Freitag, 8. Mai 2020

Die letzten Kriegstage Mai 1945 - Stimmungsbericht


 Aus Anlaß des 75. Jahrestages des Kriegsende sollen hier noch einmal ein Auszüge aus dem Kriegstagebuch unseres Vaters, Hans Fischer, veröffentlich werden, die deutlich machen, wie ein einfacher Soldat diese bewegende Zeit erlebt hat.

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Am Morgen des 2. Mai ging wie ein Lauffeuer die Nachricht durch ganz Schluderbach: Der Führer Adolf Hitler ist tot!
         Der Führer tot?
         Tot??
         Ja - tot!!
         Was nun?
         War das der Zusammenbruch?
         Starb mit diesem Manne auch Deutschland?
         Und wie ist es zugegangen?
         Kein Mensch weiß etwas. Hier und da sind Rundfunkgeräte in Betrieb. Genaues ist trotzdem nicht mehr zu erfahren. Sollte es eine Lüge der Feinde sein, uns eher zur Aufgabe zu zwingen.
        Da - Generaladmiral Dönitz!
        Irgendein norddeutscher Sender meldet sich.
        Ein Aufruf an das deutsche Volk?
        Ein Aufruf an die Westalliierten?
        Unterzeichnet von Generaladmiral Dönitz?
        Was ist das für eine merkwürdige Geschichte, und da muß doch was nicht in Ordnung sein, in der seit zwölf Jahren einexerzierten Ordnung?
        Kein Sieg-Heil?
        Kein Sturm-Heil, kein Kampf-Heil?
        Kein Göring? Kein Goebbels?
       Generaladmiral Dönitz?
        Was sagt er?
        Wir hocken vor dem einzigen Lautsprecher und lauschen der unzulänglichen Wiedergabe. Flüsternd werden die Stichworte weitergegeben. Also ist es doch Tatsache: Hitler tot! An seine Stelle ist Dönitz getreten. Einer der Marschälle des Dritten Reiches - des Tausendjährigen - ist an seine Stelle getreten, d.h. einer der Seemacht, ein Admiral, dieser seit einigen Jahren ganz neue unerhörte Titel, Generaladmiral! Ist er nun der ranghöchste Offizier? Wo steckt der Reichsmarschall?
       Ringsum Köpfeschütteln, Fragen, Zweifel, Genugtuung!
       Generaladmiral Dönitz ruft Volk und Heer zum Weiterkampf auf, Weiterkampf gegen die rote Sturmflut aus dem Osten!
        Generaladmiral Dönitz ruft die Westalliierten zum Bündnis auf, Bündnis mit der geschlagenen deutschen Wehrmacht und Fortsetzung des gewaltig rollenden Stoßes Richtung Osten, Richtung Moskau, Kiew, Stalingrad, Richtung Sibirien, Mittelasien, Kaukasus - uns schwindelt.
        Ja - das wäre eine Lösung, sagen die einen.
        Nein - das ist unmöglich, sagen andere.
         Noch einmal die Knarre in die Hand nehmen, noch einmal in das verfluchte Rußland marschieren, noch einmal entweder diese wüsten russischen Winter, diese wüsten Schlachten im Stalinorgelgedröhn, diese Myriaden von Menschen mordenden Kämpfen vom Ural bis zum Kaukasus - oder überhaupt noch einmal in das Schlachtgetümmel innerhalb deutschen Landes und den Russen endgültig und auch über die anderen obsiegen lassen?
         Sie waren alle am Ende!
         Also: nein, nein, nein!
         Aber es wäre doch das Beste, wagen sich einige wieder hervor, besonders die Dienstgrade, die Unteroffizieren und Wachtmeister. Dem Bolschewismus muß der Garaus gemacht werden. Das könnte euch so passen, knurrt einer von uns mit einer sehr giftigen Betonung des „euch”.
         Wir müssen natürlich abwarten.
        Die Division, die mit in unserem Hause liegt und eigentlich unsere vorgesetzte Dienststelle ist, hat - heißt es - bereits kapituliert. Was ist mit uns? Wir mußten doch die Waffen abgeben. Ich habe ein bes. Interesse daran und telephoniere zur Abteilung. Ja, die Abteilung weiß auch noch nichts.
        Am 2. Mai abends wird dann bekannt:
        Seit heute mittag 14 Uhr ruhen an der gesamten Front der Heeresgruppe Süd die Waffen.
       So!
       Na also!
       Da wäre denn aller Voraussicht nach der Frieden ausgebrochen?
       Aber so klar war uns das denn doch noch nicht.
       Am anderen Morgen, dem 3. Mai, brummen wieder Flugzeuge am Himmel. Vorsichtshalber wird alarmiert, obwohl die meisten darüber lachen. Ich verflüchtige mich aber mit in den Wald. Und richtig …................oder fängt es wieder an zu schneien? Wir waren doch froh, daß die späte Winterherrlichkeit sich wieder verflüchtigt hatte Aber die flockigen Wolken kommen näher und entpuppen sich als Flugzettel. Sie geben uns endlich Gewißheit, wenigsten einigermaßen. Wir sollten abwarten, nicht fliehen. Die Übergabe erfolge in Bälde.
Nun ist es also doch Tatsache, wenigsten für unsere Südfront. Für uns war also der Traum eines Großdeutschen Reiches „von der Etsch bis an den Belt” und „von der Maas bis” womöglich an den Dnjepr oder die Wolga, bis an den Kaukasus und den Ural und noch wer weiß wie weit ausgeträumt. Vor allem aber war der verfluchte Militarismus zu Ende. Nun denn ade vor allem, du blöde Uniform-Vorschrift! Es war schönes Maiwetter, der zweite Frühling, den wir in diesem Jahre erlebten, also fort mit der Mütze. Barhäuptig erging es sich besser im Freien. Wozu noch den sinnlos zusammengeheftelten Kragen? Die berühmten Tropenhemden mit Handkragen hatten wir bereits, Schlipse waren auch vorhanden - also die ersten zivilen Ansätze ansetzen: Schlips, Kragen, offene Jacke! Und in die Hand den Spazierstock, kein Koppel mehr, die lange Hose im Bett „gebügelt” - wir wollten wieder einmal Menschen sein.
Die Vorgesetzten bekamen zunächst Fracksausen. Da waren die vielen gedruckten Vorschriften, der Schriftwechsel, militärischer „Geheimnisse” voll. Da waren die Waffen! Das Fracksausen steckte mich an. Beim Stabe brannten lustige Feuer. Das steckte auch uns an. Verbrennen, verbrennen, verbrennen!
„Herr Hauptwachtmeister, die Waffen - !?”
         Die Kompanie wurde zusammengetrommelt. Gewehre abgeben! Gasmasken abgeben! Pistolen abgeben!
Mit Wonne schmissen mir die Kameraden ihre Knarren vor die Füße, und ich hatte die Wirtschaft damit. Die Unteroffiziere zögerten, die Pistolen dazuzuwerfen. Es seien Eigentumswaffen, war ihre Ausrede.
Dann ging’s mit allem Papierkram ins Freie. Feuer in die Akten! Hei, gab das ein lustiges Geflamm. Ich rannte noch nach einigen Unterlagen herum - da rollte auf der Straße ein offener Omnibus. Verwegene Gestalten in Räuberzivil darin, Gewehre, Maschinenpistolen, Maschinengewehre vor sind und durchweg rote Halstücher mit toll geknoteten wehenden Schleifen.
       Partisanen, italienische Partisanen!!
       Heiliger Vater, - die kommen uns ausräubern, war mein erster Gedanke, und ich eilte, meinen Wehrmachtsschriftenkram völlig zu Asche zu machen. Zum Glück war meine Befürchtung unbegründet. Der Omnibus fuhr weiter.
Inzwischen machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, in die Gefangenschaft zu kommen. Das war kein leichter Gedanke. Wo würde man uns hinbringen? Was würde uns blühen? Die nazistische Propaganda hatte uns ja Gefangenschaft in den schwärzesten Farben gemalt. Immerhin packten wir unsere Sachen, als sollte es nach Hause gehen, zu Fuß womöglich, wobei ich ängstlich an meinen zerschossenen Fuß denken mußte und an die uns umgebenden unwegsamen Berge.
Zittern vor Aufregung brachte der Spieß zwei oder drei lange Hakenkreuzfahnen: ”Schmeißt sie ins Feuer!”
        ”Ins Feuer?” zögerte ich und befühlte den verhältnismäßig guten Stoff. - ”Was wollt ihr denn sonst damit machen?” ”Badehosen!” antwortete ich, und mit Freudengejohle machten sich einige Kameraden mit an die Arbeit, die Hakenkreuze herauszutrennen. Lachend und erleichtert ließ uns der Spieß gewähren. Und obwohl wir nicht wußten, ob wir jemals in die Verlegenheit kommen würden, mit Badehosen baden zu gehen, freuten wir uns bei der Arbeit schon des Tages, an dem wir, die ganze Kompanie in roten Dreieckshosen, würden ins Wasser springen können. (Er kam!!)
Unter äußerer Ruhe glimmte im Haufen doch eine leichte Panik unter der Oberfläche. Am Abend kam sie zum Durchbruch. ”Die Amis kommen!” schrie einer im Korridor. ”Na und?” fragte ein kleiner gemütlicher, schon älterer Thüringer. ”Mensch” antwortete ihm einer, „die nehmen uns alles weg, Uhren und Ringe und Geld und Wertsachen -” Alles begann herumzurennen und zu verstecken. Am meisten die Unteroffiziere und Wachtmeister. Die hatten ja ihre Pistolen noch. Nun ging’s aber an ein Verkramen, daß es schon bald zum Lachen war. Ich sehe noch, wie die „beliebtesten” Wachtmeister eine Bodenluke entdeckten, oben, zu unseren Köpfen. Da wurden die Pistolen verkranicht. Mir wurde um meine Uhr angst. Na, am Ende des Korridors standen Hotelmöbel aufgestapelt, Betten und Nachttische. Ob in einem dieser, in der Schublade vielleicht die Uhr sicher lag? Oder im Strohsack des Bettes? Oder im Ofen?  Oder auf dem Dachbalken?
Ach, dachte ich, es ist nun, wie es ist, und wenn sie nichts finden, dann suchen sie erst recht - lassen wir ihnen ihren Spaß. Und nahm meine Uhr wieder zu mir. - Draußen in der dunklen Nacht rollte der lange amerikanische Wagenzug an. Wir sahen ihn nur an den Scheinwerfern. Ein Wagen hinter dem anderen, eine unendliche Menge. Sie kamen von rechts, nicht von Cortina, und schienen sich uns zu nähern. Da, hinter dem Monte Cristallo lag ein Lazarettort am Misurina-See, von dem aus bei uns das Kommen der Amerikaner angekündigt war. Aber - was war das? - an der Straßenkreuzung, unweit unseres Hotels, bogen sie nach rechts ab, nach Toblach hinein, und in einer halben Stunde war wieder Ruhe und wir konnten uns - zwar längst noch nicht wieder beruhigt - schlafen legen.
Am anderen Morgen, 4. Mai. Wie üblich versammeln wir uns auf unserem Korridor zum Appell, als wäre nichts gewesen. Die Kommandos klangen zwar friedlicher und weniger zackig, aber wir standen immerhin in Reih und Glied. Na, wenn schon! Der Chef, Oberleutnant Nobis, sprach uns in seiner kühlen, nichtsdestoweniger sympathischen Art an. Wir sollten die Ruhe nicht verlieren, sagte er. Unser Schicksal sei zwar noch völlig ungewiß, doch empfehle es sich keineswegs, etwa auf eigene Faust stiften zu gehen. Wir sollten an die uns ungewohnten Berge denken, an die immer noch möglichen Wetterunbilden - wir sollten uns vor Augen halten, daß der Einzelne im Haufen immer noch sicherer sei als auf sich selbst gestellt. Er gab uns keinen Trost und keine Hoffnung, aber Ruhe und Zuversicht. Immerhin rechneten wir damit, daß wir am nächsten oder übernächsten Tag in die Gefangenschaft, in irgendein riesiges Gefangenenlager abrutschen würden.
An irgendeinen Dienst war nun nicht mehr zu denken. Die Kraftfahrer machten sich zwar tüchtig an ihren Wagen zu schaffen, immer mit der hintergründigen Absicht, doch mal damit abhauen zu können. Im Übrigen gingen wir spazieren. Die Liegewiese des Hotels, eine richtige Matte, wir wer uns die Almen vorgestellt hatten, begann von neuem zu grünen und zu blühen. Krokusse, blau, gelb, lila, reckten ihre Blütenkelche, der berühmte blaue Enzian kam hervor und die roten Sterne des Almrausches. Es war eine Pracht! Wir wanderten den Schluderbach aufwärts. Wald, etwas schütter gesetzt, schöne Fichten und Tannen, dazwischen allenthalben Felsbrocken und Steingeröll. Das mochte von der Sprengung des Monte Cristallo herrühren im ersten Weltkrieg. Der Besitzer des Schluderbacher Hoteldorfes gab uns Auskunft über die umliegenden Berge: Da war also der Monte Cristallo, nach Cortina erhob sich der Rauchkofel, dann kam die Rote Wand und die Geierwand und nach Toblach zu der Monte Piano - eine großartige Alpenlandschaft. Ich öffnete alle Seelenfenster, um die Großartigkeit und Schönheit, diese ganze ehrfurchtsgebietende Gewalt der Natur auf mich einwirken zu lassen. Es sollte doch ein Lebens-Erlebnis sein!
Am nächsten Morgen, 5. Mai.
Auf der Straße kommen die ersten Amis an. Es ist ein Sanitätskraftwagen. Die amerikanischen Landser rauchten Zigaretten und lachten uns zu. Der erste, den mutigere Kameraden anredeten, tat sein Maul auf und redete unverfälschtes Sächsisch. Allseitiges Staunen bei uns. ”Ja, ich bin gebürtiger Chemnitzer!” - ”Auch das noch,” antwortete ich, ”die Welt ist doch ein Dorf, und überall sind Sachsen!” Zunächst war uns die Sache ja ein bißchen peinlich. Das mochte nicht der einzige sein, und da hatten also Deutsche auf Deutsche geschossen. Es erklärte sich zwar so, daß diese Deutschen seit Jahrzehnten schon amerikanische Staatsbürger und ebenso unfreiwillig eingezogen worden waren wie wir. Ein ungelöster Rest blieb zwar immer noch im Bodensatz unserer Seele, dennoch ließen wir uns begierig erzählen. Sie - die amerikanischen Soldaten - seien ebenso froh wie wir, daß der Krieg zu Ende sei. Aber wenn sie nicht ihre Luftwaffe gehabt hätten, lobten sie uneingeschränkt unsere Infanterie, säßen sie heute wahrscheinlich noch auf Sizilien oder gar erst in Afrika.
Einigermaßen mit unserem Schicksal getröstet, stellten wir fest, daß die Amerikaner doch ”gar nicht so schlimm” seien. Aber ein Unentwegter mußte wieder dazwischenfunken: Ja, die Landser, aber wenn erst die jüdische Zivilverwaltung kommt! Ja ja, das sind alles Juden, und die werden nicht Samthandschuhen mit uns umspringen.
Übrigens erreichte uns recht schnell die Nachricht, daß an diesem Tage seit morgens 8 Uhr an alle Fronten Waffenruhe eingetreten sei. An allen Fronten - das war also mitten in Deutschland. Nun hoffentlich hatten es die Lieben daheim bis zu diesem Zeitpunkt ausgehalten und waren nun auch in Sicherheit. Wenn man nur Nachricht hätte!
Weniger offiziell und als Flüsterpropaganda ging durch unsere Reihen noch an diesem Abend: Wir sollen einen neuen „Einsatz” bekommen. Aufbau in Oberitalien. - War das nun was oder ward das nichts? Die Nazis hatten uns ja schon jahrelang mit der Drohung bei der Stange gehalten, daß unser Volk eine nie gekannte Arbeitsversklavung erwarte, wenn wir nicht den Endsieg errängen. Sollte das der Anfang sein? - Der Divisioner selbst, ein Oberst Schnez, sei dem Ami entgegengefahren und hätte die Division zur Arbeit angeboten. Wir waren skeptisch. Die Sache schien noch sehr windig.
Ein neuer Morgen, 6. Mai - Sonntag, der erste Sonntag in der Waffenruhe.
Bei der Kompanie diente ein evangelischer Pfarrer als einfacher Landser. Wahrscheinlich war er nicht braun genug, nicht genug deutscher Christ gewesen, um Wehrmachtspfarrer zu werden. Der wollte einen Dankgottesdienst abhalten. R. H. flüsterte es mir zu. Wir sagten es allenthalben weiter. Viele lächelten darüber. Manche sagten gar nichts. Ich ging in mich. Wie oft war ich während der Kriegszeit in Gottesdiensten gewesen? Eigentlich gar nicht. Und jetzt? Hatte ich nicht Gründe genug, zu danken. Wenn ich nur an Kowel dachte, an die Fährnisse der letzten Tage und Wochen - ?
An der Straße, schräg vor dem Haupthotel, unter eine riesige Fichte hingekuschelt, stand eine Kapelle, ein Kapellchen. Zwar katholisch im Aufbau und inneren Schmuck, aber ein Gotteshaus. Viele Plätze waren nicht drin. So war sie denn auch bald vollbesetzt. Aber die Türen mußten wir offen lassen. Draußen stauten sich noch viele Kameraden. Die ehrfürchtige Feierlichkeit eines Gottesdienstes umfing uns. Mit verschleierten Stimmen sangen wir die vorgeschriebenen Choräle. In einfachen Worten sprach der Geistliche im einfachen Soldatenrock für uns mit Gott. Dank, daß er uns gesund durch alle Fährnisse des Krieges geleitet, Bitte um weiteren Schutz und endliche Befreiung! Und niemals haben wir wohl inniger mitgebetet, da es um unsere Angehörigen in der Heimat ging. - Sonntag, Gottesdienst - nur das Glockengeläute fehlte. Ich sehnte mich danach. Die Italiener liebten ja nur ein ewiges Gebimmel von ihren Kirchtürmen, und selbst in Verona nicht hörte man volles Geläute. Vielleicht lag das auch am Kriege.
Am  Nachmittage wurden dann endgültig alle Waffen und alle Munition abgegeben. Der entsprechende Befehl von oben war nun auch da. Die Befehlsstellen arbeiteten merkwürdigerweise wieder, wenn ihre Befehle auch nur die Auflösung betrafen. Mit Genugtuung sah ich, wie auch die Wachtmeister ihre angeblichen Eigentumspistolen mir überantworten mußten. Nun, die schriftlichen Unterlagen hatte ich längst verbrannt.
Abends ergingen wir uns im Freien. Der Männerchor des Divisionsstabes versammelte sich im Garten. Ich stellte mich dazu, und wir sangen Lieder der Heimat als sei tiefster Frieden. Eine bunte Menge, Landser, Unteroffiziere, Offiziere, Nachrichtenhelferinnen bewegten sich mehr oder weniger zwanglos gekleidet im lauen Abend umher. Die Lage war wieder einmal rosig.  
Beim nächsten Morgenappell kam wieder ein Stimmungsrückschlag. Der englische Rundfunk hat gemeldet, die gesamte deutsche Wehrmacht habe nun kapituliert. Der Spieß drückte als ziemlich sicher aus, wir kämen im Landmarsch weg, also „per pedes apostolorum”. O weh! Es gab mir gleich einen Stich durch die Narben meines Fußes, und ich bekam einfach ganz fürchterliche Angst vor der Zukunft.
Ein wenig hatten wir ja alle noch gehofft, daß der Dönitz’sche Vorschlag gemeinsamen Vorgehens gegen Rußland Annahme fände. Es wäre uns doch ein wenig Trost und Zukunftshoffnung gewesen. Der 8. Mai trat dieses Hoffnungsflämmchen aus. An diesem Tage war nach offizieller Mitteilung früh 2.41 Uhr die bedingungslose Kapitulation mit allen Feindmächten unterzeichnet worden, auch mit Rußland. Und gleich hängten sich auch bösartige Gerüchte an diese Meldung wie: Die Russen wollen alle deutschen Männer von 18 - 30 Jahren haben! Mich beträfe das zwar nicht mehr, aber es wäre doch furchtbar gewesen; und was würden sie mit unseren deutschen Frauen und Mädchen machen, die laut nazistischer Propaganda „vertierten Massen aus dem Osten”?
 Noch einmal arbeitete auch die militärische Befehls- und (lachhaft, wie wir sagten) Beförderungsmaschine. Die letzten Divisions-, Abteilungs-, Kompaniebefehle kamen heraus. Sie enthielten nicht nur die auf die übliche militärische Formel, den „Tenor” gebrachte Kapitulation, sondern wären auch noch der Anlaß für zahlreiche Beförderungen. Eine ganze Menge Kameraden wurden noch zu Unteroffizieren, Unteroffiziere zu Wachtmeistern befördert, weil nur das nach der militärischen Berechtigungsvorschrift dem Abteilungskommandeur noch möglich war. Unser Verpflegungsunteroffizier L. wurde Wachtmeister, H. B. Unteroffizier. Was haben wir gelacht über diese „ersten Friedenswachtmeister” und „ersten Friedensunteroffiziere”, wenn es auch nur noch ein Possenspiel war.
Aber nun war der Frieden doch und endgültig ausgebrochen, wenn er auch anders aussah, als wir uns gedacht hatten. Und doch war es noch Frieden für uns. Die Kämpfe waren vorbei, Luftalarme und Luftangriffe fielen aus. Aber die Amis, die uns hätten gefangen nehmen oder bewachen sollen, waren auch noch nicht da. Wir erfreuten uns völliger Freiheit, die wir denn auch gehörig mit Spaziergängen usw. ausnützten.
Wir von der Eisenbahn-Bau-Division - wenn ich mir auch später sagen lassen mußte, daß diese Eisenbahn-Bau-Division ein ganz geschickte Tarnung des Divisioners war - erfreuten uns doch noch köstlicher Freiheit. Täglich wurden, in Ermangelung anderer Beschäftigungen ausgedehnte Spaziergänge unternommen. Entweder drangen wir im Walde nach dem Monte Piano zu vor, wo hart an seinem Fuße eine Art Waldbahn von Toblach her kommend nach Cortina fuhr - eine Fahrgelegenheit, die von vielen wahrgenommen wurde, besonders von den immer noch erlebnishungrigen Nachrichtenhelferinnen, oder wir schlängelten uns den Schluderbach entlang durch den urwüchsigen Wald die Straße nach Cortina entlang. Auf die Straße selbst wagten wir uns nicht und hatten unsere gewichtigen Gründe dafür. Seit dem 9. Mai nämlich begann hier eine „rückwärtige” Bewegung des Verkehrs, indem lange Kraftwagenkolonnen ansehnliche Massen von deutschen Kameraden nach dem Süden transportierten. Da ging es also in die Gefangenschaft! Mir krampfte sich bei solchem Anblick das Herz im Leibe zusammen! Gefangenschaft! Das war doch das Schlimmste, was einem passieren konnte, und uns stand es auch noch bevor!
Die Lust an der gewaltigen Natur ließen wir uns aber deswegen nicht nehmen, und selbst als dann im Hause eine amerikanische Wache eingezogen war, blieb unsere verhältnismäßige Freiheit unbeschränkt. Ja, es schien uns, als sei die Wache nicht da um uns zu bewachen oder unser Ausreißen zu verhüten, sondern mehr dazu, uns vor den Übergriffen anderer amerikanischer Einheiten zu beschützen als der, in deren Schutz - wie wir nach und nach erfuhren, - uns der Divisioner, Oberst Schnez, gestellt hatte. Doch das hinderte nicht, daß auch wir noch eine Wache zu stellen hatten. Wir nannten sie die „Stockwache”, weil wir uns an Stelle von Waffen mit Spazier- und Skistöcken aller Art und Größen ausgerüstet hatten. Da lag uns das nächtliche Verschließen der Hoteltüren ob, um das Eindringen unbefugt flüchtender Kameraden anderer Einheiten zu verhindern, oder vielleicht auch die Flucht der eigenen?
Bei dieser Gelegenheit, entsinne ich mich, lasen wir allerhand Bekanntmachungen, die das Kommando der Heeresgruppe Süd an alle noch einigermaßen intakten Einheiten kommen ließ. Zunächst lachten wir tüchtig über die Anweisungen der Amerikaner, weil die von den deutschen Soldaten selbst in den amtlichsten Kundmachungen nicht anders als von ”Krauts” redeten. Wieweit wir etwas mit Kraut zu tun haben sollten, ist bis heute unerfindlich geblieben; denn gerade uns alten Rußlandkämpfern war bekannt, daß der Russe weit mehr dem Kraut verschworen war, als wir Deutschen. Aber der Landserwitz hielt sich nun einmal nicht an intellektuelle Spekulationen, genauso wie der deutsche stur die Italiener als Itaker bezeichnete, was doch eigentlich besser auf die Bewohner der Odysseus-Insel Ithaka zugetroffen hätte. Aber da war nichts zu machen. Der Katzelmacher des ersten Weltkrieges war halt ausgestorben.
Weit interessanter aber waren Mitteilungen, die hinter die Kulissen des Nazismus leuchteten, der nun sein Dasein anscheinend endgültig beschlossen hatte. Da ließ uns nämlich der Führer der Heeresgruppe, ich glaube Generalfeldmarschall Kesselring war das, wissen, daß in den letzten Tagen kurz vor dem Zusammenbruch die SS einen großen Häftlingstransport aus einem der ”vornehmsten” Konzentrationslager Süddeutschlands hatte nach Südtirol flüchten wollen. Im Pustertal, in Welsberg, habe man sie ausgeladen, als der Zusammenbruch kam, und da hätte sich denn das ganze Verbrechen der Nazis gezeigt, die hier Staatsmänner aus allen unterdrückten Ländern Europas unter den menschenunwürdigsten Verhältnissen festgehalten hatten. Ein französischer Ministerpräsident sei auch dabeigewesen. Nun habe sich die Heeresgruppe ihrer angenommen, die Entkräfteten verpflegt und versorgt, um dem deutschen Namen doch noch einige Ehre zu machen. Dabei wurde gewissermaßen ehrenwörtlich versichert, daß man nichts von der Greueln der KZ. habe wissen können - und wir lesenden Landser konnten dem nur beipflichten.
Unter solcherlei Erlebnissen war wieder eine Woche vorübergegangen, eine Woche voll Hangens und Bangens wegen unseres künftigen Schicksals und ohne jede Entscheidung. Wieder wurde zum Gottesdienst gerufen. Diesmal waren im nahen Walde lange Reihen von Sitzbänken aufgestellt worden. Der Geistliche, ein Unteroffizier, faßte die Erlebnisse der letzten Tage in starken und stärkenden Worten zusammen. Er ermahnte uns, wach zu sein, stark und männlich, Gott zu vertrauen und sein Wort in uns zu tragen. Nun, Gott war und blieb ja auch unsere letzte Zuflucht in dieser Zeit, da alles wankte und stürzte, auf das man bisher getraut und gebaut hatte. Und gerade die kommende Woche sollte es zeigen, daß man nur noch auf Gott vertrauen konnte.
Der Sonntag verging wie alle anderen Tage. Man war nun schon ruhiger geworden, ein stärkendes Mittagsschläfchen nach einem guten Mittagessen tat sein übriges. Übrigens sei es hier gleich am Rande erwähnt: Was noch an Vorräten in der Küche vorhanden war, wurde jetzt so rasch wie möglich verzehrt. Wir hatten immer wunderbar fett- und fleischreiche Mahlzeiten. Es war ein bißchen ”Après-nous-déluge-Stimmung” dabei, aber, sagte man sich, was nützte es, bei einem etwaigen plötzlichen Aufbruch alles liegen lassen zu müssen, statt sich erst einmal ordentlich satt gegessen zu haben? Vor allem war man doch etwas ruhiger geworden, und ich setzte mich in meiner Dachkammer sogar hin und begann wieder zu schreiben, und wenn mir auch die Verse, der allgetreue Pegasus, noch nicht wieder zur Verfügung stand, so gelang mir doch eine Art Novelle, eine Anekdote aus dem Siebenjährigen Krieg, die ich früher schon einmal geschrieben hatte. Da man aber so gar nicht wußte, ob nicht in der Heimat, die einem bisher als sicherster unzerstörbarer Port geschienen hatte, alles zerstört sei, trieb schon der Drang, unverlierbar geschienenes geistiges Gut wieder ans Papier zu fesseln, ehe man es vergäße.
Bei einem nachmittäglichen Spaziergang am Ufer des Schluderbaches regte sich unter den Männern auch wieder die Daseinsfreude. Sie kamen, da die Sonne schon schön wärmte und bräunte, auf den Gedanken, den Schluderbach zu stauen, um eine Art Freibad zu errichten. Das war gewissermaßen die erste demokratische Lebensäußerung unseres Häufleins. Der Spieß schloß sich dem Mehrheitsbeschluß an, und beim montäglichen Dienstverteilen rückten wir mit Hacken, Spaten und Schaufeln aus, einen Staudamm zu errichten. Das war ein lustiges Arbeiten, und mit Felsbrocken, Lehm und übergelegten Baumstämmen hatten wir bald ein Dämmlein geschaffen. Während wir so arbeiteten, prasselten auf der Straße immer wieder Amerikaner in ihren berühmten „Flitzern”, den „Jeeps” vorbei. In einem aber saßen ganz besondere „Brietzeln”. Die hatten irgendwo eine deutsche Signalraketen-Pistole erbeutet, mit der sie nun aus Unsinn in der Gegend herumschossen. „Die Kriebeln”, schrie einer von uns, „jetzt haben sie doch richtig in den Wald hineingeschossen!” Unterhalb der Roten Wand sahen wir die Rakete niedergehen und zünden. Es war zwar ziemlich hoch oben, aber Wald war Wald, und es begann auch bald zu rauchen und zu lodern, so daß wir Deutschen, denen der Wald doch ganz anders ans Herz gewachsen ist als den nüchternen Amerikanern, ganz zornig zu Mute wurde. Als wir ins Quartier zurückkamen, erfuhren wir, daß dasselbe auch noch an anderen Stellen geschehen war und allenthalben die Waldbrände emporflackerten, was besonders nachts einen schaurig-schönen Anblick gab.
Noch am Abend zog eine Gruppe der Kompanie hinaus, um die Brände einzudämmen. Sie konnten aber nicht viel ausrichten. Nachts und am nächsten Tage gingen starke Gewitterregen nieder. Sie vermochten aber die Waldbrände nicht zu löschen. Es schwelte und glimmte unter der nassen Aschendecke weiter, und als es halbwegs wieder ein wenig sonnig und warm wurde, schlugen die Flammen wieder auf. Dafür aber hatten die Gewittergüsse unser Stauseelein ganz ansehnlich gefüllt. Leider konnte ich nicht mit hinein-”huppen”, da ich noch keine Badehose hatte und weil mir das Wasser doch ein wenig zu schmutzig war. Außerdem aber war ein anderer Dienst angesetzt, der uns nun doch ein wenig peinlich an unsere Lage erinnerte: Wir mußten unser Lager an Nachrichten-Geräten und Materialien aufräumen, sortieren und zusammenpacken. Das mußte alles an den Ami abgeliefert werden. Weil ich mich unter Hinweis auf meinen zerschossenen Fuß von den Löscharbeiten am Waldbrand gedrückt hatte, kam ich auch nicht in Frage, die Fahrt zur Ablieferung der Geräte mitzumachen, obwohl ich gern mitgemacht hätte.
Neben solchen kleinen Diensten gab es für uns noch einen, den wir ganz gern absolvierten: Küchendienst, d.h. Kartoffeln schälen. Im Zuge des großen Resteressens kam nun auch das Kartoffellager mit an die Reihe, was vorsorglich schon seit dem letzten Herbste in Schluderbach für uns aufbewahrt worden war. Auch Nachrichtenhelferinnen halfen mit, allerdings mehr beim Kochen. Unsere Küche, die sich im Keller des Hotels befand, war dadurch ganz schön bevölkert. Meine Glauchauer Landmännin P. arbeitete auch mit hier. Und bei Gelegenheit eines solchen Küchendienstes, bei dem manche Stunde unter der Arbeit verplaudert wurde, erfuhr man denn auch neueste Neuigkeiten. Vor einigen Tagen noch hatten wir uns bei dem Gedanken beruhigt, daß die Demarkationslinie zwischen Russen und Amis durch die Elbe gebildet werden sollte. Plötzlich durcheilte unsere Quartiere die Nachricht, und ich vernahm sie in der Küche, daß die Mulde die Demarkationslinie werden sollte!
Heiliger Gott! Russische Besatzung in unserer Heimat? Was soll aus unseren Angehörigen werden? Wir befürchteten das Schlimmste und konnten einige Nächte nicht schlafen. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem unsere Angehörigen noch nicht einmal etwas von diesem ihrem Schicksal wußten. Ihnen wurde es eigentlich erst mit dem tatsächlichen Einrücken der Russen Mitte Juni klar, uns schon einen Monat vorher!
Trotz jetzt öfter einsetzender Regenfälle und Gewitter lassen die Waldbrände nicht nach, und die Kameraden müssen noch einige Male hinaus. Ich schreibe meist in der Zeit oder ordne meine Waffenkammer, die ich doch so gerne los sein wollte. Aber niemand kam und nahm uns die Waffen ab. Der feierliche Akt der Waffenniederlegung wurde uns erspart. Immerhin war ich ein wenig ängstlich. Lt. Kapitulationsbestimmungen durften wir keine Waffen mehr haben, und wir hatten noch so viele. Wenn nun - und was denn dann - und ich war schließlich verantwortlich dafür - ?! Ich telephonierte mit der Abteilung. Der Waffenmeister H. L. wußte auch nichts und lebte in derselben schummrigen Gemütsstimmung, nur um einige Grade höher. Aber die Sache war darum nicht so gefährlich, als wir gar nicht als Kriegsgefangene galten, sondern als Internierte. Die volle Auswirkung dieses Begriffs erfuhren wir erst später.