich, dass ich dies alles in Worte fassen konnte als ein „Dichter“ und gerade zu Weihnachten:
Was ihn bedrückt, was ihn erhoben,
des schweren Schicksals trüber Schein,
das schöne Land - Das ist verwoben
in seiner Seele offnen Schrein
und quillt - im ganzen wohl bescheiden -
und dennoch frisch und echt ans Licht
als des Erlebens reinste Freuden
und wird zum Werk, wird zum Gedicht.
Das Weihnachtsfest verlangte aber auch noch andere Vorbereitungen. Heizmaterial mußte beschafft werden, und das war knapp im holzarmen Südtirol. Zunächst zersägten wir Telegrafenstangen, die noch von früheren Einsätzen lagen. Die machten auch dreimal warm: beim Sägen, beim Hacken und beim Verfeuern. Zwei Mann pro Tag wurden immer abgestellt, und bald bildete sich ein mehr oder weniger edler Wettbewerb heraus, wer die meisten geschafft hatte. Mit verbissener Wut, kann man fast sagen, gingen die Kraftfahrer und Schlosser und Portepeeträger die Stangen an, und jeder verkündete triumphierend, er habe am Tage wieder eine mehr zerkleinert. Heinz B. dachte wie ich. Wir wollten den Rekord nach dem negativen Ende hin brechen. Beide waren sie so, dass wir sofort verschnupften, wenn etwas in Wettbewerb gemacht wurde. Uns genügte, daß jeder leistete, was er zu leisten im Stande war. Alles andere liegt auf dem Wege zum Selbstmord. Wir setzten uns also nur das eine Ziel, so wenig wie mögliche und höchstens eine Stange zu zersägen, dafür die dickste. Denn die dicken hatten die edlen Wettbewerber alle liegelassen - so geht es nämlich mit jedem Wettbewerb. So brachten wir - modern gesprochen - unser „Soll“, eine Stange, in aller Gemütsruhe im Laufe des Tages fertig und würzten die öde Arbeit - hin-her, hin-her - mit einigermaßen zünftigen Holzmacherwitzen.
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