So kam das Osterfest heran. Frau Riefler war sehr fromm und ging oft,
fast täglich zum Gottesdienst. In dieser Osterzeit natürlich besonders, da die
Lebensmittelzuteilung nicht auf Fastenspeisen Rücksicht nahm, also weder
gebüßt und gebeichtet werden mußte. Der für uns gewohnte Gründonnerstag ging
aber ohne Aufhebens auch für die Kinder dahin. Ostern war erst am 1. Feiertag,
und Groß und Klein schwärmte schon vom „Eierknicken“. Am Ostersonnabend
Nachmittag ging Frau Riefler wiederum zur Kirche, ich war allein im Hause.
„Also, “ sagte sie, als sie ging, „es kann sein, in der Zeit kommt meine
Schwester, die Tante Bertha, aus München. Lassen Sie sie inzwischen herein.“
Vom Hereinlassen konnte natürlich insofern keine Rede sein, als die Tür
tagsüber immer offen war. Ich saß also in der Küche und wartete. Die
Ankömmlingin war natürlich nicht schlecht erstaunt über das fremde Gesicht.
Aber ich machte mein bestes Kompliment und stellte mich vor. Die Freundschaft
war rasch hergestellt. Die gute Tante Bertha Simonseder lud uns gleich für das
feiertägliche Mittagessen ein, denn sie hatte allerhand mitgebracht. Sie hub
auch gleich, als wäre sie zu Hause, zu backen an. Mit diesen Bayern war doch
ein gutes Auskommen!
Am 1. Feiertag warfen wir uns gleich in Glanz und Wichs, und das muß noch
gesagt werden: Bereits zum Palmsonntag hatte uns Frau Schönhofer von ihren
großen, noch nicht zurückgekehrten Buben Zivilanzüge samt dazugehöriger Wäsche
geborgt. Die Schuhe stellte Frau Riefler. Da waren wir natürlich erst einmal
platt ob dieses Vertrauensbeweises, und es war kein dickes Ende, daß wir am
Abend dieses Sonntags mit Frl. Gretchen hatten ins bayrische Bauerntheater
gehen müssen. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Aber einen schönen Fez hat uns
da noch insofern verschafft, als wir uns an diesem Sonntag Mittag hatten von
Günther G. verabschieden wollen. Der erwartete uns am Ausgang der Stadt,
sah aber gelangweilt wieder weg, als er von ferne nur zwei Zivilisten kommen
sah.
Er wollte sich schon zum Gehen wenden, als wir ihm auf die Schulter
klopften. Das Erstaunen in seinem Gesicht werde ich nie vergessen. Er hatte
früher immer angegeben, jetzt waren wir ihm über! Auch Siegfried K., der mit
einem großen Teil seiner Kompanie bei einem Bauunternehmen angekommen war,
guckte nicht schlecht. Ansonsten waren wir wohl die letzten, die sich von
unserem Haufen noch in Rosenheim herumdrückten.
Nun zum Osterfest!
Frühmorgens wurden wir zu Schönhofers gerufen und mußten im Garten
suchen. Schließlich fanden wir jeder ein Nestchen mit zwei oder drei Eiern,
einem Päckchen Tabak bzw. Zigaretten und den damals dort so seltenen
Streichhölzern. Das war natürlich eine besondere Festfreude, weil sie mehr als
unerwartet kam. Wie hatten wir’s nur den Leuten angetan?
Nach dem opulenten Mittagessen bei Rieflers mit abschließendem
Bohnenkaffee wurde im Garten die Eierbahn angelegt und gekollert. Wenn man mit
seinem andere Eier angeknickt hatte, durfte man diese behalten. Ich weiß aber
nicht mehr, wie das Spiel ausging. Wir amüsierten uns nur gewaltig über unsere gegenseitigen
Mundarten. War gemeint „ein Ei“, sagten wir Mitteldeutschen „ee Ei“, die Bayern
aber „oa Oa“. Nachmittags gings wieder in den Traberhof, abends waren wir bei
Schönhofers zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Auch ein bißchen getanzt wurde
umschichtig. Aber mit den neuen Tänzen kamen wir nicht mit.
Aber leider ging die schöne Rosenheimer Zeit, die fast eine Rosenzeit
war, doch unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Wir konnten ja auch nicht in
Ewigkeit arbeitslos herumliegen. Von Nachbarn, die in der Ostzone gewesen
waren, hörten wir überdies, es „sei gar nicht so schlimm“, wie es öfter gemacht
würde, und wir sollten nur zu unseren Angehörigen fahren. Wir zogen noch
allerhand Erkundigungen ein und führen auch nocheinmal nach München. D.h. wir
mußten der Frau Simonseder ein paar hier luftschutzsicher niederlegte
Federbetten nach Schwabing in ihre Wohnung bringen. In ein paar große Luftwaffenrucksäcke
gestopft, ging das ja ganz gut. Bei blenden schönem Wetter fuhren wir los,
freuten uns des schönen Landes und wurden bei „Tante Bertha“ ebenso blenden
bewirtet. Ich glaube, sie hatte einige Büchsen Konservenfleisch in den Kochtopf
geschüttet, dabei hatte sie uns kurz zuvor noch mit einem fetten Frühstück
bewirtet. Aber auch Bohnenkaffee und Kuchen, Zigarren und Zigaretten fehlten
nicht. Wie kamen wir bloß dazu?
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