Mittwoch, 28. Mai 2014

Das Ende der Gefangenschaft - Die letzte Etappe und endlich daheim in Glauchau!



Die letzte Etappe!
            Nun konnte nicht mehr viel passieren!
Langsam, unendlich langsam ging es vorwärts. Der Zug kam kaum vom Fleck - und dann unsere Ungeduld!
Ich hatte zwar noch Augen für die schöne Heimat, Tharandt mit seinen Wäldern, Freiberg, mit seinen bergmännischen Erinnerungen, die langsam auftauchende und uns umkreisende Augustusburg - aber erst als von ferne der Bismarckturm auftauchte, das Lungwitztal sich breitete, kehrte das Leben wieder ein.
            Um 13 Uhr stand ich wieder auf Glauchauer Bahnhof, auf heimatlichem Boden.
            Gott sei es gelobt und gedankt!
Was waren das für sechs schlimme Jahre gewesen, die hinter mir lagen?
Und was blieb als schönste Erinnerung - ?
Wir haben gesessen, wie Eichen im Sturm
mit uriger Kraft widerstehe,
wir ließen uns auf wie auf wehrlichen Turm
anstürmende Fluten ergehen.
Vernichtend, vertilgend, so hielten wir stand,
wir kannten kein Weichen, kein Wanken,
und größer ward stets der anstürmende Brand,
je mehr und je länger wir tranken -
das können wir nicht genug danken!

Was sommers die Sonne in täglicher Wacht
dem fruchtbaren Boden entrungen,
das hat sie uns dann zu allnächtlicher Fracht
in durstige Gurgeln gezwungen.
Gepriesen der Sonne umsichtige Kraft,
die nicht nur den Wein in den Trauben ,
die unseren Kehlen den Durst auch geschafft,
und den ließen wir nie verstauben -
das könnt ihr uns wahrhaftig glauben!

Oft ward er auch Sieger, der blutrote Wein,
- tiroler Wein hat seine Schwere -
und dennoch, `s ging himmlischer Segen darein,
so taten wir ihm alle Ehre.
Und wenn uns jetzt manchmal das Ohr widerklingt,
dann ist’s von feuchtfröhlichen Messen
der Schall, der weit über die Alpen herdringt,
weil wir auch einmal dort gesessen -
und das können wir nicht vergessen!

Und hiermit endet das Tagebuch.

Samstag, 24. Mai 2014

Lager Elsterhorst Hoyerswerda! - Üble Erinnerungen.



Einige hundert Mann lagen wir in einer Baracke. Keine Strohsäcke, nur ein bißchen Drahtgeflecht als Matratze, keine Freunde, keinen Tabak, keine Beschäftigung, eine sehr mäßige Waschanlage und noch mäßigerer Abtritt, stundenlanges Anstehen zu der dünnen Wassersuppe - ach es war zum Davonlaufen! Aber da war der Stacheldraht, und der hatte nur den einen Vorteil, daß er einfach ums ganze Lager herumging. An ihm entlang führt weitum ein festgetretener Trampelpfad, und auch ich fand meine einzige Beschäftigung darin, hier immer ringsumherzulaufen und den Haufen zu meiden. Übel, höchst übel!
Jetzt aber kam wenigsten Post von zu Hause. Na, die Neuigkeiten waren auch nicht gerade erhebend. Allerhand Verwandte und Bekannte hatten im verflossenen Jahr des völligen Abgeschiedenseins von der Heimat das Zeitliche gesegnet. Die Kästner-Großmutter, Onkel Johannes, Onkel Max, und auch mein Vetter Heinz Beyer. Und dann, schrieb Mutter, von Onkel Otto und Onkel Helmut fehlt jede Nachricht! Sie waren auch Schriftleiter gewesen - was war mit ihnen? Ich begann um meine Zukunft zu zittern, obwohl Vater bald schrieb, ich könnte sofort als Neulehrer anfangen. Das war ein Lichtblick, aber ein verdüsterter.
Als die Tage so gar nicht vergehen wollten, machte ich mir trotz düsterer Seele Beschäftigung und fing, immer am Zaun entlang wandernd wieder zu dichten an. Ruhe hatte ich ja, zur Konzentration zwang ich mich, und siehe da, es entstand allerhand Schönes, was schon in diesen Blättern festgelegt ist: „Wo rauschend die Eisack der Etsch sich vermählt…“ oder die oben stehende „Heimkehr“, die „Veroneser Klause“, der „Abschied von Südtirol“ usw. Da hatte ich denn wenigstens einige Tage etwas zu tun.
Mißlich war, daß schon bald ich herausstellte, daß meine amerikanischen Entlassungspapiere verschwunden waren. Ich hätte heulen können vor Zorn. Es halfen keine Vorstellungen bei der Lagerkommandantur, und erst meine eigenen Bemühungen nach der Entlassung ließen mich nach Monaten erst wieder zu den wichtigen Papieren kommen.
Täglich schrieb ich in meinen Kalender, wie viel Zeit ich schon abgesessen, ach, und die Zeit wollte nicht verfließen! Als sich die Paradentose meldete, ging ich ins Revier. Aber Medizin gab es nicht. Als die Langeweile groß wurde, kaufen wir uns Tee zum Rauchen, aber der schmeckte nicht. Aber als ich schreiben konnte „Der 12. Tag der Quarantäne“, begannen die Entlassungs-„Feierlichkeiten“ mit einem neuerlichen Entlausen. Damals haben wir tüchtig über unseren Südtiroler Flimmerfritzen gelacht, den Filmvorführer, der sich Kragen und Gürtel voll Geld gesteckt hatte und noch einmal auftrennen, herausnehmen, zunähen, Geld verbergen, wieder auftrennen, Geld hineinstecken und erneut zunähen mußte. Die Sorge hatte ich mit meinen letzten paar Markscheinen nicht.
Aber doch erst am Sonnabend, dem 18. Mai, als dem 14. Tag der Quarantänezeit wurden wir mittags entlassen, und das war eine große Gnade. Wenn es ein gewöhnlicher Wochentag gewesen wäre - na, der Zorn hätte uns umgebracht.
Aber nun ging die Schlepperei wieder los, zu Fuß nach Hoyerswerda. Zum Glück erwischte ich diesmal einen Handwagen. Und nun ging auch die trottelige Bahnfahrerei wieder los. Aber wir waren wenigstens raus aus dem blöden Lager. Die sudetendeutschen und schlesischen Kameraden ließen sie ja überhaupt nicht raus, wie die uns erzählten, erst wenn sich die Angehörigen gemeldet hätten!!
            Ja, also die Bahnfahrerei!
Bereits in Ruhland mußten wir wieder aussteigen und auf denn Anschlusszug warten, und der kam nicht. Wir begannen schon zornig zu rechnen, ob wir überhaupt den Anschluß nach Dresden wenigstens erreichen könnten. Als er kam, konnten wir wieder nur bis Biehla sitzen bleiben, und vor dort aus mußten wir bis Elsterwerda, bis zum Bahnhof laufen. Wenn das auch „nur“ zwei Kilometer waren, so bin hier doch bald verrückt geworden. Die Schlepperei, keine Handwagen und dabei die Eile, den D-Zug Berlin-Dresden noch zu erreichen. Wir wußten ja noch nicht, daß damals bei uns die Züge fahrplanmäßige Verspätung hatten. Na, jedenfalls, am liebsten hätte ich meinen Koffer auf die Straße gekracht und wäre so weiter. Der Schweiß floß in Strömen und der Atem wurde immer knapper. Elender Mist!
             Endlich Elsterwerda!
            Endlich auf dem Bahnsteig!
            Aber wie!
Das Gedränge! Gesteckt voll stand der Bahnsteig, und ich mußte es als Glück preisen, daß ich ganz vorn anstand, wo ich natürlich in Gefahr stand, von der Lokomotive rasiert zu werden und nicht bloß am Bart. Und dennoch, wider jedes Vorausgesicht, klappte es. Der Zug führ ein und hielt mit der Breitseite eines Wagens, nicht mit einem Einstieg vor mir. Ich spähte in ein Abteil durchs Fenster hinein  und sah, daß im Gepäcknetz ein Platz frei war. Ein junges Ehepaar schaute heraus. „Ist ein Platz frei? - Bitte nehmen Sie mir doch meinen Koffer ab!“ und wahrhaftig, sie tatens. In Ruhe drängte ich mich nun hinein in „meinen“ Wagen und konnte ich auf den mir freigehaltenen Platz auch tatsächlich setzen.
So nun entspannen, Augen schließen und an die Heimkehr denken! Trotz D-Zug ging es mir noch langsam genug vorwärts. Eine Frau bot mir ein Stück Kuchen an, ein Herr eine Zigarette. Ich aß mit Genuß und rauchte in vollen Zügen.
Und so kam Dresden heran, Dresden-Neustadt!
Geliebtes Dresden, wie werde ich Dich wiedersehen?
Der nächste Zug nach Hause ging erst am nächsten Morgen vom Hauptbahnhof ab, ein Bummelzug!
Ich hatte unterwegs einen Glauchauer getroffen, mit dem ich nun zusammenhielt. Wir setzten uns in den Wartesaal. Ein biederer Erzgebirger, von Hamsterfahrt kommend, ließ uns unser trockenes Brot in einen riesigen Siruptopf tauchen.
Nach knapp durchdöster Nachte machten wir uns in aller Morgenfrühe auf, den Hauptbahnhof aufzusuchen. An meinem Spazierstock trugen wir zu zweit meinen immer schwerer werdenden Koffer. Und wir sahen Dresden. Zwar nur das Stück vom Neustädter zum Hauptbahnhof, aber wir gingen nur durch eine öde, tote Stein- und Trümmerwüste. Unser schönes Dresden! Das war ein Wiedersehen mit der Sachsenheimat! Armes Deutschland!
Es muß schon gegen 5 Uhr früh gewesen sein, daß wir unseren Zug bestiegen. 6.50 Uhr fuhr er erst.

Dienstag, 20. Mai 2014

Abschied von Rosenheim - Fahrt Richtung Heimat - Quarantäne in Hoyerswerda!!



Am Sonntag, dem 28. 4. 1946 packten wir unseren Kram reisefertig zusammen und feierten Abschied. Ein Brief von zu Hause war leider nicht gekommen. Aber man duldete uns hier amtlicherseits leider auch nicht mehr. Also fort! In aller Morgenfrühe des Montag, nachdem wir schon am Vorabend das Gepäck weggebracht hatten, ging es dann fort nach München. Einige alte Bekannte aus Südtirol fanden sich mit gleicher Absicht zu uns. Die Formalitäten bei den amtlichen und alliierten Stellen waren rasch erledigt.
Nachts  23.30 Uhr ging unser Zug Richtung Bebra. Wir hatten Zeit nocheinmal ein Kino zu besuchen, kauften uns auch noch etwas Verpflegung, um 20 Uhr saßen wir schon im Zuge und versuchten zu schlafen.
Gegen Mittag des nächsten Tages, nachdem wir im Morgengrauen durch das wirklich grauenvoll ausgebrannte Würzburg gefahren waren, langten wir bereits in Bebra an. Auch hier ging die Registrierung schnell. An der Zonengrenze wurde der erste Russe fürchterlich bestaunt. Von nun ab aber ging es langsam und zwar sowohl was die schriftlichen Formalitäten wie die Fahrerei anlangte. Erst abends waren wir in Eisenach und mußten, ob wir wollten oder nicht, dort aussteigen; denn sämtliche Papiere waren uns bereits an der Grenze abgenommen worden. Riesige Handwagenkolonnen erwarteten uns, unser Gepäck in ein sog. Heimkehrerlager zu transportieren. Wir mußten laufen - beim Ami hatten wir keinen Schritt zu laufen brauchen. Es ging ziemlich weit und bergauf. Aber gerade die Nacht über durften wir bleiben, dann unser Gepäck höchstselbst wieder zum Bahnhof schleppen, denn in der frühen Morgenstunde waren kaum Handwagen zu finden. Die Stimmung war höchst mißmutig. Wir sollten wieder in ein Lager und in eine 14tägige Quarantäne kommen.
Quarantäne! Wir lachten nur! Sollten wir krank sein?
Zunächst ging es nur bis Erfurt.
Das war am 1. Mai, und schon vom Bahnhof aus sahen wir die Umzüge zu diesem Internationalen Festtag mit vielen roten Fahnen. Na, das war ein stilgemäßer Empfang! So mußten wir unser Gepäck also wieder schleppen und durch die ganze Stadt durch auf den Petersberg hinauf. Und da wir die Straßen des Umzugs nicht berühren sollten, wurden wir große Umwege geführt, so große Umwege, daß der Zug bald zerrissen war und wir uns auf eigene Faust durchschlugen, wir Häuflein Südtiroler. Die Leute, die unsere Fettleibigkeit erstaunt sahen, bedeuteten uns verstohlen, daß uns nicht viel Gutes erwartete in der Ostzone, und ihr niedergeschlagenes gedrücktes Benehmen ließ uns das leicht glauben.
Im Lager Petersberg gings wieder auf Strohlager. Die Verpflegung war noch weniger als mäßig, zwei Scheiben Brot und eine Wassersuppe pro Tag. Nichts zu rauchen! Meine letzten Reste waren auf der Fahrt draufgegangen. Das saßen wir mit wenig guten Hoffnungen.
Am 3. wurden wir eingeteilt: Die Sachsen sollten in die Quarantäne nach Hoyerswerda, die Provinzler nach Pretsch kommen. Da galt es Abschied nehmen von Heinz L.. Nachmittags ging es fort, wieder bei wahnsinniger Asterei mit dem Gepäck und langer Warterei vor dem Bahnhof. Eine Frau schritt durch unsere Reihen: „Ich suche meinen Mann - Habt ihr meinen Mann gesehen?“ Wir konnten keine Auskunft geben. Dann hinein in den elenden Bummelzug. Die ganze Nacht ging die Trottelei. In Halle war Aufenthalt, aber Heinz L., den ich hier zum letzten Male sprach, konnte nicht entwischen. Wir fuhren noch den ganzen nächsten Tag, eine mühsame Fahrt, die noch verdüstert wurde durch allerhand Gerüchte, daß der Russe uns aus dem Quarantänelager heraus noch kassieren konnte. Zu blöd! Wären wir doch drüben geblieben.
In Hoyerswerda fuhr der Zug noch einige Kilometer aus dem Bahnhof heraus. Auf freier Strecke stiegen wir aus. Aber immer noch gab es eine kilometerweite Schlepperei bis zum Lager „Elsterhorst“. Was habe ich auf diesem Weg die Heimat verwünscht! Durch wendische Dörfer gings, wo man uns mit scheelen Augen anblickte, und als wir im Lager ankamen, gab es die ganze Nacht hindurch erst noch eine vollkommene Entlausungsaktion zu bestehen. Es war eine Affenschande und gab uns den richtigen Begriff von der sowjetisch besetzten Zone wir schon die ganze Fahrt hierher.
            14 Tage Quarantäne!
            Es war wie ein Todesurteil!
            Wie sollten wir das noch durchhalten bei unserem Heimweh?
            Und vor allem bei dieser Verpflegung?
            Eine Scheibe Brot, ein Löffel Zucker, eine Wassersuppe.
            Das war die Tagesration.
            Und beim Ami???
Nun hat das Vaterland uns wieder,
empfängt es uns nach Brand und Not,
geschlag’nen Volks geschlag’ne Glieder,
in wehmuttrübem Morgenrot.
Die wir gesegnetere Auen
in unserem Elend ernst geschaut,
in Vaterlands zerschlag’nen Gauen
erst Elend uns entgegengraut.

Ein Trümmerhaufen hat uns wieder
das Reich, des Bau im Sturm zerborst.
Die stolzen Adler brachen nieder,
die Fänge stumpf, zerrauft der Horst.
Und Schutt und Asche sind die Hallen
des alten Ruhms, der neuen Pracht
Im Eisenhagelschlag zerfallen -
Das „Reich“ grüßt uns aus Todesnacht.

Die Heimat, jetzt hat sie uns wieder,
die Heimat, die trotz allem blieb,
der alte Klang, die alten Lieder,
sie tönen noch wie einst so lieb,
noch ragen auf der Berge Gipfel,
noch blinkt der Flüsse Silberband,
noch rauschen deiner Wälder Wipfel -
sei uns gegrüßt, o Heimatland!