Samstag, 4. Mai 2013

Kriegstagebuch - Der 4. und 5. Mai 1945

Am anderen Morgen, 4. Mai. Wie üblich versammeln wir uns auf unserem Korridor zum Appell, als wäre nichts gewesen. Die Kommandos klangen zwar friedlicher und weniger zackig, aber wir standen immerhin in Reih und Glied. Na, wenn schon! Der Chef, Oberleutnant Nobis, sprach uns in seiner kühlen, nichtsdestoweniger sympathischen Art an. Wir sollten die Ruhe nicht verlieren, sagte er. Unser Schicksal sei zwar noch völlig ungewiß, doch empfehle es sich keineswegs, etwa auf eigene Faust stiften zu gehen. Wir sollten an die uns ungewohnten Berge denken, an die immer noch möglichen Wetterunbilden - wir sollten uns vor Augen halten, daß der Einzelne im Haufen immer noch sicherer sei als auf sich selbst gestellt. Er gab uns keinen Trost und keine Hoffnung, aber Ruhe und Zuversicht. Immerhin rechneten wir damit, daß wir am nächsten oder übernächsten Tag in die Gefangenschaft, in irgendein riesiges Gefangenenlager abrutschen würden.
An irgendeinen Dienst war nun nicht mehr zu denken. Die Kraftfahrer machten sich zwar tüchtig an ihren Wagen zu schaffen, immer mit der hintergründigen Absicht, doch mal damit abhauen zu können. Im Übrigen gingen wir spazieren. Die Liegewiese des Hotels, eine richtige Matte, wir wer uns die Almen vorgestellt hatten, begann von neuem zu grünen und zu blühen. Krokusse, blau, gelb, lila, reckten ihre Blütenkelche, der berühmte blaue Enzian kam hervor und die roten Sterne des Almrausches. Es war eine Pracht! Wir wanderten den Schluderbach aufwärts. Wald, etwas schütter gesetzt, schöne Fichten und Tannen, dazwischen allenthalben Felsbrocken und Steingeröll. Das mochte von der Sprengung des Monte Cristallo herrühren im ersten Weltkrieg. Der Besitzer des Schluderbacher Hoteldorfes gab uns Auskunft über die umliegenden Berge: Da war also der Monte Cristallo, nach Cortina erhob sich der Rauchkofel, dann kam die Rote Wand und die Geierwand und nach Toblach zu der Monte Piano - eine großartige Alpenlandschaft. Ich öffnete alle Seelenfenster, um die Großartigkeit und Schönheit, diese ganze ehrfurchtsgebietende Gewalt der Natur auf mich einwirken zu lassen. Es sollte doch ein Lebens-Erlebnis sein!
Am nächsten Morgen, 5. Mai.
Auf der Straße kommen die ersten Amis an. Es ist ein Sanitätskraftwagen. Die amerikanischen Landser rauchten Zigaretten und lachten uns zu. Der erste, den mutigere Kameraden anredeten, tat sein Maul auf und redete unverfälschtes Sächsisch. Allseitiges Staunen bei uns. ”Ja, ich bin gebürtiger Chemnitzer!” - ”Auch das noch,” antwortete ich, ”die Welt ist doch ein Dorf, und überall sind Sachsen!” Zunächst war uns die Sache ja ein bißchen peinlich. Das mochte nicht der einzige sein, und da hatten also Deutsche auf Deutsche geschossen. Es erklärte sich zwar so, daß diese Deutschen seit Jahrzehnten schon amerikanische Staatsbürger und ebenso unfreiwillig eingezogen worden waren wie wir. Ein ungelöster Rest blieb zwar immer noch im Bodensatz unserer Seele, dennoch ließen wir uns begierig erzählen. Sie - die amerikanischen Soldaten - seien ebenso froh wie wir, daß der Krieg zu Ende sei. Aber wenn sie nicht ihre Luftwaffe gehabt hätten, lobten sie uneingeschränkt unsere Infanterie, säßen sie heute wahrscheinlich noch auf Sizilien oder gar erst in Afrika.
Einigermaßen mit unserem Schicksal getröstet, stellten wir fest, daß die Amerikaner doch ”gar nicht so schlimm” seien. Aber ein Unentwegter mußte wieder dazwischenfunken: "Ja, die Landser, aber wenn erst die jüdische Zivilverwaltung kommt! Ja ja, das sind alles Juden, und die werden nicht Samthandschuhen mit uns umspringen."
Übrigens erreichte uns recht schnell die Nachricht, daß an diesem Tage seit morgens 8 Uhr an alle Fronten Waffenruhe eingetreten sei. An allen Fronten - das war also mitten in Deutschland. Nun hoffentlich hatten es die Lieben daheim bis zu diesem Zeitpunkt ausgehalten und waren nun auch in Sicherheit. Wenn man nur Nachricht hätte!
Weniger offiziell und als Flüsterpropaganda ging durch unsere Reihen noch an diesem Abend: Wir sollen einen neuen „Einsatz” bekommen. Aufbau in Oberitalien. - War das nun was oder ward das nichts? Die Nazis hatten uns ja schon jahrelang mit der Drohung bei der Stange gehalten, daß unser Volk eine nie gekannte Arbeitsversklavung erwarte, wenn wir nicht den Endsieg errängen. Sollte das der Anfang sein? - Der Divisioner selbst, ein Oberst Schnez, sei dem Ami entgegengefahren und hätte die Division zur Arbeit angeboten. Wir waren skeptisch. Die Sache schien noch sehr windig.
Ein neuer Morgen, 6. Mai - Sonntag, der erste Sonntag in der Waffenruhe.
Bei der Kompanie diente ein evangelischer Pfarrer als einfacher Landser. Wahrscheinlich war er nicht braun genug, nicht genug deutscher Christ gewesen, um Wehrmachtspfarrer zu werden. Der wollte einen Dankgottesdienst abhalten. R. H. flüsterte es mir zu. Wir sagten es allenthalben weiter. Viele lächelten darüber. Manche sagten gar nichts. Ich ging in mich. Wie oft war ich während der Kriegszeit in Gottesdiensten gewesen? Eigentlich gar nicht. Und jetzt? Hatte ich nicht Gründe genug, zu danken. Wenn ich nur an Kowel dachte, an die Fährnisse der letzten Tage und Wochen - ?
An der Straße, schräg vor dem Haupthotel, unter eine riesige Fichte hingekuschelt, stand eine Kapelle, ein Kapellchen. Zwar katholisch im Aufbau und inneren Schmuck, aber ein Gotteshaus. Viele Plätze waren nicht drin. So war sie denn auch bald vollbesetzt. Aber die Türen mußten wir offen lassen. Draußen stauten sich noch viele Kameraden. Die ehrfürchtige Feierlichkeit eines Gottesdienstes umfing uns. Mit verschleierten Stimmen sangen wir die vorgeschriebenen Choräle. In einfachen Worten sprach der Geistliche im einfachen Soldatenrock für uns mit Gott. Dank, daß er uns gesund durch alle Fährnisse des Krieges geleitet, Bitte um weiteren Schutz und endliche Befreiung! Und niemals haben wir wohl inniger mitgebetet, da es um unsere Angehörigen in der Heimat ging. - Sonntag, Gottesdienst - nur das Glockengeläute fehlte. Ich sehnte mich danach. Die Italiener liebten ja nur ein ewiges Gebimmel von ihren Kirchtürmen, und selbst in Verona hörte man volles Geläute. Vielleicht lag das auch am Kriege.
Am Nachmittage wurden dann endgültig alle Waffen und alle Munition abgegeben. Der entsprechende Befehl von oben war nun auch da. Die Befehlsstellen arbeiteten merkwürdigerweise wieder, wenn ihre Befehle auch nur die Auflösung betrafen. Mit Genugtuung sah ich, wie auch die Wachtmeister ihre angeblichen Eigentumspistolen mir überantworten mußten. Nun, die schriftlichen Unterlagen hatte ich längst verbrannt.
Abends ergingen wir uns im Freien. Der Männerchor des Divisionsstabes versammelte sich im Garten. Ich stellte mich dazu, und wir sangen Lieder der Heimat als sei tiefster Frieden. Eine bunte Menge, Landser, Unteroffiziere, Offiziere, Nachrichtenhelferinnen bewegten sich mehr oder weniger zwanglos gekleidet im lauen Abend umher. Die Lage war wieder einmal rosig...

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