Die Besichtigungen waren uns unangenehm. Sie machten uns unsere Lage als unfreie Menschen nur zu deutlich. Oft brachten sie unfreiwillige Komik mit sich. Einmal besichtigte der Korporal der Lagerwache. Alles Verbotene war verkranicht. Nur die roten Fahnen, die wir in Schluderbach noch entnazifiziert hatten, lagen noch auf einem Wandbord. In letzter Sekunde noch wollte sie ein Kamerad ”wegschmeißen”. ”Nein”, sagte ich, ”das sollen unsere Badehosen werden, und da kann kein Ami was dagegen haben!” Die Besichtigung kam. Der Korporal war kaum eingetreten, als er schon mit Stirnrunzeln nach dem verpönten Rot zeigte; ”Fahne!” schrie er, ”Nazi - Hakenkreuz!” Nein sagten wir, Badehose! Aber er holte den Stoff doch herunter, rollte ihn auf und lachte. ”Ein Stück haben,”, radebrechte er, ”Schlips machen!” Wir ließen ihm das Vergnügen.
Am 23. Juni hatten wir die erste Gelegenheit, mit einer vorgedruckten Postkarte des Internationalen Roten Kreuzes nach Hause schreiben zu dürfen. Es waren nur wenige Zeilen Raum. Nur wenige Angaben über gutes Ergehen, kurze Anfragen zu Hause hatten Platz. Aber wir schrieben in der Hoffnung, endlich wieder Verbindung mit den Lieben zu erhalten. Leider war es nichts damit. Die Karte brauchte sieben Monate, um nach Glauchau zu gelangen, und eine Antwort kam nie durch.
An demselben Tage aber sollte mein größter Wunsch erfüllt werden: Eine Fahrt durch Südtirol. H.S. hatte Gerät und Mannschaft durch Südtirol zu bringen. Ich wurde als Beifahrer kommandiert. Wer war froher als ich? Im Galopp ging es zur Küche, um die vielgepriesene Marschverpflegung zu empfangen. Wir erhielten zwei Tage Marschverpflegung amerikanischer Herkunft, und das war was anderes als bei den Wurst-Deutschen: Zwei Büchsen Breakfast, zwei Büchsen Dinner, zwei Büchsen Lunch. Aber was für kleine Büchsen! Wir machten zunächst große Augen. Ein Trost war uns dabei ein großer Karton mit den beliebten Crackers, eine Art ungesüßter, sehr schmackhafter Kekse. Wir sollten bald eines anderen belehrt werden, daß nämlich die kleinen Büchsen eine ungeheure Zahl Kalorien barg und wir von einer Mahlzeit mehr als satt wurden.
Im klaren Weißblau wölbte sich der Himmel von Gipfel zu Gipfel, von Kamm zu Kamm. Die Sonne strahlte Weißglut. Alles spiegelte Licht und Glanz und Pracht. Die Luft zitterte vor Hitze. Unsere Ausrüstung war bald vollendet; Kurze Hosen und die Socken ebenso gerollt wie die Ärmel des Hemdes. Im Brotbeutel klapperten die Büchsen der Marschverpflegung. Wir schwitzten trotzdem wie die nassen Mäuse, denn im Führerhaus unseres leichten Lkw. Ford dunstete auch der Motor noch eine ganz schöne Eigenwärme aus. H.S. hatte berechtigten Bammel wegens des Kühlwassers. Im Lastraum machte sichs der zu verfrachtende Fernsprechtrupp im luftigen Fahrtwind bequem. Ich mochte dennoch nicht mit den Kameraden tauschen, wenn der Motor auch noch so dampfte; denn wo gab es wohl ein zweites Lager wie den Marklhof?
Ab ging die Fahrt nach Bozen hinab und dann in die um kaum Merkliches kühleren Schluchten, Klausen und Täler des wilden Eisack hinein und hinauf. Ich hatte beim Beginn der Fahrt aus meiner Erinnerung alles hochgepumpt, was der Boden dieses geschichtsträchtigen Landes, dieser Völkerscheide zwischen Deutschen und Welchen seit Jahrhunderten gesehen hatte. Haupt-, Licht- und Glanzpunkte waren Leben, Wirken und Kämpfen des Vogelweiders und Andreas Hofers. In den Felsen und Tälern unserer Fahrtroute hing ihre Spur. Aus den Bergen, Häusern und Burgen rechts und links unserer Straße und des schäumenden Eisacks blickte uns mit ernsten Augen ihr unvergängliches Leben entgegen. Meine Phantasie belebte das Land mit ritterlichen Gestalten, bunt gewandet oder blinkend gepanzert, das Schwert an der Seite, die Harfe im Arm, mit minniglichen ”frouwen”, schleierwehend von hohen Söllern geiernestähnlicher Burgen. Sie schweifte durch Jahrhunderte und sah todesernst entschlossene harte Gesichter unter breitkrempigen Hüten, von blitzenden geradegeschmiedeten Sensen, furchtbaren Morgensternen oder kurzen Kugelstutzen überragt - - - Südtirol!
In Brixen mußten wir ins Gefangenenlager einfahren. Irgendein Auftrag war da zu erledigen. Die Sache war mir mulmig. Faul und müßig wanderten die Landser im Hofe dieser ehemaligen Kaserne auf und ab, kaum Schutz vor dem glühenden Sonnenschein findend. Da war doch unser Marklhof viel schöner. Wir machten denn auch bald, daß wir wieder herauskamen. Hinter Brixen wurde das Land noch weit romantischer, als es erst gewesen war. Burgen in nächster Nähe und weitum auf den Höhen, liebliche romantische Dörflein, da ragende Felswände zur Linken der Straße - hier mochte das Grab vieler sächsischer und thüringischer Soldaten im Dienste Napoleons gewesen sein, denen die tiroler Bauern unter Hofer und Speckbacher einen halben Berggipfel Felsbrocken als ungeheure Steinlawine auf die Bälger hatten niederprasseln lassen, unter der sie ihre hundsföttische rheinbündische Treue hatten besiegeln müssen (Sachsenklemme).
Wir fuhren aber friedlich in Richtung Brenner und freuten uns des vielfältigen Volkslebens, das sich auf der Straße abspielte. Ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Neuzeit schienen mir dabei besonders zwei Franziskanermönche, die in Kutte und Bart fromm die Straße nach Brixen herabwandelten, unbekümmert um das Leben der Gegenwart, das sich in zahlreichen Kraftfahrzeugen der us-amerikanischen Wehrmacht darstellte. Kurz vor uns hielt ein solches. Es hatte Panne und eine ganze Anzahl hübscher Südtiroler Mägdelein (”Gitschen” nannte man sie landesüblich) geladen. Der Fahrer stand auf der Straße und winkte uns zu halten. Er lud uns die Weiblichkeiten auf den Wagen, obwohl gerade uns das streng verboten war. Der Fahrer machte zwar ein bedenkliches Gesicht und überließ die Verantwortung dem Unteroffizier hinten im Wagen. Statt aber nun am Ortsausgang von Sterzing zu halten und die süße Last abzustoßen, machte er doch den Fehler, weiterzufahren, und da geschah das Unglück:
In Sterzing standen zwei Kasernen, die eine hell, die andere dunkel verputzt. In der schwarzen war das Gefangenenlager der deutschen Kameraden, in der weißen hatte sich zu unserem Unglück die Militärpolizei eingenistet. An ihr mußten wir vorbeifahren. Aber wir kamen nicht vorbei. Wie wild winkten uns einige der weißbehelmten Polizisten Halt zu. Im Augenblick stand eine Offizier ... auf dem Trittbrett unseres Wagens und fauchte uns fürchterlich an. Alles nur ”z’weg’n der Weiber”, schimpfte unser Fahrer auf gut bayrisch. Das half natürlich nicht weiter. Unter starker Begleitung wurden wir ins Gefangenenlager gefahren mit der Zusicherung, daß wir wohl gleich dort bleiben können. Da rutschte uns das Herz natürlich in die an sich schon kurzen Hosen und wäre bald noch weiter gerutscht.
Zunächst nahm man uns sämtliche Papiere ab und unterzog uns etlichen Verhören. Wir waren arg in der Klemme und sahen keinen Hoffnungsschimmer. Aber dieser Boden brannte uns von Stund an unter den Füßen. Am liebsten wären wir gleich wieder herausgefahren. So sahen wir denn auch die uns umgebenden landschaftlichen Schönheiten, lichtgrüne Matten und dunkelrauschende Wälder nur halben Augen; denn wir mußten noch bis zum nächsten Mittag ausharren. Als die Angst vorüber war, kochte ich mir auf meinem kleinen Hartspirituskocher meine Dinner-Büchse weiße Bohnen mit Schinkenspeck, und so klein sie war - ich war randvoll, als ich sie, letzten Endes mit Müh und Not, verspult hatte. Nur der Form und Wissenschaft halber öffnete ich noch die Breakfast-Büchse. Sie enthielt, soweit ich mich erinnern kann, einige Kekse, ein Würfelchen gepreßten Kaffeepulvers, in kaltem Wasser trinkfertig aufzulösen, Zigaretten und einen Kaugummi, den ich natürlich wegwarf. Aber die wenigen Kekse, am anderen Morgen gegessen, ließen mich den ganzen Vormittag nicht wieder ans Essen denken. Sie hatten doch verflucht was los, die Amis, auf diesem Gebiete!
Mit stark erleichtertem Herzen ließen wir am anderen Mittag das Tor des Gefangenenlagers und Sterzing hinter uns. Es war der 24. Juni, Johannisfest, mein Namenstag eigentlich und vor allem der Tag meines Militärjubiläums: Fünf Jahre Barras! Hoffentlich konnte das begossen werden!
Inzwischen rauschten wir dahin mit -zig Sachen auf dem Kasten. Prall schien die Sonne auf uns und der Durst regte sich in übler Weise. Dennoch war es sehr schön, und H.S.versprach mir gemeinsamen Trunk am Abend. Die Kraftfahrer hatten irgendeinen Grund zum ”Seufzen” (wohl saufen), wahrscheinlich auch nur den, daß Wein vorhanden war. Und da ging es ja denn auch mehr als hoch her. Kaum angekommen und einer gründlichen Reinigung von dem dick sitzenden Straßenstaub unterzogen, wurde ordentlich und möglichst fett gegessen, und dann begann die ”Orgie” in weißem Tiroler Wein, die sich auch austönte in allerhand Volks-, Kommers-, Schlager- und Landserliedern bis herab zur übelsten Sorte. Aber das war nun mal nicht anders zu machen. Zu vorgerückter Stunde bemächtigte ich mich dann der Kanne, um selbst nicht mehr so sehr dem Trinken anheimzufallen; denn wenn man selbst ausschank, fiel es nicht so sehr auf, daß man sich selbst das Glas nicht mehr auffüllte. Aber während ich dann, mit der Kanne in der Hand, im bittersten Basse das berühmte Lied vom Kurfürsten Friedrich von der Pfalz anhub und die Meute jubelnd und johlend in das versoffene "‘s war doch halt ein schönes Fest, alles wieder vollgewest” einstimmte, brauchte ich aber doch einmal eine Auffrischung der Kehle. Aber da schwamm auf dem Weine im Glase ein ganz ekelhafter riesengroßer, schon südlicher Nachtfalter, von derart haarigem und widerwärtigem Aussehen, daß man sich in normalen Zeiten vor dem auf diese Weise verunreinigtem Weine schaudernd abgewandt hätte. Damals aber - was tat’s - fischte ich im Rausche das Vieh heraus und spülte den ganzen Inhalt des Glases hinunter.
An Arbeit brachten die nächsten Tage wenig Neues. Ich erhielt den Auftrag, im Anschluß an unsere hölzerne Latrine eine Pißrinne zu bauen; denn die Amis hielten sehr auf solche Dinge und der Stabsarzt hatte in Verfolge solcher Anordnungen schwer auf den Spieß gedrückt. Ich war ja aber inzwischen geübt in aller Holzarbeit und schnell damit fertig. Lieber war mir jedoch die Arbeit an der Tischlerwerkstatt. Wir hatten ja nun für die schon beschriebenen sanitären Zwecke Dachpappe erhalten, mir der nun das Dach unseres Verschlages gedeckt wurde. Da hockte ich denn oben und ließ mir die Sonne auf den Pinsel brennen, an die ich mich nun schon so gewöhnt hatte, daß es mir die reinste Lust war. Ich sah bald aus wie ein veritabler Neger.
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