Freitag, 3. Mai 2013

Kriegstagebuch - Der 3. Mai 1945

Am anderen Morgen, dem 3. Mai, brummen wieder Flugzeuge am Himmel. Vorsichtshalber wird alarmiert, obwohl die meisten darüber lachen. Ich verflüchtige mich aber mit in den Wald. Und richtig …................oder fängt es wieder an zu schneien? Wir waren doch froh, daß die späte Winterherrlichkeit sich wieder verflüchtigt hatte Aber die flockigen Wolken kommen näher und entpuppen sich als Flugzettel. Sie geben uns endlich Gewißheit, wenigsten einigermaßen. Wir sollten abwarten, nicht fliehen. Die Übergabe erfolge in Bälde.
Nun ist es also doch Tatsache, wenigsten für unsere Südfront. Für uns war also der Traum eines Großdeutschen Reiches „von der Etsch bis an den Belt” und „von der Maas bis” womöglich an den Dnjepr oder die Wolga, bis an den Kaukasus und den Ural und noch wer weiß wie weit ausgeträumt. Vor allem aber war der verfluchte Militarismus zu Ende. Nun denn ade vor allem, du blöde Uniform-Vorschrift! Es war schönes Maiwetter, der zweite Frühling, den wir in diesem Jahre erlebten, also fort mit der Mütze. Barhäuptig erging es sich besser im Freien. Wozu noch den sinnlos zusammengeheftelten Kragen? Die berühmten Tropenhemden mit Handkragen hatten wir bereits, Schlipse waren auch vorhanden - also die ersten zivilen Ansätze ansetzen: Schlips, Kragen, offene Jacke! Und in die Hand den Spazierstock, kein Koppel mehr, die lange Hose im Bett „gebügelt” - wir wollten wieder einmal Menschen sein.
Die Vorgesetzten bekamen zunächst Fracksausen. Da waren die vielen gedruckten Vorschriften, der Schriftwechsel, militärischer „Geheimnisse” voll. Da waren die Waffen! Das Fracksausen steckte mich an. Beim Stabe brannten lustige Feuer. Das steckte auch uns an. Verbrennen, verbrennen, verbrennen!
„Herr Hauptwachtmeister, die Waffen - !?”
         Die Kompanie wurde zusammengetrommelt. Gewehre abgeben! Gasmasken abgeben! Pistolen abgeben!
Mit Wonne schmissen mir die Kameraden ihre Knarren vor die Füße, und ich hatte die Wirtschaft damit. Die Unteroffiziere zögerten, die Pistolen dazuzuwerfen. Es seien Eigentumswaffen, war ihre Ausrede.
Dann ging’s mit allem Papierkram ins Freie. Feuer in die Akten! Hei, gab das ein lustiges Geflamm. Ich rannte noch nach einigen Unterlagen herum - da rollte auf der Straße ein offener Omnibus. Verwegene Gestalten in Räuberzivil darin, Gewehre, Maschinenpistolen, Maschinengewehre vor sind und durchweg rote Halstücher mit toll geknoteten wehenden Schleifen.
       Partisanen, italienische Partisanen!!
       Heiliger Vater, - die kommen uns ausräubern, war mein erster Gedanke, und ich eilte, meinen Wehrmachtsschriftenkram völlig zu Asche zu machen. Zum Glück war meine Befürchtung unbegründet. Der Omnibus fuhr weiter.
Inzwischen machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, in die Gefangenschaft zu kommen. Das war kein leichter Gedanke. Wo würde man uns hinbringen? Was würde uns blühen? Die nazistische Propaganda hatte uns ja Gefangenschaft in den schwärzesten Farben gemalt. Immerhin packten wir unsere Sachen, als sollte es nach Hause gehen, zu Fuß womöglich, wobei ich ängstlich an meinen zerschossenen Fuß denken mußte und an die uns umgebenden unwegsamen Berge.
Zittern vor Aufregung brachte der Spieß zwei oder drei lange Hakenkreuzfahnen: ”Schmeißt sie ins Feuer!”
        ”Ins Feuer?” zögerte ich und befühlte den verhältnismäßig guten Stoff. - ”Was wollt ihr denn sonst damit machen?” ”Badehosen!” antwortete ich, und mit Freudengejohle machten sich einige Kameraden mit an die Arbeit, die Hakenkreuze herauszutrennen. Lachend und erleichtert ließ uns der Spieß gewähren. Und obwohl wir nicht wußten, ob wir jemals in die Verlegenheit kommen würden, mit Badehosen baden zu gehen, freuten wir uns bei der Arbeit schon des Tages, an dem wir, die ganze Kompanie in roten Dreieckshosen, würden ins Wasser springen können. (Er kam!!)
Unter äußerer Ruhe glimmte im Haufen doch eine leichte Panik unter der Oberfläche. Am Abend kam sie zum Durchbruch. ”Die Amis kommen!” schrie einer im Korridor. ”Na und?” fragte ein kleiner gemütlicher, schon älterer Thüringer. ”Mensch” antwortete ihm einer, „die nehmen uns alles weg, Uhren und Ringe und Geld und Wertsachen -” Alles begann herumzurennen und zu verstecken. Am meisten die Unteroffiziere und Wachtmeister. Die hatten ja ihre Pistolen noch. Nun ging’s aber an ein Verkramen, daß es schon bald zum Lachen war. Ich sehe noch, wie die „beliebtesten” Wachtmeister eine Bodenluke entdeckten, oben, zu unseren Köpfen. Da wurden die Pistolen verkranicht. Mir wurde um meine Uhr angst. Na, am Ende des Korridors standen Hotelmöbel aufgestapelt, Betten und Nachttische. Ob in einem dieser, in der Schublade vielleicht die Uhr sicher lag? Oder im Strohsack des Bettes? Oder im Ofen?  Oder auf dem Dachbalken?
Ach, dachte ich, es ist nun, wie es ist, und wenn sie nichts finden, dann suchen sie erst recht - lassen wir ihnen ihren Spaß. Und nahm meine Uhr wieder zu mir. - Draußen in der dunklen Nacht rollte der lange amerikanische Wagenzug an. Wir sahen ihn nur an den Scheinwerfern. Ein Wagen hinter dem anderen, eine unendliche Menge. Sie kamen von rechts, nicht von Cortina, und schienen sich uns zu nähern. Da, hinter dem Monte Cristallo lag ein Lazarettort am Misurina-See, von dem aus bei uns das Kommen der Amerikaner angekündigt war. Aber - was war das? - an der Straßenkreuzung, unweit unseres Hotels, bogen sie nach rechts ab, nach Toblach hinein, und in einer halben Stunde war wieder Ruhe und wir konnten uns - zwar längst noch nicht wieder beruhigt - schlafen legen.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Kriegstagebuch - Auf der Flucht im Pustertal, Bruneck und Schluderbach

Doch blieb zu müßigen Gedanken nicht viel Raum. Wir mußten trachten, weiterzukommen und womöglich Schluderbach noch heute zu erreichen. Das Brixener „Heldenklau-Erlebnis“ hatte uns hellhörig gemacht. „Wenn wir nur erst im Pustertal sind“, meinte Schnapshusar.
„Pustertal?“ - das klang romantisch, das klang irgendwie bekannt, irgendeine längst verstummte Saite wurde wach, und es roch ein wenig nach Druckerschwärze und Tintenfaß: Erinnerung aus meiner Schriftleiterzeit, Sonderbeilage „Reisen und Wandern“, mein bes. gern gepflegtes Ressort, es mußte etwas ausbündig Feines und Weltberühmtes sein, dieses Pustertal. Vorerst aber erfragten wir uns einen Wagen nach Bruneck.

Freitag, 29. März 2013

Kriegstagebuch - Flucht in die Alpen

So lagen wir also in unserem düsteren Bunker. Keiner sprach mehr ein Wort. Jeder war mit sich selbst mehr als genug beschäftigt und dem Gedanken: Wie kommen wir hier los? Militärischem Ermessen nach gab es kein Entrinnen. Irgendwann, irgendwie, irgendwo würde uns „Heldenklau“ ja doch wieder aufgreifen und in den brodelnden Topf der Front werfen. Wir waren nicht zum Leben da, sondern zum Verbluten - nicht zum Siegen, sondern zum Sterben herbefohlen. Aber konnte mit unseren faulenden Leibern ein Damm gegen die hereinbrechende feindliche Sturmflut errichtet werden?

Freitag, 15. März 2013

Kriegstagebuch - März/April 1945

Ein weniger angenehmer Dienst war die Bunkerwache, die nunmehr einsetzte. Da traf es mich auch öfter mit. Die Sache war die, daß in den Bunker, tief hinten hinein, die Vermittlung gebaut wurde. Komfortabel, kann ich nur sagen! Die Lehmwände wurden sogar mit Stoff bespannt, der Fußboden mit Brettern belegt, richtiger Dielung, und die ganze Geschichte überhaupt so hergerichtet, als wollte man sich für Monate und Jahre hier festsetzen. Für mich war die Sache insofern interessant, als hier auch einheimische Arbeiter eingesetzt waren. Da wir meist um die Mittagsstunde Luftalarm hatten, konnte ich sie öfter bei ihren gastronomischen Gepflogenheiten beobachten. Sie pflegten nämlich die berühmte Polenta zu essen. Das ist ein dicker steifer Pudding von Maismehl oder -grieß, von dem  sie schmale Scheiben abschnitten, auf lange Holzstäbe spießten und über einem offenen Feuer rösteten. Dazu wurde Landwein oder der unvermeidliche Grappa getrunken.

Dienstag, 12. März 2013

Kriegstagebuch - Fortsetzung (in Verona)

Indessen spielten mir mein Appetit und die „Kattunchristen“ einen üblen Streich. Das war am Freitag, den 23. Februar; denn das Datum muß festgehalten werden. Es gab gerade mein Lieblingsessen zu Mittag: Milchreis mit Zucker und Zimt. Ich aß gerade meinen zweiten Schlag, als die Sirenen zum Alarm aufheulten. Männiglich warf die Löffel weg und ging stiften. Bald saß ich allein; denn keineswegs wollte ich mir das Essen um die Ohren schlagen. Als der Teller geleert war, horchte ich nach draußen - friedliche Stille.

Sonntag, 3. März 2013

Kriegstagebuch - Fortsetzung

... Zunächst jedoch lud mich B. zum zusätzlichen Abendessen ein, Bratkartoffeln mit Beefsteaks, und ich bekam gleich einen Begriff davon, daß jetzt beim Stab das „Organisieren“ das „Hintenherumbeschaffen“ und die „Fettlebe“ großgeschrieben wurden. Man hätte auch sagen können: die „Korruption“. ...
Weniger angenehm war das Quartier. Die Mannschaften waren alle außerhalb des Stabgebäudes in Privathäusern untergebracht, und ich wurde auch in ein solches eingeschoben, allerdings einen ofenlosen Vorraum, der wie alle italienischen Wohnhäuser mit Steinfußboden begabt war. Und bei der herrschenden winterlichen Januar-Temperatur war das ein besonderes Fest. Ich fror gleich in der ersten Nacht wie ein Schneider. Und dann erschreckten mich die Abortverhältnisse. Das W.C. im Hause war unbrauchbar, und im Stabsquartiergarten befand sich lediglich ein französisches Steh-Clo, und das konnte mich gleich ordentlich erbosen!

Samstag, 23. Februar 2013

Aus dem Kriegstagebuch - die letzten Kriegswochen in Italien

Gen Italien!  
Im Rücken zwar eine mehr als gefährlich bedrohte Heimat, im Herzen aber ein festes Vertrauen zum allmächtigen Lenker der menschlichen Geschicke und vor mir die alte Straße deutscher Reichsherrlichkeit, die mir die wieder rege Phantasie mit Schwertgeklirr und Bannergeweh reisiger ritterlicher Scharen bevölkerte - so verabschiedete ich mich am Sonntag dem 20. Januar 1945 abends, bei ziemlicher Kälte von meinen Angehörigen auf dem verdunkelten Bahnhof meiner lieber Heimatstadt Glauchau. Wenn wir damals gewußt hätten, daß es länger als ein Jahr! - und welch ein notreiches Jahr!