Ende der Gefangenschaft - Abfahrt am 28. März 1946



Und am Donnerstag, dem 28. März 1946, (einen Tag nach der zweiten Wiederkehr meines Verwundungstages) war es soweit. Beim Morgenappell gab der Adju bekannt, daß wir mittags gegen 12 Uhr abfahren würden. Nun galt es die Zelte abzubrechen. Zunächst wurde rasch noch zu Geld gemacht, was Wert hatte. Der Adju klemmte einem Kraftfahrer, Kurt Z., unseren großen Rundfunkempfänger unter den Arm, der schnappte sich den Marklhof-Wirt, damit der gleich den Erlös in einem fettigen Abschiedsmahl anlegte. Mir brannten auch noch 400 Lire in der Tasche. Merkwürdigerweise war ich die trotz ausgedehnter Abschiedsfeiern in den letzten Tagen nicht losgeworden. Immer hatte sich jemand gefunden, der noch mehr Geld umzusetzen hatte und mich freihielt. Einige tausend Lire hatte ich bereits in deutsche Hundertmarkscheine umgesetzt, denn sparsame Südtiroler Bauern hatten uns aufgesucht, um ihre gespartes Reichsgeld bei uns loszuwerden, da sie doch keine Verwendung mehr dafür hatten. Nun rannte ich zum Marklhofwirt, der schon im Dunst zahlreicher gebratener Schnitzel schwitzte, und kaufte ihm für mein restliches Geld viel zu teuer dunkelbraunen, arg beißenden italienischen Tabak, prima Feinschnitt, ab. Eins meiner vielen Säckchen war prall gefüllt. Die Kraftfahrer hatten sich in aller Eile mit ganzen Kisten voll Apfelsinen eingedeckt, denn ganz Bozen war goldgelb von neuen Apfelsinen. Mittags gab es noch das Abschiedsessen, Schnitzel und einen Liter tiroler Wein, umsonst für alle Stabsangehörigen. Kaum konnte ich’s schaffen vor Reisefieber. Blutenden Herzens ließ ich mein Weihnachtstransparent und den Adventskranz in der Baracke zurück. Alles andere wohlverpackt: Holzkoffer, Tornister, Brotbeutel, Schlafsack! Dazu der Spazierstock und eine lange Gänsefeder auf der Mütze. Man sollte doch sehen, daß ich Schreiber war. Und nun auf meinen Wagen, als Beifahrer zu Alfred K. und seinen funkelnagelneuen Opel-Blitz.
Das war überhaupt noch so ein Ding, diese Wagen, eine ganze Reihe fabrikneuer Opel-Blitz. Wir hatten doch bisher nur die italienischen Fiat gehabt. Da waren die Italiener gekommen: „Was wollt ihr in Deutschland mit den italienischen Wagen? Dort gibt es doch keine Ersatzteile dafür! Wir tauschen sie Euch gegen ein entsprechendes Aufgeld natürlich! - in funkelnagelneue Opel-Blitz ein!“ Und das war geschehen, und damit die Amis bei der Übergabe der schriftlich festgelegten Wagen nichts merkten, wurden nicht nur die Nummern- sondern auch die Typenschilder von den Motoren ausgewechselt. Toll!
So rollten wir denn ab und sammelten uns auf der Landstraße vor Bozen, wo uns das Begleitkommando, Philippinen in amerikanischen Uniformen - wir nannten sie nur Nippis - bereits erwarteten. Sie ließ uns noch eine ganze Weile warten, und wir hatten Muße, den Abschied auszukosten:

Der Lenz hat im Tiroler Land
Die hellsten Freudenfahnen
von allen Gipfeln ausgespannt.
Und wo er seine Bahnen
Von einem Tal zum andern
Und die durchsonnten Hänge zieht,
entfacht er Glanz und Blütenblust,
wohin man schaut, ist Freud und Lust,
nur wir, wir müssen wandern,
und trüb klingt unser Lied:
Noch fliegt der rote Adler,
noch fließt der rote Wein,
Tirol, du Land der Treue,
es muß geschieden sein!

Auf mancher Spur hielt unser Schritt,
umkämpfte Völkerscheide,
und fühlte, wie dies Land einst stritt:
Der von der Vogelweide
fand Harfe hier und Eisen,
gewaltiger Gesänge Schmied, -
Andreas Hofer stand einst Wacht,
wo heut die Mädchen uns gelacht -
nun müssen wir verreisen,
und still klingt unser Lied:
Noch fliegt der rote Adler,
noch fließt der rote Wein,
Tirol, du Land der Treue,
deutsch wirst du Land stets sein!

Dein Lenz macht uns das Scheiden schwer
Und schwerer noch dein Segen
vom letzten Herbst. Das Glas ist leer!
Um Rebensaft verlegen
sind wir in künft’gen Jahren,
die uns nun das Geschick beschied,
drum doppelt herzlich, Land Tirol,
und doppelt schmerzlich das „Leb wohl!“,
wir müssen, müssen fahren,
Dir bleibt nur unser Lied:
Noch fliegt der rote Adler,
noch fließt der rote Wein,
Tirol, du Land der Treue,
wir lassen dich allein!

Zum letzten Male ließen wir unsere Blicke schweifen. Das waren die Hänge, die Hügel, die Gipfel, deren Anblick uns fast ein Jahr lang so beglückt. Da oben hatte im Herbste der gewaltige, viele Kilometer umfassende Waldbrand getobt, und da und da und da, eine gewaltige leuchtende Kette, hatten am St. - Andreas-Tag die Feuer Südtiroler Treue auf den Bergen in die Nacht hineingeleuchtet, den Südtirolern und auch uns zur Mahnung.
Und nun mußten wir fort!
Der Aufbruch und der Abbruch unserer Zelte hatte noch viele schwere Mühe und Arbeit gekostet. Nun sahen wir uns mit einem Schlage dem Nichtstun ausgesetzt. Lange Zeit standen wir noch aus unerfindlichen Gründen auf der Straße gen Bozen, stopften uns eine Pfeife nach der anderen und schälten eine Apfelsine nach der anderen. Das blieb übrigens mein einziges Geschäft während der Fahrt. Alfred K., mein Fahrer, hatte mit dem Kopf nach hinten gedeutet. Da hing eine Wäschetasche vor der großen goldgelben Früchte: „Nimm und schäl!“ Beinahe durchgehend bis München haben wir so geraucht und gefuttert.
Endlich ging es fort. Zum letzten Male fuhren wir die Straße im einzig-schönen Eisack-Tal entlang, durch Brixen und die Brixener Klause, an den vielen stolzen Burgen und stillen Dörfern vorbei, durch die Alpenstädtlein und an den Mussolinischen Prachtbauten von Elektrizitätswerken vorüber, dem großen Staudamm von Franzensfeste und schließlich in die Wälder oberhalb Sterzings, unseligen Angedenkens. Der Frühling, soweit er schon karg und zag entsprossen war, blieb immer weiter hinter uns zurück, die ernsten Wälder, Tannen, Fichten, Kiefern, nahmen uns auf. Immer steiler wurde die Straße, und ab und zu gab es einen Halt, da der eine oder anderen Wagen auf der Steile nicht weiter konnte. Wir mußten vorspannen. Unser Opel-Blitz schaffte es natürlich spielend, z.B. den Werkstatt-Wagen herauszuholen. Ein letzter Schluck Südtiroler Rotweins war der Dank dafür.
So erreichten wir in den Nachmittagstunden, da es schon zu dämmern begann, den Brenner, den weltberühmten Völkerpaß, der aber dennoch keine Volkstums-Grenze war. Hier sammelte sich die weit auseinandergezogenen Kolonne zu langer Wagenreihe. Wir frohlockten, hofften wir doch bei guter Zeit und guter Sicht nun Nordtirol und vor allem das liebliche Innsbruck zu passieren. Aber - Scheibe!
Hier am Brenners saßen ja die Herren Franzosen. Die schienen doch überhaupt eine ganz besonders ausbündige Freude an uns zu besitzen - und ließen uns absolut nicht weiterfahren. Langsam wurden wir ungeduldig und sahen mit scheelen Augen nach den hochmütigen Offizieren und den geputzten und nach allen Enden lackierten Puppen von Armeehelferinnen. Rings die kahlen Berge, zu Seiten der Bahnlinie, vor uns das malerische Zollgebäude - und keine Weiterfahrt.
Endlich, da es schon düsterte, ließ man uns los. Die Schweinehunde! Die wollten uns bloß nicht bei Tageslicht fahren lassen. Das konnte man schon aus dem Befehl ersehen, den sie uns gegeben hatten: Ohne Aufenthalt durch Österreich!! Da war es also nichts mit einem kurzen Umgucken in Innsbruck, zumal bis dahin die Finsternis wahrscheinlich völlig hereingebrochen war. Überdies machte uns etwas anderes Kummer. In Rosenheim, das war schon bis zu uns heruntergedrungen, würde Aufenthalt sein, weil alle unnötige Begleitmannschaft dann im Bahntransport weitergebracht werden sollte - dort in Rosenheim nämlich gedachten wir unsere kostbaren Habseligkeiten bei der Zivilbevölkerung zur Aufbewahrung unterzubringen. Hunderte vor uns hatten das schon gemacht, wir wollten es ebenso halten. Wie aber, wenn wir erst in tiefer Nacht dort ankämen?
So brausten wir durch die Finsternis und sahen fast nichts. Nur - von einer Höhe herab tauchte im Talkessel plötzlich ein riesiger Kranz leuchtender Lichter auf: Das war Innsbruck. Durch einige verschwiegene Gasse einiger Vorstädte anscheinend wurden wir hier durchgelotst und fanden uns bald wieder in dörflicher Umgebung. Friedensmäßiger Betrieb schien wieder zu herrschen. Alles schlief. Kein Mensch auf den Straßen, dafür an den Ecken an den Brettergestellen die Batterien von Milchkannen für die Molkereien. Was haben wir gelacht, als uns bei einer solchen einer unserer Kraftradfahrer überholte, anhielt, eine Kanne erwischte, öffnete und kurz entschlossen an die Lippen setzte. Denn es war staubig und ersichtlich auch auf der Straße so heiß wie uns im Wagen. Aber die Hitze war gefährlich. Uns begannen die Augen zuzufallen. Am Brenner hatten wir tüchtig in die Marschverpflegung eingehauen, nun schmeckte keine Apfelsine mehr. Dafür brannte der italienische Tabak arg auf der Zunge. Kurz, es kostete allerhand Anstrengungen, die Augen offen zu behalten.
In später Stunde passierten wir die Grenze nach Deutschland. Nun konnte es nicht mehr lange dauern. Aber bei solchen Gelegenheiten verliert man jedes Gefühl für die Zeit, so daß es uns eine Ewigkeit dünkte, ehe wir, wieder weit von den anderen auseinandergezogen, endlich durch die Straßen einer Stadt - Rosenheim - rollten. Im Bahnhofsgelände fuhren wir auf einen eingezäunten Platz auf. Die vor uns angekommenen Kameraden befanden sich bereits in geschäftigem Treiben, ihr Gepäck unterzubringen. Ich sehe noch Ernst P. vor mir, der ratlos bis zum Morgengrauen hinein herumstieg, und anscheinend sein Gepäck nicht loswurde. Aber, wie wir später erfuhren, mimte er nur. Nur eins gestand er mir gleich. „Siehst du,“ sagte er, „meine Angehörigen mußten aus der Heimat fort. Nichts von meinem Eigentum haben sie mitnehmen können. Ich bin arm wie eine Kirchenmaus, wenn ich entlassen werde. Ihr habt wenigstens Eure Heimat noch. - Vorhin sah ich, wie unserer Wachmannschaft, die Nippis, eine Schreibmaschine aus unserem Geschäftszimmerwagen klauten. Du hast doch nichts dagegen, wenn ich mir die andere nehme und sicherstelle - ?“
Mochte er. Es sah in dieser Nacht sowieso aus, als bräche alles zusammen. Leider konnte ich nicht an meine Bücherkisten heran, sonst hätte ich mir auch noch manche Kostbarkeit sichergestellt. Aber während Ernst P. in gewohnter Umsicht u.a. auch noch eine Fahrrad „abzweigen“ konnte und andere schöne Dinge, sichte ich immer noch nach einer vertrauenswürdigen Person, irgendeinen bayrischen Bahner, der mir meinen Holzkoffer abnahm, meinen Holzkoffer mit vieler neuer Wäsche, allerhand Nähzeug, wenn ich mich recht erinnere und einer großen echten Südtiroler Salamiwurst. Vom Hof runter traute ich mich nicht, aber schließlich sprach mich einer an, ein Lokomotivführer.
Unverbesserliche Schwarzseher waren zwar skeptisch. Man hätte diese und das gehört und die Abnehmer von Gepäck gäben falsche Adressen an. Aber ich verließ mich auf die deutsche Treue und Ehrlichkeit, und die Bayern waren doch ebenso gute Deutsche wie wir, und dachte mir: Lieber überlasse ich meinen Kram deutschen Dieben als fremden Soldaten. Und gab meinen Kram dahin. In Kürze war der Betreffende hilfreiche Mann mit einem Handwagen wieder da und holte meinen Koffer.
So, alles andere überließ ich der Zukunft. Mochte sie bringen, was sie wollte.
In den Morgenstunden, und als sich auf unserem Sammelplatz schon ein ziemlich wüstes Durcheinander von Zivil und Kriegsgefangenen begab, erschien ein Ami .... Er fuchtelte mit entsicherter Maschinenpistole in der Luft herum und radebrechte brüllend etwas von Straflager und anderen Annehmlichkeiten, weil die Geschäfte mit dem Zivil verboten seien. Nun, sie hatten uns ja lange genug gewähren lassen. Jetzt sammelten wir uns alle um einen jungen Bahnbeamten, der und die ersten Augenzeugennachrichten aus der Heimat zukommen lassen konnte. Er war bereits wieder öfter die Strecken Dresden-Hof-Regensburg-München gefahren und versicherte auch mir auf meine Befragen, daß in Glauchau gar nichts passiert sei. Alles stände noch wie vor dem Kriege, und ich könnte beruhigt nach Hause fahren.

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