Samstag, 24. Mai 2014

Lager Elsterhorst Hoyerswerda! - Üble Erinnerungen.



Einige hundert Mann lagen wir in einer Baracke. Keine Strohsäcke, nur ein bißchen Drahtgeflecht als Matratze, keine Freunde, keinen Tabak, keine Beschäftigung, eine sehr mäßige Waschanlage und noch mäßigerer Abtritt, stundenlanges Anstehen zu der dünnen Wassersuppe - ach es war zum Davonlaufen! Aber da war der Stacheldraht, und der hatte nur den einen Vorteil, daß er einfach ums ganze Lager herumging. An ihm entlang führt weitum ein festgetretener Trampelpfad, und auch ich fand meine einzige Beschäftigung darin, hier immer ringsumherzulaufen und den Haufen zu meiden. Übel, höchst übel!
Jetzt aber kam wenigsten Post von zu Hause. Na, die Neuigkeiten waren auch nicht gerade erhebend. Allerhand Verwandte und Bekannte hatten im verflossenen Jahr des völligen Abgeschiedenseins von der Heimat das Zeitliche gesegnet. Die Kästner-Großmutter, Onkel Johannes, Onkel Max, und auch mein Vetter Heinz Beyer. Und dann, schrieb Mutter, von Onkel Otto und Onkel Helmut fehlt jede Nachricht! Sie waren auch Schriftleiter gewesen - was war mit ihnen? Ich begann um meine Zukunft zu zittern, obwohl Vater bald schrieb, ich könnte sofort als Neulehrer anfangen. Das war ein Lichtblick, aber ein verdüsterter.
Als die Tage so gar nicht vergehen wollten, machte ich mir trotz düsterer Seele Beschäftigung und fing, immer am Zaun entlang wandernd wieder zu dichten an. Ruhe hatte ich ja, zur Konzentration zwang ich mich, und siehe da, es entstand allerhand Schönes, was schon in diesen Blättern festgelegt ist: „Wo rauschend die Eisack der Etsch sich vermählt…“ oder die oben stehende „Heimkehr“, die „Veroneser Klause“, der „Abschied von Südtirol“ usw. Da hatte ich denn wenigstens einige Tage etwas zu tun.
Mißlich war, daß schon bald ich herausstellte, daß meine amerikanischen Entlassungspapiere verschwunden waren. Ich hätte heulen können vor Zorn. Es halfen keine Vorstellungen bei der Lagerkommandantur, und erst meine eigenen Bemühungen nach der Entlassung ließen mich nach Monaten erst wieder zu den wichtigen Papieren kommen.
Täglich schrieb ich in meinen Kalender, wie viel Zeit ich schon abgesessen, ach, und die Zeit wollte nicht verfließen! Als sich die Paradentose meldete, ging ich ins Revier. Aber Medizin gab es nicht. Als die Langeweile groß wurde, kaufen wir uns Tee zum Rauchen, aber der schmeckte nicht. Aber als ich schreiben konnte „Der 12. Tag der Quarantäne“, begannen die Entlassungs-„Feierlichkeiten“ mit einem neuerlichen Entlausen. Damals haben wir tüchtig über unseren Südtiroler Flimmerfritzen gelacht, den Filmvorführer, der sich Kragen und Gürtel voll Geld gesteckt hatte und noch einmal auftrennen, herausnehmen, zunähen, Geld verbergen, wieder auftrennen, Geld hineinstecken und erneut zunähen mußte. Die Sorge hatte ich mit meinen letzten paar Markscheinen nicht.
Aber doch erst am Sonnabend, dem 18. Mai, als dem 14. Tag der Quarantänezeit wurden wir mittags entlassen, und das war eine große Gnade. Wenn es ein gewöhnlicher Wochentag gewesen wäre - na, der Zorn hätte uns umgebracht.
Aber nun ging die Schlepperei wieder los, zu Fuß nach Hoyerswerda. Zum Glück erwischte ich diesmal einen Handwagen. Und nun ging auch die trottelige Bahnfahrerei wieder los. Aber wir waren wenigstens raus aus dem blöden Lager. Die sudetendeutschen und schlesischen Kameraden ließen sie ja überhaupt nicht raus, wie die uns erzählten, erst wenn sich die Angehörigen gemeldet hätten!!
            Ja, also die Bahnfahrerei!
Bereits in Ruhland mußten wir wieder aussteigen und auf denn Anschlusszug warten, und der kam nicht. Wir begannen schon zornig zu rechnen, ob wir überhaupt den Anschluß nach Dresden wenigstens erreichen könnten. Als er kam, konnten wir wieder nur bis Biehla sitzen bleiben, und vor dort aus mußten wir bis Elsterwerda, bis zum Bahnhof laufen. Wenn das auch „nur“ zwei Kilometer waren, so bin hier doch bald verrückt geworden. Die Schlepperei, keine Handwagen und dabei die Eile, den D-Zug Berlin-Dresden noch zu erreichen. Wir wußten ja noch nicht, daß damals bei uns die Züge fahrplanmäßige Verspätung hatten. Na, jedenfalls, am liebsten hätte ich meinen Koffer auf die Straße gekracht und wäre so weiter. Der Schweiß floß in Strömen und der Atem wurde immer knapper. Elender Mist!
             Endlich Elsterwerda!
            Endlich auf dem Bahnsteig!
            Aber wie!
Das Gedränge! Gesteckt voll stand der Bahnsteig, und ich mußte es als Glück preisen, daß ich ganz vorn anstand, wo ich natürlich in Gefahr stand, von der Lokomotive rasiert zu werden und nicht bloß am Bart. Und dennoch, wider jedes Vorausgesicht, klappte es. Der Zug führ ein und hielt mit der Breitseite eines Wagens, nicht mit einem Einstieg vor mir. Ich spähte in ein Abteil durchs Fenster hinein  und sah, daß im Gepäcknetz ein Platz frei war. Ein junges Ehepaar schaute heraus. „Ist ein Platz frei? - Bitte nehmen Sie mir doch meinen Koffer ab!“ und wahrhaftig, sie tatens. In Ruhe drängte ich mich nun hinein in „meinen“ Wagen und konnte ich auf den mir freigehaltenen Platz auch tatsächlich setzen.
So nun entspannen, Augen schließen und an die Heimkehr denken! Trotz D-Zug ging es mir noch langsam genug vorwärts. Eine Frau bot mir ein Stück Kuchen an, ein Herr eine Zigarette. Ich aß mit Genuß und rauchte in vollen Zügen.
Und so kam Dresden heran, Dresden-Neustadt!
Geliebtes Dresden, wie werde ich Dich wiedersehen?
Der nächste Zug nach Hause ging erst am nächsten Morgen vom Hauptbahnhof ab, ein Bummelzug!
Ich hatte unterwegs einen Glauchauer getroffen, mit dem ich nun zusammenhielt. Wir setzten uns in den Wartesaal. Ein biederer Erzgebirger, von Hamsterfahrt kommend, ließ uns unser trockenes Brot in einen riesigen Siruptopf tauchen.
Nach knapp durchdöster Nachte machten wir uns in aller Morgenfrühe auf, den Hauptbahnhof aufzusuchen. An meinem Spazierstock trugen wir zu zweit meinen immer schwerer werdenden Koffer. Und wir sahen Dresden. Zwar nur das Stück vom Neustädter zum Hauptbahnhof, aber wir gingen nur durch eine öde, tote Stein- und Trümmerwüste. Unser schönes Dresden! Das war ein Wiedersehen mit der Sachsenheimat! Armes Deutschland!
Es muß schon gegen 5 Uhr früh gewesen sein, daß wir unseren Zug bestiegen. 6.50 Uhr fuhr er erst.

Dienstag, 20. Mai 2014

Abschied von Rosenheim - Fahrt Richtung Heimat - Quarantäne in Hoyerswerda!!



Am Sonntag, dem 28. 4. 1946 packten wir unseren Kram reisefertig zusammen und feierten Abschied. Ein Brief von zu Hause war leider nicht gekommen. Aber man duldete uns hier amtlicherseits leider auch nicht mehr. Also fort! In aller Morgenfrühe des Montag, nachdem wir schon am Vorabend das Gepäck weggebracht hatten, ging es dann fort nach München. Einige alte Bekannte aus Südtirol fanden sich mit gleicher Absicht zu uns. Die Formalitäten bei den amtlichen und alliierten Stellen waren rasch erledigt.
Nachts  23.30 Uhr ging unser Zug Richtung Bebra. Wir hatten Zeit nocheinmal ein Kino zu besuchen, kauften uns auch noch etwas Verpflegung, um 20 Uhr saßen wir schon im Zuge und versuchten zu schlafen.
Gegen Mittag des nächsten Tages, nachdem wir im Morgengrauen durch das wirklich grauenvoll ausgebrannte Würzburg gefahren waren, langten wir bereits in Bebra an. Auch hier ging die Registrierung schnell. An der Zonengrenze wurde der erste Russe fürchterlich bestaunt. Von nun ab aber ging es langsam und zwar sowohl was die schriftlichen Formalitäten wie die Fahrerei anlangte. Erst abends waren wir in Eisenach und mußten, ob wir wollten oder nicht, dort aussteigen; denn sämtliche Papiere waren uns bereits an der Grenze abgenommen worden. Riesige Handwagenkolonnen erwarteten uns, unser Gepäck in ein sog. Heimkehrerlager zu transportieren. Wir mußten laufen - beim Ami hatten wir keinen Schritt zu laufen brauchen. Es ging ziemlich weit und bergauf. Aber gerade die Nacht über durften wir bleiben, dann unser Gepäck höchstselbst wieder zum Bahnhof schleppen, denn in der frühen Morgenstunde waren kaum Handwagen zu finden. Die Stimmung war höchst mißmutig. Wir sollten wieder in ein Lager und in eine 14tägige Quarantäne kommen.
Quarantäne! Wir lachten nur! Sollten wir krank sein?
Zunächst ging es nur bis Erfurt.
Das war am 1. Mai, und schon vom Bahnhof aus sahen wir die Umzüge zu diesem Internationalen Festtag mit vielen roten Fahnen. Na, das war ein stilgemäßer Empfang! So mußten wir unser Gepäck also wieder schleppen und durch die ganze Stadt durch auf den Petersberg hinauf. Und da wir die Straßen des Umzugs nicht berühren sollten, wurden wir große Umwege geführt, so große Umwege, daß der Zug bald zerrissen war und wir uns auf eigene Faust durchschlugen, wir Häuflein Südtiroler. Die Leute, die unsere Fettleibigkeit erstaunt sahen, bedeuteten uns verstohlen, daß uns nicht viel Gutes erwartete in der Ostzone, und ihr niedergeschlagenes gedrücktes Benehmen ließ uns das leicht glauben.
Im Lager Petersberg gings wieder auf Strohlager. Die Verpflegung war noch weniger als mäßig, zwei Scheiben Brot und eine Wassersuppe pro Tag. Nichts zu rauchen! Meine letzten Reste waren auf der Fahrt draufgegangen. Das saßen wir mit wenig guten Hoffnungen.
Am 3. wurden wir eingeteilt: Die Sachsen sollten in die Quarantäne nach Hoyerswerda, die Provinzler nach Pretsch kommen. Da galt es Abschied nehmen von Heinz L.. Nachmittags ging es fort, wieder bei wahnsinniger Asterei mit dem Gepäck und langer Warterei vor dem Bahnhof. Eine Frau schritt durch unsere Reihen: „Ich suche meinen Mann - Habt ihr meinen Mann gesehen?“ Wir konnten keine Auskunft geben. Dann hinein in den elenden Bummelzug. Die ganze Nacht ging die Trottelei. In Halle war Aufenthalt, aber Heinz L., den ich hier zum letzten Male sprach, konnte nicht entwischen. Wir fuhren noch den ganzen nächsten Tag, eine mühsame Fahrt, die noch verdüstert wurde durch allerhand Gerüchte, daß der Russe uns aus dem Quarantänelager heraus noch kassieren konnte. Zu blöd! Wären wir doch drüben geblieben.
In Hoyerswerda fuhr der Zug noch einige Kilometer aus dem Bahnhof heraus. Auf freier Strecke stiegen wir aus. Aber immer noch gab es eine kilometerweite Schlepperei bis zum Lager „Elsterhorst“. Was habe ich auf diesem Weg die Heimat verwünscht! Durch wendische Dörfer gings, wo man uns mit scheelen Augen anblickte, und als wir im Lager ankamen, gab es die ganze Nacht hindurch erst noch eine vollkommene Entlausungsaktion zu bestehen. Es war eine Affenschande und gab uns den richtigen Begriff von der sowjetisch besetzten Zone wir schon die ganze Fahrt hierher.
            14 Tage Quarantäne!
            Es war wie ein Todesurteil!
            Wie sollten wir das noch durchhalten bei unserem Heimweh?
            Und vor allem bei dieser Verpflegung?
            Eine Scheibe Brot, ein Löffel Zucker, eine Wassersuppe.
            Das war die Tagesration.
            Und beim Ami???
Nun hat das Vaterland uns wieder,
empfängt es uns nach Brand und Not,
geschlag’nen Volks geschlag’ne Glieder,
in wehmuttrübem Morgenrot.
Die wir gesegnetere Auen
in unserem Elend ernst geschaut,
in Vaterlands zerschlag’nen Gauen
erst Elend uns entgegengraut.

Ein Trümmerhaufen hat uns wieder
das Reich, des Bau im Sturm zerborst.
Die stolzen Adler brachen nieder,
die Fänge stumpf, zerrauft der Horst.
Und Schutt und Asche sind die Hallen
des alten Ruhms, der neuen Pracht
Im Eisenhagelschlag zerfallen -
Das „Reich“ grüßt uns aus Todesnacht.

Die Heimat, jetzt hat sie uns wieder,
die Heimat, die trotz allem blieb,
der alte Klang, die alten Lieder,
sie tönen noch wie einst so lieb,
noch ragen auf der Berge Gipfel,
noch blinkt der Flüsse Silberband,
noch rauschen deiner Wälder Wipfel -
sei uns gegrüßt, o Heimatland!

Mittwoch, 23. April 2014

Osterfest in Rosenheim



So kam das Osterfest heran. Frau Riefler war sehr fromm und ging oft, fast täglich zum Gottesdienst. In dieser Osterzeit natürlich besonders, da die Lebensmittelzuteilung nicht auf Fastenspeisen Rücksicht nahm, also weder gebüßt und gebeichtet werden mußte. Der für uns gewohnte Gründonnerstag ging aber ohne Aufhebens auch für die Kinder dahin. Ostern war erst am 1. Feiertag, und Groß und Klein schwärmte schon vom „Eierknicken“. Am Ostersonnabend Nachmittag ging Frau Riefler wiederum zur Kirche, ich war allein im Hause. „Also, “ sagte sie, als sie ging, „es kann sein, in der Zeit kommt meine Schwester, die Tante Bertha, aus München. Lassen Sie sie inzwischen herein.“
Vom Hereinlassen konnte natürlich insofern keine Rede sein, als die Tür tagsüber immer offen war. Ich saß also in der Küche und wartete. Die Ankömmlingin war natürlich nicht schlecht erstaunt über das fremde Gesicht. Aber ich machte mein bestes Kompliment und stellte mich vor. Die Freundschaft war rasch hergestellt. Die gute Tante Bertha Simonseder lud uns gleich für das feiertägliche Mittagessen ein, denn sie hatte allerhand mitgebracht. Sie hub auch gleich, als wäre sie zu Hause, zu backen an. Mit diesen Bayern war doch ein gutes Auskommen!
Am 1. Feiertag warfen wir uns gleich in Glanz und Wichs, und das muß noch gesagt werden: Bereits zum Palmsonntag hatte uns Frau Schönhofer von ihren großen, noch nicht zurückgekehrten Buben Zivilanzüge samt dazugehöriger Wäsche geborgt. Die Schuhe stellte Frau Riefler. Da waren wir natürlich erst einmal platt ob dieses Vertrauensbeweises, und es war kein dickes Ende, daß wir am Abend dieses Sonntags mit Frl. Gretchen hatten ins bayrische Bauerntheater gehen müssen. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Aber einen schönen Fez hat uns da noch insofern verschafft, als wir uns an diesem Sonntag Mittag hatten von Günther G. verabschieden wollen. Der erwartete uns am Ausgang der Stadt, sah aber gelangweilt wieder weg, als er von ferne nur zwei Zivilisten kommen sah.
Er wollte sich schon zum Gehen wenden, als wir ihm auf die Schulter klopften. Das Erstaunen in seinem Gesicht werde ich nie vergessen. Er hatte früher immer angegeben, jetzt waren wir ihm über! Auch Siegfried K., der mit einem großen Teil seiner Kompanie bei einem Bauunternehmen angekommen war, guckte nicht schlecht. Ansonsten waren wir wohl die letzten, die sich von unserem Haufen noch in Rosenheim herumdrückten.
Nun zum Osterfest!
Frühmorgens wurden wir zu Schönhofers gerufen und mußten im Garten suchen. Schließlich fanden wir jeder ein Nestchen mit zwei oder drei Eiern, einem Päckchen Tabak bzw. Zigaretten und den damals dort so seltenen Streichhölzern. Das war natürlich eine besondere Festfreude, weil sie mehr als unerwartet kam. Wie hatten wir’s nur den Leuten angetan?
Nach dem opulenten Mittagessen bei Rieflers mit abschließendem Bohnenkaffee wurde im Garten die Eierbahn angelegt und gekollert. Wenn man mit seinem andere Eier angeknickt hatte, durfte man diese behalten. Ich weiß aber nicht mehr, wie das Spiel ausging. Wir amüsierten uns nur gewaltig über unsere gegenseitigen Mundarten. War gemeint „ein Ei“, sagten wir Mitteldeutschen „ee Ei“, die Bayern aber „oa Oa“. Nachmittags gings wieder in den Traberhof, abends waren wir bei Schönhofers zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Auch ein bißchen getanzt wurde umschichtig. Aber mit den neuen Tänzen kamen wir nicht mit.
Aber leider ging die schöne Rosenheimer Zeit, die fast eine Rosenzeit war, doch unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Wir konnten ja auch nicht in Ewigkeit arbeitslos herumliegen. Von Nachbarn, die in der Ostzone gewesen waren, hörten wir überdies, es „sei gar nicht so schlimm“, wie es öfter gemacht würde, und wir sollten nur zu unseren Angehörigen fahren. Wir zogen noch allerhand Erkundigungen ein und führen auch nocheinmal nach München. D.h. wir mußten der Frau Simonseder ein paar hier luftschutzsicher niederlegte Federbetten nach Schwabing in ihre Wohnung bringen. In ein paar große Luftwaffenrucksäcke gestopft, ging das ja ganz gut. Bei blenden schönem Wetter fuhren wir los, freuten uns des schönen Landes und wurden bei „Tante Bertha“ ebenso blenden bewirtet. Ich glaube, sie hatte einige Büchsen Konservenfleisch in den Kochtopf geschüttet, dabei hatte sie uns kurz zuvor noch mit einem fetten Frühstück bewirtet. Aber auch Bohnenkaffee und Kuchen, Zigarren und Zigaretten fehlten nicht. Wie kamen wir bloß dazu?

Freiheit! Vollkommene Freiheit! 4. April 1946




Und endlich schlug der Tag der Freiheit, der 4. April 1946! Es gab noch allerhand Lauferei. Die Kochgeschirre mußten abgegeben werden. Behalten durften wir entweder 2 Decken oder 1 Decke und 1 Mantel. Ich hatte noch meinen Schlafsack. Was machen? - Ich Esel gab den Schlafsack mit ab, nur damit bei etwaigen Kontrollen nicht noch einmal Schwierigkeiten entständen. Und dann standen wir mit drei Schritten Abstand nach allen Seiten vor dem Hangar und - warteten. Sämtliche Entlassungspapiere hatten wir in der Tasche. Worauf mußten wir noch warten? Sollte jetzt das berühmte „Filzen“ losgehen. Einige dandyhafte Amisoldaten stiegen durch die Reihen und blinzelten unser Gepäck an. Hier und da machten sie Stichproben.
Wir standen und warteten.
Wir warteten solange, daß ich Zeit hatte, in meinen feinen Spazierstock aus Schluderbach das Wort „Marklhof“ einschnitzen konnte. Ja, das war also nun nurmehr Erinnerung!
Anscheinend wurde nicht Nachteiliges mehr gefunden und in Gruppenkolonne ging es fort: Tornister auf dem Rücken, links Wäschetasche, rechts Aktentasche und Spazierstock, und die Last drückte schon Wenn ich nun noch meinen Koffer schleppen müsste?
Lange genug dauerte es, ehe wir in die Viehwagen des „bayrischen Rundzuges“ gepackt wurden. Solange wir noch drinsaßen, war die Vorschrift, galten wir noch als Kriegsgefangene. Stiegen wir aus, an unserem Bestimmungsort, waren wir frei!
Frei, seit sechs Jahren (bei vielen waren es mehr) wieder einmal richtig frei! Das war nicht auszudenken.
Die Fahrt für uns, die wir Rosenheim als Ziel angegeben hatten, war kurz. Und wir waren unser viele.
Rosenheim, ein wüster, zerstörter Bahnhof. Wir hielten. Wir stiegen aus. Ganze Scharen. Und standen zwischen den Gleisen. Standen und blickten uns um. Und noch, als sich die meisten verkrümelt hatten, stand ich immer noch und schaute:
Freiheit!
Vollkommene Freiheit!
Die Zeit der Unteroffiziere und Befehle war vorbei. Nun konnte man gehen, wohin man wollte. Nun konnte man tun und lassen, was man wollte. Man war ganz einfach sein eigener Herr, sein eigener Befehlshaber und sein eigener Befehlsempfänger.
Das Leben hatte wieder Sinn!
Hatte es Sinn?
Gleich kam mir in die Gedanken: Ja, was tust Du nun eigentlich? Wo gehst du jetzt hin, wo bleibst du heute Nacht, wo wirst du essen, was kannst du arbeiten?
Und da türmten sich bergehoch die Fragen, und es konnte einem tatsächlich Angst und bange werden.
Ja, man war frei, so frei, daß man von allem und jedem, von jeder Bindung und jeder Verpflichtung frei war, aber auch von jeder Versorgung, jedem Rückenhalt, jeder Heimstatt.
Und das war schlimm.
Was tun?
Langsam setzte ich mich nach dem zerstörten Bahnhofsgebäude zu in Bewegung. Dort fand ich denn einen Leidensgenossen, der gleich mir noch nicht fertig geworden war war mit dem Fragenkomplex, während andere schon in der Stadt nach einer Unterkunft herumsausten. Das war Heinz Lehmann, der ehemalige Waffengott und nun schon seit längerer Zeit guter Kamerad und Saufkumpan. Schließlich sagten wir uns, daß wir noch einige hundert Mark in der Tasche hätten, und das würde uns für die ersten Tage vielleicht helfen die Freiheit zu ertragen.
Zuerst gingen wir zu also zu meinem Lokomotivführer. Vielleicht hätte er ein karges Nacht-Lager für uns; denn das war unsere erste Sorge, zumal hier noch eine Art Ausnahmezustand herrschte. Abends mußten wir ja von der Straße verschwinden, sonst würden wir uns nur wenige Stunden unserer Freiheit erfreut haben können. Aber mein Lokführer war überbesetzt. Unsere Kraftfahrer hatten sich dort eingelagert. Das war also nichts. Da standen wir mit unseren trüben Kenntnissen. Die Freiheit war doch nicht so was Feines!
Der Nachmittag ging schon langsam in den Abend über.
Mißliche Lage!
„Gehen wir einmal zu meinem Eisenbahner, zum alten Schönhofer,,“ sagte Heinz Lehmann.
Der alte Schönhofer hatte Nachtdienst bei der Güterabfertigung. Das war eine alter Eisenbahnwagen. Für ein oder zwei Nächte könnten wir da auf dem Fußboden schlafen. Na, das war der erste Lichtblick. Mochte der nächste Tag für sich selbst sorgen.
Die Tage verbrachten wir damit, uns Lebensmittelkarten und sonstigen Papierkrieg zu holen. Wir wollten Arbeit suchen; denn wie es um Heimat und Angehörige stand, das wußten wir nicht und bevor wir nicht etwas wußten, wollten wir uns auch nicht hinüberwagen über die ominöse Zonengrenze. In Aibling noch hatten wir Kameraden kennengelernt, die warteten auf Entlassung in die Ostzone. Die Amis stellten aber keine Transporte mehr zusammen, weil die aus dem Osten kommenden eigentlich nur halb und ganz Tote gebracht haben sollen. Das konnte ja heiter sein!
In Aibling auch hatten Anschläge gehangen, daß Journalisten gesucht würden. Hm, da könnte ich vielleicht unterkommen. Heinz Lehmann suchte Schlossermeister. Während aber ich riesige Fragebögen ausfüllen mußte, erhielt Lehmann überall den Bescheid: „Arbeitskräfte brauchen wir und würden auch sofort welche einstellen - aber Zuzugsgenehmigungen kriegt niemand!“ Aber auch meine Aussichten waren gering. Ich fuhr sogar einmal nach München deswegen. Dort sagte man mir beim Presseverband, das könnte noch Monate dauern, bis der Ami seine Zustimmung gegeben habe. Aber solange hatte ich nicht Zeit. Bei der Rosenheimer Zeitung ließ ich mich auch einmal melden. Dort waren allerhand Sachsen als Schriftleiter, leider war die ganze Redaktion überbesetzt. Das war also nichts.
Ein Offizier vom Divisionsstab verteilte auf dem Bahnhof Hilfsarbeiterstellen für die Reichsbahn. Er geriet dabei zwar in schweren Konflikt mit dem Arbeitsamt, wir sahen aber später doch Marklhof-Kameraden an der Bahnlinie nach München schippen.
Inzwischen regelte sich unser Unterkommen erwünschtermaßen. Wir hatten den alten weißhaarigen Schönhofer gebeten und getreten, bis er sich einmal bei Bekannten befragt hatte. Zwar hatte er uns erst abwimmeln wollen, er wohne weit draußen in einer Siedlung, aber hier mitten in Rosenheim war ja doch nichts zu kriegen. Manche hatten schon vorher mit Beziehungen und Bekanntschaften geprunkt. Jetzt schliefen sie irgendwo auf Tischen oder in Hausfluren und mußten bald machen, daß sie fortkamen. Wir also hatten Glück!
„Meine Nachbarin, die Frau Riefler…..“ und wir dankten dem alten Schönhofer, pumpten uns von wildfremden Leuten unter Hinweis auf Ernst Pursche, der dort einen Fahrrad untergestellt hatte, einen Stoßkarren und karrten unser Gepäck hinaus in die Kastenau. Das war die Kinderreichen-Siedlung von Rosenheim, anheimelnd in typisch bayrisch-älplerischen Baustil errichtet. Die Frau Kathi Riefler empfing uns wie heimgekehrte Söhne, und es war von Anfang an eine große Herzlichkeit zwischen uns. Sie hatte noch Mann und ältesten Sohn in der Fremde, ohne Nachrichten zu haben, und wollte nun ein gutes Werk tun. Es waren noch eine Anzahl Kinder da, zwei Buben und zwei Mädchen, das kleinste so drei, vier Jahre alt, mir denen wir uns auch gleich verstanden. Wir erhielten eine Schlafkammer mit richtigen Federbetten. Der Söller war von hier aus auch gleich zu betreten, sodaß wir erst einmal aufatmen konnten. Wir machten einen Wochenpreis von wohl 10 Mark aus, machten uns aber anheischig auch sonst der allein stehenden Frau zur Hand zu gehen. Mit Schönhofers wurde auch gleich Freundschaft geschlossen. Hier waren nur noch zwei „Maadeln“ im Haus, die 12jährige Ziska und die 16jährige Gretel, zwei nette Käfer.
Wir bleiben ganze drei Wochen hier zur „Nachkur“ von der Sommerfrische Marklhof. Es war eine schöne Zeit, die uns allem durch die vorbehaltlose Gastfreundschaft unvergeßlich bleiben wird. Nicht bloß bei Rieflers und Schönhofers lernten wir das kennen, sondern auch in Geschäften. Wo immer wir einkaufen gingen, Bäcker und Fleischer, wurde uns zugegeben oder im Preis nachgelassen oder ohne Marken verkauft usw. Besonders hervor tat sich eine „Gemischwarenhandling“, von zwei alten Schwestern bewirtschaftet, die nicht genug tun konnten, uns auf ihre Weise zu „bemutteln“. Da war natürlich, trotz unserer gefestigten Bewußtsein in der Brieftasche (300 Mark), gut haushalten.
Zunächst wurde also einmal lange geschlafen. Dann ging es oft in die Stadt, all die genannten Besorgungen zu erledigen. Mittagessen nahmen wir ebenfalls in der Stadt in einem Gasthof, dessen Name mir entfallen ist. Der erste Gang nach der Quartiernahme war natürlich ein Telegramm nach Hause, worauf die Antwort am 8. eintraf. Der angekündigte Brief kam leider nicht, und da das Telegramm verstümmelt, nämlich mit falscher Unterschrift ankam, blieb ich unsicher. Beim Flüchtlingskommissar mußten wir uns einige Male die Aufenthaltsgenehmigung verlängern lassen, was nie ohne Schwierigkeiten abging.
Bereits am ersten Sonntag wurden wir von Frau Riefler zum Mittagessen, grüne Klöße, eingeladen. Nachmittags unternahmen wir mit den vereinigten Familien Riefler-Schönhofer einen Spaziergang nach einem schönen Ausflugslokal, dem „Traberhof“. Dort gab es Eiskaffee, Kartoffelsalat mit „Bluatspreßsack“, einer Art markenfreier Blutwurst (ohne Fleisch!). Wir fühlten uns ganz zivil. Unserer Wirtin halfen wir fleißig. Heinz Lehmann setzte ihr das Wasserclosett und den verstopften Abfluß im Waschhaus instand. Ich half natürlich. Dann konnten wir selbst einmal unser Zeugs waschen. Mal hackten wir ihr eine gehörige Fuhre Holz, mal karrten wir ihr Sand in den Garten, mal banden und beschnitten wir ihr Spalierobst, halfen den Kindern bei den Schularbeiten und was derlei Arbeiten mehr waren.
Das Wetter wurde schon so schön warm, daß wir bald wieder in kurzer Südtiroler Wichs marschieren und uns im Garten sonnen konnten. Und abends war meist großes Treffen der vereinigten Familien. Da wurden mal bei Rieflers, mal bei Schönhofers Pfänderspiele gemacht, bei denen es nicht ohne sehr viele landesübliche bayrische Busselei abging, die besonders dann als angenehm empfunden wurde, wenn es sich bei dem zu küssenden Objekt oder dem küssen müssenden Subjekt um die hübsche knusprige Gretel Schönhofer ging. Ja, es war halt der erste Friedensgenuß!
Von ferne die Kämme verblauender Gipfel,
von nahem der Tannen ernst grünende Wipfel
und zwischen der Bäume weiß blühender Pracht
ein Teppich, von Gärten gewirkt und gekettet,
drein saubere Häuslein geschmiegt und gebettet -
dort hat uns ein Frühling so sonnig gelacht.

Wo Menschen nach mondelang währendem Beben
Erstanden zu froherem, freierem Leben,
wo Gastfreundschaft blüht wie die Rose im Hag,
wo Kinder im Spiel wieder jauchzen und singen
und Gärten und Hecken vom Vogelschlag klingen -
dort ward uns ein leuchtender Vorfrühlingstag.

Und senkte der Abend sich mählich hernieder,
sang einsam ein Glöckchen andächtige Lieder,
begann der sich rundende  Mond voller ruh
am Himmel auf silbernen Wolken zu wandern,
verlöschte eine leuchtendes Licht nach dem anderen,
dann summten wir uns noch im Traum fröhlich zu:

Ja, drauß’ in der Kast’nau,
wo in Wäldern und Au
ist vom Winter die Erde genesen;
ja, drauß’ in der Kast’nau,
wo der Himmel so blau
und die Mädchen so lieb stets gewesen!
Da ist uns von neuem das Leben erwacht
Und hat uns die Herzen zur Freude entfacht.
Und werden die Tage einst wiederum grau,
was die Sorgen vertreibt, die Erinnerung bleibt
an den Lenz in der lieben Kast’nau!

Mittwoch, 5. März 2014

Ende der Gefangenschaft - Entlassungslager in München und viel Bürokratie

Endlich, in kühler Morgenhelle, wurden wir wieder in Fahrt gesetzt. Auf jedem Wagen waren nur noch Fahrer und Beifahrer geduldet worden. So hatte ich auch Glück. „Jetzt“ griente Alfred K., „jetzt wollen wir noch einmal fahren wie nie! Es ist die letzte Fahrt!“ und - auf mein Stabslied anspielend - „Der Autofriedhof soll Wahrheit werden!“ So brausten wir los wie von tausend Teufeln gejagt. An Kolonnefahren war nun nicht mehr zu denken. In wilder Freude suchte einer den anderen zu überholen, erst kurz vor München wurden wir wieder aufgehalten. Ein Kommando von der Stadtkommandantur empfing uns, um uns durch München durchzuleiten. Wie wir später erfuhren, machten diese Amis einen Fehler, indem sie uns statt durch die Außenbezirke mitten durch den Stadtkern der bayrischen Residenz hindurchlotsten. Das war ein Kapitel bei dem horrenden Großstadtverkehr, uns aber ein gefundenes Fressen. Herrje, dieser friedensmäßige Betrieb! Autos, alle Sorten vom kleinsten Dreirad-Lieferwagen bis zum größten 12-Achser-Lastzug, vom kleinsten Hanomag bis zur Luxus-Limousine, Motorräder aller Klassen, Fahrräder aller Schattierungen, und dann - manche Kameraden kriegten Stielaugen - Frauen und Mädchen!! Aber man sah auch wildgewordene Amis, die einfach mit dem Pistolenkolben auf Vorfahrer einhieben, nur weil sie wegen gesperrter Fahrt bei einer Kreuzung warten mußten. So fuhren wir also durch München und hatten die Augen offen. Viel schien nicht zerschossen zu sein. Das gotische Rathaus zeigte einige Schrammen und wurde instand gesetzt. Ein Straßenzug zeigte einige Trümmer. Und dann fuhren wir sogar über den „Königlichen Platz“, diesen weiten, von ganz glatten Klinkern ganz eben ausgelegten Platz, kamen auch an dem ehemaligen Ehrenmal für die Nazi-„Gefallenen des 9. November“ vorbei, an dem allerdings Inschriften, Kränze usw. verschwunden waren; denn die Amis hatten nichts für die Nazis übrig. Endlich weit draußen in einer Vorstadt fuhren wir auf einen weiten Hof auf. Was sollte nun werden? Es kümmerte sich niemand um uns. Ob wir abhauten? Oder - in den Kisten auf den Wagen war noch allerhand verpackt. Ob wir uns was rausholten? Schuhsohlen? Bücher? Leider hätte das ziemlicher Umbauten bedurft, und den Schlüssel hatten wir auch nicht. Und wer weiß? In letzter Minute wollten wir uns die nun bereits im Blickfeld stehende Entlassung nicht noch verscherzen. Also lassen und - warten. Endlich, am Spätnachmittage, sollten wir abgeholt werden. Da sahen noch etwas Außerordentliches. Während z.B. unser langer Major schon längst seine Uniform zivilisiert und entmilitarisiert hatte, waren einige Kompanie-Offiziere immer noch mit ihren geliebten Schulterstücken herumgesaust. Nun aber mußten sie endgültig werg. Das war uns ein Augenschmaus. Jetzt waren diese hochnäsigen Gesellen auch nicht mehr als wir - wie es auch Tatsache war. Wir rollten also mit - ich glaube - zwei Lkw.s wieder durch München. Die Kraftfahrer trauerten zwar ihren schönen Opel-Blitzen nach, aber was tats. Noch einmal gings durch München. Nun schienen wir wirklich PoW.s zu sein. Früh hatten uns noch Münchener gefragt, als sie uns so in „voller Kriegsbemalung“ hatten daherfahren sehen: „Wo habt ihr die Waffen?“, zwar nur geflüstert aber in der ernstesten Überzeugung, es ginge wieder los und nun gegen Russland. Jetzt fragte niemand mehr. Wir verließen München. Bayrische Hochebene. Eine ganze Weile. Dann ein anscheinend verlassener Flugplatz. „Das ist schon Aibling!“ sagte einer. Dann durch einen Ort, freundlich und sauber, das „Bad“ Aibling. Schließlich ins Gefangenen- oder Entlassungslager hinein. Auch das ein ehemaliger Flugplatz. Vor einem riesigen luftigen Bauwerk, der ehemaligen Flugzeughalle, dem Hangar, ein Gewimmel von schwarzgekleideten Kameraden. „Das ist die SS!“ wollte einer wissen. Das war allerdings verkehrt. Es war schon Dienstschluß in der Lagerverwaltung. Lange mußten wir in unseren Wagen warten. Endlich nahmen uns deutsche Kameraden in Empfang. Gänsemarsch mit allem Gepäck. Vor einer behelfsmäßigen Barrière standen zwei mit großen Pulverspritzen. Brust frei, Hosenstall auf! Zwei Spritzen Insektenpulver hinein! Der Nächste! Und das ohne Unterschiede ob Offizier oder Mann. Das tat in gewisser Weise wohl. „Cage 13“ (gespr. keetsch) wurde uns bedeutet. Das ganze riesige Lager war in kleinere Abteilungen aufgeteilt, in die Cages mit je etwa vier bis sechs langen Baracken. Also Nr. 13. Wenn das nichts Gutes bedeutet!? Hinein! Auch wieder ohne Unterschied. Major K. lag mit unser unserem Dach. Der Raum des Cages war bald abgeschritten. Lattenroste zwischen den Baracken und zur Waschbaracke hin. Ringsum Stacheldraht und zwar gleich doppelt. Aller 100 oder 200 Meter ein Wachtturm. Da saßen Polen von der Anders-Armee in amerikanischen Uniformen. Sie seien sehr scharf und schössen sofort. Nun, das wollten wir nicht ausprobieren. Verpflegung mittelmäßig gegenüber Südtirol. Zu jeder Mahlzeit Gemüsesuppe. Wir zehrten von unseren Südtiroler Fettpolstern. Die erste Überraschung war, daß die Sudetendeutschen herausgezogen wurden. Zu welchem Ende wussten wir nicht. Jedenfalls war alles erschrocken und betrübt. Später stellte sich heraus, daß diese Heimatlosen erst entlassen wurden, nachdem man ihnen eine Arbeitsstelle ausgemacht hatte. Sie brauchten nicht viel länger zu warten als wir. Eine kleine Tragikomödie dabei: unser Stabselektriker war im Sudentenland geboren, hatte aber längst in Leipzig Heimatrecht, Werkstatt und Familie. Er mußte aber zunächst auch mit nach Cage 14. Wir winkten uns manche Botschaft zu, obwohl das streng verboten war. Die Zeit verfloß im Nichtstun schneckenhaft. Da wir arg zusammengepfercht waren, war an irgendeine persönliche Tätigkeit, etwa Dichten, auch nicht zu denken. Die meisten spielten im Freien Skat und Doppelkopf, denn es war schön warm in diesen letzten Märztagen. Hier klärte sich auch der Charakter der vermeintlichen schwarzen SS-Kameraden auf. Es waren Kriegsgefangene die direkt aus Amerika kamen. Man hatte sie dort schwarz eingekleidet. Einer fragte durch, ob wir nicht einige Fettigkeiten hätten. Er gäbe Tabak dafür. Ich ging mit meiner Büchse Bratenfett auf den Handel. Einer zeigte mir drei Päckchen feinsten amerikanischen Pfeifentabak. “Na,“ fragte ich, „welchen willst du mir geben? Welches ist der beste?“ Er gab mir für mein Büchschen aber drei. „Nicht sehen lassen!“ warnte er mich noch. Ich entleerte die Herrlichkeiten in meinen großen Tabaksbeutel, die Schärfe des italienischen Landtabaks dadurch angenehm mischen und mildern zu können. Kam der Major zu mir: „Hören sie, ich bin zum Barackenältesten ernannt worden und soll einen Schreiber einsetzen!“ So wurde ich Barackenschreiber und wanderte allabendlich in die Cage-Kommandantur zur Stärke-Meldung. Da vermisse ich doch eines Tages die Tabakspfeife, die geliebte Corteserin. Teufel nocheinmal! Am nächsten Abend finde ich sie in der Kommandantur wieder. So was Dummes! Ich fand aber noch etwas: Eine feine Aluminium-Feldflasche in meinem Strohsack. Die kam mir wie gerufen. Ich hatte seiner Zeit in Chemnitz so eine komisch lackierte bekommen. Was man hineinfüllte schmeckte nach Lack. Sie war auch kleiner als die „alumiumenere“. Nun stellte ich mich eine Stunde in den Waschraum und knetete und dehnte denn Filzüberzug auf Anraten Paul L. solange unter dem Wasserstrahl, bis er über die neue Flasche passte. Die lackierte konnte mein Bettnachfolger finden. Es war eine langweilige Zeit. Sie schien Wochen zu dauern. Doch schon nach vier Tagen, nämlich am 2. April kamen wir in das eigentliche Entlassungslager, in den Hangar 7. Wir hatten ihn schon am Sonntag bewundern können, als wir unter Führung unseres Majors zum Gottesdienst marschiert waren. Da war man wenigstens mal herausgekommen aus dem engen Stacheldrahtkäfig. Aber jetzt im Hangar, das Drama! Ich glaube sechsfach standen in der hohen Halle die Betten übereinander. Dieser Mief! Dabei war alles ausgetrocknet, weil den ganzen Tag der besseren Durchlüftung wegen die haushohen Türen aufgeschoben wurden. Da geschah es mehr als einmal, daß der oberste Schläfer, im sechsten Stock durchbrach, auf den fünften segelte, mit diesem auf den vierten und so weiter bis herunter, denn Strohsäcke waren nicht vorhanden, die hier vielleicht ein wenig gebremst hätten. Trotzdem hatte ich mich ganz oben hingelegt, mit sämtlichen Gepäck. Gut, daß ich meinen Schlafsack hatte. Zwei Nächte verbrachten wir hier notgedrungenerweise. Mir kamen sie vor wie 20. Abends ergingen wir im Lichte starker Scheinwerfer vor der Halle auf dem asphaltierten Vorhof. Keiner hatte Lust in die unsicheren Betten zu steigen. Endlich, am 3. April, begann der endlose Schlangenweg der Durchschleusung durch die Entlassungsmaschinerie. In Erwartung der goldenen Freiheit ließen wir alles über uns ergehen. Der Major ließ durchflüstern: „Keine dummen Bemerkungen machen bei den Verhören. Einen Major vom Divisionsstab hat man wegen nazistischer Einstellung gleich fortgeschafft!“ Später hieß es: „Als Heimatanschrift irgendeinen Ort in Westdeutschland angeben. Es wird nicht nach der Richtigkeit geforscht. Man weiß Bescheid, - weil wir die Brennerstrecke aufgebaut haben!“ Also war doch irgendwas Wahres an dem Gerücht, wir würden als Hilfsarbeiter bei der Reichsbahn eingestellt.