Aus Anlaß des 75. Jahrestages des Kriegsende sollen hier noch einmal ein Auszüge aus dem Kriegstagebuch unseres Vaters, Hans Fischer, veröffentlich werden, die deutlich machen, wie ein einfacher Soldat diese bewegende Zeit erlebt hat.
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Am
Morgen des 2. Mai ging wie ein Lauffeuer die Nachricht durch ganz Schluderbach:
Der Führer Adolf Hitler ist tot!
Der Führer tot?
Tot??
Ja - tot!!
Was nun?
War das der Zusammenbruch?
Starb mit diesem Manne auch
Deutschland?
Und wie ist es zugegangen?
Kein Mensch weiß etwas. Hier und da
sind Rundfunkgeräte in Betrieb. Genaues ist trotzdem nicht mehr zu erfahren.
Sollte es eine Lüge der Feinde sein, uns eher zur Aufgabe zu zwingen.
Da - Generaladmiral Dönitz!
Irgendein norddeutscher Sender meldet
sich.
Ein Aufruf an das deutsche Volk?
Ein Aufruf an die Westalliierten?
Unterzeichnet von Generaladmiral
Dönitz?
Was ist das für eine merkwürdige
Geschichte, und da muß doch was nicht in Ordnung sein, in der seit zwölf Jahren
einexerzierten Ordnung?
Kein Sieg-Heil?
Kein Sturm-Heil, kein Kampf-Heil?
Kein Göring? Kein Goebbels?
Generaladmiral Dönitz?
Was sagt er?
Wir hocken vor dem einzigen
Lautsprecher und lauschen der unzulänglichen Wiedergabe. Flüsternd werden die
Stichworte weitergegeben. Also ist es doch Tatsache: Hitler tot! An seine
Stelle ist Dönitz getreten. Einer der Marschälle des Dritten Reiches - des
Tausendjährigen - ist an seine Stelle getreten, d.h. einer der Seemacht, ein
Admiral, dieser seit einigen Jahren ganz neue unerhörte Titel, Generaladmiral!
Ist er nun der ranghöchste Offizier? Wo steckt der Reichsmarschall?
Ringsum Köpfeschütteln, Fragen, Zweifel,
Genugtuung!
Generaladmiral Dönitz ruft Volk und Heer
zum Weiterkampf auf, Weiterkampf gegen die rote Sturmflut aus dem Osten!
Generaladmiral Dönitz ruft die
Westalliierten zum Bündnis auf, Bündnis mit der geschlagenen deutschen
Wehrmacht und Fortsetzung des gewaltig rollenden Stoßes Richtung Osten,
Richtung Moskau, Kiew, Stalingrad, Richtung Sibirien, Mittelasien, Kaukasus -
uns schwindelt.
Ja - das wäre eine Lösung, sagen die
einen.
Nein - das ist unmöglich, sagen andere.
Noch einmal die Knarre in die Hand
nehmen, noch einmal in das verfluchte Rußland marschieren, noch einmal entweder
diese wüsten russischen Winter, diese wüsten Schlachten im Stalinorgelgedröhn,
diese Myriaden von Menschen mordenden Kämpfen vom Ural bis zum Kaukasus - oder
überhaupt noch einmal in das Schlachtgetümmel innerhalb deutschen Landes und
den Russen endgültig und auch über die anderen obsiegen lassen?
Sie waren alle am Ende!
Also: nein, nein, nein!
Aber es wäre doch das Beste, wagen
sich einige wieder hervor, besonders die Dienstgrade, die Unteroffizieren und
Wachtmeister. Dem Bolschewismus muß der Garaus gemacht werden. Das könnte euch
so passen, knurrt einer von uns mit einer sehr giftigen Betonung des „euch”.
Wir müssen natürlich abwarten.
Die Division, die mit in unserem Hause
liegt und eigentlich unsere vorgesetzte Dienststelle ist, hat - heißt es -
bereits kapituliert. Was ist mit uns? Wir mußten doch die Waffen abgeben. Ich
habe ein bes. Interesse daran und telephoniere zur Abteilung. Ja, die Abteilung
weiß auch noch nichts.
Am 2. Mai abends wird dann bekannt:
Seit heute mittag 14 Uhr ruhen an der
gesamten Front der Heeresgruppe Süd die Waffen.
So!
Na also!
Da wäre denn aller Voraussicht nach der
Frieden ausgebrochen?
Aber so klar war uns das denn doch noch
nicht.
Am anderen Morgen, dem 3. Mai, brummen
wieder Flugzeuge am Himmel. Vorsichtshalber wird alarmiert, obwohl die meisten
darüber lachen. Ich verflüchtige mich aber mit in den Wald. Und richtig
…................oder fängt es wieder an zu schneien? Wir waren doch froh, daß
die späte Winterherrlichkeit sich wieder verflüchtigt hatte Aber die flockigen
Wolken kommen näher und entpuppen sich als Flugzettel. Sie geben uns endlich Gewißheit,
wenigsten einigermaßen. Wir sollten abwarten, nicht fliehen. Die Übergabe
erfolge in Bälde.
Nun
ist es also doch Tatsache, wenigsten für unsere Südfront. Für uns war also der
Traum eines Großdeutschen Reiches „von der Etsch bis an den Belt” und „von der
Maas bis” womöglich an den Dnjepr oder die Wolga, bis an den Kaukasus und den
Ural und noch wer weiß wie weit ausgeträumt. Vor allem aber war der verfluchte
Militarismus zu Ende. Nun denn ade vor allem, du blöde Uniform-Vorschrift! Es
war schönes Maiwetter, der zweite Frühling, den wir in diesem Jahre erlebten,
also fort mit der Mütze. Barhäuptig erging es sich besser im Freien. Wozu noch
den sinnlos zusammengeheftelten Kragen? Die berühmten Tropenhemden mit
Handkragen hatten wir bereits, Schlipse waren auch vorhanden - also die ersten
zivilen Ansätze ansetzen: Schlips, Kragen, offene Jacke! Und in die Hand den
Spazierstock, kein Koppel mehr, die lange Hose im Bett „gebügelt” - wir wollten
wieder einmal Menschen sein.
Die
Vorgesetzten bekamen zunächst Fracksausen. Da waren die vielen gedruckten
Vorschriften, der Schriftwechsel, militärischer „Geheimnisse” voll. Da waren
die Waffen! Das Fracksausen steckte mich an. Beim Stabe brannten lustige Feuer.
Das steckte auch uns an. Verbrennen, verbrennen, verbrennen!
„Herr
Hauptwachtmeister, die Waffen - !?”
Die Kompanie wurde zusammengetrommelt.
Gewehre abgeben! Gasmasken abgeben! Pistolen abgeben!
Mit
Wonne schmissen mir die Kameraden ihre Knarren vor die Füße, und ich hatte die
Wirtschaft damit. Die Unteroffiziere zögerten, die Pistolen dazuzuwerfen. Es
seien Eigentumswaffen, war ihre Ausrede.
Dann
ging’s mit allem Papierkram ins Freie. Feuer in die Akten! Hei, gab das ein
lustiges Geflamm. Ich rannte noch nach einigen Unterlagen herum - da rollte auf
der Straße ein offener Omnibus. Verwegene Gestalten in Räuberzivil darin, Gewehre,
Maschinenpistolen, Maschinengewehre vor sind und durchweg rote Halstücher mit
toll geknoteten wehenden Schleifen.
Partisanen, italienische Partisanen!!
Heiliger Vater, - die kommen uns
ausräubern, war mein erster Gedanke, und ich eilte, meinen
Wehrmachtsschriftenkram völlig zu Asche zu machen. Zum Glück war meine
Befürchtung unbegründet. Der Omnibus fuhr weiter.
Inzwischen
machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, in die Gefangenschaft zu kommen. Das
war kein leichter Gedanke. Wo würde man uns hinbringen? Was würde uns blühen?
Die nazistische Propaganda hatte uns ja Gefangenschaft in den schwärzesten
Farben gemalt. Immerhin packten wir unsere Sachen, als sollte es nach Hause
gehen, zu Fuß womöglich, wobei ich ängstlich an meinen zerschossenen Fuß denken
mußte und an die uns umgebenden unwegsamen Berge.
Zittern
vor Aufregung brachte der Spieß zwei oder drei lange Hakenkreuzfahnen:
”Schmeißt sie ins Feuer!”
”Ins Feuer?” zögerte ich und befühlte
den verhältnismäßig guten Stoff. - ”Was wollt ihr denn sonst damit machen?”
”Badehosen!” antwortete ich, und mit Freudengejohle machten sich einige
Kameraden mit an die Arbeit, die Hakenkreuze herauszutrennen. Lachend und
erleichtert ließ uns der Spieß gewähren. Und obwohl wir nicht wußten, ob wir
jemals in die Verlegenheit kommen würden, mit Badehosen baden zu gehen, freuten
wir uns bei der Arbeit schon des Tages, an dem wir, die ganze Kompanie in roten
Dreieckshosen, würden ins Wasser springen können. (Er kam!!)
Unter
äußerer Ruhe glimmte im Haufen doch eine leichte Panik unter der Oberfläche. Am
Abend kam sie zum Durchbruch. ”Die Amis kommen!” schrie einer im Korridor. ”Na
und?” fragte ein kleiner gemütlicher, schon älterer Thüringer. ”Mensch”
antwortete ihm einer, „die nehmen uns alles weg, Uhren und Ringe und Geld und
Wertsachen -” Alles begann herumzurennen und zu verstecken. Am meisten die
Unteroffiziere und Wachtmeister. Die hatten ja ihre Pistolen noch. Nun ging’s
aber an ein Verkramen, daß es schon bald zum Lachen war. Ich sehe noch, wie die
„beliebtesten” Wachtmeister eine Bodenluke entdeckten, oben, zu unseren Köpfen.
Da wurden die Pistolen verkranicht. Mir wurde um meine Uhr angst. Na, am Ende
des Korridors standen Hotelmöbel aufgestapelt, Betten und Nachttische. Ob in
einem dieser, in der Schublade vielleicht die Uhr sicher lag? Oder im Strohsack
des Bettes? Oder im Ofen? Oder auf dem
Dachbalken?
Ach,
dachte ich, es ist nun, wie es ist, und wenn sie nichts finden, dann suchen sie
erst recht - lassen wir ihnen ihren Spaß. Und nahm meine Uhr wieder zu mir. -
Draußen in der dunklen Nacht rollte der lange amerikanische Wagenzug an. Wir
sahen ihn nur an den Scheinwerfern. Ein Wagen hinter dem anderen, eine
unendliche Menge. Sie kamen von rechts, nicht von Cortina, und schienen sich
uns zu nähern. Da, hinter dem Monte Cristallo lag ein Lazarettort am
Misurina-See, von dem aus bei uns das Kommen der Amerikaner angekündigt war.
Aber - was war das? - an der Straßenkreuzung, unweit unseres Hotels, bogen sie
nach rechts ab, nach Toblach hinein, und in einer halben Stunde war wieder Ruhe
und wir konnten uns - zwar längst noch nicht wieder beruhigt - schlafen legen.
Am
anderen Morgen, 4. Mai. Wie üblich versammeln wir uns auf unserem Korridor zum
Appell, als wäre nichts gewesen. Die Kommandos klangen zwar friedlicher und
weniger zackig, aber wir standen immerhin in Reih und Glied. Na, wenn schon!
Der Chef, Oberleutnant Nobis, sprach uns in seiner kühlen, nichtsdestoweniger
sympathischen Art an. Wir sollten die Ruhe nicht verlieren, sagte er. Unser
Schicksal sei zwar noch völlig ungewiß, doch empfehle es sich keineswegs, etwa
auf eigene Faust stiften zu gehen. Wir sollten an die uns ungewohnten Berge
denken, an die immer noch möglichen Wetterunbilden - wir sollten uns vor Augen
halten, daß der Einzelne im Haufen immer noch sicherer sei als auf sich selbst
gestellt. Er gab uns keinen Trost und keine Hoffnung, aber Ruhe und Zuversicht.
Immerhin rechneten wir damit, daß wir am nächsten oder übernächsten Tag in die
Gefangenschaft, in irgendein riesiges Gefangenenlager abrutschen würden.
An
irgendeinen Dienst war nun nicht mehr zu denken. Die Kraftfahrer machten sich
zwar tüchtig an ihren Wagen zu schaffen, immer mit der hintergründigen Absicht,
doch mal damit abhauen zu können. Im Übrigen gingen wir spazieren. Die
Liegewiese des Hotels, eine richtige Matte, wir wer uns die Almen vorgestellt
hatten, begann von neuem zu grünen und zu blühen. Krokusse, blau, gelb, lila,
reckten ihre Blütenkelche, der berühmte blaue Enzian kam hervor und die roten
Sterne des Almrausches. Es war eine Pracht! Wir wanderten den Schluderbach
aufwärts. Wald, etwas schütter gesetzt, schöne Fichten und Tannen, dazwischen
allenthalben Felsbrocken und Steingeröll. Das mochte von der Sprengung des
Monte Cristallo herrühren im ersten Weltkrieg. Der Besitzer des Schluderbacher
Hoteldorfes gab uns Auskunft über die umliegenden Berge: Da war also der Monte
Cristallo, nach Cortina erhob sich der Rauchkofel, dann kam die Rote Wand und
die Geierwand und nach Toblach zu der Monte Piano - eine großartige
Alpenlandschaft. Ich öffnete alle Seelenfenster, um die Großartigkeit und
Schönheit, diese ganze ehrfurchtsgebietende Gewalt der Natur auf mich einwirken
zu lassen. Es sollte doch ein Lebens-Erlebnis sein!
Am
nächsten Morgen, 5. Mai.
Auf
der Straße kommen die ersten Amis an. Es ist ein Sanitätskraftwagen. Die
amerikanischen Landser rauchten Zigaretten und lachten uns zu. Der erste, den
mutigere Kameraden anredeten, tat sein Maul auf und redete unverfälschtes
Sächsisch. Allseitiges Staunen bei uns. ”Ja, ich bin gebürtiger Chemnitzer!” -
”Auch das noch,” antwortete ich, ”die Welt ist doch ein Dorf, und überall sind
Sachsen!” Zunächst war uns die Sache ja ein bißchen peinlich. Das mochte nicht
der einzige sein, und da hatten also Deutsche auf Deutsche geschossen. Es
erklärte sich zwar so, daß diese Deutschen seit Jahrzehnten schon amerikanische
Staatsbürger und ebenso unfreiwillig eingezogen worden waren wie wir. Ein
ungelöster Rest blieb zwar immer noch im Bodensatz unserer Seele, dennoch
ließen wir uns begierig erzählen. Sie - die amerikanischen Soldaten - seien
ebenso froh wie wir, daß der Krieg zu Ende sei. Aber wenn sie nicht ihre
Luftwaffe gehabt hätten, lobten sie uneingeschränkt unsere Infanterie, säßen
sie heute wahrscheinlich noch auf Sizilien oder gar erst in Afrika.
Einigermaßen
mit unserem Schicksal getröstet, stellten wir fest, daß die Amerikaner doch
”gar nicht so schlimm” seien. Aber ein Unentwegter mußte wieder
dazwischenfunken: Ja, die Landser, aber wenn erst die jüdische Zivilverwaltung
kommt! Ja ja, das sind alles Juden, und die werden nicht Samthandschuhen mit
uns umspringen.
Übrigens
erreichte uns recht schnell die Nachricht, daß an diesem Tage seit morgens 8
Uhr an alle Fronten Waffenruhe eingetreten sei. An allen Fronten - das war also
mitten in Deutschland. Nun hoffentlich hatten es die Lieben daheim bis zu
diesem Zeitpunkt ausgehalten und waren nun auch in Sicherheit. Wenn man nur
Nachricht hätte!
Weniger
offiziell und als Flüsterpropaganda ging durch unsere Reihen noch an diesem Abend:
Wir sollen einen neuen „Einsatz” bekommen. Aufbau in Oberitalien. - War das nun
was oder ward das nichts? Die Nazis hatten uns ja schon jahrelang mit der
Drohung bei der Stange gehalten, daß unser Volk eine nie gekannte
Arbeitsversklavung erwarte, wenn wir nicht den Endsieg errängen. Sollte das der
Anfang sein? - Der Divisioner selbst, ein Oberst Schnez, sei dem Ami
entgegengefahren und hätte die Division zur Arbeit angeboten. Wir waren
skeptisch. Die Sache schien noch sehr windig.
Ein
neuer Morgen, 6. Mai - Sonntag, der erste Sonntag in der Waffenruhe.
Bei
der Kompanie diente ein evangelischer Pfarrer als einfacher Landser.
Wahrscheinlich war er nicht braun genug, nicht genug deutscher Christ gewesen,
um Wehrmachtspfarrer zu werden. Der wollte einen Dankgottesdienst abhalten. R.
H. flüsterte es mir zu. Wir sagten es allenthalben weiter. Viele lächelten
darüber. Manche sagten gar nichts. Ich ging in mich. Wie oft war ich während
der Kriegszeit in Gottesdiensten gewesen? Eigentlich gar nicht. Und jetzt?
Hatte ich nicht Gründe genug, zu danken. Wenn ich nur an Kowel dachte, an die
Fährnisse der letzten Tage und Wochen - ?
An
der Straße, schräg vor dem Haupthotel, unter eine riesige Fichte hingekuschelt,
stand eine Kapelle, ein Kapellchen. Zwar katholisch im Aufbau und inneren
Schmuck, aber ein Gotteshaus. Viele Plätze waren nicht drin. So war sie denn
auch bald vollbesetzt. Aber die Türen mußten wir offen lassen. Draußen stauten
sich noch viele Kameraden. Die ehrfürchtige Feierlichkeit eines Gottesdienstes
umfing uns. Mit verschleierten Stimmen sangen wir die vorgeschriebenen Choräle.
In einfachen Worten sprach der Geistliche im einfachen Soldatenrock für uns mit
Gott. Dank, daß er uns gesund durch alle Fährnisse des Krieges geleitet, Bitte
um weiteren Schutz und endliche Befreiung! Und niemals haben wir wohl inniger
mitgebetet, da es um unsere Angehörigen in der Heimat ging. - Sonntag,
Gottesdienst - nur das Glockengeläute fehlte. Ich sehnte mich danach. Die
Italiener liebten ja nur ein ewiges Gebimmel von ihren Kirchtürmen, und selbst
in Verona nicht hörte man volles Geläute. Vielleicht lag das auch am Kriege.
Am Nachmittage wurden dann endgültig alle Waffen
und alle Munition abgegeben. Der entsprechende Befehl von oben war nun auch da.
Die Befehlsstellen arbeiteten merkwürdigerweise wieder, wenn ihre Befehle auch
nur die Auflösung betrafen. Mit Genugtuung sah ich, wie auch die Wachtmeister
ihre angeblichen Eigentumspistolen mir überantworten mußten. Nun, die
schriftlichen Unterlagen hatte ich längst verbrannt.
Abends
ergingen wir uns im Freien. Der Männerchor des Divisionsstabes versammelte sich
im Garten. Ich stellte mich dazu, und wir sangen Lieder der Heimat als sei
tiefster Frieden. Eine bunte Menge, Landser, Unteroffiziere, Offiziere,
Nachrichtenhelferinnen bewegten sich mehr oder weniger zwanglos gekleidet im
lauen Abend umher. Die Lage war wieder einmal rosig.
Beim
nächsten Morgenappell kam wieder ein Stimmungsrückschlag. Der englische
Rundfunk hat gemeldet, die gesamte deutsche Wehrmacht habe nun kapituliert. Der
Spieß drückte als ziemlich sicher aus, wir kämen im Landmarsch weg, also „per
pedes apostolorum”. O weh! Es gab mir gleich einen Stich durch die Narben
meines Fußes, und ich bekam einfach ganz fürchterliche Angst vor der Zukunft.
Ein wenig
hatten wir ja alle noch gehofft, daß der Dönitz’sche Vorschlag gemeinsamen
Vorgehens gegen Rußland Annahme fände. Es wäre uns doch ein wenig Trost und
Zukunftshoffnung gewesen. Der 8. Mai trat dieses Hoffnungsflämmchen aus. An
diesem Tage war nach offizieller Mitteilung früh 2.41 Uhr die bedingungslose
Kapitulation mit allen Feindmächten unterzeichnet worden, auch mit Rußland. Und
gleich hängten sich auch bösartige Gerüchte an diese Meldung wie: Die Russen
wollen alle deutschen Männer von 18 - 30 Jahren haben! Mich beträfe das zwar
nicht mehr, aber es wäre doch furchtbar gewesen; und was würden sie mit unseren
deutschen Frauen und Mädchen machen, die laut nazistischer Propaganda „vertierten
Massen aus dem Osten”?
Noch einmal arbeitete auch die militärische
Befehls- und (lachhaft, wie wir sagten) Beförderungsmaschine. Die letzten
Divisions-, Abteilungs-, Kompaniebefehle kamen heraus. Sie enthielten nicht nur
die auf die übliche militärische Formel, den „Tenor” gebrachte Kapitulation,
sondern wären auch noch der Anlaß für zahlreiche Beförderungen. Eine ganze
Menge Kameraden wurden noch zu Unteroffizieren, Unteroffiziere zu Wachtmeistern
befördert, weil nur das nach der militärischen Berechtigungsvorschrift dem
Abteilungskommandeur noch möglich war. Unser Verpflegungsunteroffizier L. wurde
Wachtmeister, H. B. Unteroffizier. Was haben wir gelacht über diese „ersten
Friedenswachtmeister” und „ersten Friedensunteroffiziere”, wenn es auch nur
noch ein Possenspiel war.
Aber
nun war der Frieden doch und endgültig ausgebrochen, wenn er auch anders
aussah, als wir uns gedacht hatten. Und doch war es noch Frieden für uns. Die
Kämpfe waren vorbei, Luftalarme und Luftangriffe fielen aus. Aber die Amis, die
uns hätten gefangen nehmen oder bewachen sollen, waren auch noch nicht da. Wir
erfreuten uns völliger Freiheit, die wir denn auch gehörig mit Spaziergängen
usw. ausnützten.
Wir
von der Eisenbahn-Bau-Division - wenn ich mir auch später sagen lassen mußte,
daß diese Eisenbahn-Bau-Division ein ganz geschickte Tarnung des Divisioners
war - erfreuten uns doch noch köstlicher Freiheit. Täglich wurden, in
Ermangelung anderer Beschäftigungen ausgedehnte Spaziergänge unternommen.
Entweder drangen wir im Walde nach dem Monte Piano zu vor, wo hart an seinem
Fuße eine Art Waldbahn von Toblach her kommend nach Cortina fuhr - eine
Fahrgelegenheit, die von vielen wahrgenommen wurde, besonders von den immer
noch erlebnishungrigen Nachrichtenhelferinnen, oder wir schlängelten uns den
Schluderbach entlang durch den urwüchsigen Wald die Straße nach Cortina
entlang. Auf die Straße selbst wagten wir uns nicht und hatten unsere
gewichtigen Gründe dafür. Seit dem 9. Mai nämlich begann hier eine „rückwärtige”
Bewegung des Verkehrs, indem lange Kraftwagenkolonnen ansehnliche Massen von
deutschen Kameraden nach dem Süden transportierten. Da ging es also in die
Gefangenschaft! Mir krampfte sich bei solchem Anblick das Herz im Leibe
zusammen! Gefangenschaft! Das war doch das Schlimmste, was einem passieren
konnte, und uns stand es auch noch bevor!
Die
Lust an der gewaltigen Natur ließen wir uns aber deswegen nicht nehmen, und
selbst als dann im Hause eine amerikanische Wache eingezogen war, blieb unsere
verhältnismäßige Freiheit unbeschränkt. Ja, es schien uns, als sei die Wache
nicht da um uns zu bewachen oder unser Ausreißen zu verhüten, sondern mehr
dazu, uns vor den Übergriffen anderer amerikanischer Einheiten zu beschützen
als der, in deren Schutz - wie wir nach und nach erfuhren, - uns der
Divisioner, Oberst Schnez, gestellt hatte. Doch das hinderte nicht, daß auch
wir noch eine Wache zu stellen hatten. Wir nannten sie die „Stockwache”, weil
wir uns an Stelle von Waffen mit Spazier- und Skistöcken aller Art und Größen
ausgerüstet hatten. Da lag uns das nächtliche Verschließen der Hoteltüren ob,
um das Eindringen unbefugt flüchtender Kameraden anderer Einheiten zu
verhindern, oder vielleicht auch die Flucht der eigenen?
Bei
dieser Gelegenheit, entsinne ich mich, lasen wir allerhand Bekanntmachungen,
die das Kommando der Heeresgruppe Süd an alle noch einigermaßen intakten
Einheiten kommen ließ. Zunächst lachten wir tüchtig über die Anweisungen der
Amerikaner, weil die von den deutschen Soldaten selbst in den amtlichsten
Kundmachungen nicht anders als von ”Krauts” redeten. Wieweit wir etwas mit
Kraut zu tun haben sollten, ist bis heute unerfindlich geblieben; denn gerade
uns alten Rußlandkämpfern war bekannt, daß der Russe weit mehr dem Kraut
verschworen war, als wir Deutschen. Aber der Landserwitz hielt sich nun einmal
nicht an intellektuelle Spekulationen, genauso wie der deutsche stur die
Italiener als Itaker bezeichnete, was doch eigentlich besser auf die Bewohner
der Odysseus-Insel Ithaka zugetroffen hätte. Aber da war nichts zu machen. Der
Katzelmacher des ersten Weltkrieges war halt ausgestorben.
Weit
interessanter aber waren Mitteilungen, die hinter die Kulissen des Nazismus
leuchteten, der nun sein Dasein anscheinend endgültig beschlossen hatte. Da
ließ uns nämlich der Führer der Heeresgruppe, ich glaube Generalfeldmarschall
Kesselring war das, wissen, daß in den letzten Tagen kurz vor dem Zusammenbruch
die SS einen großen Häftlingstransport aus einem der ”vornehmsten”
Konzentrationslager Süddeutschlands hatte nach Südtirol flüchten wollen. Im
Pustertal, in Welsberg, habe man sie ausgeladen, als der Zusammenbruch kam, und
da hätte sich denn das ganze Verbrechen der Nazis gezeigt, die hier
Staatsmänner aus allen unterdrückten Ländern Europas unter den
menschenunwürdigsten Verhältnissen festgehalten hatten. Ein französischer
Ministerpräsident sei auch dabeigewesen. Nun habe sich die Heeresgruppe ihrer
angenommen, die Entkräfteten verpflegt und versorgt, um dem deutschen Namen
doch noch einige Ehre zu machen. Dabei wurde gewissermaßen ehrenwörtlich
versichert, daß man nichts von der Greueln der KZ. habe wissen können - und wir
lesenden Landser konnten dem nur beipflichten.
Unter
solcherlei Erlebnissen war wieder eine Woche vorübergegangen, eine Woche voll
Hangens und Bangens wegen unseres künftigen Schicksals und ohne jede
Entscheidung. Wieder wurde zum Gottesdienst gerufen. Diesmal waren im nahen
Walde lange Reihen von Sitzbänken aufgestellt worden. Der Geistliche, ein
Unteroffizier, faßte die Erlebnisse der letzten Tage in starken und stärkenden
Worten zusammen. Er ermahnte uns, wach zu sein, stark und männlich, Gott zu
vertrauen und sein Wort in uns zu tragen. Nun, Gott war und blieb ja auch
unsere letzte Zuflucht in dieser Zeit, da alles wankte und stürzte, auf das man
bisher getraut und gebaut hatte. Und gerade die kommende Woche sollte es
zeigen, daß man nur noch auf Gott vertrauen konnte.
Der
Sonntag verging wie alle anderen Tage. Man war nun schon ruhiger geworden, ein
stärkendes Mittagsschläfchen nach einem guten Mittagessen tat sein übriges.
Übrigens sei es hier gleich am Rande erwähnt: Was noch an Vorräten in der Küche
vorhanden war, wurde jetzt so rasch wie möglich verzehrt. Wir hatten immer
wunderbar fett- und fleischreiche Mahlzeiten. Es war ein bißchen ”Après-nous-déluge-Stimmung”
dabei, aber, sagte man sich, was nützte es, bei einem etwaigen plötzlichen
Aufbruch alles liegen lassen zu müssen, statt sich erst einmal ordentlich satt
gegessen zu haben? Vor allem war man doch etwas ruhiger geworden, und ich
setzte mich in meiner Dachkammer sogar hin und begann wieder zu schreiben, und
wenn mir auch die Verse, der allgetreue Pegasus, noch nicht wieder zur
Verfügung stand, so gelang mir doch eine Art Novelle, eine Anekdote aus dem
Siebenjährigen Krieg, die ich früher schon einmal geschrieben hatte. Da man
aber so gar nicht wußte, ob nicht in der Heimat, die einem bisher als
sicherster unzerstörbarer Port geschienen hatte, alles zerstört sei, trieb
schon der Drang, unverlierbar geschienenes geistiges Gut wieder ans Papier zu
fesseln, ehe man es vergäße.
Bei
einem nachmittäglichen Spaziergang am Ufer des Schluderbaches regte sich unter
den Männern auch wieder die Daseinsfreude. Sie kamen, da die Sonne schon schön
wärmte und bräunte, auf den Gedanken, den Schluderbach zu stauen, um eine Art
Freibad zu errichten. Das war gewissermaßen die erste demokratische
Lebensäußerung unseres Häufleins. Der Spieß schloß sich dem Mehrheitsbeschluß
an, und beim montäglichen Dienstverteilen rückten wir mit Hacken, Spaten und
Schaufeln aus, einen Staudamm zu errichten. Das war ein lustiges Arbeiten, und
mit Felsbrocken, Lehm und übergelegten Baumstämmen hatten wir bald ein Dämmlein
geschaffen. Während wir so arbeiteten, prasselten auf der Straße immer wieder
Amerikaner in ihren berühmten „Flitzern”, den „Jeeps” vorbei. In einem aber
saßen ganz besondere „Brietzeln”. Die hatten irgendwo eine deutsche
Signalraketen-Pistole erbeutet, mit der sie nun aus Unsinn in der Gegend
herumschossen. „Die Kriebeln”, schrie einer von uns, „jetzt haben sie doch
richtig in den Wald hineingeschossen!” Unterhalb der Roten Wand sahen wir die
Rakete niedergehen und zünden. Es war zwar ziemlich hoch oben, aber Wald war
Wald, und es begann auch bald zu rauchen und zu lodern, so daß wir Deutschen,
denen der Wald doch ganz anders ans Herz gewachsen ist als den nüchternen
Amerikanern, ganz zornig zu Mute wurde. Als wir ins Quartier zurückkamen,
erfuhren wir, daß dasselbe auch noch an anderen Stellen geschehen war und
allenthalben die Waldbrände emporflackerten, was besonders nachts einen
schaurig-schönen Anblick gab.
Noch
am Abend zog eine Gruppe der Kompanie hinaus, um die Brände einzudämmen. Sie
konnten aber nicht viel ausrichten. Nachts und am nächsten Tage gingen starke
Gewitterregen nieder. Sie vermochten aber die Waldbrände nicht zu löschen. Es
schwelte und glimmte unter der nassen Aschendecke weiter, und als es halbwegs
wieder ein wenig sonnig und warm wurde, schlugen die Flammen wieder auf. Dafür
aber hatten die Gewittergüsse unser Stauseelein ganz ansehnlich gefüllt. Leider
konnte ich nicht mit hinein-”huppen”, da ich noch keine Badehose hatte und weil
mir das Wasser doch ein wenig zu schmutzig war. Außerdem aber war ein anderer
Dienst angesetzt, der uns nun doch ein wenig peinlich an unsere Lage erinnerte:
Wir mußten unser Lager an Nachrichten-Geräten und Materialien aufräumen, sortieren
und zusammenpacken. Das mußte alles an den Ami abgeliefert werden. Weil ich
mich unter Hinweis auf meinen zerschossenen Fuß von den Löscharbeiten am
Waldbrand gedrückt hatte, kam ich auch nicht in Frage, die Fahrt zur
Ablieferung der Geräte mitzumachen, obwohl ich gern mitgemacht hätte.
Neben
solchen kleinen Diensten gab es für uns noch einen, den wir ganz gern
absolvierten: Küchendienst, d.h. Kartoffeln schälen. Im Zuge des großen
Resteressens kam nun auch das Kartoffellager mit an die Reihe, was vorsorglich
schon seit dem letzten Herbste in Schluderbach für uns aufbewahrt worden war.
Auch Nachrichtenhelferinnen halfen mit, allerdings mehr beim Kochen. Unsere
Küche, die sich im Keller des Hotels befand, war dadurch ganz schön bevölkert.
Meine Glauchauer Landmännin P. arbeitete auch mit hier. Und bei Gelegenheit
eines solchen Küchendienstes, bei dem manche Stunde unter der Arbeit
verplaudert wurde, erfuhr man denn auch neueste Neuigkeiten. Vor einigen Tagen
noch hatten wir uns bei dem Gedanken beruhigt, daß die Demarkationslinie
zwischen Russen und Amis durch die Elbe gebildet werden sollte. Plötzlich
durcheilte unsere Quartiere die Nachricht, und ich vernahm sie in der Küche,
daß die Mulde die Demarkationslinie werden sollte!
Heiliger
Gott! Russische Besatzung in unserer Heimat? Was soll aus unseren Angehörigen
werden? Wir befürchteten das Schlimmste und konnten einige Nächte nicht
schlafen. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem unsere Angehörigen noch nicht
einmal etwas von diesem ihrem Schicksal wußten. Ihnen wurde es eigentlich erst
mit dem tatsächlichen Einrücken der Russen Mitte Juni klar, uns schon einen
Monat vorher!
Trotz jetzt öfter
einsetzender Regenfälle und Gewitter lassen die Waldbrände nicht nach, und die
Kameraden müssen noch einige Male hinaus. Ich schreibe meist in der Zeit oder
ordne meine Waffenkammer, die ich doch so gerne los sein wollte. Aber niemand
kam und nahm uns die Waffen ab. Der feierliche Akt der Waffenniederlegung wurde
uns erspart. Immerhin war ich ein wenig ängstlich. Lt. Kapitulationsbestimmungen
durften wir keine Waffen mehr haben, und wir hatten noch so viele. Wenn nun -
und was denn dann - und ich war schließlich verantwortlich dafür - ?! Ich telephonierte
mit der Abteilung. Der Waffenmeister H. L. wußte auch nichts und lebte in
derselben schummrigen Gemütsstimmung, nur um einige Grade höher. Aber die Sache
war darum nicht so gefährlich, als wir gar nicht als Kriegsgefangene galten,
sondern als Internierte. Die volle Auswirkung dieses Begriffs erfuhren wir erst
später.
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