Samstag, 1. September 2012

GEDICHTE aus der Gefangenschaft von Hans Fischer

Mit dem Schreiben von Gedichten versuchte Hans Fischer das Erlebte zu kompensieren. Das folgende Gedicht entstand Ende Mai 1945, zu Beginn der Gefangenschaft in Eppan-Girlan in Südtirol.

Wirf alles hinter dich
nach alter Landsknechtsweise!
Manch einem, der verblich
zur letzten großen Reise
half auch sein Bündel Sorgen
nicht auf ein bess’res Morgen.
Der Tode reißt alle Stränge,
und nichts ist mehr zu enge.
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!

Wirf alles hinter dich
nach alter Landsknechtsweise!
Verletzet dich ein Stich,
trugst du an saurem Schweiße,
was nützet alles Grämen,
willst du es mit dir nehmen?
Ein Hemmklotz ist’s, kein Segen,
und schützt dich nicht vor Schlägen.
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!

Wirf alles hinter dich
Nach alter Landsknechtsweise!
Zieh einen dicken Strich
und sieh, daß du mit Fleiße
dem Tage nur kannst leben.
Aufs Heute richt dein Streben;
das Morgen und das Gestern
sind graue Sorgenschwestern!
Sieh, was du heute hast!
Wirf alles hinter dich,
was da nur Sorg und Last!


Die Schönheit der Landschaft von Südtirol inspirierte ihn zu folgendem Gedicht:

Bozen, du rebenumkränzte Stadt,
Bozen zu unseren Füßen;
Südtirol, göttlichen Segens so satt,
Südtirol hebt an zu grüßen

Eisack und Etsch tief aus fruchtbarem Tal,
obenher luftige Warten,
Gipfel: der Schlern, Weißhorn, Penegal,
Zwergkönigs rotglüh’nder Garten - - -
Rings der Weinberge fruchttragende Pracht
Alle die Hügel ansteigend,
Obstbäume mit ihrer saftigen Tracht
Über die Trauben sich neigend. - - -
Schlösser und Burgen, geborsten und kühn,
nagenden Wettern zur Beute - - -
saubere Dörfer im fröhlichen Grün
mit vieler Kirchen Geläute - - -
Weitum dann, rötlich im Felsengewand,
strahlend von Schnees reinem Linnen,
Kränze und Mauern dem wehrlichen Land,
Hochgebirgs ragende Zinnen - - -

Südtirol, heilige Krone der Welt,
laß dich von Herzen begrüßen,
du hast gesegnete Lager bestellt,
Südtirol zu unseren Füßen!

Das Gefangenenlager befand sich in einem Weinberg, neben dem der Gasthof Marklhof lag. Das Gedicht ist (Zitat Hans Fischer) ein " Loblied auf die Vorteile des Marklhof an dieser Stelle"
Wo rauschend die Eisack der Etsch sich vermählt,
erhebt sich ein hügelnder Riese,
ein Weinberg, in Sommers Glut brünstig geschwelt,
ein Stück aus Herrgotts Paradiese,
Demant aus der Krone der fruchtbaren Welt,
so trägt er gedeihliches Fruchten,
des Übermaß himmelher über ihn fällt
in seine Gehege und Fluchten.

Dort hält des Geschicks unerbittliche Hand,
dort hält es uns doppelt gekettet:
In Feindes Gewalt, der uns jäh überwand,
und tief in die Reben gebettet,
im Weinberg, der uns aus dem frischgrünen Laub
verschämt fast in blutroten Zähren,
in schwellendem tröstendem Perlengetraub
reicht kirschgroß die saftigen Beeren.

Ach, war, die uns an dieses Eiland gespült, es nicht eine freundliche Welle,
ist, die uns dies‘ Sommers Brand köstlich gekühlt,
nicht göttlich, die rötlichte Quelle
im ragenden Hof, der den Berg gipfelnd krönt,
um den unsre Hütten sich drängen,
der Weinberg, der mit dem Geschick uns versöhnt,
der Sommertag in seinen Hängen - ?

Auch seine Wünsche an das Leben und die ihn oft überkommenden Depressionen fasste er in ein Gedicht:
Noch einmal des Lebens vielfältige Freuden
Im Fluge erfassen mit sehnender Hand,
von jeder ein einziges Fünklein erbeuten
zu einem umfassenden lodernden Brand
von allen Gesängen ein Tönlein nur rauben
für einen gewaltigen brausenden Sang,
ein Tröpflein nur von allen Trünken und Trauben
für einen, den letzten ausschöpfenden Trank - -

Noch einmal den  G a u m e n  am Besten erlaben,
was ihm nur die Welt an Genüssen geschenkt,
ein Tellerchen aller lukullischen Gaben,
die nie einen handfesten Magen gekränkt,
an volle, an brechende Tafeln geladen
zu einem gewaltigen festlichen Schmaus,
zu Gans-, Hühner-, Hasen- und schweinernen Braten
und essen - ! Und essen - die Schüsseln rein aus - -

Noch einmal in alten Urväter-Weinstuben,
wo Glas und Pokale sich spiegeln im Licht,
wo ganze Geschlechter die Humpen einst huben,
an blankholz’nen Tischen die Reihen gemischt,
sich in eine feuchtfrohe Mette zu stürzen,
in Ströme von sonnigem goldenem  W e i n ,
mit kräftigen Liedern die Kneipe zu würzen
und Freund unter Freunden im Rausche zu sein - -

Noch einmal den irdischen Leib auszutoben,
sich freuen der Muskeln gebärdiger  K r a f t ,
zu springen, zu laufen - aufs Äußerste proben,
was Gott in uns winzigen Menschen erschafft;
an himmelaufragenden Bäumen zu klimmen,
zu kreuzen die Degen in hitzigem Kampf,
in tiefgrünen wellenden Seen zu schwimmen,
zu reiten im Morgendunst, -kühle und -dampf - -

Noch einmal in lustigem wirbelndem  T a n z e
Den Sorgen und Nöten des Lebens entflieh’n,
im Arme ein Mädel in blumigem Kranze,
das Herz voller Jubel und voll Melodien,
den Erdkreis beschränkt auf den Rundgang der Füße,
das Fühlen nur auf den anschmiegenden Leib,
der Tänzerin Anmut, hingebende Süße, -
o Stunde, o selige Stunde du, bleib - -

Noch einmal zu blicken in liebende Augen,
von Mondlicht ein liebendes Gesicht übersät,
und Lippen an Lippen im Kuß festzusaugen
von Jasmins und Flieders Hauch köstlich umweht,
von Wünschen verzehrt in die Arme sich schmiegen
in heißer, in brennender  L i e b e   ein Weib,
im Taumel, im Rausche des Herzens sich wiegen,
zu kosten das herz, zu genießen den Leib - -

Noch einmal aus freiestem Herzen zu  s i n g e n ,
wenn jedes Gefühl sich zum Lobe hochdrängt,
im Sange die Seele zum Himmel aufschwingen,
wenn innige Freude die Kehle schier sprengt
und alle Gedanken in einem Wunsch brennen:
In Schall auszuströmen die jubelnde Brust,
in Liedern, in Klängen, die nichts andres kennen,
als ganz auszukosten die tönende Lust. - -

Noch einmal im Zauber süß singender Geigen,
der Sängerin perlender Koloratur,
Ballette so zierlichem durstigem Reigen,
des tragischen Schauspielers packenden Schwur
den glühenden Abglanz des Göttlichen spüren,
ihr  K ü n s t e ! Gemälde ! Skulpturen ! Musik !
O, wollet noch einmal die Seele hinführen
In wühlendsten Schmerz und in jauchzendstes Glück - -

Noch einmal verleugnend das eigene Streben,
in fremde Gestalten versenken den Geist,
in fremdem entdecken ein schöneres Lebens
als das, was so traurig die Erde umkreist,
ein Leben, in das sich das innerste Wesen
verlieren kann, feurig dreinschlagen das Herz,
in Bücher! - In Bücher - und  l e s e n ! - und lesen
von Leid, Liebe, Schönheit, Not, Freunde und Schmerz - -

Noch einmal zu lauschen umsummenden Mühen
der Bienen, in blumiges Gras hingestreckt,
zu schau’n, wie die Welt überschäumt von Blühen,
Kastanien aufleuchten seh’n, kerzenbesteckt,
lustwandeln noch einmal in Tulpen und Rosen,
Narzissen und Nelken berauschendem Duft,
die samtenen Kelche der Lilien kosen,
zu atmen des  L e n z e s  belebende Luft - -

Noch einmal die schöne Welt  w a n d e r n d  durchstreifen,
durch Wälder durch Heide, an einsamen See,
durch fruchtbare Auen von Sorgen frei schweifen,
in Täler zu schauen von schwindelnder Höh‘,
der Städte Gebäude und winzige Gassen,
manch herrliche Burg und manch ragenden Dom -
noch einmal mit Augen dies alles zu fassen,
des Wachsens und Wirkens stet fließenden Strom - -

Noch einmal des Nachts unter samtblauem Himmel
Erleben der  E w i g k e i t  Erdengestalt,
der Sterne und Sternlein unendlich Gewimmel,
ehrfürchtig bewundern der Schöpfung Gewalt,
die sich in den großen, _ussland_ke Weiten
unausdenkbar fern in den Weltraum verliert,
daraus sich dem menschlichen Streben und Streiten
die Demut und Furcht vor der Allmacht gebiert - -

Noch einmal in kühl-hohem Kirchenschiff lauschen
Den göttlichen Stimmen im Orgelgedröhn,
den Chören, die fromm jede  A n d a c h t  umrauschen
wie Engelsflug, mächtig, aus himmlischen Höh’n;
erhab’nem Geläute der ehernen Glocken,
das hallend die Dächer und Türme umkreist
und endliche das lebende Herz mit Frohlocken
aus Banden und Fesseln des Irdischen reißt - -

Noch einmal die Wunder der  W e i h e n a c h t  schauen,
des Lichterbaums bunte und glitzernde Pracht,
die Krippen inmitten heimatlicher Auen,
den Schnee und den Zauber der heiligen Nacht,
den himmlischen Abglanz auf allen Gesichtern,
der Liebe allmächtig aufgehenden Drang,
den Duft von den Tannen, den brennenden Lichtern,
der alt-lieben Lieder fromm-traulichen Klang - -

Noch einmal das  F l ü g e l r o ß  mutig aufzäumen,
nur einmal noch fassen nach göttlicher Macht,
Gestalt werden lassen aus webenden Träumen,
ein Lichtwerk zu schaffen aus irdischer Nacht,
noch einmal aus übervoll spendenden Händen
der Menschheit zu lindern des Erdenlaufs Pein,
noch einmal sein Bestes, sein Alles verschwenden,
um tot dennoch lebend, - unsterblich zu sein - -

Noch einmal…! Die Tragik sich wandelnden Lebens
Stellt uns an den riefen, den gähnenden Grund;
Noch einmal, noch einmal! - Wir rufen vergebens,
schon reckt seine Arme der höllische Schlund!
Noch einmal - ! Ach, streng unerbittliche Hände
Zerbrachen ob uns längst den richtenden Stab -
Die Feuer verlöschen - so sind wir am Ende -
um uns ist das Grauen - wir müssen hinab!
 

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