Am Sonntag, dem 28. 4. 1946 packten wir unseren Kram reisefertig zusammen
und feierten Abschied. Ein Brief von zu Hause war leider nicht gekommen. Aber
man duldete uns hier amtlicherseits leider auch nicht mehr. Also fort! In aller
Morgenfrühe des Montag, nachdem wir schon am Vorabend das Gepäck weggebracht
hatten, ging es dann fort nach München. Einige alte Bekannte aus Südtirol
fanden sich mit gleicher Absicht zu uns. Die Formalitäten bei den amtlichen und
alliierten Stellen waren rasch erledigt.
Nachts 23.30 Uhr ging unser Zug
Richtung Bebra. Wir hatten Zeit nocheinmal ein Kino zu besuchen, kauften uns
auch noch etwas Verpflegung, um 20 Uhr saßen wir schon im Zuge und versuchten
zu schlafen.
Gegen Mittag des nächsten Tages, nachdem wir im Morgengrauen durch das
wirklich grauenvoll ausgebrannte Würzburg gefahren waren, langten wir bereits
in Bebra an. Auch hier ging die Registrierung schnell. An der Zonengrenze wurde
der erste Russe fürchterlich bestaunt. Von nun ab aber ging es langsam und zwar
sowohl was die schriftlichen Formalitäten wie die Fahrerei anlangte. Erst
abends waren wir in Eisenach und mußten, ob wir wollten oder nicht, dort
aussteigen; denn sämtliche Papiere waren uns bereits an der Grenze abgenommen
worden. Riesige Handwagenkolonnen erwarteten uns, unser Gepäck in ein sog.
Heimkehrerlager zu transportieren. Wir mußten laufen - beim Ami hatten wir
keinen Schritt zu laufen brauchen. Es ging ziemlich weit und bergauf. Aber
gerade die Nacht über durften wir bleiben, dann unser Gepäck höchstselbst
wieder zum Bahnhof schleppen, denn in der frühen Morgenstunde waren kaum
Handwagen zu finden. Die Stimmung war höchst mißmutig. Wir sollten wieder in
ein Lager und in eine 14tägige Quarantäne kommen.
Quarantäne! Wir lachten nur! Sollten wir krank sein?
Zunächst ging es nur bis Erfurt.
Das war am 1. Mai, und schon vom Bahnhof aus sahen wir die Umzüge zu
diesem Internationalen Festtag mit vielen roten Fahnen. Na, das war ein
stilgemäßer Empfang! So mußten wir unser Gepäck also wieder schleppen und durch
die ganze Stadt durch auf den Petersberg hinauf. Und da wir die Straßen des
Umzugs nicht berühren sollten, wurden wir große Umwege geführt, so große
Umwege, daß der Zug bald zerrissen war und wir uns auf eigene Faust
durchschlugen, wir Häuflein Südtiroler. Die Leute, die unsere Fettleibigkeit
erstaunt sahen, bedeuteten uns verstohlen, daß uns nicht viel Gutes erwartete
in der Ostzone, und ihr niedergeschlagenes gedrücktes Benehmen ließ uns das
leicht glauben.
Im Lager Petersberg gings wieder auf Strohlager. Die Verpflegung war noch
weniger als mäßig, zwei Scheiben Brot und eine Wassersuppe pro Tag. Nichts zu
rauchen! Meine letzten Reste waren auf der Fahrt draufgegangen. Das saßen wir
mit wenig guten Hoffnungen.
Am 3. wurden wir eingeteilt: Die Sachsen sollten in die Quarantäne nach
Hoyerswerda, die Provinzler nach Pretsch kommen. Da galt es Abschied nehmen von
Heinz L.. Nachmittags ging es fort, wieder bei wahnsinniger Asterei mit
dem Gepäck und langer Warterei vor dem Bahnhof. Eine Frau schritt durch unsere
Reihen: „Ich suche meinen Mann - Habt ihr meinen Mann gesehen?“ Wir konnten
keine Auskunft geben. Dann hinein in den elenden Bummelzug. Die ganze Nacht
ging die Trottelei. In Halle war Aufenthalt, aber Heinz L., den ich hier
zum letzten Male sprach, konnte nicht entwischen. Wir fuhren noch den ganzen
nächsten Tag, eine mühsame Fahrt, die noch verdüstert wurde durch allerhand
Gerüchte, daß der Russe uns aus dem Quarantänelager heraus noch kassieren
konnte. Zu blöd! Wären wir doch drüben geblieben.
In Hoyerswerda fuhr der Zug noch einige Kilometer aus dem Bahnhof heraus.
Auf freier Strecke stiegen wir aus. Aber immer noch gab es eine kilometerweite
Schlepperei bis zum Lager „Elsterhorst“. Was habe ich auf diesem Weg die Heimat
verwünscht! Durch wendische Dörfer gings, wo man uns mit scheelen Augen
anblickte, und als wir im Lager ankamen, gab es die ganze Nacht hindurch erst
noch eine vollkommene Entlausungsaktion zu bestehen. Es war eine Affenschande
und gab uns den richtigen Begriff von der sowjetisch besetzten Zone wir schon
die ganze Fahrt hierher.
14 Tage Quarantäne!
Es war wie ein
Todesurteil!
Wie sollten wir das noch
durchhalten bei unserem Heimweh?
Und vor allem bei dieser
Verpflegung?
Eine Scheibe Brot, ein
Löffel Zucker, eine Wassersuppe.
Das war die Tagesration.
Und beim Ami???
Nun hat das Vaterland uns wieder,
empfängt es uns nach Brand und Not,
geschlag’nen Volks geschlag’ne Glieder,
in wehmuttrübem Morgenrot.
Die wir gesegnetere Auen
in unserem Elend ernst geschaut,
in Vaterlands zerschlag’nen Gauen
erst Elend uns entgegengraut.
Ein Trümmerhaufen hat uns wieder
das Reich, des Bau im Sturm zerborst.
Die stolzen Adler brachen nieder,
die Fänge stumpf, zerrauft der Horst.
Und Schutt und Asche sind die Hallen
des alten Ruhms, der neuen Pracht
Im Eisenhagelschlag zerfallen -
Das „Reich“ grüßt uns aus Todesnacht.
Die Heimat, jetzt hat sie uns wieder,
die Heimat, die trotz allem blieb,
der alte Klang, die alten Lieder,
sie tönen noch wie einst so lieb,
noch ragen auf der Berge Gipfel,
noch blinkt der Flüsse Silberband,
noch rauschen deiner Wälder Wipfel -
sei uns gegrüßt, o Heimatland!