Ende September wurden die Ami-Wachen in ganz Südtirol von den Tommys, den Engländern abgelöst. Wir bekamen eine ganz feine Sorte von britischen Militärs: King’s Own Royal Regiment, “des Königs eigenes königliches Regiment”! Also eine Art Leibgarde. Die braven Burschen zeichneten sich durch ihr weißes Lederzeug aus, um das wir sie nicht gerade beneideten, wenn wir an unseren eigenen Putz- und Flimmerstunden dachten. Das mußte alles schwarz und glänzend sein, bei denen aber alles weiß, Koppel, Schulterriemen, Handschuhe und selbst die kleinen Fußgamaschen. In einer Weise waren wir nicht sehr erbaut über diesen Wechsel; denn es hieß beim Ami strenge Behandlung und gutes Essen, beim Tommy milde Behandlung und karges Essen. Aber wir konnten in jeder Weise zufrieden sein, da wir bald merkten, daß es die Herren von der Insel, die Britten, auch “Kattunchristen” genannt, nicht allzu penibel mit Bewachung und Einsperrung hielten. Bereits am Sonntag, dem 30. September, ließ M. eine ganze Reihe von Kameraden mit auf den “Work-plan” schreiben, die ein Fußballspiel zwischen verschiedenen Lagern in Bozen besuchen wollten. Schrieb ich mich also gesondert auch mit darauf und spazierte am Nachmittag quietschvergnügt nach Girlan hinein, im schönsten Räuberzivil selbstverständlich, mit Schlips und Kragen, ohne Mütze und natürlich mit dem unvermeidlichen Spazierstock. Ich weiß nicht mehr, mit welchen Kameraden ich mich verabredet hatte, - so streunten wir durch den anheimelnden Ort, brachen auch in eine dörfliche Theateraufführung ein, vor der wir allerdings fast nichts verstanden, und blickten sehnsüchtig nach den Weinhäuseln; denn wir hatten keinen lumpigen Lire oder Pfennig in der Tasche.
Später schrieben wir uns gar nicht mehr auf den Plan, sondern gingen aus dem Lager, wie es uns paßte und kamen wieder, wann wir genug hatten. Im Wachquartier der Engländer ging ich auch bald aus und ein, denn ich brauchte den Dolmetscher fast gar nicht mehr für meine spärlichen Sprachübungen. Die Tommys hatten sich in dem Häuschen gegenüber unserer Stabsbaracke eingenistet, wo vordem die Vermittlung und die NH.-Wohnung gewesen war. Dort wohnte jetzt auch der Dolmetscher. Die ehemalige Vermittlung war jetzt Küche, wo ein deutscher Kompaniekamerad seines leichten Amtes waltete; denn die gesamte Verpflegung für die Wache kam in Konservenbüchsen, selbst die Kartoffeln, schon geschält und bereits in Salz. Und wie guckte ich dumm “aus der Wäsche”, wenn der Koch das Frühstück fertigmachte, Weißbrotscheiben, belegt mit weißen Bohnen (Gemüsekonserve)! Nur der Sonntagskuchen kam nicht in Büchsen, den mußte er selbst backen, und selbstredend bekam ich davon das erste Stück zu kosten, wenn ich frühmorgens den “work-plan” zum “sergeant” brachte. Das war ein kleiner Schwarzer, wie überhaupt die Engländer dieser Truppe kleine hagere Gesellen waren. Die Einrichtung ihrer Stube war ungeheuer und direkt auffällig nüchtern und lieblos. Kaum daß ein paar “Pin-up-girls” an der Wand hingen. Die Gemütlichkeit ist eben doch eine spezifisch deutsche Angelegenheit.
Auch Dr. Günther M. hatte sein Stübchen in dieser Baracke. Und hier war es, daß er - mit dem ich nun schon längst so peu à peu gut Freund geworden war - mich bei einer Flasche Südtiroler Weißwein, echtem Terlaner, einer der berühmtesten Sorten, - daß er mich dabei also mit dem Spieß der technischen Kompanie bekannt machte. Das war Siegfried K., Berufs”kamerad” von mir, nämlich Schriftleiter und Buchdruckereibesitzer aus Schlesien. Das war ein etwas sehr gern redender, aber sonst nicht unebener, wenn auch von seiner Bildung, die gewiß nicht die schlechteste war, etwas zu sehr eingenommener Mensch. Wir kamen aber in der Folge, weil ich ihn meist reden ließ, sehr gut miteinander aus. Der lobte nun meine Gedichte, mir denen ich mich - schüchtern, wie ich schon immer war - nur M. offenbart hatte, über den grünen Klee, so daß Stolz mich bald mächtig schwellte. Vor allem hatte es ihm der “Mondaufgang” angetan, während M. mehr für den “Montiggl-See” schwärmte, den er nach seiner Art dann auch gleich aufs Papier gebannt hatte. Wir saßen dann noch öfter so und bei sehr zivilen, in Kunst und Wissenschaft schwelgenden Gesprächen beisammen.
In jener Zeit war es auch, daß wir nachts, bzw. spät abends noch klönend in unserer Geschäftszimmerbude saßen, als plötzlich der Fernsprecher anläutete: “Ob wir denn noch gar nicht gemerkt hätten, daß es uns gegenüber, bei der englischen Wache lichterloh brannte?” Wir sausten hinaus, und da knisterte es schon recht bedenklich im Dachgebälk und stickiger Rauch schlug uns in die Nasen. Nun war Günter M. in diese Tagen gerade aus irgendwelchen Gründen vom Lager abwesend, und ich mußte daran denken, daß er in seinem Wandschrank dieser, ach, so brennbaren Baracke alle seine wertvollen Aquarelle aufbewahrte. Gasmasken, wie seiner Zeit in Kowel, hatten wir nicht mehr. Ich hielt mir also die Nase zu, rannte hinein in die Qualmhölle und rettete Günters Eigentum, vor allem aber die Aquarelle. - Die Sache war die gewesen, daß die Tommys ihren Bunkerofen überheizt hatten, so daß die umliegenden Teile ins Glimmen gekommen waren.
Ebenfalls in dieser Zeit meldete sich bei uns im Lager ein evangelischer Lagerpfarrer. Spät genug; denn die Katholiken standen schon längst unter geistlicher Betreuung. Der Protestant, Pfarrer K., stand ungefähr in meinem Alter, ja, er war von der Geburt her sogar auch Glauchauer, wie sich bald in Gesprächen herausstellte; der er war im Pfarrhaus der Lutherkirche geboren, wo sein Vater seinerzeit ebenfalls Pfarrer gewesen war. Genug Anknüpfungspunkte also, um rasch in kameradschaftliche Unterhaltung zu kommen. Und da auch M., K. und unser Chef, Dr. K., der geistlichen Betreuung sehr positiv gegenüberstanden, bildeten wir bald eine Gruppe für uns. Denn von nun an kam der Pfarrer mindesten alle vierzehn Tage, um Sonntags-Gottesdienste abzuhalten. Und ich muß sagen, nie bin ich so oft und so gern zum Gottesdienst gegangen, wie in dieser Zeit. Wir hatten eben, wie es so schön heißt: “unser Anliegen auf den Herrn geworfen”, und K.s Predigten, die Choräle usw. waren uns immer eine schöne Erbauung und Aufrichtung in unserer Heimatsehnsucht. Meist machte sich’s dann im Anschluß an die Gottesdienste, daß wir in oben besagte Gruppe noch ein Spaziergängchen unternahmen, d.h. ohne Pfarrer, der schon wieder zum nächsten Lager fuhr. Dafür stieß dann meist G. zu uns, der sich zwar noch sehr erhaben als nationalsozialistischer Gottgläubiger fühlte, uns aber doch unsere geistliche Verdauung geistig untermauern half. Da führte uns denn der Weg meist in den nördlichen Teil des Lagers nach der kleinen Anhöhe, die uns einen so großen Ausblick in die vereinigten Täler von Etsch, Eisack und Talfer mit der großen Stadt Bozen und den vielen die Höhen hinauf verstreuten Einödhöfen gestattete.
Solche Spaziergänge waren mir damals das Schönste des gesamten Lagerlebens. Schon als Hans-Erich P. noch bei uns weilte, hatte ich mit den beiden Freunden das Lager nach allen Seiten hin abgegangen und immer wieder Neues und Schönes gefunden. Jetzt ging ich abends manchmal mit Heinz B., mit dem ich jedoch mehr humorvolle Gespräche oder Erinnerungen an Leipzig pflegte. Nach Dienstschluß kam manchmal auch Siegfried K., vor allem wenn M. nicht im Lager weilte, und holte mich zu einem Dämmerbummel ab. Da waren es meist Fragen des Berufes und der politischen Weltverbesserung, die wir pflegten.
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