Gefangenschaft in Südtirol - Unklarheit über die Heimat und allerlei Erlebnisse



Wie aber mochte es, während wir hier mehr als gut lebten, der Heimat ergehen? Es waren durchaus keine Nachrichten zu erhalten, was meine Lieben anlangte. Anderen ging es ähnlich. Zwar gab der Rundfunk aus Dresden manche merkwürdige Bekanntmachung von Konzerten und Ausstellungen. Aber wenn das Leben in der Heimat schon wieder normal war, warum bekamen wir dann keine Post? Ließ der Russe keine durch? War der Ami der Schuldige? Aber er schikanierte uns doch sonst nicht. Erst viel später erfuhren wir, daß der Franzose uns in dieser Beziehung nicht wohl wollte. Er hielt ja das Stück Österreich um Innsbruck besetzt und pflegte dort, wie uns erzählt wurde, sämtliche Postsäcke mit PoW-Post nach Italien aus den Einsenbahnwagen zu werfen. Verdienten wir es wirklich nicht, von unseren Angehörigen Post zu erhalten? Dabei schrieben wir laufend meist die sog. Kriegsgefangenenpostkarten über das Internationale Rote Kreuz.
Da also Nachrichten nur spärlich aus der Ostzone in unser friedliches Sonnenland kamen, organisierte der Divisioner einen sog. „Heimatdienst“, für den im Bereich des Lagers Marklhof ich eingesetzt wurde. Wir machten es uns zur Aufgabe, alle irgendwie durchsickernden Nachrichten über die Heimat, d.h. also die sog. Ostzone zu sammeln und einem Offizier im Stab bei Siebeneich zuzuleiten, sodaß wie aus vielen Mosaiksteinen eine Art Bild zusammengesetzt werden konnte. Daß das Bild meist schief wurde, ist nicht zu verwundern; denn wir bezogen unsere Nachrichten meist von Ostzonenflüchtlingen und zum Teil sogar nur aus Gerüchten, nur das Geringste war Tatsache und aus Briefen entnommen, die auf irgendwelche Weise doch durchgekommen waren.
Dieser mein Posten verschaffte mir aber wenigsten ab und zu mal eine Fahrt mit dem Kraftwagen nach Siebeneich, und der Februar ließ sich mit schönem Wetter bereits wieder frühlingsmäßig an. Man glaubte schon die Knospen springen zu sehen. Die Abende und Nächte aber waren immer noch empfindlich kühl, und das heizen durfte noch nicht aufhören. Paul E. aber hatte mir wieder einen Raummeter Holz zugeschwenkt. Also erwirkte ich mich die Erlaubnis, mit den Verpflegsfahrern einmal mit nach Eppan ins Verpflegslager fahren zu können. Wir fuhren, glaube ich, mit zwei oder drei großen Wagen los. Die Kompanie, Herbert W. aus Glauchau, war dabei; denn es wurde gemeinsam empfangen und erst bei uns im Lager geteilt. Auch Uffz. v. Einsiedel war dabei, sowie Heinrich W. und Alfred K., unsere beiden Lkw.-Fahrer.
Nachdem wir in Eppan unsere Wagen vollgeladen hatten, Brot, Fleischbüchsen und vor allem Holz, ging die Fahrt wieder ab. Aber bereits im verwinkeltsten Teile Girlans fuhr man in eine verborgene Sackgasse hinein und stieg aus. Herbert W. hatte zu mir gesagt: „Wir müssen doch mal zusammen einen heben!“ Und auch Einsiedel war der Meinung gewesen. Mit den Kraftfahrers hatte ich mich schon immer gut verstanden. Nun also, wir schlugen auf den Tisch. Die Wirtin war zu dieser ungewohnten Vormittagsstunde allein im Hause, und der rote Wein war auch zur Neige gegangen. Nur der berühmte weiße Terlaner war noch da. Das konnte uns natürlich nicht erschüttern, und es hob eine nasse Mette an, wie wir sie lange nicht erlebt hatten. Als der erste Eichstrich erreicht war, schrieen wir nach Essen! Aber da war auch nichts da, und Herbert W. ging kurz entschlossen zum Verpflegswagen. Trocken Brot war nicht die schlechteste Zukost für diesen Wein!
Kurz vor Mittag brachen wir auf. Jeder war mindesten in Stimmung, und einem Außenstehenden hätte es um die Heimfahrt bange werden können. Aber gerade Heinrich W. fuhr betrunken sicherer und vorsichtiger als nüchtern. Die Meute ging gerade zum Essen, als wir aus den Wagen heraustaumelten. Da konnte man grienende Gesichter sehen! Auch der Chef lachte sich eins, wie wir so quietschvergnügt nach neuem Wein riefen, der sich auch in der Kraftfahrerstube fand. Da wurde noch einigen Flaschen Roten der Hals gebrochen, unter Gottes freiem Himmel, auf eine Bank vor der Küchenbaracke.
Ich hatte einen ganz anständigen Affen, war selig wie lange nicht und graute mich ein wenig vor dem möglichen Kater. Aber ich verfiel auf ein feines Mittel: zunächst aß ich kräftig, denn Appetit war immer vorhanden, dann schnappte ich mir meinen treuen Spazierstock rund ums Lager. Und ich lief solange in der warmen Mittagssonne des kühlen Februartages, bis die Alkoholdämpfe verdunstet waren. Abends ging es dann zeitig ins Bett, und siehe da, der Affe verflüchtigte sich wirklich, ohne einen üblen Kater zu hinterlassen.
Da gute Leben verhinderte wieder die Dichterei. Die Ideen und die Arbeitskraft versoffen im Wein und versumpften im Fett. Dafür hielt ich abends öfter eine ersprießliche Literaturstunde bei Siegfried K. ab. Eine Zeitlang lasen wir gemeinsam einen interessanten Roman „Die Wundmale“ von Gagern, der sich mit der Priesterverhältnissen der katholischen Kirche befasste. Später dann zeigte sich, daß K. in den letzten Wochen einen ganzen Roman geschrieben und darin jenes Rußland-Erlebnis deutscher Landser niedergelegt hatte, das ich auch kannte. Gemeinsam feilten wir daran, das herauszukristallisieren, was uns am Herzen lag: Menschlichkeit auch gegenüber den russischen Menschen, auch ohne Kommunismus! Das ganze hieß eigentlich: „ - ja, es hätte so schön sein können!“
Mein Dienst beschränkte sich in jenen Tagen fast nur noch auf die Lagerbücherei, auf den Heimatdienst und die sonstige kulturelle Betreuung. Da konnte ich mir auch manche kleine Fahrt erlauben. So mußte ich einen Kameraden Dr. K. engagieren, der ein Teilnehmer der Filmexpedition war, die seiner Zeit den in Grönland verschollenen Dr. Alfred Wegener suchte. Er wußte sehr schön über seine Erlebnisse zu plaudern.

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