Gefangenschaft in Südtirol - Chorfeier, Lagerhochschule, Sport und allerlei Späße



Das Erlebnis (Lagerausflug auf Gantkofel und Penegal) fand zwar dichterisch keinen Niederschlag. Dafür war ich noch nicht fruchtlos. Ich gestaltete eine Chorfeier, indem ich mich mühte, für all die von uns gesungenen Lieder überleitende Texte zu schaffen. Unter der Hauptüberschrift “Von deutscher Seele” deutete ich die einzelnen Gesänge als Abbilder der deutschen Innigkeit, der Heimatliebe, der Liebestreue und -freude und des Liebesleides und schließlich fand ich damit hohes Lob, und die Vorbereitungen gingen mit neuem Schwung weiter.
Indessen organisierten wir, d.h. Günter M. und ich unter Unterstützung von Chef und Adjudant eine “Lagerhochschule”: M. selbst verpflichtete sich zu zwei Berichten aus seiner Archäologenzeit, z. B. über die von ihm mit freigelegten babylonischen Turmbauten. Der Chef wollte über seine interessanten Erlebnisse bei Besuchen in den USA berichten, was Siegfried K. mit einem anschaulichen erdkundlichen Vortrag über die Verhältnisse in den Staaten vorbereitete. Da inzwischen das Wetter herbstlich geworden war, hatten diese Veranstaltungen auch stets einen großen Zulauf und fanden ihre Fortsetzung in allerhand ähnlichen Angelegenheiten, die von der Division vorbereitet war. So kam einmal Ende Oktober ein österreichischer Leutnant Czerny als Pianist zu uns. Allerdings mußten wir dazu erste ein Klavier versorgen, was uns entgegenkommenderweise der katholische Pfarrer von Eppan zur Verfügung stellte. Selten habe ich solche begeisterte Aufnahme eines reines Klavierkonzertes erlebt. Alle hatten sich, obwohl es doch eigentlich nicht nötig gewesen wäre, für diesen Abend besonders fein gemacht mit Schlips und Kragen und Bügelfalten in den Hosen; denn gerade hier spürten wir, daß ein festliches Erlebnis auch einen festlichen Menschen erforderte. Andererseits waren auch Gäste bei uns, so der erwähnte Geistliche .... - Später kamen dann auch lustige Veranstaltungen varietéeähnlicher Art, Musikkapellen von Landsern, ein tolles Kabarett und auch einmal ein ganz fabelhafter Zauberkünstler, der uns alle verblüffte.
Indessen setzte auch bald ein lebhafter Sportbetrieb ein, vor allem Tischtennis, der bald alle anderen kulturellen Bestrebungen unterdrückte. Mit Müh und Not brachte ich am Reformationsfeste meine Chorfeier noch unter, vor kleinem Publikum zwar,  aber vor dankbarem und verständigem. Mein Kurzschriftlehrgang, den ich begonnen hatte, fiel dem auch zum Opfer. Und sogar in den Lagerchor kam ein Bruch, als der schon genannte Kompanie-Schuster sich im Suff wieder einmal arg gegen die Offiziere ausgesprochen hatte.
Als Ausgleich wuchs dafür eine engere Kameradschaft unter uns. Ich besuchte jetzt öfter Heinz B. Der hatte sich in einem Wohnwagen-Anhänger ziemlich bequem eingerichtet. Das war eigentlich ein Werkstattwagen mit eingebauten Werkzeugschränken, zwei Betten und einer Schreibstubeneinrichtung in der Führer-“Kanzel”. Dort hockten wir uns dann lesenderweise in den Ecken nieder; denn Heinz B. als Schirrmeister hatte durch seine Kraftfahrerbeziehungen immer Tabak, Dr. Knüchtels knappes Knösolin, wie er sagte, und “knurzer Knaster”, wie ich hinzufügte. - Aber auch sonst konnte man mit Heinz B. angenehme und vor allem heitere Stunden verleben. Er besuchte uns ebenso oft in unserem Bau. Für diesen Zweck hatte ich mir bei einem Kameraden für 10 Rasierklingen (wir bekamen von unserem Pfarrer öfter welche) ein halbes Päckchen Tabak leisten können. Nun hieß es in parodistischer Abwandlung eines Nietzsche-Wortes: “Wenn Du zum Freunde gehst, vergiß die Pfeife nicht!” Einige Male erhielten wir auch italienischen ganz blonden Blättertabak. Die Zigarettenraucher versorgten sich ja eine Tabakschneidemaschine, die einen förmlichen Feinschnitt fabrizierte. Ich begnügte mich jedoch mit einem äußerst groben “Scherenschnitt”, für den ich das Schneideinstrument in der Schreibstube fand.
Kurz also: Wir besuchten uns zu gegenseitigen Tabakorgien, denn wir waren beide Pfeifenraucher und sicherten unseren Tabakvorrat durch den Scherenschnitt vor etwaigen Eingriffen der Zigarettenkurbler. Doch das blieb nicht der einzige Glanz unserer Zusammenkünfte. Im Geschäftszimmer stand ein großes Rundfunkgerät, mit dem wir mit Vorliebe Dresden oder auch Bozen und Mailand hörten. Ganz nebenbei erfuhr man hierdurch, daß in Glauchau eine Ausstellung stattgefunden und in Leipzig Generalmusikdirektor Wiesenhütter dirigiert habe. Na, dachte ich damals, da kann es doch unter den Bolschewisten gar nicht so asiatisch zugehen! Doch das hörten wir nicht abends. Da war am liebsten musikalisches Musikprogramm an der Reihe, das von uns pantomimisch dargestellt wurde. Heinz B. stand vor dem Lautsprecher und mimte mit bewegtem Munde und aller anderen obligaten Mimik den italienischen Opernsänger, der gerade seine Bravourarien ins Mikrophon schmetterte, während ich als orchesterloser Toscanini diesen neuen Caruso mit allem Bewegungsaufwand dirigierte. Es fehlte, während sich die Kameraden dabei vor Lachen krümmten, wir aber auch oft genug unsere Vorstellungen ohne Publikum, allein für unsere Erheiterung selber gaben, nicht an niedlichen Zwischenfällen, die gar nicht alle beschrieben werden können.
Die beste Vorstellung Heinz B.s in jener Zeit aber war folgende: In der weiteren Umgebung des Lagers, in irgendeinem Gestrüpp verborgen, hatte er eines Tages einen alten italienischen Bersaglieri- oder Alpenjägerhut gefunden. Auf abenteuerliche Weise geknifft und auf den kahlen Schädel gedrückt, sah er sich plötzlich im Spiegel einem entfernten Ebenbild des ehemaligen deutschen Kaisers Wilhelm II. gegenüber. Das war im Wachtmeisterzimmer L./G.s. Vom Gedankenblitz bis zu Tat war nur ein Augenblick, zumal auch gerade Heinz L. bei einer Verkleidung war, die schon öfter erprobt, uns viel Spaß gemacht hatte. L. brauchte sich nur seinen spärlichen Scheitel in die Stirn zu streichen und einen kleinen Stutzbart unter die Nase zu pinseln - wozu hatte er einen Farbkasten? - und schon war ein fast zum Verwechseln ähnlicher Adolf Hitler entstanden. Die mit aufgeschlagenem Kragen angezogene Tropenbluse gab noch die rechte Folie dazu. Heinz B. brauchte sich nur den berühmten “Es ist erreicht!” ins Gesicht zu pinseln - fertig waren die beiden Größen der deutschen nationalistischen Geschichte. Jetzt war es an mir und Ernst P., uns vor Lachen zu krümmen: Wilhelm II. in Jägerdreß und Adolf Hitler in trautem Vis-à-vis! Das durfte nicht unter uns bleiben! Ich rannte zum Fernsprecher. M. war nicht zu erreichen. In K.s Geschäftszimmer erhielt ich die Auskunft: Die sind bei Eurem Chef! Alos den Chef anrufen. Ernst P. sagte zwar: “Du bist wohl verrückt!” Es lebte immer so was von einem alten Subaltern-Beamten-Geist in ihm. Ich aber rief den Herrn Major an: “Herr Major, in unserem Zimmer - eine Sensation - Sie werden es nicht bereuen zu kommen - !” Und der Major kam, K. und M. mit ihm.
Nie wieder haben wir so gelacht. Als die drei kamen, öffnete ich mit geheimnisvollem Augenzwinkern die Tür zum Portepee-Träger-Appartement: Tableau! Da Adolf in der berühmtesten Pose, ernst, streng und eingebildet, daneben Wilhelm, ernst, strahlend, die berühmte kurze Hand im Koppel!! Das war ein Bild für Götter! K. sackte vor Lachen bereits auf der Schwelle zusammen - und die beiden Schausteller konnten das Lachen auch nicht lange verbeißen.
Am nächsten Tage mußte doch K. in einem alten Werke ausgerechnet ein Bild Wilhelms in der gleichen Pose und Uniform finden, so daß Witze in dieser Richtung fortgesponnen werden konnten. Den Clou und die Krone setzte B. selbst dem heiteren Abenteuer auf, als an einem der nächsten Abende die Masse zum Ping-Pong-, d.h. einem Tischtennis-Turnier in den Speisesaal zog. Da steckte er den Kopf zum Wohnwagen heraus und verkündete pathetisch: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Ping-Pong-Spieler!

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