Samstag, 24. Mai 2014

Lager Elsterhorst Hoyerswerda! - Üble Erinnerungen.



Einige hundert Mann lagen wir in einer Baracke. Keine Strohsäcke, nur ein bißchen Drahtgeflecht als Matratze, keine Freunde, keinen Tabak, keine Beschäftigung, eine sehr mäßige Waschanlage und noch mäßigerer Abtritt, stundenlanges Anstehen zu der dünnen Wassersuppe - ach es war zum Davonlaufen! Aber da war der Stacheldraht, und der hatte nur den einen Vorteil, daß er einfach ums ganze Lager herumging. An ihm entlang führt weitum ein festgetretener Trampelpfad, und auch ich fand meine einzige Beschäftigung darin, hier immer ringsumherzulaufen und den Haufen zu meiden. Übel, höchst übel!
Jetzt aber kam wenigsten Post von zu Hause. Na, die Neuigkeiten waren auch nicht gerade erhebend. Allerhand Verwandte und Bekannte hatten im verflossenen Jahr des völligen Abgeschiedenseins von der Heimat das Zeitliche gesegnet. Die Kästner-Großmutter, Onkel Johannes, Onkel Max, und auch mein Vetter Heinz Beyer. Und dann, schrieb Mutter, von Onkel Otto und Onkel Helmut fehlt jede Nachricht! Sie waren auch Schriftleiter gewesen - was war mit ihnen? Ich begann um meine Zukunft zu zittern, obwohl Vater bald schrieb, ich könnte sofort als Neulehrer anfangen. Das war ein Lichtblick, aber ein verdüsterter.
Als die Tage so gar nicht vergehen wollten, machte ich mir trotz düsterer Seele Beschäftigung und fing, immer am Zaun entlang wandernd wieder zu dichten an. Ruhe hatte ich ja, zur Konzentration zwang ich mich, und siehe da, es entstand allerhand Schönes, was schon in diesen Blättern festgelegt ist: „Wo rauschend die Eisack der Etsch sich vermählt…“ oder die oben stehende „Heimkehr“, die „Veroneser Klause“, der „Abschied von Südtirol“ usw. Da hatte ich denn wenigstens einige Tage etwas zu tun.
Mißlich war, daß schon bald ich herausstellte, daß meine amerikanischen Entlassungspapiere verschwunden waren. Ich hätte heulen können vor Zorn. Es halfen keine Vorstellungen bei der Lagerkommandantur, und erst meine eigenen Bemühungen nach der Entlassung ließen mich nach Monaten erst wieder zu den wichtigen Papieren kommen.
Täglich schrieb ich in meinen Kalender, wie viel Zeit ich schon abgesessen, ach, und die Zeit wollte nicht verfließen! Als sich die Paradentose meldete, ging ich ins Revier. Aber Medizin gab es nicht. Als die Langeweile groß wurde, kaufen wir uns Tee zum Rauchen, aber der schmeckte nicht. Aber als ich schreiben konnte „Der 12. Tag der Quarantäne“, begannen die Entlassungs-„Feierlichkeiten“ mit einem neuerlichen Entlausen. Damals haben wir tüchtig über unseren Südtiroler Flimmerfritzen gelacht, den Filmvorführer, der sich Kragen und Gürtel voll Geld gesteckt hatte und noch einmal auftrennen, herausnehmen, zunähen, Geld verbergen, wieder auftrennen, Geld hineinstecken und erneut zunähen mußte. Die Sorge hatte ich mit meinen letzten paar Markscheinen nicht.
Aber doch erst am Sonnabend, dem 18. Mai, als dem 14. Tag der Quarantänezeit wurden wir mittags entlassen, und das war eine große Gnade. Wenn es ein gewöhnlicher Wochentag gewesen wäre - na, der Zorn hätte uns umgebracht.
Aber nun ging die Schlepperei wieder los, zu Fuß nach Hoyerswerda. Zum Glück erwischte ich diesmal einen Handwagen. Und nun ging auch die trottelige Bahnfahrerei wieder los. Aber wir waren wenigstens raus aus dem blöden Lager. Die sudetendeutschen und schlesischen Kameraden ließen sie ja überhaupt nicht raus, wie die uns erzählten, erst wenn sich die Angehörigen gemeldet hätten!!
            Ja, also die Bahnfahrerei!
Bereits in Ruhland mußten wir wieder aussteigen und auf denn Anschlusszug warten, und der kam nicht. Wir begannen schon zornig zu rechnen, ob wir überhaupt den Anschluß nach Dresden wenigstens erreichen könnten. Als er kam, konnten wir wieder nur bis Biehla sitzen bleiben, und vor dort aus mußten wir bis Elsterwerda, bis zum Bahnhof laufen. Wenn das auch „nur“ zwei Kilometer waren, so bin hier doch bald verrückt geworden. Die Schlepperei, keine Handwagen und dabei die Eile, den D-Zug Berlin-Dresden noch zu erreichen. Wir wußten ja noch nicht, daß damals bei uns die Züge fahrplanmäßige Verspätung hatten. Na, jedenfalls, am liebsten hätte ich meinen Koffer auf die Straße gekracht und wäre so weiter. Der Schweiß floß in Strömen und der Atem wurde immer knapper. Elender Mist!
             Endlich Elsterwerda!
            Endlich auf dem Bahnsteig!
            Aber wie!
Das Gedränge! Gesteckt voll stand der Bahnsteig, und ich mußte es als Glück preisen, daß ich ganz vorn anstand, wo ich natürlich in Gefahr stand, von der Lokomotive rasiert zu werden und nicht bloß am Bart. Und dennoch, wider jedes Vorausgesicht, klappte es. Der Zug führ ein und hielt mit der Breitseite eines Wagens, nicht mit einem Einstieg vor mir. Ich spähte in ein Abteil durchs Fenster hinein  und sah, daß im Gepäcknetz ein Platz frei war. Ein junges Ehepaar schaute heraus. „Ist ein Platz frei? - Bitte nehmen Sie mir doch meinen Koffer ab!“ und wahrhaftig, sie tatens. In Ruhe drängte ich mich nun hinein in „meinen“ Wagen und konnte ich auf den mir freigehaltenen Platz auch tatsächlich setzen.
So nun entspannen, Augen schließen und an die Heimkehr denken! Trotz D-Zug ging es mir noch langsam genug vorwärts. Eine Frau bot mir ein Stück Kuchen an, ein Herr eine Zigarette. Ich aß mit Genuß und rauchte in vollen Zügen.
Und so kam Dresden heran, Dresden-Neustadt!
Geliebtes Dresden, wie werde ich Dich wiedersehen?
Der nächste Zug nach Hause ging erst am nächsten Morgen vom Hauptbahnhof ab, ein Bummelzug!
Ich hatte unterwegs einen Glauchauer getroffen, mit dem ich nun zusammenhielt. Wir setzten uns in den Wartesaal. Ein biederer Erzgebirger, von Hamsterfahrt kommend, ließ uns unser trockenes Brot in einen riesigen Siruptopf tauchen.
Nach knapp durchdöster Nachte machten wir uns in aller Morgenfrühe auf, den Hauptbahnhof aufzusuchen. An meinem Spazierstock trugen wir zu zweit meinen immer schwerer werdenden Koffer. Und wir sahen Dresden. Zwar nur das Stück vom Neustädter zum Hauptbahnhof, aber wir gingen nur durch eine öde, tote Stein- und Trümmerwüste. Unser schönes Dresden! Das war ein Wiedersehen mit der Sachsenheimat! Armes Deutschland!
Es muß schon gegen 5 Uhr früh gewesen sein, daß wir unseren Zug bestiegen. 6.50 Uhr fuhr er erst.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen