In diesen Tagen erreicht uns aber auch ein bedeutsamer Befehl. Er besagte, daß nunmehr sämtliche Nazi-Hoheitszeichen, aber auch Orden und Ehrenzeichen, vor allem soweit sie das Hakenkreuz zeigten, zu verschwinden hätten. Nun, die ”Gake” am Uniformrock war rasch abgetrennt. Schwieriger war schon die Geschichte mit dem Koppelschloß und vor allem mit dem Verwundetenabzeichen; denn so sagte ich, das Ding ist keine Schande und ich habe keinen Grund zu verbergen, daß ich in dem Sauschlamassel von Kowel und ganz Rußland habe bluten müssen. Diese Gedanken schien dann auch die Amis zu bewegen; denn der Befehl wurde dahin gemildert, daß nur die Hakenkreuze zu verschwinden hätten. So standen wir denn einige Tage in unserer Werkstatt und feilten die Hakenkreuze aus dem Koppelschloß und dem Verwundetenabzeichen heraus. Da das mit dem Koppelschloß bei mir aber nicht so hinhaute, bastelte ich mir aus dem Blech einer Marschverpflegungsbüchse eine Verkleidung, die natürlich auch dilettantenhaft genug aussah. Später baute mir der Kompanie-Mechaniker ein ganz neues Koppelschloß aus Messing, das wirklich fein aussah.
Am 28. Juni, einem Donnerstag, hieß es plötzlich: Jeder hat sich heute nachmittag beim Stabe einzufinden, um die Personalbogen für die Entlassungskartei vom Dolmetscher ausfüllen zu lassen. - Entlassungskartei? - Ja, was sollte das sein? War die Heimkehr schon so nahe gerückt? - Mit mehr als hoch erhobenen Gefühlen wanderten wir als selbdritt, R. H., E. P. und ich, zur Stabsbaracke hinauf. Der Dolmetscher, Dr. G. M., mit dem ich später sehr gut freund wurde, nahm alle Angaben auf und übersetzte sie. Unsere Stimmung war die beste von der Welt - aber nur zunächst; denn bald wurde bekannt, daß die Entlassungen zwar sehr bald beginnen würden, aber nur von den Kameraden, die in den westlichen Besatzungszonen beheimatet seien. Wir armen Teufel aus der russischen Besatzungszone sollten und würden das Nachsehen haben. Das war ja dann natürlich eine böse Nachricht.
Indessen nahmen wir - ohne uns von dieser niederdrückenden Erkenntnis schlagen zu lassen - weiterhin am Leben und Schauen in diesem schönen Lande mit allen Sinnen teil. So erinnere ich mich noch lebhaft einer besonderen Naturerscheinung, die wir gerade an diesem Tage machten: Vor einer der Stabsbaracke benachbarten Hütte war ein ungeheurer Zulauf von Ameisen. Bei näherem Zusehen unterschieden wir zwei Arten dieser Tierchen von verschiedener Größe, die nicht nur durcheinander wimmelten, sondern sich sogar gegenseitig bedrängten und verbissen. Und da zeigte sich’s, daß hier nichts anderes im Gange war, als ein förmlicher Ameisenkrieg. Mit Staunen sahen wir, wie das Volk einer sehr kleinen Rasse mir wahrer Berserkerwut sich auf die Wohnstätte eines Volkes großer roter Waldameisen stürzte und sie in einer gewaltigen Schlacht mit Totbeißen und Larvenverschleppen und wahrscheinlich auch -vernichten vollkommen aufrieb. Es war zu mutmaßen, daß die großen sicher irgendwie entartet oder sonst schwach geworden waren. Die Sache wir uns irgendwie lehrreich, wir hüteten uns aber, irgendwelche Schlüsse und Vergleiche mit unserer Lage zu ziehen.
In diesen Tagen muß sich auch folgendes heiteres Erlebnis zugetragen haben: Mein Freund R. H. erfreute sich eines ungeheuer wild und dicht sprossenden Haarwuchses auf Brunst und Rücken, während er ihm auf dem Haupte gerade nur sehr spärlich und bleichfarben sproß. Wie er nun so eines Abends vor seiner Waschschüssel stand, um seinem durchschweißten Corpus ein kärgliches Vollbad in der Waschschüssel zu gönnen, betrachtete ihn unser waschechter Bayer H. S. sehr blinzelnd und nachdenklich. Wahrend nun die stark behaarte Männerbrust Zielscheibe und Blitzableiter allerlei Witzes war, schien jener sich des berühmten Wortes zu erinnern: ”Zurück zur Natur! Auf die Bäume, ihr Affen!” in das der Landserwitz allerhand ”Los-von-der-Großstadt-Bestrebungen” zusammengefaßt hatte. Er wälzte eine Viertelstunde lang die Gedanken in seinen scheinbar zu klein geratenen Schädel. Dann gab er seine Weisheit von sich und bemerkte trocken und nebenbei: ” Geh, du, wann’s die Natur nur um einen Schritt zurückgeht, bist du der erste auf den Bäumen!” Das Riesengelächter, das darauf folgte, klingt mir noch heute in den Ohren.
Solche Zwischenfälle machten natürlich Kameradschaft und Freundschaft keinesfalls wankend, und R. H. war, wenn er auch manche Eigenheiten hatte, der letzte, einen Spaß zu verderben. Als drei Musketiere schlossen wir uns - mit E. P. - immer näher zusammen. Einen besonderen Kitt unserer Freundschaft bildete natürlich auch der Mokkalikör, aber auch sonst einten uns gleiche Bestrebungen und Anschauungen. Besonders gern saßen wir zu dritt auf einem Felsblöckchen im Nordzipfel des Weinberges, von dem aus man eine prachtvolle Fernsicht das ganze Etschtal hinauf hatte. Berühmte Orte lagen dort, von denen wohl Terlan, der Geburtsort eines der feinsten Weine Südtirols, und Meran die Glanzpunkte waren. Und in der Ferne grüßte auch die berühmte Burg Tirol herüber, die Heimat jener berühmten oder berüchtigten königlichen Frau, die als Margarete Maultasch in die Geschichte eingegangen ist.
Das Plätzchen aber gefiel uns so, daß wir beschlossen, hier eine Freundschaftsbank zu errichten. Wir sammelten also Bretter und Pfähle und zimmerten in den Feierabendstunden eine primitive Bank zusammen, die zum Teil auf unserem Felsblöckchen und zum Teil auf zwei Stützpfählen, Beinen, ruhte. Eine stabile Lehne erhielt sie auch, an der wir ein gereimtes Sprüchlein anbrachten, das dem stillen Naturfreund Schutz und Schonung dieses Fleckchen empfahl.
Ehe wir aber zur feierlichen Einweihung unserer Bank kommen konnten, beschlossen wir, unser Plätzchen für längere Zeit, d.h. für viele Jahre zu weihen. Wie es bei Grundsteinlegungen oder beim Richten von Turmknäufen seit Jahrhunderten in Deutschland üblich war, wollten wir in einer dauerhaften Kapsel allerhand Zeichen unserer Zeit mit einem entsprechenden Schriftstück tief in die Erde eingraben. Wir sammelten also abgetrennte Nazi-Hoheitszeichen und unsere Obergefreitenwinkel und ähnliche militärische Embleme. R. H. trieb eine handfeste Büchse auf und einen Kameraden, der sie uns luft- und wasserdicht verlöten wollte. Ich dagegen setzte mich in einer stillen Stunde hin und entwarf einen Text im Stile alter Urkunden, einen Text von drei Soldaten in der Gefangenschaft, und unserer Hoffnung auf eine bessere Zeit; denn zuletzt ergab sich, daß das ganze Schriftstück - folgerichtig - aus eine ganzen Handvoll trotziger ”Dennoch” zusammengestellt war und den Kern unserer Stimmung vollkommen traf.
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