Freitag, 21. Juni 2013

Kriegstagebuch - Gefangenschaft in Südtirol - Im Weinberg vom Marklhof

Mir aber weitete sich wieder einmal die Brust vor den Wundern des Geschauten, von einem hohen Gefühl, der Wander- und Reisefreudigkeit verwandt, so stark und lebendig, daß es mich während unseres ganzen Aufenthaltes nicht verließ und wohl lebenslang in mir nachklingen wird. Südtirol, dachte ich, sagenhaftes Land, geschichtsträchtiger Boden - ich bin bei dir! Du hast mich aufgenommen. Und noch viel mehr rang es in meinem Inneren nach Worten, - Worten, die ich erst nacherlebend dieser Stunde geben konnte:

Bozen, du rebenumkränzte Stadt,
Bozen zu unseren Füßen;
Südtirol, göttlichen Segens so satt,
Südtirol hebt an zu grüßen

Eisack und Etsch tief aus fruchtbarem Tal,
obenher luftige Warten,
Gipfel: der Schlern, Weißhorn, Penegal,
Zwergkönigs rotglüh’nder Garten - - -
Rings der Weinberge fruchttragende Pracht
Alle die Hügel ansteigend,
Obstbäume mit ihrer saftigen Tracht
Über die Trauben sich neigend. - - -
Schlösser und Burgen, geborsten und kühn,
nagenden Wettern zur Beute - - -
saubere Dörfer im fröhlichen Grün
mit vieler Kirchen Geläute - - -
Weitum dann, rötlich im Felsengewand,
strahlend von Schnees reinem Linnen,
Kränze und Mauern dem wehrlichen Land,
Hochgebirgs ragende Zinnen - - -

Südtirol, heilige Krone der Welt,
laß dich von Herzen begrüßen,
du hast gesegnete Lager bestellt,
Südtirol zu unseren Füßen!

Noch aber war mein Herz noch nicht so weit gefaßt, daß es hätte dichten können. Zu stark, zu lebendig, zu zahlreich waren die neuen Eindrücke, die da einstürmten, und wenn wir uns auch schwer von dem Bilde des vor uns wie ein Geschenk hingebreiteten Alpentales trennen konnten, durften wir uns doch sagen, daß dies uns doch noch nicht gleich verloren sei. Drunten im Lager aber wartete unser noch allerhand Arbeit, und wenn wir uns auch kein Bein herausreißen wollten, lag uns doch selber viel daran, endlich eine wohnliche Bleibe zu bekommen. Immerhin war die Arbeit bald getan, und als der Pkw. aus St. Pauls mit dem Essen kam, waren wir eigentlich fertig.
 Sicher gab es wieder etwas ausbündig Feines zu essen, irgendeinen feinsten Braten mit Gemüse und Kartoffeln und Nachtisch, wie es nun sonntags und oft auch wochentags beim Ami üblich war, so daß wir feststellen konnten: So gut gegessen und gleichzeitig so schlecht gewohnt wie hier haben wir im ganzen Kriege nicht. Was half’s? Die Laune konnte es uns nicht verderben. Wir hatten einen riesigen Türflügel, der irgendwo herumlag, inmitten unserer Stube auf ein paar Kisten gesetzt. Das war unser Tisch. Da saßen wir nun ringsherum, und als uns nachmittags nach einem geruhsamen Mittagsschläfchen die Langeweile packte, wir uns aber in unserer lüftigen Behausung bedeutend wohler fühlten, als im Sonnenbrand des Weinberges, begannen wir zu singen. Und wir sangen alle Volks- und Schlagerlieder, deren wir uns entsannen, in den glühendheißen Nachmittag und den sinkenden Abend hinein.
In den nächsten Tagen setzten wir unsere Reinigungsarbeiten fort. Ich schloß mich dann ziemlich stark unserem Kompanietischler an. Wir hatten einen großen Stapel breiter starker Bretter gefunden und beschlossen, an unsere Baracke einen Verschlag als Tischlerwerkstatt anzubauen. Da bekam ich denn bald eine schöne Geschicklichkeit, mit der Zimmermannssäge über dem Knie Bretter zu kürzen und mit Hobel und Stemmeisen umzugehen. Das machte allerhand Freude und betäubte ein wenig die trüben Gedanken, die in mir in ewigem Widerstreit lagen mit der Freude an dem landschaftlich und auch gastronomisch so schönen Alpenaufenthalt. Daß unsere Heimat russischer Besatzung unterstand, wurde und in diesen Tagen zur Gewißheit. Der Rundfunk meldete es, und darüber kroch denn auch die Sorge um unsere Zukunft immer stärker in uns hoch. Da war denn Arbeit das beste Beruhigungsmittel.
Als dann die Kompanien und der Stab auch hier einzogen, bekamen wir noch einmal sehr willkommenes Geld ausgezahlt, das letzte Heimatgeld vom März, das unsere Angehörigen noch gesandt hatten. Ein sehr nachdenklicher Gruß! Aber wir hatten trotz Kapitulation noch sehr gute Verwendung dafür. Die einheimische Bevölkerung nahm es noch gern. So konnten wir viele Kirschen und Apfelsinen kaufen, die wir trotz des guten Essens noch recht gern verspulten, vor allem gegen den Durst. Die Wasserfrage war nämlich noch nicht geklärt. Wir hatten vorläufig noch keinen Brunnen oder etwas ähnliches, dabei herrschte in diesen ersten Junitagen eine derart mörderische Hitze, daß wir unsere Wäsche kolossal schonten und nur in kurzen Hosen herumliefen. Wir waren natürlich bald Braun wie die Neger.
Am Freitag, dem 8., gegen Abend fuhren wir mit einem Lkw. ein paar Mann hoch, gegen Bozen. Es hieß, da und da liegen große Wassertanks, von irgendeiner Einheit liegengelassen. Da hieß es einen holen, damit unsere Küche wenigstens Wasser zum Kochen und wir welches zum waschen hätten. Gemächlich fuhren wir durch die herrliche Landschaft und die freundlichen Dörfer, deren Romantik ich ganz in mich hineinsog. Die meisten von uns hatten allerdings nur Augen für die vielen hübschen Mädchen, die wir besonders gern schauten, weil es doch deutsche Mädchen waren, mit denen man sich, wenn es die Gelegenheit geben sollte, doch in der Muttersprache unterhalten könnte. Doch das blieb zunächst Wunschtraum.
Am nächsten Morgen früh 4 Uhr schwang ich mich wieder mit auf den Wagen. Wir wollten nach Girlan hineinfahren und am Dorfbrunnen unseren Kessel füllen. Das nahm lange Zeit in Anspruch; denn der Kessel, ein kubisches Ungeheuer, faßte gewaltige Massen, und der Brunnen lief nur verhältnismäßig spärlich. Dabei hatten wir immer das eigenartige Gefühl, ob wir uns auch zu Recht unserer Freiheit erfreuten und uns nicht irgendeine wilde Ami-Kolonne als gute Beute mitnähme. Aber es geschah nichts dergleichen und wir konnten uns bald ganz dem langsam erwachenden Dorfleben hingeben. Es war, als wir ausfuhren, empfindlich kühl gewesen. Nun, da die Sonne stieg, konnten wir die Mäntel ablegen und auch die Uniformröcke. Wir standen auf unserem Wagen und ließen das Wasser in den Tank plätschern. Aus den breiten, knarrend aufgehenden Hoftoren der Weingüter lenkten Ochsengespanne mit niederen breitausladenden Wägelchen auf die Straße. Träge schmitzten die noch müden Bauern und Knechte mit den Peitschen und Gerten über die Rücken des noch trägeren, meist gelb-bunten Alpenviehs. Nette Mädchen in weißen Kopftüchern, den Henkelkorb mit dem Frühstück im Arm, gingen den Gespannen nach und blinkerten uns mit verstohlenen Äuglein zu. Und dann kam auch - und das war die Kehrseite des schönen weinreichen Südtirol - ein Bäckerjunge mit dem Tragkorb auf dem Rücken, und dieser Bäckerjunge war ein vollkommener Kretin mit dickem Hals, hervorquellenden Augen, mißwüchsiger, klein gebliebener Gestalt und blödem Blick. Er wanderte hinauf zum Herz-Jesu-Heim, wo - wie mein Kraftfahrerkamerad H. S. wusste - noch weit schlimmere Fälle ... lägen. ...
Mit dem Wasserholen ging der ganze Vormittag hin, aber wir hatten den Vorteil, uns am Abend endlich einmal gründlich waschen zu können, und wenn wir auch dafür nur unsere kleinen Waschschüsseln hatten, erhob sich doch allenthalben im Lager, in- und außerhalb der Baracken fröhliches Geplantsche.
Mißlich war allerdings, daß die Kompanie da war, weil nun der Spieß, der seine militärische Gewohnheiten durchaus nicht ablegen wollte, immer seinen Fitz hatte, uns ”zum Dienst” einzuteilen. Wir sträubten uns immer ein bißchen und freuten uns, wenn er dann fuchtig wurde. Aber schließlich konnten wir ihm auf die Dauer nicht widerstehen, weil seine Kommandogewalt neuerdings vom Amt und durch Abteilungsbefehl gestützt wurde. Die deutschen Dienstgrade galten weiter und wir hatten weiter Dienst zu tun. Aber den Offizieren unserer Einheit gebührt das Verdienst, daß sie zum größten Teil ihre Befehlsgewalt in der menschlichsten Art und Weise als Mitgefangene ausübten.
Aber am Sonntag war dienstfrei. Eigentlich war es der zweite hier im Lager Marklhof, aber praktisch und von der Arbeit aus gesehen, der erste. Früh bummelte ich herum. Erst wanderte ich hinauf auf den Gipfel, einen sehnsüchtigen Blick in die Richtung des Brenner zu senden, hinter dem wir, weit weit in der Ferne die arme geplagte Heimat vermuten durften. Dann streifte ich den ganzen Weinberg ab, der nun unsere neue Heimat war. Überall begannen schon die Trauben zu schwellen, und der Güterschaffer und seine Leute, Männer des Klosters Neustift, gingen mit großen Kalkspritzen auf dem Rücken herum und besprühten Laub und Früchte mit der bläulichweisen Brühe, damit die üble Reblaus und anderes Ungeziefer nicht an die Beeren kommen könnte. Ich aber wendete mein Auge in die tiefen Täler und die ansteigenden Gipfel, wo überall Dörfer und Burgruinen heruntergrüßten. Wie Kulissen schoben sich die Berge in das weite Etschtal gegen Meran hinein, das in der Ferne durch eine lange Kette der Dreitausender der Ötztaler Alpen abgeschlossen wurde.
Es waren Aussichten, zu denen man wirklich sagen konnte: Trinkt, o Augen, was die Wimper hält von dem goldnen Überfluß der Welt! Aber auch Aussichten so recht eigentlich in die Vergangenheit hinab, in der man frei war, frei - während mir jetzt die Gefangenschaft zu Bewußtsein kam. Hätten wir in einer landschaftlich öden Gegend gelegen, wäre meine Stimmung wahrscheinlich noch trüber gewesen. Aber so, die ganze Herrlichkeit der Welt vor Augen, stand ich Tantalusqualen aus und malte mir in meiner Phantasie, die nun wieder Muße hatte sich zu regen und zu bewegen, die Schönheiten des Lebens aus, die ich verscherzt wähnte; denn bei dem totalen Zusammenbruch unseres lieben deutschen Vaterlandes war, nach menschlichem Ermessen und den Haß der Feinde eingerechnet, kaum damit zu rechnen, daß uns wieder einmal ein normales Leben in Freiheit und Schönheit beschert sein würde. Und schon auf diesem einsamen Spaziergang durch die Reben und Berghänge entlang verdichteten sich mir die Gedanken an ein schmerzliches ”Noch einmal -”, an dieses ”noch einmal das Leben genießen können, mit Bewußtsein genießen”; nachdem man nun jetzt merkte, was man alles gewissermaßen nur so im Vorübereilen mitgenommen hatte. Doch das kam nun schon aus dem Gefühl ”Es ist schon zu späte”. In Gedanken begann ich bereits zu formen und zu feilen und Stoff zusammenzutragen, wie man vor dem endgültigen Sturz in den Abgrund der Niederlage - (denn dieser Aufenthalt konnte ja doch nur eine Verzögerung bedeuten) - noch einmal des Lebens vielfältige Freuden erhaschen könnte, noch einmal zu essen und zu trinken, zu tanzen und zu singen - - - Und je mehr ich mich in den nächsten Tagen und Wochen damit beschäftigte, desto mehr Stoff fand ich und desto sehnsüchtiger wurden meine Gedanken.
Am Nachmittage dieses Sonntages, da sich die Gedanken nicht so rasch in Worte und die Worte nicht so rasch in Verse und Reime fügen wollten, nahm ich Holz und Werkzeug und zimmerte ein hohes breites Regal zusammen, ganz selbständig und ohne fachmännische Mithilfe, weil mir der Müßiggang, dem sich die übrigen Kameraden hingaben, herzlich zuwider war. Das Ding gelang mir ganz gut, wenn es auch ein wenig wackelte. Dem war insofern abzuhelfen, als ich es an einem der Stützbalken der Baracke annagelte. Nun hatte jeder einen Platz für sein Wasch- und Eßzeug.

Der Marklhof im Juli 2013


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