Indessen lebten wir friedlich und lustig dahin, wenn auch unsere Gespräche oft recht zweifelhafter Natur waren. Aber es half ja alles nichts, und wir mußten uns in die Gegebenheiten schicken, wie sie waren. Wenn wir allerdings an die Heimat und unser künftiges Geschick dachten, half uns nur noch der Humor über das Mißliche unserer Situation hinweg. In diesem Humor lebten auch eine ganze Anzahl bunte Abende, die uns Angehörige der verschiedenen hier lebenden Einheiten boten. Meist waren es Berufskünstler, die nun ihren Witz sprühen ließen. Am festesten in der Erinnerung hafteten zwei Wiener Stimmungssänger mit Klampfe und Quetschkommode, die allerhand lustige Schnadahüpfeln und Bänkelsängereien zum Besten gaben.
So das zündende „Warum machen denn die Madeln immer soviel Spomanadeln?” oder die zwerchfellerschütternde komische Ballade „Nichts von Bedeutung, werte Frau Direktor!” in der ein etwas trotteliger „Johann” auf allen möglich Umwegen die schlimmsten Unglücksfälle und Ereignisse bekannt gibt. Zum Schluß machten sie sogar selbst eine Schlager: "In Schluderbach, in Schluderbach, da werden alle Mädchen schwach!” und das war denn doch ein bald allzudeutliches Zeichen für die Gefälligkeit der Nachrichtenhelferinnen - soweit es sich, auch jetzt noch, um Lamettaträger handelte. Wir Landser hatten auch jetzt noch nichts zu bestellen, wenn wir schon Appetit gehabt hätten.
Unter solchen Umständen kam denn auch Pfingsten heran, und die Nachrichtenhelferinnen hatten schon Tage vorher zu Dutzenden in einer der großen Hotelküchen gestanden und ihre letzten, anscheinend sehr riesigen Reste an Mehl, Zucker, Butter, Eiern usw. zu Kuchen verbacken, allerdings nur für sich und ihre Liebsten. Wir ”minderen” Sterblichen mußten uns damit begnügen, daß nun auch hier die Bäume blühten, und wir erlebten somit die zweite Baumblüte in diesem Jahre, und das war ja vor allem für mich auch eine Freude, wenn nicht ein kleines Wunder.
Für den ersten Pfingsttag wurde wieder zu einem Waldgottesdienst gerufen. Ein Geistlicher aus Cortina, der Lazarettstadt, sollte kommen, denn die Kameraden, die die Wochen vorher noch im schlichten Rock des Gefreiten oder Unteroffiziers das Wort Gottes in der Gefangenschaft verkündet hatten, waren längst von uns geschieden. Sie, die bisher nicht würdig gewesen waren, im feldgrauen Rock dem Herrn zu dienen, waren herausgezogen worden und versahen nun in irgendeinem anderen Gefangenen- oder Interniertenlager, nun auch im Kleid des Feldgeistlichen ihren seelen-tröstenden Dienst.
So ein Waldgottesdienst war allein schon durch die örtlichen Gegebenheiten eine Erbauung für sich. War der Wald nicht das Urbild eines deutschen gotischen Domes? Wie die Säulen schlank und aufrecht, erhoben sich die Baumstämme, und die Äste wölbten sich wie das Schiff einer Kirche, und das gesprochene Wort und die mächtigen Choräle hallten wieder wie in einem wuchtigen Steinbau. Und auf allen Bänken drängten sich die Landser an diesem Pfingsttage, um Trost im Wort Gottes zu suchen und zu finden, Trost in ihren unsicheren Gedanken an Heimat und Zukunft und Kraft und Antwort auf ihre zweifelnden Fragen.
Diesmal hatte der Prediger seine Rede auf das Wort gebaut: Ich will euch euer Herz von Stein aus der Brust herausnehmen und eins von Fleisch hineinsetzen. - Und da war wohl so mancher, der bedachte, daß er während des Krieges ein Herz von Stein in der Brust gehabt hatte, vielleicht sogar haben mußte, und dem nun das warme Leben unter tausend ungeweinten Tränen des Kummers wieder einzog in Herz und Seele. Nur daß, während wir lauschten, sangen und beteten, drunten auf der Straße die ungezählten Lkw.s rollten und Tausende von Kameraden in die Gefangenenlager des Südens brachten, ließ uns zweifeln, ob nicht jetzt über uns Herzen von Stein zu bestimmen hätten, und alle bewegten wir die Frage in unseren bangen Herzen: Wann werden wir drankommen?
Am zweiten Pfingsttag, da wir gedachten, den Feiertag durch einen ausgiebigen Morgenschlaf zu begehen, tönt plötzlich auf dem Korridor das aus Kasernenzeiten übel berüchtigte Pfeifen. Ein Blick auf die Uhr belehrt uns, daß es erst früh ein halb fünf Uhr ist. Schon aber brüllt der Spieß in die Stube hinein: Alles aufstehen, einpacken, verladen! Es geht fort!
Schlaftrunken und widerwillig finden wir uns bei der Küche und dem Gerät ein, das zuerst verladen werden soll. Träge geht es aus den Kellerräumen nach den Wagen: Nur nicht beeilen! Der Barras hat nichts mehr zu bestimmen! - Mitten im Laden kommt der Gegenbefehl: Wieder abladen! Es geht erst morgen fort! Gut, haben wir Zeit, uns noch von der herrlichen Alpennatur zu verabschieden. Die Rote Wand allerdings hat wehmutschmerzlich ihren Gipfel in Wolken gehüllt. Am nächsten Tag regnet es. Auf den Bergen fällt Neuschnee. Wir sitzen früh und nachmittags in der Küche und schälen Kartoffeln. Von Abfahrt ist zunächst keine Rede mehr. Plötzlich, gegen Abend, wird schlagartig Himmel und Bergkulisse glasklar. Wie weggefegt sind Schnee- und Regenwolken.
”Kommt zum oberen Hotel”, hieß es plötzlich, ”es gibt Freilichtkino!” Wir schleppten uns mit Schemeln und Feldstühlen, rollten leere Benzinfässer und legen Bretter über. Eine Riesenleinwand wird aufgehängt. Noch ehe es ganz dunkel geworden ist, beginnt der Film zu rollen. Ein kühler Wind bläst, und wir wickeln uns in unsere Mäntel, aber wir halten aus; denn wer weiß, wann wir wieder einmal Kino, deutsche Filme zu sehen kriegen. Außerdem ist es das urwüchsige ”Bad auf der Tenne”, ein prächtiger Buntfilm mit seinen an altniederländische Maler gemahnenden Bildern. Ich bin ganz Auge und Ohr - ein prächtiges Erlebnis! Aber wir können und wollen noch mehr sehen: Eine Filmoperette mit Johannes Heesters, „Immer nur du”. Begeistert schunkeln und summen wir die bekannten Schlager mit und sagen: Elende prima!!
Am nächsten Abend gab es wieder einen „bunten Abend” der „eigenen Belegschaft” mit der Nachricht: Morgen geht’s nun endgültig fort. Bei Lichte besehen betraf das aber wieder nur die Einheit im oberen Hotel, die nicht zu unserer Division gehörte und wir durften uns weiterhin Schluderbachs erfreuen. Ich ging viel spazieren in jener Zeit.
Da wir genug Rauchwaren hatten, wurde auch viel gequalmt, ich natürlich meist Pfeife. Leider hielt das Material nicht stand, ich mußte mich nach einem neuen Rauchgerät umsehen. Nun hatte einer unserer Kraftfahrer, ein oberbayrischer Bauer namens H. S., eine wunderbare handgeschnitzte Tiroler Hängepfeife. So eine wollte ich haben. Aber wie? Ein Kompanie-Unteroffizier hatte bis hierher eine Italienerin mitgeschleppt, so eine Art Küchenhilfe. Die fuhr nach Cortina und brachte mir eine mit, aber keine so schöne handgeschnitzte, dafür umso kostbarer mit echtem Hornmundstück, und sie kostete 600 Lire = 60 RM. Mahlzeit! Ich nannte sie die Cortineserin. Sie hat mir lange treu gedient.
Am 24. Mai mußte ich wieder mal als Waffengott in Erscheinung treten. Neben den letzten Gasmasken mußte ich nun auch die Stahlhelme in Empfang nehmen. Auch die Gasplanen wurden auf den großen Haufen geworfen. Aber wie? Sollten wir die schönen Gasplanentaschen preisgeben? Ich sicherte mir meine und puhlte aus dem Haufen noch die besten heraus, um dahinein den Kleinkram meines Gepäcks, Kulturbeutel, Schuhputzbeutel usw., zu verpacken. Das war sehr praktisch.
Und am nächsten Tag fand dann die Waffenabgabe statt. Frühmorgens wurde der ganze Waffenkram auf einen Lkw. der Abteilung mit den Waffen des Stabes zusammen verladen. Dann ging’s fort, durch prächtigen Hochwald, auf glatter Straße und in vielfachen Kehren und Serpentinen Cortina entgegen. Das war wieder mal ein Erlebnis. In Cortina ging’s uns spaßig: Keine amerikanische Dienststelle wollte unsere Waffen haben. Wir fuhren von Haus zu Haus, überall Kopfschütteln und Achselzucken. Es war zum Lachen! Eine fidele Gefangenschaft! Endlich hatte einer Erbarmen. In einer Großgarage, wo schon ein Haufen Mordwerkzeuge lagen, konnten wir dann endlich unsere Ladung auch noch loswerden. Auf dem Heimweg haben wir gesungen und gejubelt. Nun war der Krieg doch sicherlich endgültig vorbei, und wenn wir auch noch nicht endgültig Zivilisten waren, Soldaten waren wir nun bestimmt nicht mehr.
Am Nachmittag begannen wir die Bekleidungskammer auszuräumen und wir konnten noch allerhand empfangen, vor allem Wäsche und Strümpfe und Schlosseranzüge. Ja, was sollte ich eigentlich mit letzteren. ”Ja, Du Rindviech“, belehrte mich einer drastisch, „damit kannst du doch tauschen!”
Ach so!
Am Streckenwärterhäuschen der Cortina-Bahn, hieß es, warteten „Itaker” schon längst auf uns. Na, da bin ich denn auch losgetigert, den Schlosseranzug unter dem Arm, denn die Unterwäsche, Netzhemden und kurze Unterhosen, wollte ich mir wohlweislich aufheben. Mit Schätzen beladen kamen schon Kameraden von einem „Schieber-Rendez-vous” zurück. Oje, würde noch etwas für mich übrig bleiben? Aber ich hatte doch noch Glück, wenn auch meisten Anbieter von Lebensmitteln schon befriedigt waren. Ein glutäugiger Cortineser gab mir für meinen Schlosseranzug Butter, Eier und Marmelade. Wohlverborgen in meinem Wäschebeutel bringe ich es im Galopp nach Hause.
Butter, Eier und Marmelade - !
Selige Rußland-Erinnerungen - - Uman - - !
Sofort zünde ich in unserem Öfchen Feuer an, Holz hatten wir uns schon längst im Walde gesammelt, und backe natürlich pikfeine Omeletts, daß mir die süße Butter die Mundwinkel heruntertroff. Abends begann dann auch der Verpflegungsunteroffizier, der erste Friedenswachtmeister L., auszupacken. Wir kriegten Frontkämpferpäckchen und Ölsardinen. Dabei noch täglich das gute Mittagessen! Die Vorräte schienen gar kein Ende nehmen zu wollen!
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