Am Abend desselben Tages begann ein Gewitter heranzuziehen, und es war ein eigenartiger Anblick, dieses Naturschauspiel einmal von unserer Höhe aus erleben zu können. Im heimatlichen Flachlande gewohnt, die Gewitter h e r a u f ziehen zu sehen, wuchs es uns hier auf fast gleicher Höhe entgegen. Das weite Etschtal war wie eine Bühne, über der Vorhang um Vorhang herniederfiel, der strömende Regen. Ein Hügel, ein Gipfelhang nach dem anderen verschwand hinter den grauen Schleiern, und man konnte sich förmlich an den Fingern abzählen: Nun kommt das Mendelgebirge an die Reihe, jetzt der Hügel von St. Pauls und nun würden wir dran sein. Und dann platschte auch bei uns der Regen nieder, von der ausgedörrten Erde durstig aufgesogen, Blitz und Donner waren ein Schlag, so daß man sich rasch in die nun auch wohnlich gewordene Baracke zurückzog. Die Fenster freilich mußten wir mit unseren Zeltbahnen verhängen, aber eine Tür war nun da, und seit heute morgen hatten wir auch elektrisches Licht. Ich flüchtete mich in mein Bett in der Stubenecke, im Oberstock wieder selbstverständlich, und ließ mich vom eintönigen Rauschen und Plauschen des Regens bald einlullen.
In der neuen Woche wurde nun das Lager vollständig besetzt. Außer uns zog in den nächsten Baracken noch die Funk-Kompanie ein, oben breiteten sich der Stab und eine technische, eine Baukompanie, mit der ich vorläufig noch nicht weiter in Berührung kam. Wir aber hatten einen neuen Kompanieangehörigen in Aussicht, und das war ein fettes Schwein, das von den Küchenabfällen noch ein wenig weitergemästet werden sollte. Wo aber einen Stall hernehmen, der bei der herrschenden Hitze die erforderlich niedrige Temperatur aufwies. Schließlich pickelten wir am Rande des Weingeländes ein rechteckiges Loch in die Erde und setzten als Zimmerleute eine Bretterhütte darüber. Mit aller mundwässernder Vorfreude wurde die alte Sau hineinbugsiert.
Am 13. Juni war wieder mal eine Fahrt zu machen. Freudig nahm ich teil. Leider regnete es, was vom Himmel herunter wollte. Es galt - ich weiß nicht mehr, zu welchen Zwecken - einen großen Waschkessel einzuholen, der irgendwo in einem Wald versteckt lag. Aber das Ding war schwer und wir nur wenig Leute. Eine elende Wuchterei! ”Laßt doch das Ding liegen,” sagten die einen, ”mag es sich der Spieß selber holen!” während andere noch militärisch genug waren, den einmal empfangenen Befehl durchzuführen. Na, schließlich hatten wir es doch in den Wagen gekriegt und plagten uns dann noch einmal beim Abladen. ...
Die meisten Kompaniekameraden verschwanden wieder truppweise aus dem Lager; denn unser Auftrag war inzwischen zur Tatsache geworden: Die Eisenbahn-Bau-Division Schnez setzte die Brennbahn wieder instand. Der Nachrichtenabteilung kam Bau und Betrieb der Nachrichtenverbindungen, Telephon und Telegraph zu. R. H. und E. P. waren schon von St. Pauls aus nach Meran in die Lazarettvermittlung gekommen. Wir vom Kompanieführerstab, vor allem ich, der ich vom telephonischen Tuten und Blasen (nach außen hin!) keine Ahnung hatte, mußte Beschäftigungstheorie (-therapie) im Lager machen. ...
In diesen Tagen, ..., geschah etwas ganz Tolles; Der Ami wies unseren Einheiten neue Kraftwagen zu, fabrikneue Lkw. und Pkw. Unsere alten Gefährte waren ja sämtlich ”zur Sau”. Die Brennerstrecke aber mußte geschafft werden. Nun gut, der Schirrmeister fuhr mit den Kraftfahrern los. Spät in der Nacht kamen sie wieder - ohne Wagen! Mensch, was ist denn los? Ich denke, der Spieß wird verrückt. Die Sache war die, daß irgendwelche italienischen Stellen auf eigene Faust Politik spielen wollten. Nach ihrer Auffassung waren deutsche Soldaten Kriegsgefangene und hatten keine funkelnagelneuen Wagen zu fahren. Sie fingen den Transport ab, stellten die Wagen sicher und schickten die Kameraden zu Fuß ins Lager zurück. So geschehen in Eppan. Nach am Abend verständigte der Abteilungskommandeur den entsprechenden amerikanischen Befehlshaber. Am nächsten Morgen, wieder ein Sonntag, durften die Kraftfahrer wieder loswandern. Die Italiener mußten die Wagen wieder herausgeben. Mit schiefen Gesichtern und unter unbändigem Fluchen nur sollen sie es getan haben. Aber der Ami stand dabei, und der war ja nun schließlich doch der Hauptsieger, dem sie nicht widerstehen konnten. Im Triumph wurden die Wagen im Lager empfangen. ...
Das war eine rechte Sonntagsfreude gewesen und zwar die beste, die man kannte, nämlich von der Gattung der Schadenfreude. Am Abend jedoch erwartete uns eine andere: Wieder einmal kam, wie 14 Tage vorher, ein Kamerad gestürmt und rief uns nach dem Gipfel unseres Weinberges. ”Bozen ist nicht mehr verdunkelt!” war der Lockruf, mit dem er uns aus Baracken und Betten holte; denn es war bereits eine späte Abendstunde und der nachtschwarze Himmel strahlte von Tausenden von Sternen. Die ausgebreitete Stadt Bozen im Etschtale aber glich einem kleineren Abbild, ein auf engerem Raume aber ungemein leuchtenderen Spiegel dieser Pracht. Staunend genossen wir auch diesen langentbehrten Anblick, den Anblick einer Großstadt im Lichtermeer. Wie lange hatte man wohl so etwas nicht gesehen? In allen Häusern leuchteten die Fenster und in langen Ketten schwangen sich über die Brücken von Talfer und Eisack die glitzernden Punkte, die schließlich auch bis hoch hinauf auf die Berge, in die vielen verstreuten Einödhöfe gekrochen waren. Wohl eine Stunde verharrten wir, versunken in diesem seltenen Anblick, den wir uns in der Folge noch öfter zuführten.
Am nächsten Morgen mußte ich mich wieder gesund melden. Ich wurde gleich zu einer Fahrt zur Abteilung kommandiert. H. W., der alte Freund von Rußland her, brauchte einen Beifahrer nach Bozen hinein. Bei strahlendem Sonnenschein rollten wir ab. Sicher und zügig fuhr der große neue Fiat, dessen Eigenart der im Führerhaus eingebaute Motor war, durch die Dörfer, durch Girlan, durch Eppan und die Kehren nach Bozen hinab. Hinter jeder Kurve boten sich dem Auge neue Bilder ausbündiger Alpenschönheit. Dabei wuchsen die Berge und Gipfel immer höher über uns zusammen, bis wir schließlich im weiten Tal in die Häuserschluchten Bozens hineinrollten. Aber es waren kaum Schluchten, sondern weite sonnige Straßen, überall von freundlichem Grün besäumt. Was wir da unten zu tun hatten, ist mir nicht mehr erinnerlich. Ein Kompaniequartier fanden wir noch, dem unser alter Freund E. F. als Wachtmeister vorstand. Wir verloren ihn bald aus den Augen. Er kam später zu einer Arbeitsgruppe, die in einem englischen Hauptquartier Dienst tat.
Mitten in einem der vielen Bozener Villenviertel hatten wir Reifenpanne. Es war für mich nicht das erste Mal, hier bei glühendem Sonnenschein beim Montieren zu helfen. Hier war nur das eine mißlich, daß ein Reserverad fehlte, und wir mitten auf der Straße den Schlauch flicken mußten. Es war eine tolle Geschichte mit einem Vulkanisieren im Kleinen, einer der letzten Kriegserfindungen der verflossenen deutschen Wehrmacht, die denn auch nicht auf Anhieb klappte. Eine halbe Schachtel Streichhölzer ging bei der Geschichte drauf. Wir entschädigten uns für die Mühe, indem wir unseren Rückweg über St. Pauls nahmen, wo H. W. gute Kundschaft in einer Kneipe hatte. Ein großer kühler Torbogen nahm uns auf, in dem uns eine freundliche Wirtin in den Oberstock komplimentierte und uns mit einem handfesten Aufschnitteller traktierte. Endlich wieder mal Wein!
Ich sollte bald noch mehr Fahrerfreuden und -leiden kennenlernen, als mein desfallsiges Bohren beim Schirrmeister endlich einmal Erfolg hatte. Ich wollte doch Südtirol sehen!
Zunächst gab ich mich wieder den Schreinerarbeiten hin. Wir hatten in diesen Tagen einige unbrauchbare Funkwagen zum Ausschlachten der Inneneinrichtung bekommen. Sie sollten irgendwelchen Transportzwecken nutzbar gemacht werden. Die Funkgeräte hatte sich der Ami längst gesichert. Nun bauten wir sämtliche Holzteile aus, deren noch genug vorhanden waren, bestes Hartholz. Mit dem Schraubenzieher ging es darüber her. Mein Geschäft war dabei, die Schrauben und noch brauchbaren Nägel zu sammeln, da hier mit Nachschub nicht gleich zu rechnen war. Bei dieser Gelegenheit machte ich mich unseren Küchenmädchen wertvoll, die ein Regalbrett brauchten. Mit geübter Hand hobelte ich eins zurecht, und hatte dafür in den nächsten Tagen den Vorteil, immer mit Vorzug bedacht zu werden, wenn die Küche mal etwas besonders Gutes hatte, eiskaltes Himbeerwasser gegen den mörderischen Durst oder ein besonders großes stück Kuchen, den es allsonntäglich gab, usw. Die Küchenmädchen waren übrigens Nachrichtenhelferinnen, die - weil zu wenig ausgelastet - hier angestellt waren. Auch um unsere Wäsche brauchten wir uns nicht zu kümmern, und unsere gesunkene Hochachtung vor diesen Mädchen bekam wieder einigen Auftrieb, als wir sie nun Tag für Tag am Waschfaß stehen sahen, um sich mit unseren durchschwitzten Hemden und Socken zu plagen. Aber die Sache hatte den Vorteil, daß sie nicht nur wuschen, sondern auch bügelten, und wir liefen immer als schneidige Soldaten herum. Bei der Gelegenheit verdient gleich erwähnt zu werden, daß das Waschen manchmal sogar Spaß machte, insofern nämlich, als die Wäsche auf der Leine beinahe im Zusehen trocknete. Wir probierten es vor und nach der Tätigkeit der NH.s öfters selbst aus. Ein ausgewrungenes Stück Wäsche, im Rebgeländer aufgehängt, war eigentlich nach wenigen Minuten wieder gebrauchsfertig. Bald kamen wir auf den Trichter, die Wäsche pitschnaß aufzuhängen. Dann dauerte es, vor allem um die Mittagszeit, höchstens eine Viertelstunde, dann war das Hemd strohtrocken und außerdem blendendweiß gebleicht.
Zum Sommersanfang kamen R. H. und E. P. aus der Lazarettvermittlung Meran zurück. Sie waren zwar wenig erbaut von ihrer Rückkommandierung unter die Augen des Spießes, lebten sich aber bald in unseren Betrieb ein, zumal wir nun einen ziemlich engen Freundschaftsbund schlossen, der sich Abend für Abend in den entlegensten Stelle des Weinberges erging und in Natur schwärmte. Das Beste war dabei, daß R. im Lazarett nicht nur reinen Alkohol, sondern auch Kaffeebohnen und Zucker organisiert hatte und nun nach allen fachmännischen Vorbereitungen des gelernten Drogisten daranging, einen echten Mokkalikör aufzusetzen. Das Unternehmen war insofern gewagt, als ja beim Ami aller Alkoholgenuß eigentlich verboten war, wir also eigentlich keinen Tropfen davon im Lager haben durften. Die Kraftfahrer waren auf die glorreiche Idee gekommen, ein Stück des Fußbodens auszusägen und darunter ein Loch zu graben. Die Kerle hatten nämlich schon wieder Geld und Wein in rauhen Mengen. Uns armen Schluckern blieb dagegen nichts weiter übrig, als bei jeder angesagten Besichtigung die Pulle zu schnappen und in einer Furche des Weinberges zu verbergen.
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