Wirf alles hinter dich
nach alter Landsknechtsweise!
Manch einem, der verblich
zur letzten großen Reise
half auch sein Bündel Sorgen
nicht auf ein bess’res Morgen.
Der Tod reißt alle Stränge,
und nichts ist mehr zu enge.
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!
Wirf alles hinter dich
nach alter Landsknechtsweise!
Verletzte dich ein Stich,
trugst du an saurem Schweiße,
was nützet alles Grämen,
willst du es mit dir nehmen?
Ein Hemmklotz ist’s, kein Segen,
und schützt dich nicht vor Schlägen.
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!
Wirf alles hinter dich
Nach alter Landsknechtsweise!
Zieh einen dicken Strich
und sieh, daß du mit Fleiße
dem Tage nur kannst leben.
Aufs Heute richt dein Streben;
das Morgen und das Gestern
sind graue Sorgenschwestern!
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!
Kümmernissen in unseren Seelen lebte. Alles was hinter uns lag, galt nichts mehr, und was uns vor
uns erwartete, war dunkel und undurchdringlich. Und es war mir wirklich zu Mute, wie einst vielleicht
den alten Landsknechten vor der Schlacht, die symbolisch eine Handvoll Erde hinter sich warfen. Als
wir an diesem 29. Mai 1945 Schluderbach im Laufe des Vormittags verließen, wußten wir nicht, wo
unser Weg enden würde und welches Ziel uns erwartete. Wir wußten nur, daß es nach Bozen
gehen sollte. Aber es war ja doch Gefangenschaft, und bedeutete Gefangenschaft nicht allerhand
Drangsale und Entbehrungen?
Immerhin waren die Umstände, unter denen wir die Reise antraten, sehr merkwürdig und unerwartet und ließen berechtigte Hoffnungen lebendig werden. So war weder am Kopfe noch am Schwanze unserer langen Warteschlange auch nur ein Amerikaner, auch nur ein Wachkommando, wie sichs für Kriegsgefangene doch eigentlich geziemt hätte. Unsere Offiziere aber trugen alle noch ihre Pistolen, und wir selbst waren in vollständigen Uniformen mit Rangabzeichen, Hoheitszeichen und sämtlichen Ehrenzeichen. Die Wagen waren beladen wie in Kriegszeiten mit Nachrichten und Kraftfahrzeuggerät. Nur die Stimmung war eine andere, gelöster, freier, als unter der militärischen Knute, der wir wenigstens für diese letzte kurze Spanne Zeit entronnen zu sein glaubten. Zum Teil war diese Stimmung, lustig, heiter, ein wenig ”in dulci jubilo!, aber auch nur eine Berge für eine gewissen Spannung, die uns in gewissen Gegenden unseres seelischen Menschen beengte.
Mit also sehr gemischten Gefühlen ließen wir Schluderbach in der herrlichen Morgensonne, die noch gar nicht alle Winkel dieses engen Tales ausgeleuchtet hatte, hinter uns. Die Wagen der Kompanie waren nicht im besten Zustand, so daß wir nur tröpfchenweise abkommen konnten. Auf dem Toblacher Feld, unten auf der weiten Talebene sammelten wir. Ich hatte diesmal einen feinen Platz erwischt, in einem Personenkraftwagen, zwar nur einem holpernden Holzgaser, aber immerhin gepolsterten Sitzen. Das verdankte ich der Schirrmeisterfreundschaft, H.B. Hermann hieß mein Fahrer. Er war aus Braunschweig und ein lustiger Knoten. Mit Ho und Hei wurde jeder neu eintreffende Wagen begrüßt, bis endlich die Kolonne vollzählig war und sich der Chefwagen an die Spitze setzen konnte. Die Abteilung, d.h. also der Stab, schloß sich uns an. Die Division rollte später. Voraus eilte uns das Gerücht, daß wir Barackenquartiere in der Nähe von Bozen bekämen, das ehemalige Flaklager. Die Quartiermacher waren schon einige Tage fort.
Nun, was kommen würde, mußten wir der Zukunft überlassen. Gedanken durfte man sich nicht darüber machen. Besser war es, das schönere Heute zu genießen. Wir fuhren durchs Pustertal, durch das einzig schöne Pustertal, das heute noch weit freundliches aussah mit vielem lichten Frühlingsgrün, aber auch weil es sich in weniger beklommenen Seelen spiegelte als einen Monat zuvor, als wir es flüchtend durchmaßen. Viel zu bald trafen wir in Bruneck und Brixen ein, durch die wir ohne Aufenthalt fuhren. Lieber wären wir ja ausgestiegen, aber wir waren ja Kriegsgefangene!
Auch die Brixener Klause bei Klausen mit ihren weit romantischeren Felsbildungen, bemoost und begrünt, als die kahle düstere Veroneser Klause, - bei der Herfahrt in der Nacht kaum erkannt - ließen wir bald hinter uns. Mir aber schwang sich doch die Phantasie flügelnd empor. Wie, Klausen, Brixen? Das war doch das Land, in dem Walter von der Vogelweide, der liebe Sänger geboren war und gelebt hatte, wie ich es aus dem, immer gern gelesenen Ginzkey’schen Roman kannte. Wo mochte Burg Säben sein, der Vogelweiderhof? Schade, daß man gefangen war und nicht einmal frei umherstreifen konnte.
Doch blieb nicht viel Zeit zur Besinnung. Wir näherten uns Bozen. Friedensmäßiger Betrieb in allen Straßen. Schaufenster, gestrotzt voll Waren! Und die Wagen: Elegante Pkw. in allen Formen und Farben, zivile Lkw. aller Sorten, vor allem aber viel alliierte Fahrzeuge, Riesenlastwagen, meist mit Negerfahrern, die uns schon im Pustertal durch ihre wilde Fahrerei aufgefallen waren und ihre typische Unart, das linke Bein aus dem Führerstand herauszustellen. ... Auf einem großen Platz staute sich der Verkehr. Die Italiener schauten uns mit scheelen Augen nach. Man sah es ihnen an, sie hätten uns am liebsten erdolcht, vor allem aus sie unsere Offiziere sahen; denn Oblt. Nobis mußte aussteigen, um unsere lange Kolonne durchzulotsen. Na, vier Wochen nach der Kapitulation ein deutscher Offizier, eine deutsche Wagenkolonne, deutsche Soldaten in beinahe vollkommener Kriegsbemalung auf dem italienischen Platze des deutschen Bozen - das machte sichtlich böses Blut. Aber was machte es? Wir fuhren im Schutze der Amerikaner, da hatten selbst die aufständischen fortschrittlichen sprich: kommunistischen Italiener, die vor kurzem erst ihren Mussolini um die Ecke gebracht hatten, nichts zu bestellen.
Vom Nordosten kommend waren wir in die Stadt hineingefahren. Südwestlich ging es wieder heraus und in scharfen Kehren die Berge hinan, die sich ringsum in majestätischer Wucht türmten. In unserem Rücken, die Hänge des Etschtales und deren Gipfel, rauschten Nadelwälder. Vor unseren Augen aber zeilten sich in unzähligen Terrassen die Weinberge, Südtirols berühmte Weinberge hügelan, während die höchsten Gipfel, hier breite behäbige Kofel und nicht die Schroffen und Zinnen der Dolomiten, nur spärlich bewachsen schienen. Und in einen solchen Weinberg ging es hinein. Er breitete sich ziemlich flach auf einer breiten Kuppe im Rücken eines lieblichen romantischen Dörfleins, St. Pauls, dessen spitzzwiebliger Kirchturm uns schon längst gewinkt hatte. An den Kirchhof und ein ebenfalls betürmtes Krankenhäuschen lehnte sich der Weinberg an, und der Weinberg war unser Gefangenenlager bestehend aus einer großen Reihe von Baracken, die zwar von einem Tore aus zugänglich waren, aber von keinem Zaun und erst recht keinem Stacheldraht eingeengt waren.
Aber zunächst blieb nicht viel Muße zu schönen Betrachtungen. Wagen entladen, Baracken einräumen! Es ging hastig, ziemlich überstürzt vor sich. Der Spieß versuchte, aus irgendeinem Grunde, nervös zu treiben. Wir hatten selbst alles Interesse daran, bald unter Dach zu kommen. Aber die Baracke, die ich mit erwischt hatte, war ein ziemlich dunkles Loch und versprach keineswegs eine behagliche Wohnlichkeit. Ich sehnte mich nach ”meinem” Stabe zurück. Aber die besten Baracken mußten den Nachrichtenhelferinnen überlassen werden. Immerhin war die Stimmung bei uns ziemlich geladen. Ein Funke, und das Pulverfaß ging los.
Der Funke flog am nächsten Tage. Wir waren dabei, unsere undichte Baracke so schön wie möglich einzurichten, obwohl die Knappheit an Platz hier nicht gerade nennenswerten Erfolg versprach, als der Befehl kam, wir müßten umziehen, da der Stab unsere Baracken haben wollte. Aber da platzte die Bombe, und ich spürte, wie hier langjähriger Haß gegen die vorgesetzten Dienststellen zum Ausbruch kam. Eine förmliche Meuterei erhob sich, und sogar Freund P. ließ sich zu der Äußerung hinreißen, daß wir lieber in ein richtiges Gefangenenlager gingen, als hier den militärischen Kokolores noch länger mitzumachen. Der Krieg wäre nun zu Ende, und man wolle mit dem Herrn Major schon ein Wort gutes Deutsch reden. - O lala, dachte ich bei mir, ein richtiges Gefangenenlager? Da war mir das hier schon lieber, wenn mir die Zurücksetzung gegenüber dem Stabe auch nicht gerade gefiel. Nun, wir mußten natürlich schließlich doch noch umziehen, und das bei strömendem Regen.
Solches Wetter tat noch sein übriges, unsere Stimmung weit und tief sinken zu lassen. Außerdem hielt es am nächsten Tage noch an und begünstigte allerhand dunkle Gerüchte, die gerade in diesen Stunden herumschwirrten, wahrscheinlich auch in Verfolg der aufgetauchten Meinung, lieber in ein richtiges Gefangenenlager gehen zu wollen. Ja, hieß es, wir kommen in ein solches Lager, ein Lager mit Stacheldraht und polnischer Bewachung. Die Amerikaner verwendeten nämlich Soldaten der polnischen Anders-Armee, aus ihrer Heimat zu den Alliierten geflüchteten Polen, zu Wachzwecken, und die seien sehr scharf auf uns.
Dann kursierte eine durch nichts bezeugte Rederei über die Heimat: In ganz Deutschland herrscht der Hunger-Typhus, flüsterte man. Der Rundfunk meldete: Die Russen schlagen einen deutschen Soldatenaufstand im Raum von Chemnitz nieder! Mir gab es einen Stich durchs Herz - was mochte in der lieben Heimat vor sich gehen? Ob Eltern und Schwester noch lebten?
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