... Zunächst jedoch lud mich B. zum zusätzlichen Abendessen ein, Bratkartoffeln mit Beefsteaks, und ich bekam gleich einen Begriff davon, daß jetzt beim Stab das „Organisieren“ das „Hintenherumbeschaffen“ und die „Fettlebe“ großgeschrieben wurden. Man hätte auch sagen können: die „Korruption“. ...
Weniger angenehm war das Quartier. Die Mannschaften waren alle außerhalb des Stabgebäudes in Privathäusern untergebracht, und ich wurde auch in ein solches eingeschoben, allerdings einen ofenlosen Vorraum, der wie alle italienischen Wohnhäuser mit Steinfußboden begabt war. Und bei der herrschenden winterlichen Januar-Temperatur war das ein besonderes Fest. Ich fror gleich in der ersten Nacht wie ein Schneider. Und dann erschreckten mich die Abortverhältnisse. Das W.C. im Hause war unbrauchbar, und im Stabsquartiergarten befand sich lediglich ein französisches Steh-Clo, und das konnte mich gleich ordentlich erbosen!
Beschäftigung gab es nicht viel für mich. Man gab mir einzelne Arbeiten in der Schreibstube. Aber es war nichts Rechtes, weder für mich noch für andere. Ich merkte, wie man mich hinzog. Im Revier war zwar noch der alte Arzt, aber ein neuer Sanitäter, ein alter Stabsfeldwebel, der schon in der alten österreichischen Wehrmacht gedient hatte (k.u.k.). Seinen Namen habe ich vergessen. Wir nannten ihn nur Schnapshusar. Das kam von seiner Vorliebe für die geistigen Getränke. Schon in der ersten Stunde bei der Vorstellungsuntersuchung merkte ich, daß er ein guter Kerl war, der den Dienstgrad überhaupt nicht herausbiß. Dr. M. zeigte sich sehr interessiert an meinen Narben. Aber sonst war nichts aus ihm herauszuholen.
Das Leben schlich also für mich ziemlich unausgefüllt hin, und ich hielt mich größtenteils, ausgehungert, wie ich war, ans Essen das hier ungewöhnlich gut und reichlich war. Weiterhin trat nun auch der Wein in seine Rechte. Der gute B. war jetzt Marketender. Ich mußte gleich bei ihm Schulden machen, weil mein Geld nicht langte, er mir jedoch eine ganze Kiste prima l “Virginias“ anbieten konnte, auf der er sitzengeblieben war. Er war froh, daß er wieder einen Zigarrenkunden hatte, denn ich war wieder so ziemlich der einzige in dieser Branche beim Stab wie schon früher.
Annehmlich war, daß wir uns hierher Geld schicken lassen durften, 45 RM im Monat. Wie das in italienische Währung umgetauscht wurde (1 : 10) weiß ich heute nicht mehr, aber es gab allerhand zu kaufen, was einem Mund und Augen wässern machte, nur zu horrenden Preisen: Bienenhonig (Glas 5.- RM), Reis, Mehl, Zucker, Schokolade (Tafel 20.- RM), Bergschuhe (200.- RM), Bekleidung (z.B. Bembergstrümpfe) usw. Die Küche verkaufte echte und unechte Salami (Eselswurst) für eine Mark das Stück. Das wollte ich gern nach Hause schicken. Nur erwies sich sehr bald, daß der Postweg ungeheuer unsicher war von wegen der feindlichen Jabos, die es mit Vorliebe auf die Eisenbahnzüge abgesehen hatten. So mancher Brief hin oder zurück kam einfach nicht an. Der war dann mit den Zug in Flammen aufgegangen. Und auch hier krachte es eigentlich Tag für Tag näher oder ferner, daß manchmal Türen und Fenster aufflogen.
Am ersten italienischen Sonntag für mich, das war der 28. Januar, nahm ich mir Zeit für einen kleinen Mittagsspaziergang durch den malerischen Ort. Da die Sonne hell schien und der Schnee einen starken Widerschein gab, war das rechte Büchsenlicht für meinen kleinen „Luginsland“[1], der doch auch von Italien etwas sehen und aufnehmen wollte. Ich lenkte meine Schritte zunächst nach dem weiten Platz in der Mitte des Ortes, wo mich bei der Ankunft ein schloßartiges, von einem weiten Park umgebenes Gebäude gleich angezogen hatte. Es war das sog. Kastell, dem ich mich denn gleich näherte, um es in verschiedenen Durchblicken durch die Stämme hoher alter Bäume auf die Platte zu bannen. Ein durchfließender Wasserlauf hatte das Fließen vergessen und war zugefroren, mitten im Park erhob sich ein hoher Brunnen mit einer Frauengestalt und der Inschrift „Zevio“, den Rest konnte ich auch unter Aufbietung meiner verrosteten lateinischen Kenntnisse nicht entziffern.
Das Typische den Ortsbildes fesselte mich dann ebenfalls. Den weiten Platz beherrschte das Gotteshaus, ein doppelter Tempelbau mit korinthischen Säulen und einem vierkantigen Turm mit einfacher Spitze und allerhand angebauten Gebäuden. In der Mitte des Platzes erhob sich eine hohe Mariensäule. Ich erwartete nun ein wenig südliches Volksleben, doch dazu war die Mittagsstunde anscheinend nicht geeignet. Der Platz blieb menschenleer, und ich begab mich wieder in die Unterkunft um mich der schmiedeeisernen Kunst des Straßen- und des Parktores zu erfreuen. Auch die sonstige Architektonik dieses Landhauses mit Säulen selbst im Hinterhofe interessierte.
Inzwischen beeinträchtigten die Nachrichten über die Heimat jede Freude an landschaftlichem Genuß und freudigem Erleben dieser noch verhältnismäßig sicheren Landschaft. In Schlesien kamen die Russen rasend schnell vorwärts. Und die Anglo-Amerikaner schienen den Ehrgeiz zu haben, noch schneller Land zu gewinnen, als sehnten sie sich nach dem „Iwan“. Damit rückte ja auch die Heimat in bedrohliche Kriegsnähe. Und die Nachrichten aus der Heimat kamen so spärlich und selten hier an, daß man von Mal zu Mal dachte, es sei schon soweit -!
Die Stabs-Kraftfahrer ließen es sich nicht nehmen, mir eine Wiedersehensfeier zu widmen. Der rote Wein floß in Strömen und die mit Salami und Parmesankäse belegten Brote nahmen kein Ende. Das munterte meine Stimmung doch ein bißchen auf. Aber das war nur für kurze Zeit. Mir konnte gar nicht wieder so recht heimatlich werden. Dabei war, was gerade die Kraftfahrer vom jetzigen Stabsleben erzähltem, gar nicht geeignet, die Freude zu erhöhen. Es schien hier ein ausgesprochener Offiziers-Amüsier-Betrieb zu herrschen. Man erzählte mir von ganzen großen Sommerfesten oder ähnlichem. Da wurden Buden aufgebaut und Weinstuben oder was weiß ich, und die Nachrichten-Helferinnen aus Verona wurden mit Omnibussen herangebracht. Daß man das nicht nur getan hatte, um mit ihnen zu tanzen, war allen bald klar geworden. Man konnte sogar handfeste Beweise liefern. Jeder der „Herren“ - verheiratet oder nicht - hatte im NH-Heim von Verona seine Liebste. Zustände wie im alten Rom kurz vor der Katastrophe, und kurz vor der Katastrophe standen wir ja auch, und wer es an der politisch-militärischen Lage nicht merkte, der konnte es an der inneren Lage, wie eben beschrieben: Es wurde laufend gefeiert, gesoffen, gefressen und gehurt und das meist in Offizierskreisen. Unser Zahlmops natürlich voran, obwohl er zu Hause eine eheliche Frau, irgendwo in Deutschland oder im Westen eine uneheliche Rußlandfrau, auch von der Firma NH. hatte. Also, Sodom und Gomorrha -
Im Dienste übte ich mich im Zeittotschlagen und war froh, wenn ich mal eine wirkliche Tätigkeit hatte, mal etwas zu tippen oder stenographieren. Aber die zwei schon vorhandenen Schreiber hatten schon kaum zu tun, der Spieß sauste auch nur herum, um seine Beschäftigungslosigkeit zu bemäntelt--- Und beim Exerzierdienst usw. machte ich mich auch nicht beliebt, weil ich aus Koweler Kampferfahrung heraus besser als der Waffenmeister wußte, wie eine Panzerfaust zu handhaben sei. Und dann brach das Unglück in Gestalt von zwei ältlichen Stabshelferinnen herein, die dem Stab als Geschäftszimmerdamen zugewiesen wurden. Da begann jeder um seine Stelle zu bangen, wenn auch die Sache wie der berühmte heiße Brei handelt wurde, weil die beiden weder jung noch hübsch waren und auch sonst nicht den Eindruck machten, als könnte man von ihnen etwas ausgesprochen Weibliches haben. Sie ermangelten also der Hauptvoraussetzung, die gerade unsere Offiziere an Wehrmachtshelferinnen stellten.
Ich aber wußte, was die Stunde geschlagen hatte. Als der zuletzt Angekommene in der Schreibstube, würde ich wohl als erster, vor allem bei den neuen Offizieren Unbekanntester zuerst wieder dran glauben müssen. Da war wieder die Angst vor der Zukunft, die auch gleich verdammt nach Pulverdampf roch, von dem ich doch eigentlich schon genug hatte. Meinen Gram zu ertränken, leistete ich mir - wahrscheinlich wieder auf Borg - eine Flasche weißer Italiener und ließ mich im Dampfe echter Virginier langsam aber sicher vollaufen.
Das war am 3. Februar. Drei Tage vergingen in quälender Ungewißheit. Dann eröffnete mir der Adjutant, was ich schon längst als sicher geahnt hatte: Ich wurde zur Fernsprechbetriebskompanie nach Verona versetzt. Fast schämte ich mich dessen, obwohl ich gar keinen Grund dazu hatte. Aber mich wurmte, daß gerade ich als alter Staatsangehöriger dran glauben mußte, während in der Schreibstube ein ganz junger k.v.-Mann verbleiben durfte. Nun, ich war seit Anfang des Jahres, dieses unseligen 1945 die melancholische Niedergeschlagenheit schon so gewohnt, daß ich mich mit wahrer Wohllust in meinen schwermütigen Grimm verbohrte. Dazu blieben mir auch noch einige Tage Zeit, weil eben mal keine Wagen nach Verona fuhr, und ich glaube, das war das Werk von E. B., der ja als Schirrmeister fungierte und so nach wie vor seine Kameradschaft mit der Tat bewies.
Es war dies auch eine Fügung des Schicksals; denn am Vorabend meiner dann endgültig für den 9. Februar festgesetzten Abfahrt nach Verona erhob sich dort der fürchterlichste Bombardierungslärm, daß hier im 20 km entfernten Zevio die Scheiben klirrten und der dunkle Nachthimmel sich hell erleuchtete von den verschiedenen Bränden. Und wie wir denn noch in der Nacht erfuhren, war auch die Fernsprechvermittlung und das Kompaniequartier teils schwer, teils leicht betroffen worden. Nun, da wäre ich ja dem Tod einmal von der Schippe gesprungen!
Mit aller Gewalt suchte ich mir am nächsten Tag die Vorteile der Übersiedlung nach Verona deutlich zu machen: Ich würde die alte Stadt sehen können. Vielleicht gab es auch Theater wie in Kiew seligen Angedenkens, italienische Oper usw.? So fuhr ich denn mit dem Kurier-Pkw. in früher kühler Morgenstunde los. An allem Glanz des Morgens - denn die Tage waren damals sehr schön sonnig - lag die Stadt vor mir ausgebreitet, als wir die Etsch entlang einfuhren. Bei der Kompanie wurde es mir umso düsterer. Ein riesengroßes Haus von, glaube ich, fast sechs Stockwerken war das Kompaniequartier. Es lag an der Via M. Pasubio in dem westlich der Innenstadt gelegenen Stadtteil innerhalb einer der großen Etsch-Schleifen. Es hatte den Vorteil komfortabler Waschräume und W.C.s .... Aber kalt war es hier auch noch bei dem ewigen italienischen Steinfußboden, wenn auch Mittags die Sonne so schön warm schien, daß man meinte der vielberühmte italienische Frühling mußte schon einsetzen. Der erste Dienst, der mir hier blühte, war der des Schließerpostens, des Pförtners des Hauses, ein Beruf, den ich im Leben noch nicht ausgefüllt hatte. Ich löste einen Kameraden ab, der mir der erste und einzige wirkliche Freund und Kamerad innerhalb dieser Kompanie wurde und blieb: H.-E. P. Und damit machte ich drei Tage lang Schließerposten. Es war herrlich öde und verleidete mir den Geschmack an der Kompanie, ja fast an ganz Verona gleich gründlich.
Es gab auch einen Dienstplan, und mir wurde wieder ganz rekrutenhaft zu Mute. Doch all das konnte mir meinen gesunden Appetit nicht verleiden. Die lange Hungerzeit in der Heimat konnte jetzt ein wenig eingeholt werden. Ich fraß wie eine neunköpfige Raupe. Vor allem und zunächst bei den Mahlzeiten, dann aber auch so nebenbei, z.B. Äpfel, die wir zu kaufen begonnen hatten, verschrotete ich pfundweise. Als Schließerposten lag mir auch der Weinverkauf ob. Selbstverständlich - mags kosten, wer’s bezahlt! - ließ ich mich jeden Abend vollaufen, vor allem da es gut zu essen gab. Aber da bin ich einmal tüchtig reingefallen. Ich hole meine Abendkost. Der Verpflegsminister, Uffz. L., fragt, ob ich lieber Weiß- oder Schwarzbrot oder beides haben möchte. Nun, ich nahm beides, und ich nahm einen großen Fetzen Butter und eine ganze Büchse Fisch und wunderte mich, daß hier die Abendportionen viel größer seien als beim Stab, der doch essenmäßig auch nicht gerade auf dem Proppen saß! Das Unglück erlebte ich erst am nächsten Abend, weil ich die gesamte empfangene kalte Kost auf einen Ritt verspult hatte, konnte ich die neue Abendkostausgabe gar nicht erwarten. Aber da mußte ich mir sagen lassen, ich sei wohl verrückt! Die große Abendkostportion hatte nämlich für zwei Tage reichen müssen, alldieweil bei der Kompanie nur einen Tag um den anderen ausgegeben wurde. Mahlzeit! So nährte ich mich am Sonnabend von trocken Brot und rotem Wein und H.-E. P. spendierte mir ein Stück Parmesankäse dazu.
A propos Dienstplan: Da stand auch Exerzieren drauf. Was tun? Gehst halt wieder mal ins Revier. Die Kompanie war dem der übergeordneten Eisenbahn-Bau-Division angeschlossen. Ein Oberfeldarzt im Range eines Oberstleutnant (mit so einem hohen Vieh hatte ich’s bisher dienstlich noch nicht zu tun gehabt) untersuchte lediglich meinen Fuß und sagte trocken: Vom Exerzier- und Außendienst befreit! Am liebsten hätte ich einen Luftsprung gemacht, aber das ging bei einem solchen Befund wohl nicht gut an.
Am 12.2. wurde ich dann meiner neuen militärischen Tätigkeit zugeführt und dem Funkmeister unterstellt. Ich sollte eine Waffenkammer einrichten! Ausgerechnet Waffen! Na, das konnte ja heiter werden! Ein Kamerad ..., Schreiber beim Funkmeister, ging mir anfangs zur Hand, und ich arbeitete mich denn langsam ein, Waffengott bei der Einheit Feldpost-Nummer 41193 - ach herrje! Mein dienstlicher Titel lautet „Gerätewart“! Es war nur gut, daß kein Aas mit den Sachen so richtig Bescheid wußte. Der Oberfunkmeister ließ mir demgemäß völlig freie Hand. Als erstes richtete ich einen Gasschutzgeräteraum ein. Dann folgte die Waffenkammer. Die unterschiedlichen Waffen und Geräte, sowie zahlreiche Munition lagen in verschiedenen Gebäuden verstreut, teils im Kompaniequartier, teils in der schräg gegenüberliegenden Vermittlung d.h. dem Divisions-Stabs-Quartier, teils im Hause der Kompanieführung, wo sich auch die Geschäftszimmer und Kompaniehandwerker befanden. Ich hatte also die Aufgabe alles zusammenzuholen, zu sortieren und „einzukammern“. Ich hatte also dauernd hin und her zu pendeln. Immer war ich auf Achse, und wenn ich mich auch hütete, irgendeinen Gang nutzlos zu tun - wenigstens dem Anschein nach - so hütete ich mich doch ebenso, irgendwie erreichbar zu sein, vor allem für Vorgesetzte und ihre etwaigen unangenehmen Aufträge. Da war mir vor allem der Spieß unsympathisch, ein schon älterer Mann, der zwar einen ganz vernünftigen Eindruck machte, von dem man sich aber doch mancher Unvernunft versehen durfte, wie sie nun eben der sture Kompaniebetrieb mit sich brachte.
Ich machte mich also soviel wie möglich frei von den Fesseln des Dienstes und lag meiner Aufgabe ob, so gut ich konnte; denn ich wollte mich hier auch keinesfalls in ein schlechtes Licht setzen, um nicht noch einmal solch eine unangenehme Versetzung erleben zu müssen. Bei Gelegenheit solcher Gänge traf ich denn auch mal eine Nachrichten-Helferin, die mich dem ganzen Gehaben und Gesichtsschnitt nach recht heimatlich anmutete. Und richtig, es war die mir von Kamerad B. beim Stab schon längst angesagte Glauchauerin, Frl. P., die zu Vater in die Schule gegangen war und die mit mir in der Chorgesangsvereinigung schon getanzt zu haben behauptete. Das war - nach Pfarrer R. in Kiew - die zweite Glauchauer Landsmannschaft, die ich während des Krieges traf. Bei den NH.’s waren noch mehr aus unserer Gegend, zwei F.s, eine aus Oberlungwitz und eine aus Chemnitz. Ich kam aber nie näher mit ihnen zusammen.
Meine Gaskammer richtete ich im Gebäude des Geschäftszimmers ein. Für die Waffenkammer fand ich nur einen kleinen Bodenraum im Kompanie-Hochhaus, unmittelbar unter dem flachen Dach, was ich bei dieser Gelegenheit öfter bestieg, vor allem, wenn mittags die Sonne so wunderschön schien. Da hatte man einen wunderschönen Ausblick über Verona mit seinen vielen Türmen meist von Kirchen. Ganz in der Nähe, nach Westen zu erhob sich die gewaltige Kathedrale San Zeno. Nach Osten zu dehnte sich, von der Etsch umflossen, das hohe enge Geschachtel der Altstadt, nach Norden aber erkannte ich greifbar nahe fast die steilen Ausläufer der Alpen der Gegend um die Veroneser Klause. Noch schneebedeckt erhoben sich die spitzen kahlen felsigen Gipfel, und ich konnte sie nie anders sehen als mit der großen Sehnsucht im Herzen, dort einmal zu leben, zu wandern und zu klettern. Wie beneidete ich meinen Kameraden den R. H., der - ebenfalls schon länger zur Kompanie versetzt - dort oben (in Schluderbach in den Dolomiten) einen geruhsamen Posten ausfüllte, nämlich das von der Division schon längst festgelegte Rückzugsquartier einzurichten.
Der Appetit meinerseits war immer noch kaum zu beschwichtigen. Ich fraß und fraß, kalt oder warm, süß oder sauer, war ganz gleich, und immer viel Brot dazu, was damals dort noch in Mengen zu haben war und trotz, oder vielleicht gerade wegen des Maismehlzusatzes mir ganz herrlich mundete. Die Küche war auch ganz gut und der Speiseraum ebenfalls sehr einladend. Ich erlebte hier, was ich beim Stabe nicht gekannt hatte, daß nämlich nicht nur die Unteroffiziere, sondern auch die Offiziere bis zum Kompanie-Chef mit hier saßen und aßen.
Das Wetter war, wie gesagt, nun schon so, daß man eigentlich stündlich den Einzug des Frühlings erwarten konnte. Mittags gab’s schon Mücken und Fliegen, und abends quietschten die Fledermäuse. Tag und Nacht aber flogen die „Puritaner“[2]. Die Sirenen waren auf ein eigentlich dauerndes Crescendo-Decresendo abgestimmt. Wir lebten fast nur im Zustand des Voralarms und Alarms. Entwarnung gab es fast nie. Ich hatte mir deswegen und solange die Fliegerhunnen nicht tatsächlich auftauchten meine frontmäßige Landserruhe wieder angewöhnt; denn meist kam der Alarm, wenn wir beim Essen saßen. Dann verflüchtigte sich alles, während ich in aller Ruhe weiteraß! Es war nämlich so, daß wir in unserem Hause nur einen ganz flachen, nicht für Luftschutzzwecke geeigneten Keller besaßen und bei Angriffen den eines über der Straße gelegenen Hause aufzusuchen hatten. Nun, in der Dienstzeit versäumte ich auch bei keinem Alarm, mit dorthin zu gehen und die Zeit auf diese Weise gezwungen dienstlos hinzubringen. Aber während der Essenszeit ließ ich mich keinesfalls stören.
Endlich stand im Kalender einmal „Sonntag“, und wenn der Dienstplan auch nicht gerade von Freizeit sprach und die Anschauungen unter den Kameraden darüber unsicher waren, so hoffte ich mich doch für eine Zeit losmachen zu können. Ich wollte doch das alte Verona, das altitalienische Mittelalter sehen, Dante, Bocaccio, Romeo und Julia, Tizian, Tintoretto und Paolo Veronese, soweit es die Anglo-Amerikaner nicht auch schon zerschmissen hatten; denn mit hämischer Sicherheit trafen sie auch hier immer wieder die wertvollsten Kulturdenkmäler und legten sie in Schutt und Asche.
Es war also am Sonntag, dem 18. Februar. Wieder schien die Sonne schön warm, die Bäume und Büsche zeigten bereits dicke Knospen, da suchte ich mir aus meiner Waffenkammer eine leichte Maschinenpistole heraus; denn es war Vorschrift, nicht ohne Waffen auszugehen, die Knarre aber war mir zu schwer. Wozu ist man schließlich Waffengott. Leider aber machte mir der tägliche Alarm einen argen Strich durch die Rechnung. Bis 16.30 Uhr dauerte er. Aber dann schoß ich los, mochte nun kommen was da wollte. Ich wandte mich gleich südwärts, um irgendwo die Etsch zu überqueren, und stand bald am Ufer, wo ich feststellen konnte, daß dieser schon bald sagenhafte Fluß eine tatsächlich völlig grünes, aber auch ganz klares Wasser führte (Wenn ich da an die heimische Mulde dachte!). Bald zeigte sich auch eine Brücke, und eine recht imposante. Sie führte unmittelbar zur alten Burg des Veroneser Herrschergeschlechtes, der Scaliger. Brücke und Burg - Castell vecchio genannt - waren in dem ganz gleichen Stil, in einer künstlerischen Einheit erbaut, die sich in den berühmten Schwalbenschwänzen der Mauerzinnen manifestierte und die die Kennzeichen aller Bauwerke der Scaliger war. Ich fand deren später noch mehr in Verona.
Diese Brücke überschritt ich und fand in ihrer Mitte eine lateinische Inschrift, die mich höchlichst interessierte: „Franziskus I. imperator et rex pontem canis grandi Scaligeri ab temporem iniuriam refecit“. Wie merkwürdig! Der Kaiser und König - wahrscheinlich von Österreich, dem das oberitalienische Land ja einmal gehörte - nannte den Herzog, den Scaliger einen „großen Hund“? Was sollte dieser undiplomatische Spitzname? Ich löste das Rätsel erst, als ich mir einen „Soldatenführer durch Verona“ zulegte. Da fand ich denn, daß einer der alten Scaliger diesen Beinamen ehrenhalber trug. Na, andere Länder, andere Sitten!
Durch einen dunklen Torbogen in dickem Turme erreichte ich die Stadt und fand, daß Verona eine europäische Großstadt wie jede andere ist, nur die vielen Balkone an den Häusern und der Mangel an großen Geschäftsauslagen fielen mir als Eigenart auf. Das alte Verona aber fand ich nicht. In den Straßen herrschte ein lebhafter Betrieb, meist von Angehörigen der neuen republikanisch-faschistischen Wehrmacht mit allen möglichen und unmöglichen Mützen, daneben viele dick bemalte Frauenzimmer, vor denen mir grauste.
Zum Abschluß meines Rundganges begab ich mich ins Soldatenheim in Castel vecchio, wo ich ein feines Stück frischgebackenen Napfkuchen zu kaufen kriegte (3 Lire = -.30 RM). Hier wollte ich noch öfter hergehen, denn auch ein feiner Garten unterhalb der Schloßmauer war da. Im übrigen machte ich, daß ich wieder heimkam, denn der Abend senkte sich bereits verdammt kühl herein, und meine Erkältung, die ich aus der Heimat mitgebracht hatte, war trotz der Luftveränderung, von der ich mir viel erhofft hatte, nicht besser geworden. Wie sehnte ich den Frühling des sonnigen Südens herbei, der mir immer noch nicht zeitig genug kam.
Aber auch meine Stimmung besserte sich keineswegs. Meine Aufgabe füllte mich so richtig nicht aus. Ich wußte nie, ob ich immer alles richtig gemacht hatte. Weder vom Funkmeister, noch vom Kompaniechef wurde mir Anerkennung gespendet, wenn sie mein „wohlsortiertes Lager“ besichtigten, und ich hatte mir doch solche Mühe gegeben, meine mangelnde Sachkenntnis durch millitärisch-schnurgerade Anordnung der einzelnen Geräte und Waffen zu verbergen. Dann fehlte es mir weiterhin an Kameraden. Sachsen gab es überhaupt nicht bei der Kompanie. Ihr Ersatz befand sich in Hamburg. H.-E. P. war auf irgendeinen Außenposten geschickt worden. So kaufte ich mir stets, so lange ich noch Geld hatte, eine Flasche Wein, um meinen Kummer zu ertränken.
Und ich hatte wohl wirklich Grund zu Kummer: Das waren die Nachrichten, die uns über die Heimat erreichten. Dresden hatten die Flieger ja glücklich nun auch zur Sau gemacht. In Schlesien sah es ganz windig aus, was die allgemeine Lage betraf. Spezielle Nachricht, z.B. über Grünberg, wo ich ja auch noch mit einem Fäserchen meines Herzens hing, war gar nicht erst zu bekommen. Es war eine verflucht unklare Lage, und man konnte sich nur eins denken: Völlige Niederlage und Tod und Verderben der Heimat einschließlich der nächsten Angehörigen. Da war es schwer, lustig zu sein. --more-->
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