Am 1. Juni jedoch zog die Sonne wieder strahlend herauf und schickte die gewohnte südliche Wärme herab, so daß männiglich und auch weibiglich alle überflüssige Kleidung abwarf und möglichst wenig bekleidet herumspazierte. Die Nachrichtenhelferinnen standen in eleganten Luft- und Badeanzügen vor ihren Baracken am Waschfaß und feierten ein überschäumendes Waschfest. Aber ach, gerade sie hatten nicht mit der frommen strengen christkatholischen Bevölkerung gerechnet, die ja nicht nur von allen Seiten in die Winkel unseres Barackendorfes hereinschauen, sondern sogar hereinkommen konnte. Und gleich benachbart war ja das Krankenhaus, in dem katholische Nonnen ihres Dienstes wirkten. Da gab es einen Aufstand in der Bevölkerung.
Anderntags erschien ein vielbeschmunzelter Abteilungsbefehl, nach dem sich die NH.s auch bei großer Hitze nicht in Badeanzügen, und wenn schon, dann diese samt den solchergestalt allzu freigebig bloßgelegten weiblichen Reizen nur in die dienstlichen Wickelschürzen gehüllt zeigen dürften. Da hätte es beinahe bei uns einen Aufstand gegeben. Schließlich aber lachten wir herzlich darüber in der besseren Erkenntnis, daß die vermeintliche Unsittlichkeit nicht in unserem Lager, sondern in den lüsternen Gedanken der Zuschauer begründet läge.
Mit dem schönen Wetter kam man auch ansonsten wieder auf bessere Gedanken. Die ganze Schönheit der uns umgebenden Alpenlandschaft lachte uns alle düsteren Gedanken aus dem Herzen fort. Mit offenen Augen ging auch ich durch die Zeilen der Weinberge, deren einzelne Pflanzen hier nicht wie am Rhein an einzelnen Pfählen, sondern an langen Gerüsten emporwuchsen. Zwischen den Zeilen aber waren Kartoffeln angepflanzt und schön hochgeschossener Weizen. Und beides blühte recht kräftig, so daß die Wogen des herben strengen Duftes gerade der Kornblüte durchs ganze Lager zogen. Das erinnerte an die Heimat.
Und dann spürten wir zum ersten Male die Auswirkungen unseres Einsatzes im Dienste der Amerikaner: Wir bekamen US-amerikanische Truppenverpflegung, d.h. zwar nur zwei Drittel des bei der Truppe üblichen Satzes, aber auch diese Verkürzung verlockte uns zu dem Ausruf, daß wir bei diesem Essen wahrscheinlich noch dick und fett werden würden, welche Vermutung sich in der Folgezeit auch verwirklichte.
Eins machte uns allerdings zunächst noch Kummer: Wir sollten auch wieder Wache stehen. Ja, wofür denn das? Belehrt wurden wir nicht weiter, dachten uns aber, daß wahrscheinlich innerhalb der Bevölkerung, und zwar des italienischen Teiles, sich noch allerhand Partisanen und Aufrührer befinden würden, die uns auch lieber an den Kragen gewollt hätten. Na, ich pickte mir auch hier die Rosinen aus dem Kuchen. Meine Wache fiel in die ersten Morgenstunden kurz nach Sonnenaufgang, und während ich so die Grenzen des Lagers abschritt, mit meinem mir nun schon vertraut gewordenen Stock an der Lederschlaufe im Handgelenk, hatte ich genug Muße die gewaltige Natur, die mich umgab, in mich hineinzuschlürfen.
Während sich in der Kapelle des Krankenhauses der volle Choral der Morgenandacht erhob, verschaute ich mich in die Masse der mich umgebenden Hügel, Kofel und Gipfel. Ein zufällig des Wegs kommender Südtiroler Bauer erklärte sie mir: Das Türmchen, das sich an einem Nachbarhügel zeigte, war Schloß Warth. Aber was sich hinten, oberhalb von Bozen, über dem tiefen Einschnitt des Eisacktales erhob, diese gewaltig hohe, oben flache Masse eines förmlichen Tafelberges, das war der Schlern, wo sich während der tiroler Befreiungskämpfe unter Andreas Hofer mancherlei abgespielt hatte. Weiter nach rechts tauchten hinter dunkelbewaldeten Kämmen rosige Gipfel auf: Zwergenkönig Laurins Rosengarten. O ja, den kannte ich - Dietrich von Bern und seine Sagenhelden wollen ja auch da gewesen sein. Und weiter nach Süden zu, über dunkler Wälder Wogen eine weißschimmernde Spitze, ein Dreieck für den Ausblick von hier aus, ein Dreieck wie das symbolische Gottesauge in vielem Kirchenschmuck, das war das Weißhorn. Tief unten in den Tälern viele Dörfchen, aus deren Kirchtürmen nun der Klang der Morgenglocken heraufschellte. Ein ach, so lange nicht gehörtes liebes Konzert.
Da fing auch die Kirche von St. Pauls zu läuten an, und ich wendete mich ins Lager zurück. Eine riesige Kulisse erstreckte sich dem Rosengarten gegenüber: das Mendelgebirge mit dem Gantkofel und dem Penegal. Das war also einst, vor über dreißig Jahren, Besitz und Eigentum und Hetzjagdgebiet dieses merkwürdigen österreichischen Fürsten, des Erzherzogs Franz Ferdinand gewesen, dessen Tod von Mörderhand in Sarajewo 1914 den Weltkrieg ausgelöst hatte. Nun, das mußte ihm der Neid lassen, er hat gewußt, wo es schön war in seinem weiten Reiche. Aber daß er dann dieses herrliche Stück Gottesland so beinahe ganz und gar und nur für sich hatte absperren lassen, das verzeih ihm ein anderer.
Bereits am Sonntag, dem 3. Juni mußten wir von St. Pauls wieder Abschied nehmen. Es habe sich ein besseres Lager für uns gefunden, hieß es, und ich sollte als Vorkommando und Quartiermacher mit dahin abgehen. Ein kleines Häuflein unserer Kompanie verluden wir unsere rasch zusammengerafften Siebensachen auf Lkw. und rollten durch das sonntägliche Land und die feiernden Dörfer. Überall standen Männer und Buben mit unter die Westen gebundenen blauen Schürzen und in weißen Hemdsärmeln herum und begutachteten den Stand ihrer Felder und Weinberge. Uns trieb es lustig und romantisch der im Südosten immer höher steigenden Sonne entgegen. Wir durchfuhren den berühmten Weinort Eppan (San Michele d’Appiano) mit seinem Gemisch an altertümlicher Älplerbauweise und moderner italienischer Architektur und gelangten nach Girlan (Cornaiano). Immer stetig ansteigend gewann der schmale steinige Weg eine gewisse Anhöhe, die von einem schönen großen Gebäude gekrönt war. Das war der M a r k l h o f! Hier sollte unsere neue Gefangenschaftsheimat sein, der gleich unmittelbar sich anschließende Weinberg, Besitz des Klosters Neustift in Brixen, einer der in der Welt berühmten Institutionen der katholischen Kirche. Der Marklhof war das Weingut und gleichzeitig Kneipe und Hotel. O Wein - Wein!
Unmittelbar hinter dem Marklhof zog sich das Barackenlager, das im Kriege ebenfalls der Bozener Flak gedient hatte, an zwei Straßen mitten im Weinberg nach Norden zu, wo das Rebgelände immer mehr bis zu einem mäßigen Gipfel anstieg. In der letzten Baracke der längeren Straße ließen wir uns nieder. Aber wie sah es hier aus? Licht und luftig war es ja. Fenster- und Türöffnungen waren vorhanden, aber es fehlte jegliche Tür und jegliches Fensterglas, der Fußboden war von Glassplittern, Erdbrocken und sonstigen Trümmern übersät, die Wände der nur von ”Pappe” (Kappak) erbauten Baracken an bestimmten Stellen von Pistolenschüssen durchsiebt. Wahrscheinlich hatte da ein Bild von ”Adolf” (Hitler) oder ”Hermann” (Göring) gehangen. Hier hatten also italienische Partisanen gehaust und wahrscheinlich die Kameraden von der Flak unter entwürdigenden Umständen abgeführt. Na, wir hatten da ja Schwein gehabt.
Die lichte Luftigkeit konnte uns freilich in diesen Tagen nichts anhaben. Es war heiß, heiß, heiß! Das erste, was wir nach unserer Ankunft taten, war, sämtliche überflüssigen Kleidungsstücke abzuwerfen und nur noch in kurzen Hosen herumzulaufen. Hier störte uns auch kein unberufener Einblick Einheimischer, denn der Weinberg fiel ringsherum steil ab, die Ortschaft war ziemlich fern, vom Marklhof kam niemand herab - ein richtiges Männerparadies. Dann richteten wir zunächst die Betten her. Hölzerne Doppelbetten waren vorhanden, Strohsäcke hatten wir mitgebracht. Nun wurden noch die Mückennetze darübergespannt. Dann gingen wir daran, wenigstens einmal den Boden zu reinigen. Schmutz und Scherben wurden hinausgekehrt, und wir waren noch beim besten arbeiten, als plötzlich H. B. angestürzt kam und rief: ”Menschenskinder, kommt doch bloß mal mit - die Aussicht!” Damit führte er uns im Eilschritt nach der nördlichen Höhe des Weinberges, im Weingelände aufwärts, bis wir oben am Gipfel standen und der Berg zu unseren Füßen steil ins Tal abfiel.
Wie weitete sich da der Blick! Rings von bewaldeten Bergen eingeschlossen breitete sich tief unten und spielzeugklein die mächtige Stadt Bozen mit Häuslein, Häusern und Palästen, mit saftigen Wiesenflächen und ausgedehnten Obstgärten, die von hier oben allerdings wie kleines Buschwerk aussahen. Von drei Seiten schlängelten sich Flüsse herein: Vom Norden, vom Brenner her - aus der Richtung unserer sehnsüchtig gegrüßten Heimat - der wild schäumende Eisack, von links, vom westlichen Gebirg in unserem Rücken die sagenumkränzte Etsch, und innerhalb Bozens fand sich die Talfer, von berühmten Brücken bezwungen dazu. Gerade zu unseren Füßen aber, südlich Bozens, flossen Etsch und Eisack zusammen, um italienisch als Adige weiterzufließen, nach Trient, Rovereto, durch die Klause, Verona und der oberitalienischen Tiefebene entgegen. Ihr entlang dehnte sich die weite Rasenfläche des Bozener Flugplatzes. Tiefer, als wir standen, flogen amerikanische Bomber an und ab, uns das merkwürdigste Schauspiel bietende, das wir Menschen des flachen Landes nur wortlos bewundern konnten, daß wir höher als ein schon ziemlich hoch fliegendes Flugzeug standen.
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