Einige hundert Mann lagen wir in einer Baracke. Keine Strohsäcke, nur ein
bißchen Drahtgeflecht als Matratze, keine Freunde, keinen Tabak, keine
Beschäftigung, eine sehr mäßige Waschanlage und noch mäßigerer Abtritt,
stundenlanges Anstehen zu der dünnen Wassersuppe - ach es war zum Davonlaufen!
Aber da war der Stacheldraht, und der hatte nur den einen Vorteil, daß er
einfach ums ganze Lager herumging. An ihm entlang führt weitum ein
festgetretener Trampelpfad, und auch ich fand meine einzige Beschäftigung
darin, hier immer ringsumherzulaufen und den Haufen zu meiden. Übel, höchst
übel!
Jetzt aber kam wenigsten Post von zu Hause. Na, die Neuigkeiten waren
auch nicht gerade erhebend. Allerhand Verwandte und Bekannte hatten im
verflossenen Jahr des völligen Abgeschiedenseins von der Heimat das Zeitliche
gesegnet. Die Kästner-Großmutter, Onkel Johannes, Onkel Max, und auch mein
Vetter Heinz Beyer. Und dann, schrieb Mutter, von Onkel Otto und Onkel Helmut
fehlt jede Nachricht! Sie waren auch Schriftleiter gewesen - was war mit ihnen?
Ich begann um meine Zukunft zu zittern, obwohl Vater bald schrieb, ich könnte
sofort als Neulehrer anfangen. Das war ein Lichtblick, aber ein verdüsterter.
Als die Tage so gar nicht vergehen wollten, machte ich mir trotz düsterer
Seele Beschäftigung und fing, immer am Zaun entlang wandernd wieder zu dichten
an. Ruhe hatte ich ja, zur Konzentration zwang ich mich, und siehe da, es
entstand allerhand Schönes, was schon in diesen Blättern festgelegt ist: „Wo
rauschend die Eisack der Etsch sich vermählt…“ oder die oben stehende
„Heimkehr“, die „Veroneser Klause“, der „Abschied von Südtirol“ usw. Da hatte
ich denn wenigstens einige Tage etwas zu tun.
Mißlich war, daß schon bald ich herausstellte, daß meine amerikanischen
Entlassungspapiere verschwunden waren. Ich hätte heulen können vor Zorn. Es
halfen keine Vorstellungen bei der Lagerkommandantur, und erst meine eigenen
Bemühungen nach der Entlassung ließen mich nach Monaten erst wieder zu den
wichtigen Papieren kommen.
Täglich schrieb ich in meinen Kalender, wie viel Zeit ich schon
abgesessen, ach, und die Zeit wollte nicht verfließen! Als sich die Paradentose
meldete, ging ich ins Revier. Aber Medizin gab es nicht. Als die Langeweile
groß wurde, kaufen wir uns Tee zum Rauchen, aber der schmeckte nicht. Aber als
ich schreiben konnte „Der 12. Tag der Quarantäne“, begannen die Entlassungs-„Feierlichkeiten“
mit einem neuerlichen Entlausen. Damals haben wir tüchtig über unseren Südtiroler
Flimmerfritzen gelacht, den Filmvorführer, der sich Kragen und Gürtel voll Geld
gesteckt hatte und noch einmal auftrennen, herausnehmen, zunähen, Geld
verbergen, wieder auftrennen, Geld hineinstecken und erneut zunähen mußte. Die
Sorge hatte ich mit meinen letzten paar Markscheinen nicht.
Aber doch erst am Sonnabend, dem 18. Mai, als dem 14. Tag der
Quarantänezeit wurden wir mittags entlassen, und das war eine große Gnade. Wenn
es ein gewöhnlicher Wochentag gewesen wäre - na, der Zorn hätte uns umgebracht.
Aber nun ging die Schlepperei wieder los, zu Fuß nach Hoyerswerda. Zum
Glück erwischte ich diesmal einen Handwagen. Und nun ging auch die trottelige Bahnfahrerei
wieder los. Aber wir waren wenigstens raus aus dem blöden Lager. Die
sudetendeutschen und schlesischen Kameraden ließen sie ja überhaupt nicht raus,
wie die uns erzählten, erst wenn sich die Angehörigen gemeldet hätten!!
Ja, also die Bahnfahrerei!
Bereits in Ruhland mußten wir wieder aussteigen und auf denn Anschlusszug
warten, und der kam nicht. Wir begannen schon zornig zu rechnen, ob wir überhaupt
den Anschluß nach Dresden wenigstens erreichen könnten. Als er kam, konnten wir
wieder nur bis Biehla sitzen bleiben, und vor dort aus mußten wir bis
Elsterwerda, bis zum Bahnhof laufen. Wenn das auch „nur“ zwei Kilometer waren,
so bin hier doch bald verrückt geworden. Die Schlepperei, keine Handwagen und
dabei die Eile, den D-Zug Berlin-Dresden noch zu erreichen. Wir wußten ja noch
nicht, daß damals bei uns die Züge fahrplanmäßige Verspätung hatten. Na,
jedenfalls, am liebsten hätte ich meinen Koffer auf die Straße gekracht und
wäre so weiter. Der Schweiß floß in Strömen und der Atem wurde immer knapper.
Elender Mist!
Endlich Elsterwerda!
Endlich auf dem
Bahnsteig!
Aber wie!
Das Gedränge! Gesteckt voll stand der Bahnsteig, und ich mußte es als
Glück preisen, daß ich ganz vorn anstand, wo ich natürlich in Gefahr stand, von
der Lokomotive rasiert zu werden und nicht bloß am Bart. Und dennoch, wider
jedes Vorausgesicht, klappte es. Der Zug führ ein und hielt mit der Breitseite
eines Wagens, nicht mit einem Einstieg vor mir. Ich spähte in ein Abteil durchs
Fenster hinein und sah, daß im
Gepäcknetz ein Platz frei war. Ein junges Ehepaar schaute heraus. „Ist ein
Platz frei? - Bitte nehmen Sie mir doch meinen Koffer ab!“ und wahrhaftig, sie
tatens. In Ruhe drängte ich mich nun hinein in „meinen“ Wagen und konnte ich
auf den mir freigehaltenen Platz auch tatsächlich setzen.
So nun entspannen, Augen schließen und an die Heimkehr denken! Trotz
D-Zug ging es mir noch langsam genug vorwärts. Eine Frau bot mir ein Stück
Kuchen an, ein Herr eine Zigarette. Ich aß mit Genuß und rauchte in vollen
Zügen.
Und so kam Dresden heran, Dresden-Neustadt!
Geliebtes Dresden, wie werde ich Dich wiedersehen?
Der nächste Zug nach Hause ging erst am nächsten Morgen vom Hauptbahnhof
ab, ein Bummelzug!
Ich hatte unterwegs einen Glauchauer getroffen, mit dem ich nun
zusammenhielt. Wir setzten uns in den Wartesaal. Ein biederer Erzgebirger, von
Hamsterfahrt kommend, ließ uns unser trockenes Brot in einen riesigen Siruptopf
tauchen.
Nach knapp durchdöster Nachte machten wir uns in aller Morgenfrühe auf,
den Hauptbahnhof aufzusuchen. An meinem Spazierstock trugen wir zu zweit meinen
immer schwerer werdenden Koffer. Und wir sahen Dresden. Zwar nur das Stück vom
Neustädter zum Hauptbahnhof, aber wir gingen nur durch eine öde, tote Stein-
und Trümmerwüste. Unser schönes Dresden! Das war ein Wiedersehen mit der
Sachsenheimat! Armes Deutschland!
Es muß schon gegen 5 Uhr früh gewesen sein, daß wir unseren Zug
bestiegen. 6.50 Uhr fuhr er erst.
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