Gefangenschaft in Südtirol - Das Jahresende 1945


Im Übrigen beging ich die Feiertage im Herzen feiertäglich genug. Das mittägliche Schweineschnitzel überließ ich der Küche und nährte mich an diesem wie allen folgenden Tagen von Grießbrei. An Kameradschaft fehlte es mir ein bißchen insofern, als Günter M. kurz vor meiner Operation in ein Entlassungslager nach Bozen gekommen war. ...
Es war schade, daß dieser liebe geistvolle und gebildete Kamerad uns verlassen hatte. Ich entsann mich in der feiertäglichen Muße mancher lustigen Sache, die wir gemeinsam gestartet hatten. Da stand an der Spitze die „schwarze Hand“. Das war eigentlich eine Art „Bierzeitung“, die wir an der Wand neben der Essenausgabe jeweils anbrachten. Lustige Zeichnungen und Texte zur Verulkung von Kameraden. Da wurde allerhand lustige Kritik geübt, allerhand Späße und Scherze ans Tageslicht gebracht, was manchem zwar peinlich, den meisten aber viel Freude machte. Ich glaube, es blieb keiner, vor allem von den höher gestellten Persönlichkeiten verschont.
Auch ich mußte eines Tages daran glauben, als der hier beigefügte Aushang angebracht war, ein Gemeinschaftswerk von Heinz B. und Günter G. sowie Ernst P., der meisterhaft Unterschriften nachzuahmen wußte. Auch unser alter Schlosser L. bekam hier seinen Wischer mit der Gummischwingachspfeife 45. Es passierte uns nämlich öfter, daß von unseren Pfeifen die Mundstücke abbrachen. Da war denn meist guter Rat teuer. Ich hatte mir vom Kompaniemechaniker ein sehr haltbares neues Mundstück aus irgendeinem Kunststoff auf Fasergrundlage herstellen lassen. L. dagegen hatte die beiden Pfeifenteile mit einem Stück Gummischlauch verbunden. Daher also „Gummischwingachspfeife“!
Ein besonderes Weihnachtsgeschenk waren Gerüchte. Die Arbeit an der Brennerstrecke ging zu Ende. Was sollte mir uns werden? Wir kommen nach Frankreich, sagten die einen. Der Ami verscherbelt uns an die Russen, flüsterten die anderen und wollten schon russische Generale in Bozen gesehen haben. Was blieb uns, als sich darein zu ergeben. Ich hatte nur die Sorgen mit meinem Gesichte bis dahin wieder in Ordnung zu sein. Oder wäre ich besser ins Lazarett nach Meran gegangen? Jedenfalls schrieb ich wieder einmal Briefe nach Hause. Ach, sie waren ja doch nur ins Blaue hineingeschrieben.
Und so ging nunmehr einen Tag um den anderen auch dieses unglückselige Jahr zu Ende:

Das alte Jahr liegt auf den Tod;
und in den letzten Zügen
träumt es von seinem Morgenrot
bis zu den letzten Flügen,
die es mit mattem Fittich schwang,
was es erlebt, erfahren,
wie es gezeichnet Klag’ und Klang
vor allen andern Jahren.

Aus Blut und Tränen ging es auf
Und nahm aus Krieges Brande
zu totem Frieden seinen Lauf.
Und ausgesog’ne Lande
hat heiß sein Sommer überflammt,
und müde Kind und Frauen.
Es war dies Jahr von Gott verdammt,
nur Not und Leid zu schauen.

Das alte Jahr liegt auf den Tod - - -
Was wird das neue bringen,
will aus des alten Abendrot
kein Hoffnungsschimmer dringen?
Das neue Jahr steht grau in grau
am großen Tor der Zeiten
Und wird durch Not und Leid genau
so wie das alte schreiten.

Ja, was würde uns das neue Jahr bringen?
Allerhand Hoffnungen und Befürchtungen bewegten uns. Gerüchte schwirrten nach wie vor. Würden wir „verschaukelt“ werden oder entlassen? Niemand konnte genaues sagen. Ein Gerücht aber kehrte immer wieder, und wir Schreiber vernahmen es auch aus maßgeblichem Munde: Arbeitseinsatz in der Heimat!
Heimat! - das wäre etwas! Dennoch bedrückte es mich. Ich war bloß ein gewöhnlicher Schreiber. Würde man mich brauchen können? Schließlich würde es sich ja doch um einen nachrichtentechnischen Einsatz handeln - ?
Ganz persönlich mußte ich mir ja schließlich Gesundheit wünschen, denn in diesen Tagen sah es so aus, dass mir eine Maulsperre bedeutend lieber gewesen wäre, als jene komische Kaumuskellähmung, brachte ich doch die Zähne absolut noch nicht auseinander. Mit Brötchen und Würstchen trainierte ich Tag für Tag und als der Zahnarzt einmal wieder kam, versuchte er mir mit einer blödsinnigen Schraubzwinge die Kiefer auseinander zutreiben. Aber da verließ ich mich doch lieber auf mich selbst.
Die Neujahrsgedanken verließen mich eine ganze Weile nicht, sodaß ich schließlich ein gewisses Fazit ziehen konnte.
Es kommt ein Schiff gefahren
geladen bis zum Rand
mit schönen jungen Jahren;
eins kommt davon an Land,
eins kommt zu uns gegangen,
daß es sich uns verdingt.
Sein Blick ist noch verhangen -
wer weiß, was es uns bringt?

Es kommt ein Schiff geschwommen;
von seinem höchsten Mast
ist uns ein Licht entglommen,
daß es die dunkle Last
des Jahres uns erhelle
mit seinem lichten Schein
und an des Jahres Schwelle
soll Trost und Hoffnung sein.

Es kommt ein Schiff - geladen
vom Kiel bis an den Bord
mit Leiden und mit Gnaden,
die uns der Allmacht Wort
im neuen Jahr beschieden.
Ob’s freut uns oder kränkt,
nehmt’s hin und seid zufrieden;
es wird uns nichts geschenkt.

Schwer bedrückte mich zum Anfang des neuen Jahres der Mangel jeglichen Kalenders, der doch auch in Kriegszeiten immer auf dem Weihnachtstisch gelegen hatte, und wenn es nur ein zurechtgemachter alter gewesen wäre, wie ich ihn in Rußland einmal von meiner Schwester erhalten hatte. Schließlich half ich mir selbst und stellte mir in mühseliger Schreibarbeit einen ganz neuen Kalender auf das Jahr 1946 her. Ich verwendete die fabelhaften Formulare, auf die ich schon mein Weihnachtsmärchen geschrieben hatte. Diese schön liniierten Bogen stammten aus der Divisions-Truppen-Transport-Kommandantur, die sich beschäftigungslos auch in Marklhof herumtrieb und diese Formblätter massenhaft vorrätig hatte. Aber kaum war ich fertig damit, als bei einem der sonntäglichen Gottesdienste unser Pfarrer Kanich jedem einen feinen Taschenkalender aus der Deutschen Druckerei Miramare, ebenfalls ein PoW-Betrieb verehrte. Dazu gab es noch ein Notizbüchel. Beide galten mir als kostbare Schätze. Der Kalender wurde gleich mit dem Wahlspruch jener Tage und meines Herzens versehen: Moderata durant, d. h. nur das Gemäßigte dauert an. Das Notizbüchel mußte die schönsten meiner Gefangenschaftsgedichte aufnehmen für den Fall, daß mir mein sonstiges Manuskriptarsenal bei einer gewaltsamen Veränderung unserer derzeitigen Lage abhanden kommen würde.
Vorläufig war noch nicht daran zu denken. Vorläufig lebten wir unser schönes, immer bequemer werdendes Leben weiter. Jede Woche ein- bis zweimal gab es Kino im Lager. Die Vorstellungen waren schon die reinsten Schwitzbäder, denn der niedrige Speisesaal war stets „gerammelt voll“. Da erheiterte uns manches schöne Werk der Flimmerkunst. Am eindrucksvollsten war für uns „Gebildete“ wohl die „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann, jene köstliche Pennälergeschichte, die in uns allen derart lebendige Erinnerungen an selig-unselige Schülerzeiten weckte, daß wir uns anschließend noch bis nach Mitternacht in unserem Geschäftszimmer zusammenhockten und fanden, daß in fast jeder Schule die gleichen Lehrertypen gewesen sein mochten.
Auch sonst war der Betrieb gar nicht PoW-mäßig, hatte doch die Division sogar eine Ski-Hütte im Grödener Tal gepachtet (!) und in Betrieb. Laufend wurden dort Ferienplätze belegt. Auch ich hätte dort einmal auftreffen können. Der Zahlmops lud mich dringend dazu ein und lockte mit wunderbarer Verpflegung und Schneeschuhausleihe usw. Aber ich traute meinem Fuß noch nicht und noch viel weniger meinem Gesicht, denn es bedurfte noch vielen Trainings mit Würstchen und Brötchen - (was haben die Kameraden über mich gelacht!) - um der Androhung des Zahnarztes, den Kaumuskel durchschneiden zu müssen, zu entgehen. Außerdem graute mir ein bisschen vor der Kälte. Mein Corpus schien von dem Fieber jener Vorweihnachtsnächte noch nicht völlig erholt. Ernst P. behauptete immer, ich feuerte zu viel in unseren Bunkerofen hinein. Er hielte es vor Hitze nicht aus, während ich mich gerade erst so am Rande des Wohlseins fühlte. Fast krachten wir uns darüber.
Denn Holz hatten wir wieder. Zunächst wurde ein ganzes Stück Wald in unserer eigenen Regie eingeschlagen. Im Großen und Ganzen war das für die einzelnen Dienststellen zwar ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ich konnte mich für unser Geschäftszimmer bald einer ausgezeichneten Verbindung erfreuen. Eines Abends, bei Gelegenheit eines Tennis-Matches mit dem Verpflegungslager in Eppan und als alles den spannenden Kämpfen zuschaute nur ich nicht, öffnete sich die Geschäftszimmertür, und ein Kamerad, groß und dick wie ein Kleiderschrank schob sich herein, blickte mich prüfend durch die Brillengläser an und sagte nach einigem Besinnen in unverfälschter glauchscher Mundart: „Ja, das musser sein!“
Nun, ich kannte ihn nicht persönlich, diesen Kameraden Paul E. aus Glauchau, aber er kannte mich und vor allem meinen Vater. So kam er auch nicht mir leeren Händen, sondern mit Zigarren, die ich von ihm, dem Nichtraucher, auch dankend annahm. Es entspann sich bald eine schöne Freundschaft zwischen uns. So oft es die Gelegenheit ergab, besuchte er mich, immer mit Zigarren. Nur einmal ging es schief. Da war nämlich Glatteis im Lager und Paul E. segelte hin, natürlich gerade auf die Zigarren. Aber in der Pfeife schmeckten sie doch noch.
Diesem Kameraden verdankte ich also auch die Sonderholzlieferungen. Für mich hatte er immer mal eine Fuhre übrig, die andere Einheiten abgelehnt hatten. Da konnten wir denn öfter zu viert sägen und hacken und hatten immer ein warmes Stübchen.
Auch ein weiterer Glauchauer trat damals in meinen Gesichtskreis. Uns war eine Kompanie unterstellt, die im Pustertal herumgeisterte. In den Personallisten fand ich den Namen Hans D., Unteroffizier, aus Glauchau. Nun, zunächst hatte ich keine Lust, mit einem Unteroffizier anzubändeln. Aber als die Kompanie nach dem Marklhof gezogen wurde, stellte der Landsmann sich von selbst ein, und war ein gemütlicher Sachse, mit dem man gut auskommen und öfter mal ein Gläschen im Marklhof trinken konnte, denn die Burschen hatten Geld wie Heu!

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