Gefangenschaft in Südtirol - Chorsingen, Mücken, Weinernte und ein neues Gedicht


In diesen Tagen erinnerte ich mich wieder einmal meines kleinen ”Luginsland”, den frontbewährten Photoapparat, auf dem noch vier Aufnahmen zu verknipsen waren. Die Weinberge, reifende Trauben in Großaufnahme, die Lagerstraßen und die Aussichten hatten mir es besonders angetan. Reinhold H. hatte noch gute Verbindungen nach Meran, in dessen deutscher Lazarettstadt sich ein völlig friedensmäßiger Betrieb entwickelt hatte, ein ”normales Leben” wie in einem abgeschlossenen Dorfe, wo dem Vernehmen nach Landser und Nachrichtenhelferinnen feste darauflosheirateten und Einzelzimmer als Wohnungen zugewiesen bekamen, wo eine eigene Lagerzeitung auch all diese ”Familiennachrichten” feierlich verkündete, wo bald ein Entbindungsheim eingerichtet werden mußte für all die neuen Erdenbürger - ja, und dort wurden auch Filme entwickelt, ich glaube sogar kostenlos für Landser.
Davon profitierte ich mit meinem letzten Film auch. Einen neuen konnte ich mir aber leider nicht zulegen.
Als es am vorletzten Augustsonntag wieder einmal dauerregnete und man vor langer Weile nur mehr las und las und wieder las, suchte ich abends nach längerer Pause auch wieder einmal den 15000-Volt-Keller auf. Das geschah, wenn ich mich recht erinnere, nicht ganz absichtslos, indem nämlich Otto-Otto gestanden hatte, in Zivil dem Deutschen Sängerbunde anzugehören. Auch der Kompanie-Schuster, ein ansonsten recht versoffenes und dann ziemlich unangenehmes Stück Mann, war musikalisch. Reinhold H., sängerisch auch nicht schimmerlos, zog mit und vor allem ein mir bis dato noch unbekannt gebliebener Angehöriger der Fernsprech-Kompanie, in Zivil Kantor und Chormeister aus dem musikalisch gelobten sächsischen Heimatland. Anlaß des Zusammentreffens war, daß Otto-Otto in seinem umfangreichen Gepäck die vollständigen Einzelstimmen von Beethovens “Heilige Nacht, o gieße du” gefunden hatte, die wir nu singen wollten. Die Sache ging so schön und begeisterte uns derart, daß wir auf der Stelle beschlossen, mindestens ein Singquartett, wenn nicht gar einen Lagerchor zu gründen. Den Chormeister hatten wir ja, und ich als Stabsangehöriger sollte es mir angelegen sein lassen, ihn hier im Lager zu halten. Leider klappte das nicht so, wie wir hofften, so daß der Lagerchor aufgeschoben werden mußte, bis die Zeit gelegener war.
Die Regenperiode der letzten Augustwochen brachte eine recht üble Plage mir sich, die wir bis dahin noch nicht derart gespürt hatten: Mücken über Mücken. Besonders gegen Abend war es fast nicht mehr möglich im Weinberg spazieren zu gehen. Und das hatte gerade jetzt, da die Trauben reiften, seine besonderen Reize. Zwar besaßen wir Mückennetze, Gesichtsnetze, die aber nur mit Mütze zu gebrauchen waren, da sie sonst am Gesicht festklebten, die Mütze jedoch machte wieder zu heiß über dem Gedankensitz. Günter G. kam auf die glorreiche Idee, sich eine Art Hutkrempe aus Pappe zu schneiden, so daß das Netz in wünschenswertem Abstand von der Nase hing. Das alte Imkermittel gegen schwärmende Insekten, eine Pfeife voll Tabak, konnten wir mangels Masse leider nicht verwenden. Ein Raubzug in den reifen Wein endete also meist mit zerstochenen Händen und Gesichtern, wovon selbst ich, der ich mich gegen Mückenstiche doch gefeit glaubte, nicht verschont blieb. Besonders übel wirkte sich die Mückenplage beim sonntäglichem Baden aus, so daß sich eigentlich nur empfahl, für die ganze Dauer des Seeaufenthaltes im Wasser zu bleiben.
Ansonsten hielt die Hitze dauerhaft an, so daß wir im Lager Apfelbäume fanden, die zum zweiten Male im Jahre blühten. Sie gaben uns einen Vorgeschmack der im kommenden Frühjahr zu erwartenden Blütenpracht - falls wir um diese Zeit noch im Marklhof weilen würden. Langsam waren wir in unserer Lage ja so sicher einesteils und so jeder anderen Hoffnung bar geworden, daß wir mit einer ewigen Internierung à la Reblaus rechneten.
Da schneite mir und einigen anderen Kameraden ein merkwürdiges Ereignis bös in die schöne Sicherheit und ließ mit einem Schlage alle üblen Vorahnungen von Gefangenenlager, Zwangsarbeit usw. lebendig werden: Ich wurde zur Vernehmung beim Amerikaner bestellt, ich und allerhand andere, die auf die “seltenen” Namen Fischer, Müller, Meier, Schulze usw. hörten. Uns war es recht mulmig ums Herz, und besonders unser Stabsarzt Dr. M. schaute ziemlich bleich darein, als wir uns vor unserem Speisesaal sammelten und der Dinge harrten, die dort verborgen waren. Tröstlich erschien uns, daß nur ein einziger amerikanischer Offizier die Sache vornahm, daß also keinerlei “Henkersknechte” zugegen waren, die uns etwa in ein verwirrendes Kreuzfeuer von verhängsnisvollen Fragen hätten nehmen können. Demgemäß verlief die Geschichte auch ziemlich harmlos. Ich habe mir nicht alles gemerkt, was der Vernehmende fragte. Auch brauchte ich mich keineswegs dumm zu stellen, wie wir uns alle zuerst vorgenommen hatten. Ich hatte mich dabei vor allem meiner Sterzinger Erlebnisse erinnert, deren Hauptclou nur erst jetzt wieder einfällt. Als uns dort nämlich der amerikanische Militär-Polizei-Offizier anhielt, fauchte er zunächst mich an: “Sprechen Sie deutsch?” worauf ich einigermaßen verdutzt antwortete: “So ziemlich!”
Aber derlei Scherze waren diesmal weder angebracht noch notwendig. Der diesmal vernehmende Offizier fragte ganz sachlich die Personalien ab. Plötzlich aber schoß er dazwischen: “Welchen Dienstgrad hatten Sie doch bei der SS?” Aber damit konnte er mich nicht irre machen. Ich war auf meiner Hut, verbarg meine Aufregung, die mich auch unschuldigerweise den Aufenthalt hätte kosten können, und antworte sachlich, wie die Vernehmen begonnen worden war. Doch der gute Mann ...  war doch nicht gewitzt genug. Er bohrte noch einmal an. Er setzte mir auseinander - in tadellosem Deutsch  übrigens - daß es doch kaum glaubhaft sei, wie ich als Abiturient nicht Offizier gewesen sein sollte. Daraufhin hielt ich ihm einen schönen Vortrag über meine antifaschistische und antimilitaristische Einstellung, worauf er nur noch einige belanglose Kulissenfragen tat - und mich entließ. Immerhin benötigte ich auf die Spannung dieser kurzen Zeit hin einen gehörigen befreienden Atemzug.
Inzwischen nahte mein Geburtstag, der “sechste in Uniform”. Es sollte der stillste Geburtstag meines Lebens werden. Zwar konnte ich mir Paketen, ja selbst einer kärglichen Nachricht aus der Heimat keinesfalls rechnen. In diesem Sinne war meinen Geburtstagsgedanken ein tüchtiger Schuß Wehmut beigemischt. Immerhin hoffte ich doch wenigsten, ein Quantum Wein zu ergattern, um mit den Kameraden feiern zu können. Doch Geld hatte ich keins - mein letzter Trost blieb der Schnapshusar, den ich ein wenig anbettelte, weil er viele zivile Verbindungen hatte. Aber auch der ließ mich im Stich. Und von den Kameraden merkte keiner meinen “großen Tag”, selbst Ernst P., der ihn aus den Listen hätte wissen können. So kam es, daß ich nicht einen einzigen (schreibe: 0) Glückwunsch einheimste. Mein Trost war, das zwar allsonntäglich, aber für diesmal feierlich werden sollende Baden im Montigglsee.
Leider kam auch das anders, als ich mir eingebildet hatte. In unserem Lager fungiert seit einigen Tagen eine neue Wache. Und die war sehr stur. Die wollte nicht. Wir saßen badefertig im Lkw. Und warteten. Unser Chef telefonierte und schickte Kradmelder nach allen mögliche Befehlsstellen, unterhandelte mit dem ziemlich unzugänglichen Wachhabenden - schließlich ließen wie uns, die wir nun allbereits eine ziemliche Wut im Bauche hatten, losfahren. Aber wir hatten und kaum den Balg benetzt, da pfiffen sie schon wieder zum Einsteigen, die Lumpen! Naß wie wir waren, mußten wir die “Kleedasche” drüberwürgen, und konnte schon ziemliche Affentänze sehen, mir denen wir in aller Eile Hemd und Hosen überwarfen und uns mit der Nässe herumschlugen.
Das war also mein Geburtstag - oder vielmehr, das waren die äußeren Umstände, von denen ich mich schließlich aber nicht unterkriegen ließ, meinen sonstigen Gepflogenheiten zuwider. Irgendwie riß das wehmütige Erlebnis “Geburtstag” einen Quell in meinem Inneren auf, der bisher erst nur mühsam zu rieseln begonnen hatte: Ich machte ein Gedicht, ein Gedicht, mir dem ich mir wieder einmal “eine Rosine aus dem Kuchen pickte”.
Die neue Wache hatte auch für uns eine Wache eingeführt, eine von den uns schon seit Schluderbach geläufigen “Stockwachen”. Wir sollten in gewisser Zeit das ganze Lager abpatrouillieren. Das war am Mittwoch zuvor gewesen. In der stillen Abendstunde hatte ich dabei wieder mal mit allen Herzensfasern Natur genossen. Nun gab mir der verkorkste Geburtstags-Sonntags-Nachmittag die erwünschte Sammlung und Ruhe, das in Verse und Reime zu bringen, was mich an diesem Wachabend so ungeheuer frappiert hatte: 

Der M o n d a u f g a n g  i n   d e n  A l p e n
Die Sommernacht wiegt sich in dunklen Mären, -
und eh’ die Wolken wandeln sich und klären,
glimmt hinter’m Berge fahl ein kalter Brand.
Die Wolken rändern silbern sich, und Strahlen
gleich Blitzen, Brücken ob den dunklen Talen
von Berg zu Berg, erhellen matt das Land.

Die Berge türmen sich in schwerem Schweigen
und Dunkel. Hinter ihren Rücken steigen
in Nichts zerfließend alle Wolken auf.
Des Himmels Samt hellt sich in blaue Seide,
darin verblaßt der Sterne Goldgeschmeide,
und lichter färbt die Nacht den Erdenlauf.

Da schiebt ein Licht sich über Tannenspitzen
auf fernem Hügelkamm, ein freundlich Blitzen,
und weitet sich und übersteigt die Höh’n - - -
Und in der Brust tönt, was wir einstens sangen,
ein kleines Lied: “Der Mond ist aufgegangen…”
verlor’ner Klang: “…er ist nur halb zu seh’n…!”

Mit diesem Gedichtel war dann eigentlich der Bann gebrochen, und das geliebte poetische Bächlein begann zu fließen, oder anderes ausgedrückt: Der alte Pegasus hatte sich von seiner chronischen Flügelstarre erholt und schwang sich erneut ins Licht. In der Folge plätscherten die Gedichte nur so hervor. Aller paar Tage hatte ich auf meiner verflixten italienischen Maschine ohne ä, ö, ü und ß  ein Blättchen zu beschreiben, um es meines Sammlung “Gedichte aus Südtiroler Gefangenschaft” einreihen zu können. Ich ließ mich auch nicht von allerhand mehr oder weniger mißlichen Ereignissen abhalten. Die poetische Ader war nun einmal entfesselt, der richtige Gemütszustand erprobt und immer wieder einzustellen wie ein Radioapparat, und die Motive flossen mir mehr, als ich je verarbeiten konnte, täglich zu....


Einige Tage später: Inzwischen hatte ich allerhand Vorarbeiten und Besprechungen geleistet, die nun endlich zur Gründung eines Lagerchores führen konnten. Zunächst, nachdem unser erster Chormeister das Lager wieder verlassen hatte, hatte ich einen neuen organisiert. Den Zahlmops, die Quellwurst, den einstigen Kantor B.. Das war allerdings nicht einfach gewesen. Der hielt sich ja gerne von solchen Sachen zurück. Mir erstand aber in unserem neuen Adjutanten ein wirksamer Helfer in meiner Angelegenheit. Dieser neue Adju. war eigentlich auch ein Beamter, ich glaube ein technischer  Inspektor und nicht Offizier. Seinen Namen habe ich vergessen. Aber ein gemütlicher Mensch, das war er. Er sang selbst mit im Chor, und so brachten wir einen ganz ansehnlichen Chor zusammen. Jede Stimme war mindesten drei- bis vierfach besetzt. Sogar  e i n  (1) Männerchorliederbuch des Deutschen Sängerbundes war vorhanden. Es gehörte einem Kameraden von einer Transportkommandantur, die auch mit bei uns im Lager lag.
Am Sonntag, dem 9. September, bei wiederum recht schlechtem Wetter erfolgte die feierliche Gründung des Lagerchores. Der Adju. und ich, wir waren die treibenden Kräfte, vor allem aber ich, der ich mich nun in den folgenden Tagen der schwierigen Arbeit unterzog, für alle Stimmen auszuschreiben, was ich mit Hilfe der Schreibmaschine und im Durchschlagverfahren ganz schön bewältigte. Zunächst nahmen wir uns ein paar ganz einfache (für meine Begriffe) romantische und neuromantische Chöre, Standardwerke für jeden Dorfchor, vor: “Sonntag ist’s” von Simon Breu, “Im schönsten Wiesengrunde”, “Ännchen von Tharau”, “In des Abends Dämmerschleier” von Jüngst (spanisches Ständchen), “In stiller Nacht” von Brahms und schließlich wieder Beethovens “Heilige Nacht”.

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