Dienstag, 12. März 2013

Kriegstagebuch - Fortsetzung (in Verona)

Indessen spielten mir mein Appetit und die „Kattunchristen“ einen üblen Streich. Das war am Freitag, den 23. Februar; denn das Datum muß festgehalten werden. Es gab gerade mein Lieblingsessen zu Mittag: Milchreis mit Zucker und Zimt. Ich aß gerade meinen zweiten Schlag, als die Sirenen zum Alarm aufheulten. Männiglich warf die Löffel weg und ging stiften. Bald saß ich allein; denn keineswegs wollte ich mir das Essen um die Ohren schlagen. Als der Teller geleert war, horchte ich nach draußen - friedliche Stille. Nur einzelne Vögel piepten. Na, dachte ich, wenn die „Sturen“ noch weit sind - ! und zog mir den Teller des Nachbars heran, der kaum den Löffel eingetaucht hatte. Mit allem Appetit verspeiste ich auch den. Horchte wieder. Weiterhin Ruhe! Der nächste Teller! Und so fraß ich mich langsam aber sicher bis zum Teller des Kompanieführers vor, der bes. verführerisch wirkte, weil er ausnehmend dick mit Zucker und Zimt und brauner Butter versehen war. Trotz inzwischen nun eingetretener fast völliger Sättigung verleibte ich mir den auch noch ein. Dann aber war es genug, - mehr als genug. Mein Bauch wölbte sich wie ein wohlgespanntes Trommelfell und begehrte der Ruhe. Nur mühsam hangelte ich mich am Treppengeländer in meine Sperlingslust im fünften oder sechsten Stock hinauf und haute mich auf den Strohsack. Glieder strecken, tief Atem holen - die Sonne meinte es so schön warm zum Fenster herein - - - und nicht lange dauerte es, war ich in einem festen Verdauungsschläfchen begriffen.
Ja, ich schlief- und ich träumte, träumte von vergangenen Jahren, von alten Kameraden, von Rußland, und da ein voller Magen gemeiniglich Angstträume zu erzeugen pflegte, sah ich mich plötzlich in das unselige Kowel versetzt, befand ich mich plötzlich wieder im Eisenhagelschlag der Stalinorgel - es sauste und brauste, es donnerte und krachte - hei, verflucht! - da erwachte ich, erwachte zur fürchterlichsten Wirklichkeit: Es sauste und brauste, es donnerte und krachte da draußen wirklich, aber ich war nicht in Kowel, sondern in Verona, und es waren keine Stalinorgeln, sondern die „Sturen“, die wieder mal einen Bombenteppich über das alte Verona legten. Und ich saß in aller luftigen Höhe -!
Auf sprang ich mit Windeseile, schnappte mein „Gezähe“[2], was man so vorschriftsmäßig für Alarm und Angriff brauchte, und eilte angstbeflügelten Schrittes die Treppen hinab. Aber wohin? Tür und Tor standen zwar offen, aber als ich die Nase nur Zentimeter hinaus ins Freie steckte, sauste es und klatschte es, und unmittelbar vor mir lag das Schwanzstück einer feindlichen Fliegerbombe. Mahlzeit! Das konnte ja heiter werden! Aber in dem Maße, in dem ich für mein Leben fürchten mußte, wagte ich mich auch nicht aus dem an sich unsicheren Hause hinaus und ging lieber in den niedrigen Keller, das Gröbste abzuwarten. Nun, das war keine beneidenswerte Lage!
Zum Glück ging dieser Angriff vorüber, ohne unseren Stadtteil berührt zu haben. Wahrscheinlich hatte man es auf die alten Schanzen abgesehen, mit denen noch der alte Radetzky die Stadt anno Feuersteingewehr versehen hatte. Aber die Sorge ums eigene Leben wurde man dennoch nicht los. Am Abend des gleichen Tages begann der Zauber noch einmal, womöglich noch donnernder. Wir hockten im Keller, der uns vorgeschrieben war, und zitterten, denn ich wurde in solchen Löchern nie das dumme Gefühl los, daß uns der ganze Salat über den Kopf zusammenbrechen könnte. Grabenangst[3]!
Und am Sonnabend ging es lustig weiter, und am Sonntag kamen zur Abwechslung die Jabos allein und beharkten die ganze Umgebung in allen Himmelsrichtungen. Es krachte und knatterte ununterbrochen, und die Splitter flogen auch manchmal bis zu uns her. Anscheinend setzte der Feind bereits die Frühjahrs-Offensive an, die letzte Großanstrengung des Krieges.
Da wurde es auch unseren vorgesetzten Dienststellen allzu brenzlig. Nachdem am 8. bereits die ganze Vermittlung zur Sau gemacht und nur notdürftig wieder aufgebaut worden war, machte man im Norden der Stadt, im Quartiere Trento, einen riesigen Erdstollen ausfindig, der in den Monte Grappa, zu Füßen des Radetzky’schen Forts San Sofia, hineingebohrt war. In der Nähe waren auch bereits Unterkünfte ausgemacht, und am Sonntag, dem 25., begann überstürzt der Umzug, dauernd von Jabos beunruhigt. Na, ich hatte die Nase voll; denn ich bekam keinerlei Hilfe für den Transport meiner schweren Munitionskisten und Waffen und Geräte, obwohl ich vorher erst mit hatte helfen müssen, allerhand anderen Kram an Möbeln und Betten und Verpflegung zu verladen. Ich schwitze wie ein Schwein.
Das ging nun ein paar Tage so weiter. Täglich wurde teils umgezogen oder gleich, wenn man gerade an Ort und Stelle war, in den neuen Bunker gelaufen. Und bei dieser Gelegenheit hatte ich die große Freude, meinen alten Kameraden E. B., ... aus Rußland, bei mir zu sehen und von ihm zu hören: „ Ich bleibe jetzt eine Weile bei euch, muß die Schirrmeistergeschäfte in Ordnung bringen, die haben ja ihre Wäg’n versauen lassen. - Übrigens mußt du mir helfen! Ich brauche dich dringend. Und zusammen wohnen werden wir auch, das habe ich bei eurem Chef durchgesetzt!“ - Hei, jetzt sah die Zukunft wieder rosig aus! Gleich forderte ich von dem neuen Schirrmeister Leute an, und siehe da, im Handumdrehen war meine Waffenkammer umgezogen.
Gleich am ersten Abend wurden zwei Liter Wein angeschafft, E. brachte eine lange Wurst mit, eine Offizierswurst, wie er sagte; denn das war womöglich jetzt noch schlimmer üblich beim Stabe als früher, daß die Herren alles besser und mehr bekamen. „Mensch,“ sagte ich, „mußt du aber gute Beziehungen haben“! -„Gute Beziehungen nicht,“ ward mir zu Antwort, „aber ich habe einen zweiten Schlüssel!!“ Das war wieder echt E. B. Soldat sein heißt, auf Draht sein! Es wurde ein zünftiges Wiedersehensfest, und als der Wein alle war, tranken wir Kümmel, zu dem er wahrscheinlich auch den zweiten Schlüssel hatte: „denn,“ schärfte er mir ein, „trinken kannst du, so oft du Lust hast, melde aber beizeiten, wenn die Flasche zu Ende geht, damit ich neuen anfordern kann.“
Es ging eben nichts über eine im russischen Elend erhärtete Kameradschaft, und wir  schwelgten in Erinnerungen an Zwiahel, Saporoshje, Uman, Kiew usw., an die alten, längst verschwundenen Kameraden: Wo mochte das Eichhörnchen stecken? Der kleine „Ach herrje!“ saß in Rumänien - wenn er noch saß! Den alten M. würde es längst aus Polen vertrieben haben. Der hatte ja immer einen guten Riecher für nahende Gefahren. W. hatte man ein Bein abgeschossen. Wer weiß, wo H. B. steckte - ohne Beine! Wahrscheinlich machte ihm R. F. welche, der als Bandagist längst u.k. (unabkömmlich) gestellt worden war. Na, und denn kriegte ich allerhand zu hören, was ich verpaßt hatte, so daß mir der Neid grün und gelb hochkam. Im vergangenen Sommer war nämlich der Stab nach seiner glücklichen Flucht aus Wilna auf die Bahn gesetzt worden, um hierher nach Italien zu kutschieren. Das muß eine tolle Fahrt gewesen sein! Quer durch Deutschland im schönsten Sommerwetter! Und wo sie Lust hatten, ließen sie ihre Güterwagen abhängen, unternahmen Wanderungen, Stadtbummel, schickten auf Urlaub, wer irgend seinen Heimatort erreichen konnten, erlebten die Alpen mit einem solennen, geschlossenen Stabsausflug von Kufstein aus und was derlei Dinge mehr waren. Nur als man hier ankam, waren die Gesichter lang geworden. Das schon beschriebene Zusammenschmeißen mit dem Nachrichten-Stab Italien hatte manchem Stab und Stellung gekostet. So unserem alten K. R. Ja, der hatte sich noch ein Stück geleistet, für das ihm die Stabsmannschaften wohl in alle Ewigkeit dankbar sein würden, die Offiziere weniger. Die hatten sich bitter gerächt. Er hatte nämlich im Suff einmal furchtbar ausgepackt, wie nämlich allein der Arzt und B. schuld seien, das Adjutant S. in Kowel umgekommen sei, während sie sich selbst feige aus dem Staub gemacht hatten, daß die vielen Toten und Verwundeten des Stabes auch auf das Schuldkonto des Arztes zu schreiben seien, weil er sie ohne mit der Wimper zu zucken k.v. gemacht habe - es muß ganz einfach fulminant gewesen sein. Freilich - er blieb dann für uns verschwunden und wir haben nie wieder von ihm gehört. Auch Insp. V. hatte einem ganz jungen Inspektorlein weichen müssen, der auch besser an die Front gegangen wäre. Er hieß F., wurde aber unter uns nur „Mehlscheißbubi“ (aus „Milchreisbubi“ verballhornt) genannt. Warum, ist mir entfallen.
In E. B. hatte ich nun wenigstens einen kameradschaftlichen Anhalt. Bei der Kompanie war da nicht viel zu machen. Die schienen alle Angst zu haben, daß ich ihnen eine Unteroffiziersstelle wegnehme. Mir schien, als betrachtete man mich als lästigen Eindringling. Nur mit den Kraftfahrern kam ich einigermaßen zu Fache, die brauchten aber auch nicht zu fürchten, daß ich ihnen den Platz streitig machte. Vielmehr gewöhnten sie sich an, ihre Wünsche und Sorgen an mich heranzutragen, die sie dem ihnen fremden Schirr-Uffz. nicht gern direkt sagten. Ich tat denn auch alles, mich bei ihnen beliebt zu machen, was meist auch gelang. Überhaupt war der ganze Verein eine ziemlich tolle Bruderschaft, die noch keinen Schuß Pulver gerochen hatte und bei jedem Alarm mit angstverzerrten schlotternden Mienen in den Bunker rannten, selbst wenn die Luftlagemeldung von feindlichen Verbänden in 70 km Entfernung gesprochen hatte. „Hampelmänner“, sagte eine Hamburger Stabshelferin, die die dortigen Großangriffe mitgemacht hatte. Ich mußte ihr beistimmen.
Mit den Vorgesetzten wollte es auch nicht klappen. Der Oberfunkmeister versuchte mich reinzulegen: Ich hätte einen wichtigen Termin nicht eingehalten. Irgendeine belanglose schriftliche Meldung war, Waffen betr., nicht rechtzeitig angesandt worden. Die Sache lag daran, daß mir von der Funkmeisterei die erforderlichen Unterlagen nicht zeitgerecht zur Verfügung gestellt worden waren, oder hatte es an einer notwendigen Unterschrift gefehlt, oder war ich trotz meines Hinweises auf diese wichtigen Termine immer wieder zum Verladen kommandiert worden - kurz, irgendwie war der Funkmeister selbst schuld gewesen. Jetzt wollte er mir die Sache ans Bein schmieren. Ich wurde zum Chef bestellt. Der war dem Aussehen nach noch ein grüner Junge, war aber sonst recht vernünftig. Ich legte ihm die Sache dar und wurde als schuldlos befunden.
Das andere Mal war die Sache noch heiterer. Es hatte an irgendeinem Tage, dessen ich mich nicht mehr erinnere, wieder mal planmäßige Beförderungen gegeben, drei neue Unteroffiziere. Die mußte ich nun mit Pistolen ausrüsten, auf daß die armen Unteroffiziere nicht mit Gewehren durch die Stadt zu rammeln brauchten wie die einfachen Landser sondern wie die Herren mit Pistolen, obwohl diese Waffen erst vom Wachmeister an aufwärts Vorschrift war. Nun hatte ich aber leider nur zwei Armeepistolen auf meiner Kammer. Von der dritten war lediglich die Tasche vorhanden. Mußte also der arme dritte und jüngste Unteroffizier weiterhin mit Gewehr gehen, z.B. auch wenn Alarm war in den Bunker.
Was aber machte der freche Obergefreite Fischer? Er hängte sich die leere Pistolentasche ans Koppel und nahm bei Alarm seine Knarre nicht mit. Die lag wohleingefettet mit ihren Kameraden in der Waffenkammer. Aber da gab es scheele Blicke, wenn ich, meist mit E. B., in der Dienstzeit nach dem Bunker wackelte (außer Dienst hatten wir’s nicht so eilig!). Ein paar Tage sah man sich die Sache an. Dann ergab sich die Gelegenheit, daß Oblt. N., der Chef, auch mit wallte. Da schüttete der betr. Uffz. unter Hinweis auf mich sein Herz aus. Der Chef, ein gewichster Kopf und - wie wir später erfuhren - ein halber Gelehrter, sagte nur: „ Was haben Sie in der Pistolentasche?“ Ich antwortete wahrheitsgetreu: „Nichts! Herr Oberleutnant!“ öffnete die Tasche und wies sie ihm vor. Die Unteroffiziere standen herum, lange Gesichter, der Chef lächelte leise, drehte sich um und verlor nie wieder ein Wort von der Sache, obwohl er mich auch hätte anraunzen können. Ein Zeichen, daß er ein Mensch war.
Eines Tages brachte E. B. eine Schreibmaschine, oder vielmehr: Das Wrack einer Schreibmaschine angeschleppt. Aus dem Schutt des Angriffs von 8. Februar hatte er sie von seinen Kraftfahrern ausbuddeln lassen. Nun sollte ich sehen, ob sie noch brauchbar war oder zu machen war. Ich nahm zunächst die Schuhbürste und bürstete einen ganzen Sandhaufen heraus. Aber ich hatte Glück: Sie war fast unbeschädigt, und als der Sand heraus war und einige kleine Reparaturen abgerechnet, da ging sie wieder ausgezeichnet. Sie hatte nur den einen Nachteil, daß sie eine italienische Konstruktion war, die weder ä, ä noch ü kannte und auch kein ß und die Lage der Satzzeichen war auch ein wenig anders. Aber sonst konnte man sich dran gewöhnen statt Führer Fuehrer und statt hören hoeren zu schreiben. Und dem Frühling machte es nichts, wenn ich ihn als Fruehling schreiben mußte, und wenn ich tüchtig dabei schwitzte, war das ganz gleich, ob man es so oder als tuechtig schrieb. Wir jedenfalls konnten nach Beendigung der gröbsten Sauarbeit daran gehen, mit Hilfe unendlicher Schreibarbeiten, die durch Mängel an Verwaltungspersonal völlig vernachlässigte Geräte- und Fahrzeuglage wieder ins Lot zu bringen.
Indessen war tatsächlich fast ohne jeglichen Übergang der Frühling beinahe eingezogen, und wir lebten am 1. März bereits in Erwartung der ersten Blüten, deren Knospen dick an Bäumen und Büschen prangten. In unseren Stuben mit ihren Steinfußböden war es allerdings noch erklecklich kalt, aber E. B. hatte eine elektrische Heizplatte mitgebracht, die nun den ganzen Tag schmorte und das Zimmer tatsächlich einigermaßen wärmte. Zwar fürchtete ich mich schon ein wenig vor der sommerlichen tropischen Hitze, meinte sie kaum vertragen zu können wegen meines klapprigen Herzens. Aber ich mutmaßte in meinen Briefen nach Hause darüber ganz richtig: „Vielleicht sind wir auch im Hochsommer gar nicht mehr hier.“ Damit sollte ich ja auch recht behalten.
Die politische Lage, vor allem die kriegerisch-militärische war lausig wackelig geworden. Immerhin versuchte ich mir selbst täglich den Mut zu stärken und die Hoffnung, und meine Briefe nach Hause strotzten von derartigen Betrachtungen: Es ist das ein schändlicher Krieg, der die Heimat in dieser Form in Mitleidenschaft zieht. - Gewiß, mit der Hauptstadt eines Landes fällt meist die Entscheidung, aber der Deutschen Jetztzeit Hauptstadt liegt nicht an einem bestimmten Fleck in der einstigen Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, in der Mark Brandenburg nämlich; der Deutschen Hauptstadt liegt in ihren Herzen beschlossen, und die fällt nicht, und wenn Berlin tausendmal in Trümmer gehen sollte. - ...
Unterbrochen von vielen Luftangriffen wurden aber unser Umzug und vor allem die Einräumung meiner Waffenkammer endlich auch mit fertig. Für Sonnabend, den 3.3., hatten sich der Abt. - Kdr. und ein General zur Besichtigung angesagt. ...
Von der Besichtigung weiß ich nichts mehr. Sie berührte anscheinend meinen Bereich nicht. Ich hatte nur den Vorteil davon, daß ich mit der ganzen Kompanie an diesem Sonnabend Nachmittag bereits dienstfrei hatte. Und es war ein so schöner warmer Tag, daß ich mich eigentlich zu nichts anderem entschließen konnte, als nun einmal loszuwandern und die Schönheiten des Landes und der Stadt zu suchen und zu erleben. Also, Maschinenpistole umgehängt und losgewandert!
Ich kraxelte gleich auf der  vielfach gewundenen Straße den Monte Grappa empor, der sich unmittelbar hinter unserer Unterkunft erhob. Die vielen bunten italienischen Landhäuser mit ihren ganz wenig schrägen Dächern und den schwermütig ragenden Zypressen grüßten von allen Höhen und Hängen, und die Sonne meinte es so gut, daß ich recht in Schweiß geriet. Oben angekommen, wo der Berg von dem düsteren Fort San Sofia gekrönt wurde, jener Radetzky’schen Festung, die heute ein Wehrmacht-Gefängnis für ganz schwere Fälle darstellte, verharrte ich und schaute mich um: Die Schneespitzen der Alpen waren in langer Kette wieder einmal aus dem sie sonst verhüllenden Dunste aufgetaucht. So weit herab weiß wie noch vor vierzehn Tagen waren sie allerdings nicht mehr. Nach Süden zu aber dehnte sich zu meinen Füßen des graue Häusermeer von ”Bearn”, daraus gebietend die unzähligen Türme der Kirchen und Dome ragten: San Zeno, San Lorenzo, San Anastasia, San Eufemia usw., die der vielen Palazzi und anderer weltlicher Bauten, der alten Scaligerburg Castel Vecchio, der Lamberti-Turm auf dem Obstmarkt (Piazza delle Erbe), mitten darin das Riesen-Oval der alten römischen Arena, deren geborstene Mauern wohl mehr als 2000 Jahre Menschheitsgeschichte gesehen haben mochte. Ringsum dann das weite flache Land, der große Garten Oberitalien, der sich in vielen Terrassen die Berghänge emporschob.
Ich mag lange gestanden haben; denn ich gab mich dem eigentümlichen Gefühle hin, jener Gewißheit, hier auf uraltem geschichtlichen Boden zu stehen, einem Boden, der mehr gesehen haben mochte als sonst ein Land in Europa, vor allem wenn man die germanisch-deutsche Geschichte in Betracht zog. Und welch ein reiches Feld für die dichterische Phantasie: Hier auf diesem und dem östlich benachbarten Hügel soll Dietrich von Bern, oder - wie ihn die Geschichte kennt - Theodorich der Große, der sagenhafte Ostgotenkönig, seine Burg gehabt haben. Von diesen Höhen mag sein Blick genauso wie heute der meine über das reiche Land geschweift sein, das er für sein Volk erobern, aber nicht erhalten konnte, das ihm ebensoviel Freunde, wie Kummer, Sorgen und Leid gebracht hat! Und wieviel germanisch-deutsches Blut mag dieser Boden im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende getrunken haben? Die Cimbern und Teutonen und andere Germanenstämme gegen Rom oder im Solde Roms zuerst, dann die Goten, dann seit Karl dem Großen diese ewigen Kämpfe der Kaiserkrone um dieses heiße fruchtbare Land.  In jedem Jahrhundert forderte es unermeßlichen Blutzoll von den Deutschen und ihrem Drang nach dem Süden. Da  mochte auch Walther von der Vogelweide gezogen sein und die Kreuzfahrer, und bang suchte das Auge den Lauf der Etsch ab, wo sie in die Berge verschwand, zwischen den hohen Felsen der Veroneser oder Berner Klause, der alten Völkerstraße, wo einst ein Wittelsbacher dem Heere Barbarossas den abgeschnittenen Weg nach dem Norden freikämpfte. Aber auch sonst war es ein Land ewigen Krieges und unzähliger Schlachtfelder, die Kämpfe der großen Stadtrepubliken Mailand und Venedig, Napoleons Heere bluteten und kämpften hier, später die des österreichischen Kaiserstaates mit dem populären Feldmarschall Radetzky  - - - Geschichte, wo man hinsah!
Von der Höhe, auf der es trotz der Sonne schon wieder recht zugig und windig war, wandte ich mich dann jenseits wieder abwärts, um vom Osten her in die Stadt zu gelangen. Und wieder grüßte mich Geschichte. Da war die Ponte della Pietra, jene uralte steinerne Brücke, die einst die Römer des Weltreiches aufquaderten. Welch ein Bau! Hier lebten Jahrtausende! Jahrtausende waren über die Brücke geschritten, auf der ich nun sinnend stand. Jahrtausende - welch ein Gedanke von schwindelnder Gewalt! Hier hatten die Schritte der römischen Legionen Cäsars über dem Adigius gedröhnt, hier waren schicksalsumwittert die Hundert- und Tausendschaften der Ostgoten geschritten, ihre stolzen Reitergrafen Wittich, Teja, Totila darübergeritten - dann die Oströmer, die Langobarden, die gesamteuropäischen Kreuzfahrer - welch ein Zug von Völkern! Und immer wieder Deutsche bis auf die heutige Zeit, immer wieder deutsches Blut im heißen Süden, und immer wieder nur Not und Leid und Niederlage! Wie würde es jetzt werden??
Mit solchen Gedanken drang ich in die engen Häuserschluchten des alten Verona ein. Und diesmal fand ich es auch, das alte Verona, das italienische Mittelalter, das ich vorher vergeblich gesucht hatte. Da standen sie, die alten prächtigen Palazzi, hoch und düster, mit ihren angeklebten Balkonen und heiter-romantischen Durchblicken durch breite Durchfahrten in lichte Höfe, angelegt wie das Atrium altrömischer Häuser. Und waren die Palazzi äußerlich kalt und düster, so leuchteten die Höfe licht und warm, schmiedeeiserne Gitter, formschöne Brunnen, breite, prunkvolle Treppenaufgänge - wie eine Operndekoration. Jeder Palazzo ein Zeugnis stolzen Bürgertums und freien Stadtadels. Auch den Palast der Eltern der berühmten Julia Capuletti fand ich, die ihren Geliebten Romeo aus der verfeindeten Familie der Motecchi nicht kriegen sollte, was hernach der alte Shakespeare so rührend auf die Bretter gebracht hat. Und der Palazzo Capuletti in der Via Capello sah wirklich aus wie der steingewordene Verwandtenhaß finsterster Prägung. An einem seiner hohen offenen Fenster aber sang im Bauer ein blitzgelber Kanarich. Das nahm dem Ganzen ein wenig die finstere Note. Auch die Gräber des berühmtesten klassischen Liebespaares sollten noch zu sehen sein, aber ich hielt mich lieber an das lebendige Leben.
Die Via Capello führte mich zum Piazza delle Erbe, dem Obstmarkt. Um den Brunnen mit der Madonna Verona war geschäftiges Budenleben aufgeschlagen, wo es für sehr teures Geld  allerhand zu kaufen gab. An seiner Kopfseite aber, auf hoher Säule, thronte der Markuslöwe Venedigs, das Zeichen einstiger Untertänigkeit unter die alte Beherrscherin der Meere, Venezia. Und der hohe Uhrturm zeigte wieder die Schwalbenschwanz-Zinnen der Scaliger. Riesige Tore und Häuserbrücken, Arco della Costa, Porta romana della dei Borsari u.a., leiteten mich nach dem berühmten Herrenplatz, Piazza dei Signori, wo man gerade dabei war, an einem seiner berühmten Häuser die wunderbaren Bildhauerarbeiten luftschutzsicher zu vermauern. Auch dem berühmten Dante-Standbild daselbst sollte dieses Schicksal noch werden.
Um die antiken Mauern der Arena, einst fast am Rande der Stadt gelegen, aber brandete der Verkehr und Trubel der modernen Großstadt, des modernen Italien, des gegenwärtigen Krieges. Wehrmachtfahrzeuge aller Art, südlich-protzige Privatwagen von höchster Eleganz und ebenso südlich-lumpige von schäbigster Klapprigkeit rollten breit auf dem Corso Vittorio Emanuele. Auf dem breiten Fußweg aber flanierte die schöne Welt Veronas, schwarzhaarig und glutäugig; der männliche Teil, soweit er Zivil trug, in langmähnigen, ölig glänzenden dichtgelockten Frisuren, meist füllige, um nicht zu sagen fette Gestalten, hie und da ein Balbo-Bart, der weibliche Teil vor allem dick bemalt und mit höchster pariserischer Eleganz, dazwischen deutsche und italienische Soldaten aller Waffengattungen, die Offiziere der südlichen Verbündeten mit viel Gold und Glanz, jeder Zoll ein Condottiere mit ausgesprochenen Duce-Manieren, schlicht und einfach nur die berühmten Bersaglieri oder die Alpenjäger mit ihren Federhüten, meist jedoch mit ziemlich undekorativen Feldmützen. Immer wieder aber konnte man feststellen, die deutsche Uniform war doch die schönste. Und dann die Orden bei den Herren Italienern - Itaker, sagte der Landsermund -, Hermann Göring, der Reichsmarschall, der doch gewiß einen großen Klempnerladen zur Schau trug, war ein Waisenknabe gegen jeden Oberleutnant oder Hauptmann (von höheren Dienstgraden gar nicht zu reden) der Bundesgenossen. Die hatten nicht nur eine, nein sogar zwei, drei und vier Reihen der sog. ”Feldflöte”, aufgereihter bunter Ordensbändeln in allen Farben und Farbenzusammenstellungen, protzig und billig, wie eben Südländer sind. Da kam ich mir mit meinem einzigen simplen schwarzen weiß und rot gestreiften Bändel des ”Verskriegsdienstkreuzes” doch recht fehl am Platze vor.
Lieber verflüchtete ich mich da in die engen Gassen und ruhigen Plätze um die Gotteshäuser herum. Atmeten die auch meist den strengen Geist jesuitischer oder eben römisch-katholischer Glaubensstrenge, konnte mich das ja weniger berühren, umso mehr erfreuten sich mein Auge und Schönheitssinn der feierlichen Linien und Formen dieser alten Baustile. Schlanke Türme, runde  Kuppeln, Scaligerzinnen - welch eine Vielfalt in diesen oft noch auf alten Basiliken der frühchristlichen Zeit erbauten Gotteshäusern, so recht ein Zeichen dafür, ein wie großer Kulturträger das Christentum hier in der Wiege des Abendlandes schon war.
Über die Ponte della Vittoria, die Siegesbrücke von 1926, gewann ich gegen den Abend hin die Via IV.Novembre und den Piazza Vittorio Veneto, die Via Arsenale, die gerade auf unser Quartier zuführte und freute mich, einen weit genußreicheren Nachmittag verbracht zu haben als die sturen banausischen Kameraden, die lieber gesoffen und gejohlt hatten. Wo blieb der deutsche Kulturgeist? Mir blieb der Wein jedenfalls für den Abend auch noch, denn irgendwie mußte die gelungene Besichtigung auch begossen werden.
Am darauf folgenden Sonntag, dem 4.3., sollte das noch fortgesetzt werden. In einem Anfall von Leichtsinn leisteten wir uns dazu auch noch Semmeln, von denen das Stück 25 Pf. kostete, vor allem aber Maroni, die berühmten italienischen Edelkastanien. Die wurden zunächst einmal im Kochgeschirrdeckel auf dem elektrischen Kocher geröstet und als Vesper verzehrt. Zum anderen Male - denn sie schmeckten ungeheuer „nach mehr” - kochte ich sie in Wasser. Da kam ihr süß-mehliger Geschmack noch mehr zur Geltung. Zwischendurch mußte herber Rotwein die Geister des Appetits wieder auffrischen. Die Maronen machten nämlich infolge ihres hohen Stärkegehaltes ungeheuer satt, und wir wollten uns noch ein pikfeines Semmelabendbrot mit der berühmten stablichen Offiziers -Salami leisten. Das wurde denn auch noch gezwungen und zur besseren Verdauung ein - oder waren es mehrere? - Kümmel daraufgesetzt. - Ja, so lebten wir!


[2] Bergmannssprache für Werkzeug.
[3] Vom Schützengraben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen