Mittwoch, 5. März 2014
Ende der Gefangenschaft - Entlassungslager in München und viel Bürokratie
Endlich, in kühler Morgenhelle, wurden wir wieder in Fahrt gesetzt. Auf jedem Wagen waren nur noch Fahrer und Beifahrer geduldet worden. So hatte ich auch Glück. „Jetzt“ griente Alfred K., „jetzt wollen wir noch einmal fahren wie nie! Es ist die letzte Fahrt!“ und - auf mein Stabslied anspielend - „Der Autofriedhof soll Wahrheit werden!“
So brausten wir los wie von tausend Teufeln gejagt. An Kolonnefahren war nun nicht mehr zu denken. In wilder Freude suchte einer den anderen zu überholen, erst kurz vor München wurden wir wieder aufgehalten. Ein Kommando von der Stadtkommandantur empfing uns, um uns durch München durchzuleiten. Wie wir später erfuhren, machten diese Amis einen Fehler, indem sie uns statt durch die Außenbezirke mitten durch den Stadtkern der bayrischen Residenz hindurchlotsten. Das war ein Kapitel bei dem horrenden Großstadtverkehr, uns aber ein gefundenes Fressen. Herrje, dieser friedensmäßige Betrieb! Autos, alle Sorten vom kleinsten Dreirad-Lieferwagen bis zum größten 12-Achser-Lastzug, vom kleinsten Hanomag bis zur Luxus-Limousine, Motorräder aller Klassen, Fahrräder aller Schattierungen, und dann - manche Kameraden kriegten Stielaugen - Frauen und Mädchen!! Aber man sah auch wildgewordene Amis, die einfach mit dem Pistolenkolben auf Vorfahrer einhieben, nur weil sie wegen gesperrter Fahrt bei einer Kreuzung warten mußten.
So fuhren wir also durch München und hatten die Augen offen. Viel schien nicht zerschossen zu sein. Das gotische Rathaus zeigte einige Schrammen und wurde instand gesetzt. Ein Straßenzug zeigte einige Trümmer. Und dann fuhren wir sogar über den „Königlichen Platz“, diesen weiten, von ganz glatten Klinkern ganz eben ausgelegten Platz, kamen auch an dem ehemaligen Ehrenmal für die Nazi-„Gefallenen des 9. November“ vorbei, an dem allerdings Inschriften, Kränze usw. verschwunden waren; denn die Amis hatten nichts für die Nazis übrig.
Endlich weit draußen in einer Vorstadt fuhren wir auf einen weiten Hof auf.
Was sollte nun werden?
Es kümmerte sich niemand um uns.
Ob wir abhauten?
Oder - in den Kisten auf den Wagen war noch allerhand verpackt. Ob wir uns was rausholten? Schuhsohlen? Bücher? Leider hätte das ziemlicher Umbauten bedurft, und den Schlüssel hatten wir auch nicht. Und wer weiß? In letzter Minute wollten wir uns die nun bereits im Blickfeld stehende Entlassung nicht noch verscherzen. Also lassen und - warten.
Endlich, am Spätnachmittage, sollten wir abgeholt werden. Da sahen noch etwas Außerordentliches. Während z.B. unser langer Major schon längst seine Uniform zivilisiert und entmilitarisiert hatte, waren einige Kompanie-Offiziere immer noch mit ihren geliebten Schulterstücken herumgesaust. Nun aber mußten sie endgültig werg. Das war uns ein Augenschmaus. Jetzt waren diese hochnäsigen Gesellen auch nicht mehr als wir - wie es auch Tatsache war.
Wir rollten also mit - ich glaube - zwei Lkw.s wieder durch München. Die Kraftfahrer trauerten zwar ihren schönen Opel-Blitzen nach, aber was tats. Noch einmal gings durch München. Nun schienen wir wirklich PoW.s zu sein. Früh hatten uns noch Münchener gefragt, als sie uns so in „voller Kriegsbemalung“ hatten daherfahren sehen: „Wo habt ihr die Waffen?“, zwar nur geflüstert aber in der ernstesten Überzeugung, es ginge wieder los und nun gegen Russland. Jetzt fragte niemand mehr. Wir verließen München. Bayrische Hochebene. Eine ganze Weile. Dann ein anscheinend verlassener Flugplatz. „Das ist schon Aibling!“ sagte einer. Dann durch einen Ort, freundlich und sauber, das „Bad“ Aibling. Schließlich ins Gefangenen- oder Entlassungslager hinein. Auch das ein ehemaliger Flugplatz. Vor einem riesigen luftigen Bauwerk, der ehemaligen Flugzeughalle, dem Hangar, ein Gewimmel von schwarzgekleideten Kameraden. „Das ist die SS!“ wollte einer wissen. Das war allerdings verkehrt.
Es war schon Dienstschluß in der Lagerverwaltung. Lange mußten wir in unseren Wagen warten. Endlich nahmen uns deutsche Kameraden in Empfang. Gänsemarsch mit allem Gepäck. Vor einer behelfsmäßigen Barrière standen zwei mit großen Pulverspritzen. Brust frei, Hosenstall auf! Zwei Spritzen Insektenpulver hinein! Der Nächste! Und das ohne Unterschiede ob Offizier oder Mann. Das tat in gewisser Weise wohl. „Cage 13“ (gespr. keetsch) wurde uns bedeutet.
Das ganze riesige Lager war in kleinere Abteilungen aufgeteilt, in die Cages mit je etwa vier bis sechs langen Baracken. Also Nr. 13. Wenn das nichts Gutes bedeutet!? Hinein! Auch wieder ohne Unterschied. Major K. lag mit unser unserem Dach. Der Raum des Cages war bald abgeschritten. Lattenroste zwischen den Baracken und zur Waschbaracke hin. Ringsum Stacheldraht und zwar gleich doppelt. Aller 100 oder 200 Meter ein Wachtturm. Da saßen Polen von der Anders-Armee in amerikanischen Uniformen. Sie seien sehr scharf und schössen sofort. Nun, das wollten wir nicht ausprobieren. Verpflegung mittelmäßig gegenüber Südtirol. Zu jeder Mahlzeit Gemüsesuppe. Wir zehrten von unseren Südtiroler Fettpolstern.
Die erste Überraschung war, daß die Sudetendeutschen herausgezogen wurden. Zu welchem Ende wussten wir nicht. Jedenfalls war alles erschrocken und betrübt. Später stellte sich heraus, daß diese Heimatlosen erst entlassen wurden, nachdem man ihnen eine Arbeitsstelle ausgemacht hatte. Sie brauchten nicht viel länger zu warten als wir. Eine kleine Tragikomödie dabei: unser Stabselektriker war im Sudentenland geboren, hatte aber längst in Leipzig Heimatrecht, Werkstatt und Familie. Er mußte aber zunächst auch mit nach Cage 14. Wir winkten uns manche Botschaft zu, obwohl das streng verboten war.
Die Zeit verfloß im Nichtstun schneckenhaft. Da wir arg zusammengepfercht waren, war an irgendeine persönliche Tätigkeit, etwa Dichten, auch nicht zu denken. Die meisten spielten im Freien Skat und Doppelkopf, denn es war schön warm in diesen letzten Märztagen. Hier klärte sich auch der Charakter der vermeintlichen schwarzen SS-Kameraden auf. Es waren Kriegsgefangene die direkt aus Amerika kamen. Man hatte sie dort schwarz eingekleidet. Einer fragte durch, ob wir nicht einige Fettigkeiten hätten. Er gäbe Tabak dafür. Ich ging mit meiner Büchse Bratenfett auf den Handel. Einer zeigte mir drei Päckchen feinsten amerikanischen Pfeifentabak. “Na,“ fragte ich, „welchen willst du mir geben? Welches ist der beste?“ Er gab mir für mein Büchschen aber drei. „Nicht sehen lassen!“ warnte er mich noch. Ich entleerte die Herrlichkeiten in meinen großen Tabaksbeutel, die Schärfe des italienischen Landtabaks dadurch angenehm mischen und mildern zu können.
Kam der Major zu mir: „Hören sie, ich bin zum Barackenältesten ernannt worden und soll einen Schreiber einsetzen!“ So wurde ich Barackenschreiber und wanderte allabendlich in die Cage-Kommandantur zur Stärke-Meldung. Da vermisse ich doch eines Tages die Tabakspfeife, die geliebte Corteserin. Teufel nocheinmal! Am nächsten Abend finde ich sie in der Kommandantur wieder. So was Dummes!
Ich fand aber noch etwas: Eine feine Aluminium-Feldflasche in meinem Strohsack. Die kam mir wie gerufen. Ich hatte seiner Zeit in Chemnitz so eine komisch lackierte bekommen. Was man hineinfüllte schmeckte nach Lack. Sie war auch kleiner als die „alumiumenere“. Nun stellte ich mich eine Stunde in den Waschraum und knetete und dehnte denn Filzüberzug auf Anraten Paul L. solange unter dem Wasserstrahl, bis er über die neue Flasche passte. Die lackierte konnte mein Bettnachfolger finden.
Es war eine langweilige Zeit. Sie schien Wochen zu dauern. Doch schon nach vier Tagen, nämlich am 2. April kamen wir in das eigentliche Entlassungslager, in den Hangar 7. Wir hatten ihn schon am Sonntag bewundern können, als wir unter Führung unseres Majors zum Gottesdienst marschiert waren. Da war man wenigstens mal herausgekommen aus dem engen Stacheldrahtkäfig. Aber jetzt im Hangar, das Drama! Ich glaube sechsfach standen in der hohen Halle die Betten übereinander. Dieser Mief! Dabei war alles ausgetrocknet, weil den ganzen Tag der besseren Durchlüftung wegen die haushohen Türen aufgeschoben wurden. Da geschah es mehr als einmal, daß der oberste Schläfer, im sechsten Stock durchbrach, auf den fünften segelte, mit diesem auf den vierten und so weiter bis herunter, denn Strohsäcke waren nicht vorhanden, die hier vielleicht ein wenig gebremst hätten. Trotzdem hatte ich mich ganz oben hingelegt, mit sämtlichen Gepäck. Gut, daß ich meinen Schlafsack hatte. Zwei Nächte verbrachten wir hier notgedrungenerweise. Mir kamen sie vor wie 20. Abends ergingen wir im Lichte starker Scheinwerfer vor der Halle auf dem asphaltierten Vorhof. Keiner hatte Lust in die unsicheren Betten zu steigen.
Endlich, am 3. April, begann der endlose Schlangenweg der Durchschleusung durch die Entlassungsmaschinerie. In Erwartung der goldenen Freiheit ließen wir alles über uns ergehen. Der Major ließ durchflüstern: „Keine dummen Bemerkungen machen bei den Verhören. Einen Major vom Divisionsstab hat man wegen nazistischer Einstellung gleich fortgeschafft!“ Später hieß es: „Als Heimatanschrift irgendeinen Ort in Westdeutschland angeben. Es wird nicht nach der Richtigkeit geforscht. Man weiß Bescheid, - weil wir die Brennerstrecke aufgebaut haben!“ Also war doch irgendwas Wahres an dem Gerücht, wir würden als Hilfsarbeiter bei der Reichsbahn eingestellt.
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