Inzwischen war es uns zu dumm geworden, dauernd ohne Geld zu sein, während die Kraftfahrer und Schlosser allerhand zu Moneten machten, mindestens ihre handwerkliche Geschicklichkeit und Arbeitskraft. Ernst P. unternahm das Wagnis, mit ein paar funkelnagelneuen Klamotten, Schlosseranzügen u.ä. sich im Abenddämmer aus dem Lager zu schleichen. Er fand auch eine Familie in Eppan, einen Kaufmann Vigl, wo er sein Zeug loswurde. Dort klappte es auch später öfter, mindestens als Zwischenhandelsplatz. So kamen wir endlich auch zu Gelde. Heinz L. als Vorstand der I-Staffel war indessen auch nicht müßig gewesen, so daß wir uns nun auch was leisten konnten. Das Geld wurde zunächst gar nicht erst geteilt. Ernst P. zog eines Nachmittags los und kam mit allerhand Speck und Wurst wieder. Nun hob auf unserem kleinen Bunkerofen ein lustiges Brägeln an. Der Speck wurde ausgelassen. Diese Düfte! Denn es lief ab und auch was daneben aus dem Kochgeschirr oder dessen Deckel. Schließlich aber hatten wir jeder eine Kilobüchse (Milchpulverbüchsen aus der Küche) voll Fett. Da gab es allerhand fettige Frühstücksbemmen. Der erste Topf war in Windeseile leer. Beim zweiten ging es dann langsamer. Er wurde aber auch alle, obwohl er als Marschverpflegung für den drohend näherrückenden Umzug nach Deutschland oder Frankreich gedacht war; denn es gab wieder allerhand Gerüchte.
Nun wir aber Geld hatten, und es vermehrte sich immer wieder, wollten wir auch mal Wein schmecken. In der ersten Zeit schien es noch gefährlich. Heinz L. spendierte da immer mal was, und ich mußte holen gehen. Ich ging vorsichtig nach dem Hintereingang des Marklhofes, der zur Küche führte. Durch einen Türspalt gab ich meine Flasche hinein und erhielt sie gefüllt zurück. Später dann, als man merkte, daß der Tommy sämtliche Augen zudrückte, wurde es dann anders. - Aber die Not mit dem Gelde, wenn eine Lagerbesichtigung angesagt war. Wir versteckten es hinter an die Wand gezweckte Bilder. Ich hatte da ein Martinisches Aquarell vom Gantkofel. Dann legten wir es auch unter Dachbalken. Aber nie wurde eine solche Tommy-Besichtigung derart hintergründig.
Es war vielmehr so, daß wir eigentlich in eine Kaserne innerhalb Bozens umziehen sollten, weil das Lager angeblich nicht winterfest sei. Das war gar nicht nach unserem Sinne, und wir taten alles, diese tatsächliche vorhandene Festigkeit zu beweisen. Dann kamen die englischen Obersten. Einer, ein kleiner schmächtiger, drang bis in unsere Wohnzimmer vor, sah die Gardinchen vor den Fenstern, die Tischdecken, die Bilder an den Wänden und meinte nur: Hier sind Sie wohl lieber als beim Russen? Ein anderer, ein langer hagerer, stellte sich nur auf die Lagerstraße und sagte langsam und bedächtig: A very nice camp! Indeed, a very nice camp! Und damit war die Frage für uns entschieden.
Wir hatten in unserem großen Geschäftszimmer eine Wand einziehen lassen. Das Räumchen langte für uns zwei, Ernst P. und mich. Heinz L. aber konstruierte eine veritable Fernheizung aus dem Geschäftszimmerofen in sein Wohn- und Schlafgemach und zwar vermittels sinnreich gewundener Ofenrohre, wobei ich ihm getreulich half. - Denn der Herbst hatte nun wirklich Einzug gehalten:
Des Schmucks beraubt, ein trüb Gemäuer,
ein kahler Baum in kühlem Wind …..
Das sind die Tage, da die Feuer
des Lebens im Verlöschen sind.
Noch einmal hoch hinauf geschlagen
war ihrer Flamme lichte Glut,
in eins versprüht in wenig Tagen,
was mondelang gewirkt; geruht
als stille Kraft. Das schäumte über
zu seiner Freuden letztem Fest,
bevor der Herbst, nun still und trüber,
die grauen Schleier sinken läßt.
Rot-goldenes Geflamm die steilen
Bergeshänge, Lodern, Brand an Brand -
wie fließend Gold die Weinbergzeilen,
ein goldner Strom das ganze Land,
als hätt‘ es Sonne aufgesogen,
als wollt‘ es halten all das Licht,
das sommers in sein Herz gezogen
und ihm nun winterlang gebricht.
Und jetzt, nach letztem heißem Sengen,
verlöscht das Leuchten über Nacht,
verglimmt der Sommer in den Hängen.
Zur Erde still tropft all die Pracht
In tausend ausgeglühten Funken,
und in der Blätter Totentanz
- die erst so froh und farbentrunken -
löst sich des Lebens bunter Kranz.
Das Land wird grau. - Der Schlummer schreitet
Mit müden Schritten in die Welt.
Die Farben schwinden. - Stille breitet
sich über Gärten, Wald und Feld.
Und an den letzten klaren Tagen,
dem Freud und Leid der Welt entrückt
in all die Eintönigkeit ragen
die hohen Berge, schneegeschmückt,
wie ein Palast von Götterhänden;
als thronte dort ob Lust und Qual
die Burg des Heils, der Segenspenden,
als wohnte dort der heil’ge Gral.
In dem Maße aber, in dem es draußen kälter wurde und unsere Baracken Wärme hatten, erhielten wir sehr ungebetene Gäste: Die Skorpione. Nachdem ein Kamerad bei der technischen Kompanie bereits ahnungslos gebissen worden war, suchten wir vor dem Schlafengehen immer erst unsere Betten ab, ob da nicht so ein ekelhaftes Vieh säße. Wir fanden tatsächlich welche. Brrr! Martini erzählte tolle Geschichten von den großen tropischen Skorpionen. Die italienischen 3 - 4 cm langen Haus-Skorpione waren zwar nicht so gefährlich, aber eine ordentliche Furunkulose konnte man davon schon erwischen, wenn einen ein solches Vieh stach.
Wir machten allerhand Experimente mit dem Zeug. Zunächst wurden sie in ein großes Glas gesperrt, damit G. sie in Überlebensgröße zeichnen konnte. Einem besonders großen gaben wir eine Mücke zu fressen usw. Die beste Vorstellung war folgende: Wir schütteten einen geschlossenen Kreis Benzin, warfen das Tier in die freie Mitte und zündeten an. Erst sauste das Tier ratlos im Kreise, und als es keinen Ausweg sah, warf es den Schwanz mit dem Giftstachel vor in sein einziges Auge, um damit als Selbstmörder zu enden. Damit war bewiesen, was wir nicht hatten ohne eigenen Augenschein glauben wollen. Beim ersten dieser Experimente wären wir bald samt Geschäftszimmer in die Luft gegangen, das zweite wurde im Freien mit dem gleichen Erfolg durchgeführt.
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