Am 9. Juli wurde ich zum Kabelabbau kommandiert, und das war mir besonders lieb, als dieser Tag ein besonderes Ereignis versprach, nämlich eine 56%ige Sonnenfinsternis. Ich weiß nicht mehr, woher wir das Eintreffen dieser Naturerscheinung erfahren haben; denn Zeitungen hatten wir nicht im Lager. Jedenfalls aber schwärzten wir uns schon am Abend vorher Gläser über einer Kerze, um nur ja für diesen Fall gewappnet zu sein. Es muß dann nach dem Mittagessen gewesen sein, als ich mit R. H. und E.-H.P. loszog. Den schweren Kabelwagen hinter und herzerrend, rollten wir an der Westseite des Lagers, einen schmalen Pfad im Gebüsch des abfallenden Geländes entlang, Feldfernkabel auf und schlugen uns ganz schön mit den dicken Gummischlangen und ihrer ins Gebüsch verstrickten Endlosigkeit herum. Daß es nicht voranging, lag aber doch wohl daran, daß wir mehr nach der Sonne statt nach unserer Arbeit schauten. Vor allem wollte uns nicht in den Kopf, daß der Mond, der sich ja bei dieser Sonnenfinsternis zwischen Sonne und Erde schieben wollte, schon vorher absolut nicht zu sehen war. Als dann endlich der erste Schatten in die gleißende Sonnenscheibe eintrat, ließen wir unsere Arbeit ganz ruhen und gaben uns nur mehr der Beobachtung hin. Unsere Rußgläser, so primitiv sie waren, gestatteten uns immerhin einen sehr aufschlußreichen Blick auf die Allmutter Sonne, die ihr Antlitz so ungewohnt stark verhüllte.
Es war ein beinahe beklemmendes Schauspiel. Und so wie wir, standen überall auf den Feldern der Umgebung Menschen und schauten nach der Sonne, wenn sie nicht gerade, wie wir stark vermuteten, in den Kirchen knieten und den Zorn Gottes wegzubeten gedachten. Wenn wir zwar nicht an Weltuntergang und ähnliche Scherze glaubten, so meinten wir dennoch zu spüren, daß die ganze Natur den Atem anhielte während dieser Verfinsterung. Immer weniger wurde das Licht der lieben Sonne, der strahlende Schein immer fahler, die starke Hitze ließ merklich nach, der leichte Sommerwind, der noch kurz vorher durch die Blätter gesäuselt war, hatte sich vollkommen gelegt, und in den Gebüschen piepten ängstlich die Vögel. Uns als besinnliche Menschen aber kam die ganze Geschichte wie ein Abbild unseres eigenen Lebens vor. Auch uns hatte sich eine Sonne verdunkelt. Das Licht unseres Lebens war finster geworden. Das liebe Vaterland lag geschlagen am Boden, und unsere Zukunft war finster, weil unsere Hoffnungen atemlos vor Schreck sich nicht mehr zu regen wagten.
Aber noch eine andere ”Sonnenfinsternis” beobachteten wir, als die wirkliche, die kosmische, vorüber war. Jener großschnäuzige Wachtmeister, der uns in Verona noch mit Appellen geschnickt hatte, hatte sich gleich uns vor einen Kabelwagen spannen müssen, denn seinen Befehlen gehorchte niemand mehr. Seiner Rangabzeichen entkleidet, hätten wir ihn beinahe nicht wieder erkannt. So ein Haselnußbürschel, war unsere Meinung, und es war wirklich das Gesicht eines dummen Jungen, das und da nach dieser gewaltigen Demaskierung mit wasserhellen blöden Äuglein ins Gesicht schaute, ziemlich böse sogar, da wir und ihm gegenüber als gebildete Menschen stark überlegen fühlten.
Wir wurden aber auch wieder klein. Der Ami hatte Großrazzia angesagt. Wilde Gerüchte eilten dieser ”Besichtigung” voraus. Alles hätten sie weggenommen, was irgendwie an Nazismus und Adolf Hitler erinnerte, wurde von anderen Lagern durchgeflüstert. Sogar das Geld sei nicht sicher vor ihnen gewesen. Wir gerieten ins Fürchten und Zittern. Ich schmiß meine letzten Pfennige deutsches Reichsgeld mit der ”Gake” unter die Baracke und blieb auf dem ”Qui vive”, um unsere Schnapsflasche nicht zu früh und nicht zu spät im Weinberg zu verbergen. Wir hatten ziemlichen Zorn: während die ersten westdeutschen Kameraden schon zur Entlassung anstanden, sollten wir, die wir für unser ”russisches Schicksal” doch auch nichts konnten, weiterhin so dämlich gequält und geschunden werden. Doch als es dann zum Treffen kam, fielen die Besichtigungen ziemlich harmlos aus, sei es, weil im Gegensatz zu anderen Lagern bei uns keine Unbotmäßigkeiten vorgefallen waren oder wir überhaupt ein Musterlager darstellten, oder weil wir wahrscheinlich gar keine richtigen Kriegsgefangenen darstellten. Unser vieles Herzklopfen war schließlich ganz umsonst gewesen.
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