Bei uns indessen wurde es wieder warm, sehr warm, und wir rüsteten uns zu einem neuerlichen Besuche des Montiggl-Sees. Mir war bei den letzten Badetagen das Schwimmen doch ein bißchen zu anstrengend vorgekommen. Man hätte sich auch einmal ganz gern völlig ruhig in das laue Wasser gelegt, statt immer zu strampeln und zu paddeln. Manche hatten es schon vorgemacht und hier beim Stabe hatte ich denn auch die Möglichkeit, mir einen riesigen Schwimmgürtel zuzulegen, nämlich den Schlauch eines Lkw-Reifens, ein Ding so groß wie eine ausgewachsene Hundehütte, ein kleines Schlauchboot, auf dem ich so sicher wie in Abrahams Schoß dahinzuplätschern gedachte. Allerdings waren dazu allerhand bettelnde Vorstellungen beim Lagerverwalter L. nötig, einem Berliner vom einstigen Nachrichtenstab Italien, der auf dem Zeuge saß, als wäre es sein Eigentum. Aufgepumpt war er schnell, und mit dem Hochgefühl gespannter Erwartung ging es fort.
Am See angekommen und kaum entkleidet, schwebte ich das Ding hinaus in die Wellchen und sprang mit Elan hinterher. Na, das war denn doch was anderes als das sprichwörtliche ”Wasser ohne Balken”. Drohte mir die Luft auszugehen, hing ich mich einfach in meinen Schlauch. Auf diese Weise überquerte ich, was mir bis dahin noch nie gelungen war, den ganzen See bis zu dem fernen Ufer, wo der Wald weit steiler und dichter ans Wasser herantrat als an unserer Seite und wo ein Zufluß aus den Bergen die eiskalte Alpenströmung heranbrachte. Später legte ich mich in meinen Reifen wie in ein Bett und ließ mich mitten im See treiben. Da war das Wasser von der Sonne warm gekocht, so daß es kaum kühlte, die Augen, Sinne und Herz dagegen konnte das ungeheure Rund von Wäldern abschweifen, hörten das Rauschen der unzähligen tiefgrünen Wipfel und beobachteten manchmal wohl auch einen Bussard, Sperber - oder war es ein richtiger Adler? - der in den Höhen der Himmelsbläue seine majestätischen Kreise zog.
Ja, das waren so Sommerfreuden. Wenn man dann heimkam, hatte man immer einen Mordshunger und desgleichen Appetit, so daß es wirklich nicht wundernehmen konnte, wenn man bei dieser Verpflegung bald und sichtlich zunahm. Es war halt doch eine Sommerfrische erster Güte, und wir hatten sie nach all der Not, dem Kummer und den Ängsten der Kriegsjahre wirklich alle sehr nötig.
Im Übrigen hatte ich sie für meine Arbeiten ebenfalls nötig. Wenn der plenus venter sprichwörtlich zwar nicht zum Studieren aufgelegt sein sollte, ein gewisses Maß an Körperkräften war doch auch dazu notwendig. Ich vergrub mich auch bis über die Ohren hinein und hatte in dieser Zeit meines ersten großen Gedichtes kaum noch Augen und Muße für andere Dinge. Die Kalenderseiten dieser Tage sind demgemäß denn auch ziemlich leer geblieben. Nur eine Erscheinung, die wir von unseren Fenstern aus beobachteten, ist haften geblieben. Weit und tief unten im Etschtal wurde nämlich gesprengt, wahrscheinlich ein Munitionslager aus dem Kriege. Für unsere Augen spielte sich das etwa folgendermaßen ab: Erst sahen wir einen Rauchpilz aus der Erde hervorschießen. Dicht und weiß quoll er immer höher und breiter von innen heraus hervor, begann auch schon wieder dünner zu werden, und dann erst hörten wir den Knall der Explosion. Nach unseren Berechnungen mußte also der Ort der Sprengung etliche Kilometerchen entfernt sein, war aber noch nicht einmal in der Mitte des von uns überschaubaren Raumes des Etschtales. Da konnte man sich denn einmal einen Begriff machen, was für eine Masse von Kilometern unsere Augen schlucken konnten, wenn klare Sicht war. Und was war alles in die Rundschau unseres Horizontes eingespannt an Vielfalt der Formen und Farben - ! Mein Dichterauge nahm es besonders wahr, ohne indes im Entferntesten die Möglichkeit zu sehen, alles in Worte zu fassen. Da, meinte ich, hatten es unsere Maler doch leichter; denn es hatte sich ein ausgedehntes Laienschaffen im Lager entwickelt. Maler hatten wir gleich drei. Da war H. L., gewissermaßen noch der Lehrling, der sich redlich bemühte und, da er sonst kaum noch eine wesentliche Aufgabe zu erfüllen hatte, auch Zeit hatte sein Können zu verbessern. G. G. kam von der Zeichnerei her. Er hatte als Stabszeichner auch so wenig zu tun, daß er sich sehr stark seiner Kunst widmen konnte. Sie lag mehr auf dem Gebiete des exakten Zeichnens selbst wenn er den Aquarellpinsel in der Hand hatte. Aber es war alles sehenswert, was er schaffte. Der Meister schließlich war G. M., der Dolmetscher, im Zivilberuf Baumeister, eigentlich aber auch Archäologe - na, ich werde noch davon schreiben - der seine Aquarelle mit ungeheuer gekonnter Sicherheit förmlich hinschrieb auf das Papier. Wie oft haben wir staunend hinter seinem Rücken gestanden, wenn er den Gantkofel, das Meraner Tal oder sonst ein Motiv aus dem Lager hinzauberte. Doch bei ihm blieb es nicht dabei. Als Dolmetscher genoß er gewisse Freiheiten und bewegte sich denn auch in den malerischen Dörfern ringsum und bannte sie aufs Papier. Bald erfuhren wir, daß sein Herumstreifen auch noch einen besonderen Grund hatte: In Schreckbichl nämlich, einem Ortsteil von Girlan, hatte er seine Braut wohnen, eine Italienerin, Tochter eines Gutsbesitzers aus der Gegend von Parma (Soragna), und es war nicht nur so eine Soldatenbraut, sondern eine vornehme Dame und eine ganz ernsthafte Sache, wie man es nun vor allem heute beurteilen kann, da der liebe Freund in Nürnberg Häuser baut, mit seiner S. längst verheiratet ist und ihr einen Buben in die Welt gesetzt hat.
Ich beneidete sie jedenfalls, diese Maler und warf mich nun mit aller Macht auf meine Arbeit mit der Absicht, sie sobald wie möglich fertig zu kriegen, um mich anderen Motiven, die mich in Masse bestürmten, widmen zu können. Eines Tages war es denn auch so weit, daß ich das ganze riesige Ding, diesen wahren Bandwurm an Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen und Forderungen an die Zukunft, die wir verscherzt glaubten zu Papier bringen konnte. Alles was uns je Freude gemacht hatte - war es nun eigentlich verscherzt?
Noch einmal des Lebens vielfältige Freuden
Im Fluge erfassen mit sehnender Hand,
von jeder ein einziges Fünklein erbeuten
zu einem umfassenden lodernden Brand
von allen Gesängen ein Tönlein nur rauben
für einen gewaltigen brausenden Sang,
ein Tröpflein nur von allen Trünken und Trauben
für einen, den letzten ausschöpfenden Trank - -
Noch einmal den G a u m e n am Besten erlaben,
was ihm nur die Welt an Genüssen geschenkt,
ein Tellerchen aller lukullischen Gaben,
die nie einen handfesten Magen gekränkt,
an volle, an brechende Tafeln geladen
zu einem gewaltigen festlichen Schmaus,
zu Gans-, Hühner-, Hasen- und schweinernen Braten
und essen - ! Und essen - die Schüsseln rein aus - -
Noch einmal in alten Urväter-Weinstuben,
wo Glas und Pokale sich spiegeln im Licht,
wo ganze Geschlechter die Humpen einst huben,
an blankholz’nen Tischen die Reihen gemischt,
sich in eine feuchtfrohe Mette zu stürzen,
in Ströme von sonnigem goldenem W e i n ,
mit kräftigen Liedern die Kneipe zu würzen
und Freund unter Freunden im Rausche zu sein - -
Noch einmal den irdischen Leib auszutoben,
sich freuen der Muskeln gebärdiger K r a f t ,
zu springen, zu laufen - aufs Äußerste proben,
was Gott in uns winzigen Menschen erschafft;
an himmelaufragenden Bäumen zu klimmen,
zu kreuzen die Degen in hitzigem Kampf,
in tiefgrünen wellenden Seen zu schwimmen,
zu reiten im Morgendunst, -kühle und -dampf - -
Noch einmal in lustigem wirbelndem T a n z e
Den Sorgen und Nöten des Lebens entflieh’n,
im Arme ein Mädel in blumigem Kranze,
das Herz voller Jubel und voll Melodien,
den Erdkreis beschränkt auf den Rundgang der Füße,
das Fühlen nur auf den anschmiegenden Leib,
der Tänzerin Anmut, hingebende Süße, -
o Stunde, o selige Stunde du, bleib - -
Noch einmal zu blicken in liebende Augen,
von Mondlicht ein liebendes Gesicht übersät,
und Lippen an Lippen im Kuß festzusaugen
von Jasmins und Flieders Hauch köstlich umweht,
von Wünschen verzehrt in die Arme sich schmiegen
in heißer, in brennender L i e b e ein Weib,
im Taumel, im Rausche des Herzens sich wiegen,
zu kosten das Herz, zu genießen den Leib - -
Noch einmal aus freiestem Herzen zu s i n g e n ,
wenn jedes Gefühl sich zum Lobe hochdrängt,
im Sange die Seele zum Himmel aufschwingen,
wenn innige Freude die Kehle schier sprengt
und alle Gedanken in einem Wunsch brennen:
In Schall auszuströmen die jubelnde Brust,
in Liedern, in Klängen, die nichts andres kennen,
als ganz auszukosten die tönende Lust. - -
Noch einmal im Zauber süß singender Geigen,
der Sängerin perlender Koloratur,
Ballette so zierlichem durstigem Reigen,
des tragischen Schauspielers packenden Schwur
den glühenden Abglanz des Göttlichen spüren,
ihr K ü n s t e ! Gemälde ! Skulpturen ! Musik !
O, wollet noch einmal die Seele hinführen
In wühlendsten Schmerz und in jauchzendstes Glück - -
Noch einmal verleugnend das eigene Streben,
in fremde Gestalten versenken den Geist,
in Fremdem entdecken ein schöneres Lebens
als das, was so traurig die Erde umkreist,
ein Leben, in das sich das innerste Wesen
verlieren kann, feurig dreinschlagen das Herz,
in Bücher! - In Bücher - und l e s e n ! - und lesen
von Leid, Liebe, Schönheit, Not, Freunde und Schmerz - -
Noch einmal zu lauschen umsummenden Mühen
der Bienen, in blumiges Gras hingestreckt,
zu schau’n, wie die Welt überschäumt von Blühen,
Kastanien aufleuchten seh’n, kerzenbesteckt,
lustwandeln noch einmal in Tulpen und Rosen,
Narzissen und Nelken berauschendem Duft,
die samtenen Kelche der Lilien kosen,
zu atmen des L e n z e s belebende Luft - -
Noch einmal die schöne Welt w a n d e r n d durchstreifen,
durch Wälder durch Heide, an einsamen See,
durch fruchtbare Auen von Sorgen frei schweifen,
in Täler zu schauen von schwindelnder Höh‘,
der Städte Gebäude und winzige Gassen,
manch herrliche Burg und manch ragenden Dom -
noch einmal mit Augen dies alles zu fassen,
des Wachsens und Wirkens stet fließenden Strom - -
Noch einmal des Nachts unter samtblauem Himmel
Erleben der E w i g k e i t Erdengestalt,
der Sterne und Sternlein unendlich Gewimmel,
ehrfürchtig bewundern der Schöpfung Gewalt,
die sich in den großen, unfaßbaren Weiten
unausdenkbar fern in den Weltraum verliert,
daraus sich dem menschlichen Streben und Streiten
die Demut und Furcht vor der Allmacht gebiert - -
Noch einmal in kühl-hohem Kirchenschiff lauschen
Den göttlichen Stimmen im Orgelgedröhn,
den Chören, die fromm jede A n d a c h t umrauschen
wie Engelsflug, mächtig, aus himmlischen Höh’n;
erhab’nem Geläute der ehernen Glocken,
das hallend die Dächer und Türme umkreist
und endliche das lebende Herz mit Frohlocken
aus Banden und Fesseln des Irdischen reißt - -
Noch einmal die Wunder der W e i h e n a c h t schauen,
des Lichterbaums bunte und glitzernde Pracht,
die Krippen inmitten heimatlicher Auen,
den Schnee und den Zauber der heiligen Nacht,
den himmlischen Abglanz auf allen Gesichtern,
der Liebe allmächtig aufgehenden Drang,
den Duft von den Tannen, den brennenden Lichtern,
der alt-lieben Lieder fromm-traulichen Klang - -
Noch einmal das F l ü g e l r o ß mutig aufzäumen,
nur einmal noch fassen nach göttlicher Macht,
Gestalt werden lassen aus webenden Träumen,
ein Lichtwerk zu schaffen aus irdischer Nacht,
noch einmal aus übervoll spendenden Händen
der Menschheit zu lindern des Erdenlaufs Pein,
noch einmal sein Bestes, sein Alles verschwenden,
um tot dennoch lebend, - unsterblich zu sein - -
Noch einmal…! Die Tragik sich wandelnden Lebens
Stellt uns an den riefen, den gähnenden Grund;
Noch einmal, noch einmal! - Wir rufen vergebens,
schon reckt seine Arme der höllische Schlund!
Noch einmal - ! Ach, streng unerbittliche Hände
Zerbrachen ob uns längst den richtenden Stab -
Die Feuer verlöschen - so sind wir am Ende -
um uns ist das Grauen - wir müssen hinab!
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