Samstag, 23. Februar 2013

Aus dem Kriegstagebuch - die letzten Kriegswochen in Italien

Gen Italien!  
Im Rücken zwar eine mehr als gefährlich bedrohte Heimat, im Herzen aber ein festes Vertrauen zum allmächtigen Lenker der menschlichen Geschicke und vor mir die alte Straße deutscher Reichsherrlichkeit, die mir die wieder rege Phantasie mit Schwertgeklirr und Bannergeweh reisiger ritterlicher Scharen bevölkerte - so verabschiedete ich mich am Sonntag dem 20. Januar 1945 abends, bei ziemlicher Kälte von meinen Angehörigen auf dem verdunkelten Bahnhof meiner lieber Heimatstadt Glauchau. Wenn wir damals gewußt hätten, daß es länger als ein Jahr! - und welch ein notreiches Jahr!   - dauern würde, ehe ich wieder meine Füße auf die Heimaterde setzen könnte, wäre der Abschied wohl weniger zuversichtlich gewesen. So aber waren wir ruhig und sicher: Ich fuhr wieder zu meinem Stabe, der in altgewohnter Tätigkeit weit hinter den Fronten lebte. Ich fuhr in den sonnigen Süden, in die Kulturwiege Europas in das großartigste Museum der Kunstschätze der Welt, in die alte Residenz Dietrichs von Bern, in die Heimat der schon sagenhaften Liebenden Romeo und Julia, in eine der Städte, die durch den Dichter Dante Alighieri geheiligt war - - -
Mit meinem wiederum zahlreichen, zu Hause in aller Ruhe schön praktisch hergerichteten Gepäck (der kleine Photoapparat war auch wieder dabei!) schob ich mich mühsam in eine der dunklen, aber zum Glück nur schwach besetzten Abteile hinein. Ein fremder Kamerad saß darin, und da er das gleiche Ziel hatte, freundeten wir uns bald an. Zunächst ging unsere Fahrt nur bis Reichenbach, wo wir den direkten Zug Berlin-München erreichen sollten. Der fahrplanmäßige Aufenthalt verlängerte sich um noch 70 Minuten Verspätung. So konnten wir im Wartesaal wechselweise vor uns hin dösen. Vorsicht war am Platze! Der Saal war "gerammelte voll" Flüchtlinge, Ausgebombte und Luftbedrohte aus Leipzig,  Dresden, Chemnitz, Magdeburg, Berlin, Halle und vielen anderen Städten. Mit Sack und Pack saßen sie, einen Anschluß nach dem gelobten Lande Bayern zu erwarten, wo es sicherer war, als in den großen Städten des Nordens und der industriereichen Mitte Deutschlands. Es waren meist Frauen mit Kindern.
Als dann tief in der Nacht unser Zug kam, war er ebenso dicht besetzt mit solchen Flüchtlingen, und es war einfach kein Platz zu erwischen. Nun, ich stellte mich stur. Wenn kein Platz war, fuhr ich eben nicht mit! Die Zugwache wurde aber böse, obwohl sie selbst sah, daß nirgends hineinzukommen war; denn bis dicht an die Türen standen die Menschen und lag das Gepäck. Schließlich wanderte ich im Schnee, der hier schon dicker lag, als in der Heimat, um die Maschine herum und fand schließlich einen alten Postwagen französischer Herkunft, dessen große Schiebetür nicht zu schließen ging. Da waren wegen der großen Kälte noch einige Stehplätzchen zu haben. Ich schob mein Gepäck hinauf und schwang mich hinein. Meinen Kameraden hatte ich längst verloren, ich stand wieder mitten zwischen Flüchtlingen, die verdrossen und kältesteif herumstanden, denn es zog mörderisch, da auch sämtliche Fenster zerschlagen waren. Wer fragte danach? Besser schlecht gefahren als lange gelaufen!
So begann eine peinlich kühle Nachtfahrt in den verhältnismäßig rasch aufgehenden Morgen hinein. Der Schnee hatte ja die dickste Finsternis sowieso schon fahl und geheimnisdämmernd erhellt, und ich freute mich der weiten Aussicht auf das schöne Vogtland und das Fichtelgebirge. Und sie tauchten denn auch auf, die tief eingeschnittenen Täler, die verschneiten Wälder, die gefrorenen Bäche und Flüsse. Im Frostdunst duckten sich die Häuslein der vielen großen und kleinen Dörfer, aus deren Schornsteinen schon der erste blaue Rauch kräuselte.
Alles sah so friedlich aus, und doch schwebte die große Gefahr täglicher Luftangriffe über allem, denn klar wie selten zog der Tag herauf mit gleißend blauem Himmel und gleißend weißem Schnee. Ich pries mich glücklich, trotz der Kälte einen solch weit offenen Wagen erwischt zu haben; denn bei Gefahr wäre ich schnell aus dem Menschengewimmel heraus gewesen, ohne von einer engen Abteiltür behindert zu sein. Wir näherten uns Plauen, und die arg zertrümmerten Viertel der Stadt und Bahnhofsanlagen ließen die Gefahr bedrohlich deutlich werden.
Doch wie durch ein Wunder geschah nichts. Der Zug keuchte die Höhen des Fichtelgebirges hinan, und auch hier wieder grüßten verschneite Wälder und ragende Berge in heimatlicher Friedlichkeit. Schon begann man in den Wagen des D-Zuges sein Krämchen zu fassen, und ich hoffte auf einen Sitzplatz in Wärme. Hof wurde erreicht. In Massen wurde ausgestiegen. Mir mundeten inzwischen die ersten heimatlichen "Frühstücksbemmen". Ohne großen Aufenthalt ging es Regensburg entgegen. Hier leerte sich der Zug fast völlig und ich bekam einen schönen Fensterplatz. Die Flüchtlinge drangen noch nicht so weit in Bayern vor wie in späteren Monaten, als der Allgäu als erstrebtes Reiseziel galt.
Während wir weiterfuhren, umzog sich der Himmel wieder. Beruhigt konnte ich mich einem kleinen Schläfchen hingeben. Nun würden die englisch-amerikanischen "Lufthunnen" wohl nicht kommen können. Meine Gedanken schweiften dafür von der mißlichen Gegenwart in eine schönere Vergangenheit. Fünf, sechs Jahre zuvor, im heißen Sommer 1939 war ich dieselbe Strecke gefahren, zur Augsburger Singschule und Nürnberger Sängerwoche. Wo waren die schönen Zeiten hin, und wo mochten die guten Kameraden von damals sein, all die prachtvollen Menschen des Deutschen Sängerbundes, die Chormeister und Sängerführer aus Sachsen, mit denen man so herrliche Stunden ungetrübter Kameradschaft verleben konnte?
Am Nachmittag ging die Fahrt durch das malerische Niederbayern. Nette Dörfchen mit den bekannten Zwiebelkirchtürmen tauchten auf und gingen wieder unter, da ein sehr starkes Schneetreiben einsetzte, das nun für heute ein für allemal die Luftgefahr von unserem Zuge verbannte. Bald saß ich allein in meinem Abteil. Nur zwei bayrische Eisenbahnerinnen stiegen zu und nannten mir die Anschlüsse nach Richtung Innsbruck‑Bozen. In Innsbruck hätte ich gern einmal halt gemacht. Es klappte jedoch mit den Anschlüssen schlecht. In München würde ich aber ziemlichen Aufenthalt haben. Ob ich hier ausstieg?
Es dämmerte schon, als der Zug im Hauptbahnhof hielt. Sachte machte ich mich fertig. Gerade wollte ich den Mantel anziehen, als ein Kamerad die innere Abteiltür öffnete und fragte ob ich auch nach Bozen wollte. Als ich bejahte, bedeutete er mir sitzen zu bleiben: "Ich habe gerade erfahren, daß der Zug doch nach Bozen weitergeht. Und draußen ist der 'Heldenklau'! Eben haben sie einen ganzen Schwarm Italien-Fahrer abgeführt - Richtung Westen!" Die Einbrüche an der Westfront waren nämlich in diesen Tagen beinahe ebenso ansehnlich geworden wie im Osten, und die Heeresstreifen fingen jeden ab, der herumzulungern schien, um eilig zusammengeworfene Kampfgruppen rheinwärts abschieben zu können.
Wir blieben also still und leise in unserem D-Zug, und als das neue Zugpersonal antrat, wurde uns auch bestätigt: Der Zug fährt durch bis Bozen. Also war es doch gut gewesen, daß ich nicht ausgestiegen war. Nun hieß es aufpassen, daß man etwas von Innsbruck erwischte und den Brenner nicht verschlief; denn dort wurde das Geld gewechselt. Inzwischen war die schneeverhangene Nacht hereingebrochen, und mir legte sich die Müdigkeit wie Blei auf die Lider. Ich verschlief Innsbruck, ich verschlief den Brenner, und was ich von den Alpen sah, waren einige wenige vom kargen Schneelicht erhellte Tannenbäumchen am Rande der Bahnstrecke. Schade! Und mein deutsches Reichsgeld hatte ich auch noch in der Tasche, als der Zug hielt.
        Bozen!
        Mittelpunkt des ewig gequälten Südtiroler Deutschtums!
        Die Uhr zeigte die vierte Morgenstunde. Wir suchten also zunächst eine sog. Heeresraststätte auf. Ich war mit dem Kameraden zusammengeblieben, der mich in München zum Bleiben aufgefordert hatte. Er war ein erfahrener Italienkämpfer und kannte sich mit allen hiesigen Gepflogenheiten aus. Er schleppte mich nach einigen, ziemlich unruhig verbrachten Morgenstunden zur gegebenen Zeit nach dem "Anhalter Bahnhof", einem großen Platz in der Mitte von Bozen. Seinen Namen habe ich mir leider nicht gemerkt. Aber hier sah ich zum ersten Male die Alpen und - war enttäuscht: Kahle Berge, höchstens mit Gebüsch besetzt, kein Wald ...
Auf dem Platz, wo die Wehrmachtwagen lt. Vorschrift zu halten und Landser Mitzunehmen hatten, war ungeheures Gewühl und Gewimmel. Man stand Schlange, aber Wagen kamen keine. Meine neuen Kameraden - der oben genannte hatte Freunde getroffen - schleppten mich mit in eine italienische Kneipe und setzten mir, der ich noch kein italienisches Geld hatte, den italienischen Schnaps Grappa (dasselbe was für den Deutschen Korn und für den Russen Wodka ist) vor und Wein. An dem Schnaps trank ich mir gleich mit dem ersten Glas den Abscheu an. Der Wein mundete umso besser.
Aber ewig konnten wir hier nicht sitzen, und die Marschverpflegung wurde alle. Ein zweites Mal hätten wir nicht bekommen. Außerdem war die Feldgendarmerie scharf hinter Lungerern her. Man konnte schnell in den Geruch versuchter Fahnenflucht kommen. Hier war es in dieser Beziehung noch schlimmer als im Osten. Schließlich mußten wir uns doch mit anstellen. Nun kam aber das Drama. Ich wollte nach Verona. Aber kein Wagen fuhr nach Verona. Zuletzt mußte ich mich entschließen, mit dem nächstbesten, südwärts fahrenden Wagen mitzurollen. Da wurde es bereits dunkel, und die kahlen Höhen des Etschtales düsterten bedrohlich in unseren stark besetzten Lkw herein. Ein frischer Luftzug wehte - und trotzdem begann es mir übel zu werden. Ich glaubte doch die Fahrkrankheit überwunden zu haben. Wahrscheinlich aber meldete sich schon der Grappa-Kater.
In Trient wurden wir aus dem Wagen herausgeschmissen. Mit hängendem Magen schleppte ich mich zur Heeresraststätte und versuchte auf harten Bänken mühselige Schläfchen zu tun. Es wurde aber nichts Gescheites, und ich war froh, als der Morgen kam. Mit Sack und Pack ging es wieder zum "Anhalter".
Trient war nun schon ganz italienisch. Wenn auch die Temperatur ganz unsüdlich winterlich war und wir in unseren dicken Mänteln froren wie die Schneider, liefen die schwarzhaarigen, glutäugigen und bunt bemalten Italienerinnen trotzdem in Söckchen und nackten Beinen herum. Brrr! Diesmal hatte ich mir nun ganz bestimmt vorgenommen, keinen anderen Wagen zu nehmen als einen, der direkt bis Verona führe. Aber da war wieder nichts zu machen. Das Häuflein der Wartenden wurde immer kleiner. Nur einige Unentwegte harrten außer mir noch aus.
Schließlich ging's wie in Bozen schon, und hier war die Feldgendarmerie noch schärfer hinterher: "Wer mit dem nächsten Lkw. nicht mitfährt, wird wegen Befehlsverweigerung festgenommen"!  Wahrscheinlich hatten sie Befehl, alle durchkommenden Landser so schnell wie möglich wieder aus ihrem Befehlsbereich abzuschieben; die Versuchung für uns war ja auch zu groß, auf diese unkontrollierbare Weise ein wenig zu bummeln. Inzwischen war ja schon Nachmittag geworden, und die Sonne schickte sich bereits wieder zum Untergehen an. Solange hatten wir gestanden.
Endlich kam ein Wagen, den wir unweigerlich besteigen mußten. Weiter ging es das Etschtal hinab. Nach einigen Kilometern war er wieder am Ziele, Rovereto hieß der schöne Ort, vor dessen nun auch schon typisch italienischer Kirche wir ausgeladen wurden. Wir schimpften, daß wir nicht weiter gekommen waren. Gleich hinter der Kirche befand sich eine kleine Unterkunft, in der wir uns erst einmal zum Essen niederließen. Alle paar Minuten kam einer der hier Dienst habenden Landser herein und rief Wagen aus. Aber wieder war keiner nach Verona dabei. Manche ließen sich verleiten, am späten Abend noch ein Stückchen weiter zu fahren. Ich blieb jedoch erst einmal wo ich war und ließ mich nicht beirren, zumal hier keiner der scharfen Feldmäuschen Dienst hatte.
Mit sinkender Nacht wurden die Wagen immer spärlicher, und wir richteten uns für einen kargen Bankschlaf ein. Ich war bald ins liebliche Reich der Träume entflohen und schlief fest, als uns lautes Rufen weckte: "Nach Verona! Nach Verona!“ Wie der Blitz waren wir alle hoch und machten uns fertig. Draußen stand ein ganzer Lastzug. Er war hoch mit Brettern beladen. Es war nachts 1 Uhr. Scharfe Kälte kniff sogleich in Nase und Ohren. Wir klappten die Mützen herunter und kletterten mühsam auf den Bretterstapel des Anhängers. Na, das war eine tolle Fahrt! Die Italien kannten, fürchteten das Schlimmste: "Wie sollen wir bloß herunterkommen, wenn die Jabos angreifen?" Die Jabos? Ich mußte mich erst an den hiesigen Landserjargon gewöhnen. Jabo war die Abkürzung für Jagdbomber. Die schweren Bombenflugzeuge nannten sie die "Sturen".
Ich machte mir darüber weniger Gedanken, obwohl wir oft genug an den zerstörten Bahnhöfen der berühmten Brennerbahn vorbeikamen. Ich hatte vielmehr alle Augen auf die Umgebung. Im schneidend kalten Fahrtwind rückten die Höhen des enggeschnittenen Tales immer näher an die Straße heran, oft kaum Platz lassend für Straße, Etsch und Eisenbahn. Wir befanden uns auf der uralten Völkerstraße, in der Veroneser Klause, und mir bevölkerte sich in der Phantasie die Umgebung mit den Heeren der Goten, Dietrichs von Bern, der Hohenstaufen und anderer deutscher Kaiser, der Kreuzfahrer - schattenhafte Gestalten - gestaltete Schatten - unheimliche Gefelse! Da mochte mancher voll übermütiger Hoffnung südwärts gezogen und dann gebrochen an Leib und Seele wieder heimwärts gekommen sein. Das war eine Straße deutschen Schicksals, Straße des Kampfes und Sieges, des Verrates und der Niederlage, vor allem wenn wir an die Geschichte mit dem Wittelsbacher denken.
Damals begannen diese Gestalten mich zu bestürmen, aber es dauerte lange, über ein Jahr, ehe mir die dichterische Beschwörung glückte, die Beschwörung der Nacht in der Klause:

Zur Nachtzeit bin ich in die Klause gekommen ...
gespenstisches Schweigen
hielt düster eng dräuende Berge umklommen,
und in den umwolkenden Lüften
miteins war bedrohliches Treiben und Driften,
ein geisternder Reigen.
Gesichte, von Wolken und Nebeln verhängt,
gewannen Gestalt,
gewannen Gehör und Gewalt -
Das war eine Nacht, von Geheimnis umdrängt -
Das Klirren von Schilden und Schwerten und Speer,
das Stampfen von Hufen,
verworrenes Rufen
und flatternde Banner in reisigem Heer ...
Das hab ich mit wissendem Ohre vernommen -
Wer ist wohl mit mir in die Klause gekommen?

Zur Nachtzeit bin ich durch die Klause gefahren ...
und mit mir die Toten,
die Geister der Toten von zweitausend Jahren,
so wie sie in endlosem Zuge
verfielen dem gleißenden römischen Truge:
Die tapferen Goten,
Held Wittich, Held Teja, Herr Dietrich von Bern -
des Wittelsbachs Schwert
blitzt wieder, wie's einst hier geheert -
da flattern Marienbanner - Kreuzfahrerherrn!
Vom Heiligen Lande kam keiner zurück,
sind alle verdorben,
verblutet, gestorben -
im sonnigen Süden fand keiner sein Glück.
Verblichen vor Sonne und Schwertern - in Scharen
sind sie durch die Klause ins Elend gefahren.

Zur Nachtzeit noch hab' ich die Klause verlassen
in trüben Gedanken.
Und als in Veronas eng-dumpfigen Gassen
ich wieder zum Dasein erwachte,
von fern, von der Klause her Bombenschlag krachte -
und die, die da sanken,
auch sie hat des Südens umsonntes Gesicht
verlockt und verbrannt
wie viele aus unserem Land;
wir flogen ihm zu wie die Motten dem Licht -
Und künftig, wenn geisternd der Totenzug zieht
von Rittern und Knechten
in geisternden Nächten,
dann zieh'n Kameraden von heute auch mit
und senken die Köpfe, die blutigen, blassen -
sie konnten die Klause nicht wieder verlassen.

Ja, es blieb da so mancher, wie die Kameraden erzählten, und wir konnten von Glück reden, daß wir ungeschoren davonkamen und die Jabos erst angriffen, als wir, die Klause verlassend, in die jäh sich breitende oberitalienische Ebene einbogen. Die Gesichte verließen mich jedoch nie völlig, und wenn ich nicht dazu kam, sie zu bannen, so lag es daran, daß der nun allzu oft sich begebende Wechsel meines nun anhebenden militärischen Lebens, die auf mich einstürzende Überfülle des Erlebens oder die Unsicherheit der Lebenslage die Seele nicht zu Ruhe und Besinnung kommen ließ.
In den frühesten Morgenstunden dieses 25. Januar 1945 jedenfalls näherten wir uns der sagenhaften Stadt Verona, und beinahe wäre mir bei der Einfahrt noch ein Unglück passiert. Unbekannt mit den Kriegsverhältnissen in diesem Lande saß ich nichts ahnend hoch oben auf meinem Bretterstapel, als mir plötzlich mit aller Gewalt Kopf und Oberkörper nach hinten gerissen wurden, und erst als ich auf den Brettern lag, sah ich, wie über mir, gegen den falben Morgenhimmel kaum erkenntlich ein dichtes Tarnnetz dahinbrauste. Man hatte über die Straße - eine sog. Rast- oder Park-Straße - solche Netze gegen die Fliegereinsicht gespannt. Das hatte sich unter dem Schilde meiner Mütze verfangen, die ich wegen der Kälte heruntergeschlagen und unter dem Kinn zusammengeknöpft hatte. Das war ja ein halsbrecherischer Einzug in Verona!
Als ich wieder zur Besinnung kam, holperten wir schon durch enge Gassen. Im spärlichen Licht der Tarnscheinwerfer wurden hohe Paläste mit engen Balkonen sichtbar und erfüllten mich mit einem gewiesen Hochgefühl für das neue fremde Land, für das Italienische, für den Süden. Auf weitem Platz hielt unser Lastzug. Es war 6 Uhr morgens, und das Tageslicht erhob sich schneller als zu Hause. Bald befand ich mich mitten im südlich-lebhaften Getriebe der Weltstadt Verona, das trotz der frühen Morgenstunde gleich, nachdem ich aus der Wehrmacht-Auskunftsstelle heraustrat, heftig durch breite und schmale Straßen pulsierte. Ich genoß bald mit offenen Augen und Ohren.
Überall standen jetzt schon "fliegende Händler" oder schlugen ihre Stände auf, und ich begann über das ungewohnte Warenangebot zu staunen. Besonders war es die Schokolade, die meine Blicke anzog. Leider hatte man mir nur 10.- RM tauschen können. Das gab, glaube ich, 100 Lire, und das war, an den ebenso staunenswert hohen Preisen gemessen, nur bitterwenig, Italien, das gelobte Land Mussolinis schien sich in einer argen Inflation zu befinden. Trotzdem konnte ich den Gelüsten nicht widerstehen, mir eine kleine Tafel Schokolade zu kaufen. Doch ich wurde enttäuscht. Sie schmeckte zwar süß, aber keineswegs wie echte Schokolade, und erst später erfuhr ich, daß man hier aus Feigen, bzw. Feigenkörnern einen Schokoladenersatz herzustellen verstand, dem ich hier also zum Opfer gefallen war.
Eine Weile streuselte ich noch im großstädtischen Getriebe herum, suchte dann aber den "Anhalter", um endlich festen Boden, eine Bleibe, ein sicheres Dasein zu finden. An einer der breiten Ausfallstraßen der Stadt befanden sich ein Wartehäuschen und eine Dienststelle der Feldgendarmerie bzw. Ortskommandantur. Hier sollte man also Gelegenheit haben, weiterzukommen. Ich sagte, ich wollte nach Zevio. „0 weh“, wurde mir geantwortet, „da kommen nur aller paar Tage einmal Wagen!“ Mein Versuch, beim Stab anzurufen, war fehlgeschlagen, ich weiß nicht mehr warum, und die Unterkunft der Standortvermittlung wußte mir auch niemand zu sagen. Ich hing einigermaßen in der Luft. Und die Kameraden hatten mir doch geschrieben, daß sie fast täglich nach Verona hereinfahren würden? Ja, wenn ich gewußt hätte, daß mehr Wege nach Zevio führten als dieser.
Ich mußte mich sehr mit Geduld wappnen und hatte sogar noch einen Tieffliegerangriff in den Mittagsstunden zu bestehen, bei dem ich mich mit vielen anderen in eine Art zugeschütteten Tunnel, eine Art ummauertes Loch, flüchtete. Endlich, am späten Nachmittag, rief mich der diensthabende Kamerad. Ein Lkw einer Luftwaffeneinheit, vollbesetzt mit Landsern in zerknitterten Mänteln, hielt. Er war in Zevio stationiert. Welch ein Glück! Sie kamen zwar aus der Entlausung, was mir einigermaßen unangenehm russisch anmutete, aber ich kam wenigstens schnell in meinen neuen Standort.
Mit einigem Herzklopfen näherte ich mich dem Stabsquartier. Ein hohes schmiedeeisernes Gittertor gab den Blick auf malerische Baumgruppen frei, die sich filigranartig schwarz von dem weißen Schnee abhoben, der zu meiner größten Verwunderung auch hier lag. So stieg ich in die Schreibstube. Aber da, und das Heimkehrgefühl sank mir rasch vollkommen in die Hosentasche, saßen lauter Unbekannte, ein fremder Spieß statt des erwarteten Wachtmeister F., zwei fremde Schreiber statt meines Freundes E. P. - und nur der große dicke Zahlmops, der gerade durchkam, war ein alter Bekannter, ... , der mich denn auch laut begrüßte. ...

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